Auf dem Pariser Platz direkt um das Brandenburger Tor herum ist heute sehr viel los. Bühnenarbeiter bauen Podeste für die 25 Jahre-Mauerfall-Feierlichkeiten auf. Unzählige Touristen machen Fotos von allem, was sie sehen und mittendrin werben Souvenirverkäufer, Stadtführer und Fahrrad-Taxi-Fahrer um Kunden.
Ich spreche den Fahrer einer Rikscha an. Er ist frei und nimmt mich auf eine Tour mit.Er stellt sich nicht vor aber an seiner Rikscha steht mit Edding „Rocco“ geschrieben also denke ich dass das sein Name ist. Ich sieze ihn formell, was nach einigen Blocks und einem „Du kannst das Sie weglassen“ endet und ins viel natürlichere „du“ übergeht. Wir fahren eine typische Touristen-Tour. Eine halbe Stunde lang fahren wir vorbei an einigen Sehenswürdigkeiten und durch belebte Straßen Berlins.
Er erklärt, dass es unterschiedliche fahrradähnliche Fahrzeuge gibt, die durch Berlin fahren: Velo-Taxis, die ein eigenes unternehmen bilden, bestehend aus einer runden Kunststoffkabine, Rikschas in verschiedenen Ausführungen, Conference Bikes für Gruppen. Sein eigenes ist aus tadellosen Edelstahlstreben und mit Kunststoffplatten geschlossen, es ist schlicht und weiß und erinnert von der kutschenähnlichen Form her stark an die Rikschas die man durch Bombay und Neu Delhis hektische Straßen kurven sieht.
Allerdings sieht man die Indischen Rikschas immer begleitet vom schrillen Hupen, mit dem sie sich platz verschaffen wollen. Das fällt mir schnell auf: Trotz der großen wilden Menschenmenge und dem unendlichen Chaos rund ums Brandenburger Tor und genauso am Checkpoint Charlie, bleibt er die ganze zeit ruhig und sehr höflich. Das muss man wahrscheinlich so machen in diesem Beruf.
Er fährt vor allem Touristen, erzählt er. 80 Prozent. Die Touristen-Touren, die er sehr viel fahren muss, nerven ihn schon ziemlich, erzählt er. Manche Fahrgäste bringt er auch an bestimmte Ziele „Zum Beispiel zum St. Pauli-Fanshop und dann zu Curry 36“, erzählt er. Bei sehr langen Tour-Anfragen nennt er den Preis und fährt, wenn die Gäste einverstanden sind, quer durch die Stadt, bis sie angekommen sind.
Manchmal sitzen auch Berliner in seiner Rikscha. Mit denen fährt er gerne nach Kreuzberg, in die neuen, coolen Ecken, wie er sagt. Und sehr gerne fährt er auch in seinen „Heimatkiez“, nach Prenzlauer Berg, wo er in den achtziger Jahren in der Marienburger Straße aufwuchs. Er erzählt von sich, auch als ich ihn frage, wie er den Mauerfall erlebt hat: Er war siebzehn als die Mauer fiel, gespannt, aber nicht überwältigt.“ - „Es war halt so“, sagt er, als wir uns durch den Mauerfall-Jubiläums-Vorbereitungs-Rummel schlängeln.
An dieser Stelle und auch an anderen Engpässen, wo es von unaufmerksamen Touristen und beschäftigten Bauarbeitern nur so wimmelt, bahnt er sich sicher den Weg durch die Unordnung. Er verlagert das Gewicht, nimmt mit dem Blick Maß, bevor er sein Fahrrad durch eine enge Lücke lenkt. Er hält einfach an, wenn es zu viele Touristen werden.
Am Checkpoint Charlie stehen türkische Händler auf dem Gehweg und verkaufen Souvenirs an staunende Berlinbesucher, sie stehen mitten in unserem Weg. Er klingelt ein paar Mal mit der großen, silbernen Klingelglocke, doch die Händler reagieren nicht darauf. Also hält er das Taxi an und legt dem einen sanft seine Hand auf den rücken um auf sich aufmerksam zu machen. Der Mann blickt auf und sieht ihn an. Ich sehe Roccos Gesicht nicht, doch an der freundlichen Reaktion des Mannes kann ich erkennen, dass mein Chauffeur ihn anlächeln muss. Es folgt ein spielerischer Faustschlag auf die Schulter, die der Händler erwidert, grinsend und vom fröhlichen Auftreten angesteckt. So einfach und freundlich lösen die wenigsten Berliner solche Probleme. Wahrscheinlich liegt es auch an der Erfahrung. Er war sieben Jahre Fahrrad ----in Berlin und wollte dann etwas Neues machen, hat sich für Conference-Bikes entscheiden, mit denen man Gruppen durch die Stadt fahren kann. Mit so einem Conference-Bike, das um einiges schwieriger als ein normales Rikscha zu fahren ist, hatte er neulich einen leichten Unfall. Aber mit der Rikscha, die er jetzt schon ein Jahr fährt, hatte er noch nie einen Unfall.
