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Was geschieht mit dem Trödelmarkt?

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Für Sammler und Händler ist der Trödelmarkt ein Paradies, die Zeiten aber ändern sich.

Im Schein der milden Morgensonne schreiten Peter und Hilde* durch die Gassen des Trödelmarktes am 17. Juni in Berlin. Begleitet werden sie vom leisen Dröhnen der Motoren und den frühmorgendlichen Gesprächen der Händler, es weht der Geruch nach Currywurst durch die Luft.

Die gebürtigen Berliner Peter und Hilde sind Sammler, Porzellanjäger nennen sich die beiden Rentner. Sie mit kurzen schwarzen Haaren, einem fellverkleideten Mantel und stets lächelnden geschminkten Lippen, die dünnen Handschuhe taugen sowohl zum Kälteschutz als auch zum Betasten der Ware. Er mit grauer Mütze und 3 Tage Bart, die getönte Brille verdeckt die blauen Augen welche zur Farbe des Anoraks passen. Porzellan sei schon seit 30 Jahren ihre Leidenschaft sagen sie. Dafür würden sie jedes Wochenende den Trödelmarkt durchstöbern und sogar jährlich nach Selb in der Nähe von Bayreuth auf Europas größten Porzellanflohmarkt fahren.

„Alles fing Ende der 60er Jahre an, als die Leute ihre Dachböden zum Feuerschutz leerräumen sollten. Was zuerst auf dem Sperrmüll landete fand sich schon bald auf den ersten Trödelmärkten wieder“, erinnert sich Peter.

Damals entstand auch der Trödelmarkt des 17. Juni. Heute ist der alte Flohmarkt für Berliner zu teuer, doch viele Touristen sind aus ihrer Heimat teilweise weitaus höhere Preise gewöhnt und freuen sich über Souvenirs. Münzen, Lampen, Möbel, Militaria, Briefmarken und Silber, das antike Sammelangebot ist groß.

Auch Peter und Hilde kaufen nicht nur Porzellan, alles was ihnen wirklich gefällt ziehen sie in Betracht.

„Guck mal Peter, ein Rosenthal Fisch“, ruft Hilde ihrem Mann vom nächsten Stand aus zu.

Wenig später kommt sie mit dem zierlichen Porzellanfisch und einer kopfgroßen Büste zurück, die sie dazu gekauft hat. Peter stöhnt kurz auf, fragt sie, warum sie keine Tasche dazu verlangt habe, nimmt ihr die Büste schließlich doch ab und erscheint wenig später mit einer Tüte wieder.

Diese hat er von Heinrich, einem der vielen hauptberuflichen Händler. Heinrich und Peter kennen sich, Händler und Sammler sehen sich so gut wie jedes Wochenende am selben Ort.

Heinrich steht schon seit 30 Jahren hier, er hat den Wandel des Marktes mitbekommen. Während um ihn herum argumentiert und gefeilscht wird, erzählt er wie sich seit dem Aufstieg von eBay alles verändert hat. „Heutzutage kann man immer alles über das Internet kaufen“, sagt er. Unter der Woche ist Heinrich auf anderen Flohmärkten unterwegs und versucht, Schnäppchen zu erlangen, die er besser verkaufen kann, Wohnungsverkäufe eignen sich da gut. Auf dem 17. Juni verkaufen die professionellen Händler die erworbenen Kostbarkeiten dann an Sammler und Touristen, das Ende der Kette. Als problematisch erweist sich aber, dass heute jeder die Preise im Internet nachschauen kann, für die Händler ist es härter Umsatz zu machen. Muss der Trödelmarkt also ums Überleben kämpfen?

„Willst du dafür immer noch 80?“, fragt Peter ein paar Stände weiter und deutet auf eine weiße hohe Vase.

„Nein, 85“, erwidert der Verkäufer.

Peter weiß, dass man hier am Tag bis zu 1000€ Umsatz machen kann. Eine Quittung verlangt hier keiner, die Händler müssen zwar Umsatzsteuer zahlen, aber angegeben wird oft nur die Hälfte des eigentlichen Gewinns, wenn überhaupt. Trotzdem sind die Kontrollen der Behörden extrem selten, es wirkt als würde der Senat mit Absicht weggucken. Was für einen Wert aber hat der Trödelmarkt für die hoch verschuldete Stadt wenn nicht Steuereinnahmen?

Für Peter und Hilde ist das ganz offensichtlich: „Der Trödelmarkt steht in jedem Fremdenführer und ist international bekannt, für viele Touristen ist es ein Grund nach Berlin zu kommen“.

Ob der Tourismus es schaffen kann Berlin aus dem Schuldensumpf zu ziehen sei dahingestellt, die tiefe Tradition des Marktes jedoch wiegt genauso viel. „Ich bin mit dem Trödelmarkt groß geworden“, sagt Hilde und lächelt. „Damals hatten wir noch kein Geld, das hat sich für uns und das ganze Land verändert“, fügt Peter hinzu. Am Ende geht nämlich fast jeder glücklich und zufrieden vom Trödelmarkt nach Hause.

von Juri Häbler

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