Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterland. Das Sprichwort ließe sich auf Bertrand de Jouvenel (1903–1987) anwenden, so sehr steht die wohlwollende Aufnahme seines Werkes in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten im Gegensatz zu den Vorbehalten, ja dem Argwohn, die ihm in Frankreich die gleiche Anerkennung verwehrten, und zwar wegen dessen, was er selbst seine „Fehltritte“ nannte.
Bertrand de Jouvenel fühlte sich in seiner Jugend vom Faschismus angezogen. Von 1936 bis 1938 gehörte er dem Parti Populaire Français (PPF) Jacques Doriots an. Als begabter Journalist erlebte er einen höchst umstrittenen Höhepunkt seiner Laufbahn mit einem überaus gefälligen Interview, das er am 21. Februar 1936 mit Hitler führte. Der nationalsozialistische Tyrann beteuerte damals seine friedlichen Absichten, um dem Pakt zwischen Pierre Laval und Stalin vom 2. Mai 1935 entgegenzuwirken, kurz vor der Remilitarisierung des Rheinlands am 7. März 1936. Noch 1941 veröffentlichte Jouvenel Après la défaite, einen Essay, der der Besatzungsmacht so gelegen kam, dass sie selbst für seine Verbreitung sorgte. Erst nach 1945, mit dem Erscheinen seiner ersten großen politischen Abhandlung, Du pouvoir, wurde Jouvenel zu einer Gestalt des Liberalismus. Später sollte er sich zudem als Pionier der Zukunftsforschung erweisen, namentlich mit der Zeitschrift Futuribles, und im Alter als Vorläufer der politischen Ökologie.
Doch die Vorbehalte, die seiner Vergangenheit galten, zerstreuten sich nicht. Im Gegenteil, sie kamen in den 1970er Jahren erneut auf und führten 1983 dazu, dass Jouvenel den israelischen Historiker Zeev Sternhell, der ihn unter die französischen Faschisten gerechnet hatte, wegen Verleumdung verklagte. Jouvenel gewann den Prozess, doch überschattete ihn der plötzliche Tod des Soziologen Raymond Aron, seines langjährigen Freundes, der eben erst zu seinen Gunsten ausgesagt hatte. Anders als Aron hatte Jouvenel die „faschistische Versuchung“ sehr wohl gekannt, und zwar über lange Zeit. Doch jenseits aller Polemik: Hat man das Recht, die geschichtlichen Erfahrungen zu verkleinern oder zu tilgen, die ein Menschenleben zu dem gemacht haben, was es ist? Hier soll die These vertreten werden, dass es gerade die Erfahrung seiner antiliberalen, von einem eklatanten Mangel an Urteilskraft geprägten Jugend war, die Bertrand de Jouvenel nach einer wahrhaften Bekehrung zu dem eigenständigen, maßvollen politischen Philosophen werden ließ, mit einem Wort: zu dem Weisen, der er in der zweiten Hälfte seines Lebens sein wollte.
Intellektuelle Einflüsse
Bertrand de Jouvenel wurde in eine privilegierte Familie hineingeboren, die in der Restaurationszeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts geadelt worden war. Sein Vater Henry de Jouvenel war Journalist, Politiker und Diplomat. Er war Senator und vertrat Frankreich beim Völkerbund. Seine Mutter Sarah-Claire Boas, jüdischer Herkunft, führte einen Salon und setzte sich leidenschaftlich für die tschechoslowakische Sache ein, ebenso für die deutsch-französische Aussöhnung und den europäischen Gedanken. Prägend war auch seine Stiefmutter, die Schriftstellerin Colette, die sein Vater 1912 geheiratet hatte. Von ihrem Mann betrogen, stürzte sie sich in ein Verhältnis mit ihrem erst 16 Jahre alten Stiefsohn Bertrand, das fünf Jahre andauerte. Bertrand de Jouvenel profitierte in dieser Zeit davon, sich unter der intellektuellen und literarischen Elite der Dritten Republik zu bewegen. Er studierte an der École libre des sciences politiques, die zwei Jahre nach der Niederlage von 1870 gegründet worden war, um dem Land jene fähigen Führungskräfte zu geben, die ihm im Krieg gefehlt hatten. Bertrand de Jouvenel wuchs in einer liberalen, linken Kultur auf, jener der Belle Époque, in der der linksliberale und antiklerikale Parti radical (PR) die Ankerpartei der parlamentarischen Republik war.
