Ernst Saage begutachtet die Schiffe am Hamburger Hafen sehr genau. Seine Augen strahlen eine Freude aus, die ansteckt. Trotzdem bemerkt der genaue Beobachter, dass er alleine ist und zwar nicht nur in diesem Moment.
Die Ticketverkäufer schreien sich fast die Kehle aus dem Hals, bei dem Versuch Menschen stichpunktartig zu einer Bootsfahrt zu animieren. Ernst Saage (67) kann da nur schmunzeln als er ebenfalls in die Überredungskünste einer Verkäuferin verwickelt wird und zu einer, wie sie sagt „unvergesslich letzte Bootsfahrt an diesem Tag“ eingeladen wird. Jedoch ist dieses Schmunzeln kein normales Schmunzeln sondern eines, wo unglaubliche Lebensstärke hinter steht. Selbst als er merkt, dass das auf seinem Schuh Möwenkot ist, kann er nur darüber lachen. Denn Freude ist das, was ihn ausmacht.
Ernst Saage ist kein normaler Rentner, der das Leben nur noch Tag für Tag lebt, nein, er möchte noch vieles erleben. Wenn man sein Schicksal kennt, dann kann man über diesen Satz nur lachen, denn das was dieser Mann bis heute erlebt hat und hat erleben müssen, scheint nicht von dieser Welt.
Als kleines Baby wird Ernst in Aschaffenburg, Bayern geboren. Sein Vater, ein ausgebildeter Schreiner, zog 1956 aufgrund von besseren finanziellen Möglichkeiten nach Hamburg und zeigte seinem Sprössling schon früh die Künste des Angelns. Heute noch fasziniert sich Ernst für das Angeln und hat sichtlich Spaß daran. Doch plötzlich wird er ganz still. Er stutzt bei der Erinnerung an seine zwei Söhne.
Friedrich und Michael haben beide ein eigenes Leben, das merkt auch ihr Vater. „Viel zu beschäftigt sind die beiden um noch an ihren alten Vater zu denken“, sagt Ernst , dessen Worte stark an die Edeka Werbung mit dem alten Mann erinnern.
Glücklicherweise sieht er wenigstens seinen jüngeren Sohn Michael regelmäßig. „Wahrscheinlich nur, weil er es bis heute nicht geschafft hat, eine Familie zu gründen, sagt er weiter. Ernsts Sohn Friedrich lebt mittlerweile in Finnland mit seiner Ehefrau und seiner neunjährigen Tochter. Man fühlt förmlich den Stolz, den Ernst beim Erzählen seiner Enkelin ausstrahlt. Sie fehlt ihm. Nicht nur sie, auch sein Sohn und seine Schwiegertochter und vor allem seine Frau Gertrud. Besonders ihr völliger Verlust sei für ihn „sehr treffend und schmerzhaft“ gewesen. Sie starb 2002, zu einem Zeitpunkt, den jeder erwartet hatte. Zwei Jahre zuvor hatte sie ein Schicksalsschlag, der nicht nur für sie verheerende Folgen hatte. Am Abend des 14. Juni 1999 hatte sie einen schweren Autounfall bei dem sie praktisch keine Schuld traf. Sie fuhr an diesem Abend nach Hause, nachdem sie einen anstrengenden Tag auf der Arbeit hatte. Auf einer Schnellstraße machte ihr Leben eine 360° Drehung. Ein Reh, das unglücklicherweise die Straße kreuzte, krachte frontal und mit voller Wucht auf ihr Auto. Ernst demütig: „An diesem Tag hat der Teufel bei all unseren Häusern geklingelt, doch Gertrud war die einzige, die die Tür aufgemacht hat und mit ihm ging.“ Ein zwei Jahre andauender Kampf zwischen Mensch und Maschine war die Folge, der in einigen Momenten Grund zur Hoffnung annahm, doch sich am Ende nur als hoffnungslose Niederlage herausstellte. Jedes einzelne Familienmitglied traf diese Nachricht mitten ins Herz, allen voran Ernst, der seine Frau bis heute beispielhaft liebt. Er schaffte es, die qualvollen Jahre des Leidens hinter sich zu lassen und eine noch nie da gewesene Leidenschaft und Fröhlichkeit für das Leben zu entwickeln. „Besonders meiner Enkelin habe ich es zu verdanken, da sie durch ihre Geburt eine Welle der Glückseligkeit verbreiten ließ, die nicht mehr zu stoppen war'“, beschrieb er seine Situation mit einem breiten Grinsen.