Er erzählt, dass er vom Rikscha-Fahren lebt. Er ist freier Fahrer und mietet morgens eine elektronische Rikscha für eine „Flatrate“. Er fährt tagsüber acht bis zehn stunden und bringt das Fahrzeug dann wieder zurück ins Depot zum Aufladen. Auf die Frage ob ihm dieser Beruf spaß macht antwortet er sachlich: „ Wenn's mir keinen Spaß machen würde, würd' ich's nicht machen!“ Er scheint tatsächlich spaß zu haben, erzählt mir, obwohl ich nicht der klassische Touristen-Fahrgast bin am einen oder anderen Denkmal oder Gebäude etwas darüber. An Anfang wusste er nicht viel über das alles, aber mit der zeit hat er durch lesen und Fahrgäste viel über die Attraktionen seiner Stadt gelernt.
Es ist ein klarer, klirrend kalter Tag. Wir halten am Opernvorplatz an und er zieht sich schwarze Fließhandschuhe an, fragt mich, ob ich eine Decke brauche. Die offizielle Rikscha- und Fahrrad-Taxi-Saison ist vorbei, die geht nur bis Oktober, erzählt er. Rocco fährt aber noch ein bisschen weiter, weil wir so ein Glück mit dem Wetter haben. Vielleicht wird der Winter ja so mild wie der Letzte, wünscht er sich, das wäre natürlich gut fürs Geschäft.
Er muss, das erschließt sich aus dem Gespräch, um die vierzig sein, obwohl er auch jünger sein könnte. Seine Kleidung trägt einiges dazu bei. Neben der markanten rot-schwarz-gemustert-verwaschen-gebatikten Jeans mit vielen Reißverschlüssen trägt er eine schwarze, lockere Fahrradjacke, darunter einen schwarzen Kapuzenpulli, die Kapuze über den kopf gezogen. Er zieht sie allerdings, einige male als er sich umdreht etwas hoch, ich kann sein Gesicht und seinen kahlen Kopf, der in der Mitte von einem knallroten Irokesen mit Dread-locks unterbrochen wird, sehen. Ich bemerke an seiner Hose einige Aufnäher. Auf der einen Hosentasche einen pinken mit irgendeinem Symbol. Auf dem linken Oberschenkel ein orangenes Viereck auf dem „Kein Mensch ist illegal“ steht.
Der politische Text auf dem Flicken passt. Diese Aufnäher haben immer etwas rebellisches, wildes. Doch der Text darauf ist ein politisch-ethisches Statement und überrascht irgendwie. Trügt sein äußeres? Nein denn es vermittelt ja kein falsches Bild.
Punks gibt es in Berlin seit den 80er Jahren viele. Die meisten trifft man auf Bahnhöfen oder in Fußgängerzonen in kleinen Gruppen, mit einigen Hunden und Bierflaschen, egal zu welcher Tageszeit, meistens pöbeln sie einen an oder bitten um Kleingeld. Diese Punks sind komplett tätowiert, gepierced und tragen extreme, schwarze Leder-Klamotten und schwere Stiefel, am besten Doc Martins.
Doch dieser Punk, der die Rikscha fährt, in der ich sitze, lächelnd alle Kollegen grüßt und viel über die Berliner Mauer weiß, schein mit ganz ganz anders zu sein. Er ist schlau und die Rebellion, die er durch seine Kleidung und Frisur zum Ausdruck bringt, ist mehr politische Meinung und Zeitgeist, als pure Differenzierung und Widerspruch.
Als wir wieder im Getümmel des Brandenburger Tors ankommen, bezahle ich ihm den verabredeten Preis und plus Trinkgeld. Er bedankt sich lächelnd und ist schon im nächsten Moment ins Gespräch mit einem anderen Rikscha-Fahrer vertieft. Ich erhasche im Weggehen einen letzten Blick auf ihn, besonders auf seine Schuhe. Es sind schwarze, robuste, geschnürte Wanderstiefel, keine Doc Martins.
Cecilia Heil