LINDA McCUE

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Target (Pink) and other, 2013

Interview mit Linda McCue

Berlin, Februar 2016

Kannst du den Begriff der Position in der bildenden Kunst kurz erklären?
Position bedeutet für mich: Haltung. Wo man steht.

Bei Beschreibungen deiner Arbeit geht es oft um den Begriff des trompe l’œil, der optischen Täuschung.
Dieser Aspekt kommt tatsächlich viel in meiner Arbeit vor. Für mich ist es dabei nicht so wichtig, das perfekte trompe l'œil herzustellen, die perfekte Täuschung. Es geht darum, etwas ganz genau abzubilden. Das Ziel liegt in der Präzision, in der genauen Darstellung eines Gegenstands, seiner Farbe usw.. Bei meiner Serie von Tellerbildern ging es mir zum Beispiel, unter anderem, um den genauen Blauton des Porzellans.

Gleichzeitig geht es beim trompe l’œil um das Thematisieren des Sehens.
Mein Thema ist der präzise Blick. Ich bewundere genaue Beobachtungen auch in den Arbeiten anderer Künstler, Schriftsteller, Filmemacher am meisten. Dabei kann es sich nur um ein Detail handeln. Dieses Detail beleuchtet eine ganze Welt. Es gibt ein Zitat aus dem Buch Wie Proust Ihr Leben verändern kann von Alain de Botton, das das gut beschreibt. Ich habe das mitgebracht:

„Eine feine Sache. Proust hat ein schmales, hageres Gesicht und ist bleich und unrasiert. Sein Äußeres wirkt eher ungepflegt. Er fragt mich aus. Ob ich wohl die Güte hätte, ihm zu erklären, wie die Ausschußsitzungen vonstatten gehen. Ich sage: „Nun, wir versammeln uns gewöhnlich gegen 10.00, die Schreiber sitzen hinter... “Mais non, mais non, vous allez trop vite. Recommencez. Vous prenez la voiture de la Délégation. Vous descendez au Quai d’Orsay. Vous montez l’escalier. Vous entrez dans la salle. Et alors? Précisez, mon cher, précisez.“  Ich schildere ihm alles genau. Die verlogene Herzlichkeit: das Händeschütteln: die Landkarten: das Rascheln der Papiere: den Tee, den wir im Nebenraum einnehmen: die Makronen. Er lauscht gebannt und unterbricht von Zeit zu Zeit. – „Mais précisez, mon cher monsieur, n’allez pas trop vite.“

So ungefähr.

Die ganze Welt in einem präzise beschriebenen Detail.
Genau. Manchmal passiert es mir beim Lesen, dass ich auf einen Satz stoße, der genau das beschreibt, was ich in meiner Arbeit versuche. Solche Sätze hebe ich auf.

Die Genauigkeit des Details steht in deiner Arbeit oft Verfremdungen gegenüber. 
Einerseits will ich den größtmöglichen Realismus; also den genauen Blauton, der extrem schwer zu mischen ist. Die Teller, deren Blauton ich treffen will, sind aus dem Haus meiner Großmutter. Gleichzeitig ist es nicht so, dass ich einen gedeckten Tisch im Haus meiner Großmutter abfotografieren möchte: ich nehme also die Teller und setze sie auf meinen Bildern in einen anderen Kontext – das ist die Verfremdung. Der Kontextwechsel schärft die Sinne, man guckt genauer hin. Die Verfremdung und die trompe l’œil Technik ziehen Aufmerksamkeit an. Das ist eine Art Methode.

Beeinflusst Literatur deine Arbeit, gibt es da Verweise? Mir ist zum Beispiel der Bildtitel Die gelbe Tapete aufgefallen. Beziehst du da dich auf Charlotte Perkins Gilman?
Als ich angefangen habe, an diesen Zeichnungen zu arbeiten, kannte ich den Titel, The Yellow Wallpaper, und fand ihn sehr gut. In den Arbeiten ging es ursprünglich um Vorhänge im Haus meiner Großmutter. Ihr ganzes Haus war voll davon. Und irgendwo habe ich diesen Titel aufgeschnappt und ihn benutzt, habe aber die Geschichte von Charlotte Perkins Gilman absichtlich erst gelesen, als die Zeichnungen fertig waren, um nicht zu illustrieren.

Die Geschichte ist ein Klassiker der feministischen Literatur – ich dachte, es sei eine absichtliche Bezugnahme auch auf den Inhalt.
Nein, es ging mir nur um den Titel. Als ich dann die Geschichte gelesen habe, habe ich festgestellt, dass es auch inhaltliche Bezüge gibt, die passen, einen Referenzraum, der aufgeht. Das liegt an dieser Tapete; jeder kennt diese Tapeten von früher. Literatur ist oft inspirativ für mich; die Haltung mancher Autoren. Flaubert zum Beispiel, sein schonungsloser Blick. Oder Chinua Achebes Buch Things Fall Apart. Noch so ein großartiger Titel – den hatte ich immer im Kopf als ich an meinen Scherbenbildern und den Kartenhäusern gearbeitet habe.

Liest du auf Deutsch oder auf Englisch?
Meistens lese ich englische Bücher auf Englisch und deutsche auf Deutsch. In letzter Zeit allerdings lese ich fast nur englischsprachige Literatur.

Das Blau der Teller deiner Großmutter ist ein hochpersönlicher Verweis, den außer dir niemand kennt. Wie findet man den Weg zum Persönlichen in deinen Bildern?
Mir ist wichtig, dass meine Arbeiten nicht zu privatistisch sind. Ich abstrahiere, nehme Details aus dem persönlichen Kontext heraus und stelle sie in einen anderen. Die Ideen werden so erweitert.  

