„Dadurch, dass ich das hier mache, habe ich Verbindungen zu Leuten bekommen, wo ich vorher gesagt habe, die gucken mich mit dem Arsch nicht an“, sagt Jürgen lachend. Er steht in einem hell gekachelten Eingang eines leerstehenden Geschäfts auf der Düsseldorfer Kö, wartet auf Kunden und wühlt dabei in seiner Jackentasche. Auf dem Boden vor ihm liegt ein Pappschild: Schuhe putzen. Ich bin obdachlos und freue mich, wenn ich mich nützlich machen kann/darf. Vielen Dank. Daneben ein Smiley. Er zieht ein Feuerzeug hervor und zündet sich eine Zigarette an.
Auf dem Kopf trägt er eine hellgraue Schiebermütze. Auf der Nase eine Brille mit rechteckigen Gläsern und dünnem, schwarzen Rahmen. Die Passanten huschen an ihm vorbei, manche blicken verstohlen in seine Richtung. Rechts neben ihm steht ein roter Klappstuhl für die Kunden, davor eine Fußablage aus Holz und ein Hocker für ihn. Seine Arbeitsutensilien hat er auf einem weißen Tuch abgelegt: Schuhcreme, Bürsten, Pinsel. „Normalerweise stehe ich hier in Hemd, Cordhose, Hosenträger. Ein bisschen angelehnt an die 30er Jahre. Wenn mich nicht alles täuscht, kriege ich zu Ostern eine Tweedhose geschenkt. Dann sehe ich wirklich aus wie einer aus New York.“ Aber an einem verregneten Februarnachmittag verzichtet er darauf.
Freitags und Samstag ist er auf der Kö, an den übrigen Tagen am Benrather Bahnhof. Er hat verschiedene Stellen in Düsseldorf ausprobiert, aber die Plätze auf der Kö und in Benrath haben sich als die lukrativsten herausgestellt. Hier hat er eine Stammkundschaft. Seine Kunden auf der Kö sind „bessergestellte Leute“, wie Jürgen sie nennt. Einige wohnen in der Nähe, es kommen aber auch Banker, Filialleiter und Angestellte zu ihm. Als Lohn für das Schuhputzen geben sie ihm manchmal fünf Euro, manchmal aber auch 20 Euro. „Als ich mal einen Hunderter bekommen habe, habe ich ziemlich blöd geguckt“, erzählt er, lehnt sich dabei lachend vor und zeigt mit dem Zeigefinger auf seine Stirn.
Jürgen war nicht immer Schuhputzer. In seinem früheren Leben war er Gärtner und hatte Frau und Kind. Ein gutes Leben. Aber dann kam der Autounfall. Auf einmal waren Frau und Kind für immer weg. „Ich habe mir selbst die Schuld gegeben, obwohl ich nicht schuld war, aber der kleine Verrückte im Kopf sah das anders.“ Er wurde Alkoholiker. Dem Mann, der so oft lacht, erzählt die Geschichte, als ob dieser Abschnitt aus seinem Leben zu jemand anderem gehörte. Seine Stimme geht vor jedem gedachten Komma nach oben.
Seit sieben Jahren ist er trocken. Den Anfang seiner ungewöhnlichen Karriere bezeichnet er als „08/15-Story“. Er fing an, Flaschen zu sammeln. Dabei fand er eine Tüte. „Da waren diese kleinen Fläschchen mit einem Schwamm oben drauf drin – ich nenne die immer Vertreterschuhcreme. Verkaufen kannst Du die wohl nicht und essen auch nicht. Da bin ich dann in die Altstadt gegangen, einfach mal so just for fun, mal gucken, was passiert. Mit weniger als Null kannst Du nicht weggehen.“ Das tat er auch nicht. Er entschied sich, das Geschäft weiterzuverfolgen. „Ich habe dann gesagt: Das willst Du nicht als Straßenclown machen, sondern seriös.“ Er zieht die letzte Silbe lang und lacht dabei: seriöööös.
Jürgen kann man auch für Events buchen. Er war schon zwei Mal auf dem Sommerfest einer Kirchengemeinde und in einem „recht elitären Club“: Der Havanna-Club. „Die haben gefeiert und mich engagiert, als Schuhputzer dort zu stehen und das war so was von hammergeil“, erinnert er sich. Ob er nächstes Mal wieder dabei ist? Sie haben schon angefragt. Na klar ist er dabei.
Er hat zwar immer noch keinen festen Wohnsitz, kann von seinem Verdienst aber leben. Zusätzlich betreut er einige Gärten. Mittlerweile hat er sogar einen in Duisburg. Im Sommer, wenn es warm ist, schläft er in Benrath, im Freien. Da hat er eine sichere Schlafstelle. In diesem Winter ist er im Gartenhaus eines Stammkunden untergekommen. Strom, Licht, Kaffeemaschine. Alles, was man braucht. „Das ist jetzt noch bis Mitte April, dann wird das Gartenhaus leider abgerissen. Pech gehabt“, sagt er, blickt auf die Kö und lacht laut.
von Florian Bunes