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Ganz schön viel Knete!

Wie man in einer Welt der digitalen Technik auf Greifbares zurückgreift

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Nein, von Geld soll hier nicht die Rede sein. Wobei, im weitesten Sinne eigentlich schon. Kunst, die man in der eigenen Kindheit schon erlebt hat. Bunt, fassbar und verformbar - der Kreativität sind (fast) keine Grenzen gesetzt. Knetmasse in Kinderzimmern sorgt immer für Begeisterung und kann die Kleinen für lange Zeit beschäftigen. Doch auch große Kinder lernen die Fingerkunst wieder zu schätzen und versuchen, sie mit der Filmwelt zu kombinieren.

So wie Peter Lord und David Sproxton in den 1970er Jahren. Die Anfänge der Aardman Filmproduktion mit Hauptsitz in Bristol waren geboren. Später traf auf die beiden noch Nick Park und damit war das Trio perfekt. So perfekt, dass es zum 40-jährigen Jubiläum zu einer Sonderausstellung im Deutschen Filminstitut in Frankfurt am Main reichte.

Ein Trickfilm mit den Hauptdarstellern aus Knete bedeutet sehr viel Aufwand und ist zeitraubend. Zuerst einmal braucht man eine pfiffige Idee. Nachdem diese im Kopf des späteren Schöpfers kreiert ist, muss sie auf das Papier gebracht werden, ganz nach dem Motto: „Von der Idee zur Zeichnung“. Ein sogenanntes Storyboard, in gewisser Weise eine Comicversion des Films, wird konzipiert. Von diesen „Kritzeleien“ gibt es in der Aardman-Ausstellung viele zu sehen. Für den Laien sehen jedoch auch diese Bleistiftskizzen wie Meisterwerke aus. Am Storyboard hangelt man sich während der gesamten Dreharbeiten entlang.

Das Drehbuch steht fest? Dann kann es jetzt losgehen mit der aufwändigen Handarbeit. Figuren komplett aus Knete werden in den heutigen Trickfilmen nicht mehr oft verwendet. Die Kultfigur „Morph“, die nun schon vierzig Jahre durchgeknetet wurde, ist eine nichtsprechende menschliche Figur von Aardman – komplett aus Knetmasse. Um jedoch nicht in sich zusammenzusinken, besitzen die rund 35 Zentimeter großen Modelle heutzutage zusätzlich ein steckbares Metallskelett. Natürlich funktioniert diese Technik auch ohne innere Stütze und mit handelsüblicher Knetmasse. Mit dieser sollte man schließlich auch auskommen, denn Aardman hat eine eigene Modelliermasse entwickelt, den Aardmix, dessen Rezeptur – wer hätte es gedacht – streng geheim gehalten wird.

Das „Stop motion“-Verfahren kommt nun ins Spiel. Dabei erwachen die Knetfiguren zum Leben. Vor eine, meist fest platzierte, Kamera wird die geformte Knetmasse aufgestellt und ein Bild aufgenommen. Der geduldraubende Teil schließt sich an: winzige Nuancen verändert man die Figur und fotografiert sie danach erneut. Dieses Verfahren kann man sich nun als Dauerschleife vorstellen, bei der man leicht den Überblick verlieren kann. Das Storyboard bietet die nötige Orientierung, wo sich zu welchem Zeitpunkt die Figuren und die Accessoires aufhalten müssen. Die Szene ist am Ende praktisch ein großer Bilderhaufen, den man geordnet – Bild für Bild – aneinanderreiht, um ein „bewegtes“ Bild zu erreichen. Dabei wird nur eine Illusion erzeugt, das Gehirn muss getäuscht werden. In einer Filmsekunde sieht man eigentlich 24 hintereinander gereihte Bilder. Kein Wunder also, dass Knetfilmproduzenten von einem erfolgreichen Tag sprechen, wenn sie insgesamt vier Sekunden des Endfilms im Kasten haben.

Spätestens jetzt dürfte einem klar sein, dass nicht nur viel Mühe und Geduld hinter so einer Arbeit stecken, sondern auch mindestens genauso viel Handarbeit. Diese verleiht aber gerade den Aardman-Produktionen die gewisse Einzigartigkeit und ihren Charme. Liebenswürdige Charaktere wie Wallace und Gromit oder Shaun das Schaf haben sogar den Sprung auf die Kinoleinwand geschafft. Gewürdigt wird die Arbeit natürlich auch – der Film „Wallace & Gromit: Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen“ bekam 2006 einen Oscar in der Kategorie „Bester animierter Spielfilm“. Man könnte meinen, ein Trickfilm sei billiger als ein Realfilm, aber dem ist nicht so. Beide Filmkategorien spielen in derselben Preisklasse. Auch die Anzahl der Personen am Set ist nahezu identisch; in Trickfilmen spielt sich das Leben eben nur hinter der Kamera ab.

Wen das Fieber eines Knettrickfilmes immer noch nicht gepackt hat, oder noch Zweifel aufgrund Platzmangels herrschen, der kann beruhigt werden. Oft reicht ein „Tischset“, also die Größe eines Schreibtisches, völlig aus. Aardman hat die Größenverhältnisse selbst bis an die Grenzen ausgereizt. Der Kurzfilm „Dot“ wurde mit der Handykamera eines Smartphones und einem Mikroskop aufgenommen, weil die Hauptfigur – eine Puppe von gerade einmal neun Millimetern – sonst nicht zu erkennen gewesen wäre.

Die Liebe zum Detail macht das fertige Endprodukt am Ende aus. Dies kostet der Aardman Produktion viel Zeit, die es aber auch wert ist. Ein Spielfilm kann gut vier Jahre in Anspruch nehmen. Solch eine lange Zeitspanne sollten aber die ersten Filmversuche nicht unbedingt haben. Wichtig ist aber, dass ein allgemein verständlicher Humor primär angestrebt wird. So ist es auch bei Aardman: internationaler Slapstick für die ganze Familie.

Für die Filmeschauer unter uns sei eigentlich nur noch eines gesagt: Viel Spaß! Denn: „Knete ist nicht langweilig, sondern bedeutet viel Action und Spannung“, wie Daniela Dietrich von der Aardman Ausstellung feststellte.

Von Marielle Appenzeller

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