Gibt es einen deutschen bzw. einen nordamerikanischen Referenzraum für deine Bilder und empfindest du da einen großen Unterschied?
Ich glaube schon, dass der Blick ein anderer ist in Kanada.

Einen Blick, der deinem eigenen ähnlicher ist?
Komischerweise nein. Ich bin zu lange hier. Mein Blick ist inzwischen eher deutsch: ich verbringe den Großteil meiner Zeit hier und in Kanada bin ich nur im Urlaub. Der öffentliche Diskurs hier ist mir auch näher als der kanadische. Wobei sich beide immer mehr annähern. In den 90er Jahren, als ich noch an der HbK studiert habe, lagen Welten dazwischen.

Nochmal zu Things Fall Apart: kannst du erklären, warum die Dinge auf deinen Bildern auseinanderfallen? Häufig verwandeln sich die Motive auf deinen Bildern: du malst ein Bild eines Gegenstands und dann ein Bild des zerstören Gegenstands. Wie verwandeln sich diese Motive?
Dinge verschwinden oder gehen kaputt. In der Kunst können sie gerettet werden. Man kann vielleicht das Bild einer Scherbe eines Gegenstands retten oder das Bild eines Flecks, den der Gegenstand hinterlassen hat. Diese Bilder sind immer heil, auch wenn die dargestellten Gegenstände kaputt sind. Man kann etwas unwiederbringlich Verlorenes hinüberretten in ein Bild und es so vergegenwärtigen. Das versuche ich.

Auf deinen älteren Bildern Zeichnungen? Sind auch Menschen zu sehen. Irgendwann sind sie verschwunden.
2012 habe ich die letzte Zeichnung mit einem Menschen gemacht; dieser Mensch ist von der Zeichnung verschwunden, es ging um das Verschwinden. Wenn ich Menschen gezeichnet habe, waren ihre Gesichter nie zu sehen. Sie waren immer verdeckt von Gegenständen, man konnte nie erkennen, wer das war. Ich wollte nicht spezifisch sein. Das Modell war immer ich selbst, aber ohne Gesicht. Eine gesichtslose Frau in einer Art Uniform. Ich habe viele Zeichnungen mit diesen gesichtslosen Menschen gemacht. Irgendwann war das abgeschlossen.

War das ein Weg vom Mensch zum Material als Gegenstand? Dein neuer Katalog heisst The Materials. 
Ich habe mich immer schon mit Materialien beschäftigt. Mit Stoffen, mit Textur, mit Haptik – man greift etwas und begreift es dadurch. Hinter diesen Stoffen war immer der Mensch als Thema. Die Materialien sind bei mir sehr spezifisch. Die Teller sind nicht irgendwelche Teller, sie haben jemandem gehört und dieser Mensch scheint auf dem Bild des Tellers durch.

Die Gegenstände enthalten die Menschen.
Richtig. Die Menschen sprechen durch die Gegenstände, die durch sie aufgeladen sind. Gegenstände setzen Erinnerungen in Gang. In Kanada sind die Gegenstände anders aufgeladen als in England, in England anders als in Deutschland. Die Kulturgeschichte einzelner Länder lässt sich an der Materialgeschichte ablesen. Mich interessiert nicht Hochkultur, auch nicht das Banale, sondern die Dinge dazwischen, die besonderen Dinge. Das gute Sonntagsgeschirr. Das Reisesouvenir. Solche Dinge.

Was sind The Materials und was sagen sie?
Die Materialien sind tatsächliches Material: also Stoff, sein Muster; das Schottenmuster, das einem Clan gehörte, das Laura Ashley Muster usw., die Leinwand ist ein Material. Die Materialien sind auch die Dinge, die in deinem Kopf sind: das ist dein Material, deine Erinnerungen, deine Assoziationen, deine Geschichte, deine Gedanken, deine Gefühle.

Machst du den Materialcharakter der Leinwand immer sichtbar? Ist es dir wichtig das Konstruierte deiner Bilder zu zeigen?
Das ist etwas, was ich aus dem Zeichnen übernommen habe. Ich grundiere die Leinwand nicht mit mit weißem Gesso, sondern benutze klare Grundierungsmittel, damit die Farbe und Textur der Leinwand sichtbar bleiben. Und ja, ich bemühe mich um eine perfekte Illusion und will gleichzeitig zeigen, dass es sich um eine Illusion handelt. Ich investiere sehr viel Zeit in das Herstellen der Illusion, unter anderem aus Respekt und Zuneigung zu den Gegenständen – ich nehme sie ernst, ich nehme sogar ihre Scherben ernst; in der Präzision liegt eine Art Wertschätzung.

Auf vielen Bildern sieht man nur noch Schatten von Gegenständen, oder Flecken, die sie auf der Leinwand hinterlassen haben.
Etwas war da und jetzt ist es weg – das ist ein Thema vieler meiner Bilder.

Die Absenz der Dinge.
Es geht immer um Verlust. Menschen verschwinden. Die verschwundenen Menschen sind noch in den Gegenständen enthalten, aber auch die Gegenstände können kaputt gehen und verschwinden. Alles ist immer aufgeladen.

 

 

Linda McCue, geboren 1964 in Toronto, bildende Künstlerin, lebt in Hamburg. EHF Fellowship der Konrad Adenauer Stiftung 2015.

Katharina Schmitt, geboren 1979 in Bremen, Theaterregisseurin und Autorin, lebt in Berlin und in Prag. EHF Fellowship der Konrad Adenauer Stiftung 2014.

Bilder © Linda McCue, Galerie Vera Munro Hamburg, außer: Ausstellungsansicht Full Circle © Konrad Adenauer Stiftung, Berlin
Texte © Katharina Schmitt

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