Schriftsteller der Einheit

Nachruf auf Günter de Bruyn

Günter de Bruyn H. Lüders
Günter de Bruyn

Günter de Bruyn ist der vierte Träger des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung. 1996 hielt ihm Wolfgang Schäuble, seinerzeit Fraktionschef der Unionsparteien, im Weimarer Nationaltheater die Laudatio. Am 4. Oktober 2020 ist Günter de Bruyn verstorben.

„Als Poesie gut“, damit soll der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. einmal begründet haben, warum er eine militärische Denkschrift ablehnte. Günter de Bruyn hat Episoden wie diese geliebt und gesammelt. Warum? Weil sich damit ganz wunderbar, leicht-ironisch und zugleich lehrreich vom Verhältnis von Literatur und Politik erzählen lässt, von der Blütezeit Preußens bis zum wiedervereinigten Deutschland. Am 4. Oktober, einen Tag nach dem 30. Jahrestag der Deutschen Einheit, ist Günter de Bruyn, 93-jährig, gestorben.

Geboren wurde Günter de Bruyn am 1. November 1926 in Berlin. Er arbeitete als Schullehrer und als wissenschaftlicher Bibliothekar, bevor er in den 1960er Jahren zum Schreiben kam. Mit den eigenen Anfängen hat sich de Bruyn kritisch auseinandergesetzt. Den ersten Roman „Der Hohlweg“ nannte er später einen „Holzweg“. Er scheute sich nicht, den eigenen Mut zu relativieren und die Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit zu thematisieren. Das belegen eindringlich seine Romane. Sie sind Zerrspiegel der sozialistischen Erziehungsdiktatur und zugleich Lehrstücke des freien Denkens. Die Gelehrtensatiren „Buridans Esel“ (1968), „Preisverleihung“ (1972), „Märkische Forschungen“ (1978) und der Demenz-Roman „Neue Herrlichkeit“ (1984) erzählen davon, wie die DDR sein wollte und wie sie hingegen wirklich war: realistische Gesellschaftsromane eines Autors, den man den Fontane der DDR nannte.

Als die Mauer fiel, stand Günter de Bruyn auf der Seite der freundlichen Mahner. Zwischen „Jubelschreien, Trauergesängen“ (so heißt sein Essayband von 1991) bekannte er sich zu einer Position der deutschen Kulturnation, die sich, so argumentierte er, mit guten Gründen der Freiheit und des Friedens freuen sollte, durch die die Vereinigung des lange geteilten Landes zustande gekommen sei. Einen „Schriftsteller der deutschen Einheit“, so hat Wolfgang Schäuble, damals Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, 1996 bei seiner Laudatio im Weimarer Nationaltheater den Autor genannt, als er dort den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung erhielt: für seine autobiographischen, essayistischen und erzählenden Werke, die – so die Begründung für den Preis – „mit leiser Deutlichkeit, mit Menschenfreundlichkeit und Humor der Freiheit das Wort“ geben.

Günter de Bruyn hat seine kulturpolitische Haltung beglaubigt, indem er seine Autobiographie über seine Jugend in Berlin („Zwischenbilanz“, 1992) und seine Zeit in der DDR („Vierzig Jahre“, 1996) vorlegte. Umsichtig und klarsichtig schreibt er da über sein Leben in zwei Diktaturen, geht ins Gericht mit falschen Erinnerungen und kreidet mit Jean Paul, über den er eine mehrfach aufgelegte Biographie geschrieben hat, den „Kraftmenschen“ an, dass sie „die Kraft der Wahrheit vermissen lassen, also der Butterblume gleichen, aus welcher, da die Kühe sie nicht fressen, 'niemals Butter wird'“.

Die Autobiographie ist das Gelenk, das die Romane der Phase I mit den Preußenbüchern der Phase II verbindet. Seit den 1990er Jahren hat Günter de Bruyn sich als Erforscher der preußischen Geschichte hervorgetan; er erzählt, was der Historiker Christopher Clark beschreibt: wie Preußen dank seiner Kultur ein europäischer Staat war, bevor er ein deutscher wurde. De Bruyns Bücher behandeln Schicksale, Bücher und Menschen aus Berlins Kunstepoche um 1800. Es geht um die Prachtallee Unter den Linden, um die Adelsfamilie Finckenstein, um die charismatische Preußenkönigin Luise. Und, immer wieder, um märkische Landschaften. „Abseits“, so der sprechende Titel seines Buches von 2005, vom Kulturbetrieb forschte und schrieb der Autor in einem brandenburgischen Dorf, wo er seit 1967 lebte, getreu der Maxime des von ihm geschätzten Chamisso: „in dieser rasenden Zeit zieh' ich mich in Demut zurück“.

Sicherheit, Freiheit und Frieden im Staate sind auf Literatur begründet. Dessen hat uns Günter de Bruyn in seinen Romanen und Geschichtserzählungen intensiv vergewissert. Mit seinem letzten Buch ist Günter de Bruyn wieder zum Roman zurückgekehrt. „Neunzig Jahre“ (2018) spielt im August 2015, mitten im Jahr der Willkommenskultur. Der Roman erzählt von einem langen Leben im kurzen 20. Jahrhundert und den Lektionen aus der Geschichte für die Gegenwart, es geht um katholischen Glauben und Gewissensnot, Fortschrittsangst und Mut zu Altbewährtem, um die Grenzen des Genderns und die Schönheit der deutschen Sprache: „Als Poesie gut“.
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Prof. Dr. Michael Braun

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