Wie viele junge Männer seiner Generation sah sich Jouvenel mit den Folgen des Ersten Weltkrieges konfrontiert. Einerseits galt es, seine Wiederholung durch die deutsch-französische Aussöhnung zu verhindern, was ihn dazu veranlasste, für eine europäische Föderation einzutreten; andererseits musste die französische Wirtschaft durch Reformen wiederbelebt werden. Aus Jouvenels Sicht setzte dieses Programm einen starken Staat unter einer charismatischen Führungsgestalt voraus, gestützt auf Experten, die in den modernen Methoden der Ökonomie und Statistik geschult waren. So trug sein erster Essay von 1928 den Titel L'économie dirigée. Und so bekundete er nach einer Reise in die Vereinigten Staaten großes Interesse am New Deal und zeigte Bewunderung für Franklin D. Roosevelt. Er brachte sie in dem 1933 erschienenen Buch La crise du capitalisme américain zum Ausdruck. Jouvenel war ein gebildeter, wissbegieriger, glänzender und ehrgeiziger junger Mann, doch seine Neigungen ließen ihn die Macht und die dirigistische Organisation des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens höher veranschlagen als die Verteidigung der Freiheit. An Roosevelts Amerika fesselte ihn die technokratische Macht, die Sachverstand zu mobilisieren vermochte.
Flirt mit dem Faschismus
Nicht zuletzt, weil der PR häufig in Regierungsverantwortung war, schloss er sich seiner reformerischen Avantgarde an, den „Jungtürken“, die keineswegs Liberale waren. Sie setzten ihre Hoffnungen auf Édouard Daladier, den „Stier des Vaucluse“, von dem sie erwarteten, er werde die nötige Autorität besitzen, um Frankreich zu reformieren. Doch angesichts der zahlreichen Skandale der Partei und schließlich der antiparlamentarischen Unruhen vom 6. Februar 1934 wandte sich Jouvenel vom PR ab. Er suchte nun nach anderen Wegen, um seine Ziele zu erreichen. So gab er 1934 eine kurzlebige Zeitung heraus, La lutte des jeunes, und gewann die Unterstützung von Politikern, die nach einem dritten Weg suchten, wie der Neosozialist Gaston Bergery oder auch Jacques Doriot, beide spätere Kollaborateure. Ein Mann der Tat war Jouvenel nicht. Nachdem er 1936 Mitglied des faschistischen PPF geworden war, erwies er sich, obwohl er Mitglied der Führungsgremien war, als unfähig, einen Parteiverband in der Corrèze aufzubauen. Lange währte dieses Engagement ohnehin nicht. Schon 1938, während der Sudetenkrise, trat er aus der Partei, weil er die Zustimmung des PPF zum Münchner Abkommen und damit zur Preisgabe der Tschechoslowakei nicht akzeptieren konnte. Durch Vermittlung seiner Mutter, die eine begeisterte Anhängerin der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei war, hatte er im Frühjahr 1924 als Privatsekretär des tschechoslowakischen Außenministers Edvard Beneš gearbeitet.
Während des Krieges galt Jouvenel trotzdem lange als Kollaborateur, da er zusammen mit seinen Freunden Jean Luchaire, Pierre Drieu La Rochelle und Alfred Fabre-Luce zum Bekanntenkreis des deutschen Botschafters in der besetzten Zone Frankreichs, Otto Abetz, gehörte. Jouvenel hatte sich in der europabegeisterten Atmosphäre der zwanziger Jahre mit ihm angefreundet. Abetz war danach der NSDAP beigetreten und hatte das Comité France-Allemagne gegründet, ein Instrument nationalsozialistischer Einflussnahme in Frankreich. Als treuer Freund hatte Jouvenel sich 1935 dafür eingesetzt, ihm eine Ausweisung zu ersparen. 1939 schließlich doch ausgewiesen, war Abetz im folgenden Jahr als Botschafter im Rang eines SS-Brigadeführers zurückgekehrt.
Seit 1940 arbeitete Jouvenel für das Deuxième Bureau, den militärischen Nachrichtendienst Vichys. Nach der Befreiung sagten seine Vorgesetzten zu seiner Entlastung aus. Im Gegensatz dazu stand er aber auch verschiedenen Gruppen der Résistance nahe: den Maquis der Corrèze und dem Netz Combat, in dem Colettes Tochter, seine Halbschwester, eine wichtige Rolle spielte. Für die meisten Historiker reichen die letztgenannten Verbindungen jedoch nicht aus, um ihn vom Vorwurf der Kollaboration freizusprechen. Neben Sternhell gilt das auch für den französischen Historiker Pascal Ory und den Schweizer Historiker Philippe Burrin. Sein Biograph Olivier Dard weist darauf hin, dass Jouvenel selbst am Nutzen der Erkenntnisse zweifelte, die er bei Abetz gesammelt hatte. Er fügt hinzu, dass Jouvenel weder seinen Taten noch seiner Gesinnung nach als Résistant bezeichnet werden kann. In ihrer Dissertation über die „Vichysto-Résistants“ erwähnt Bénédicte Vergez-Chaignon ihn nicht. Und als Jouvenel, von der Gestapo bedroht, 1943 in der Schweiz Asyl fand, verkehrte er weiterhin in den Kreisen exilierter Vichy-Anhänger sowie mit Schweizer Intellektuellen, die Vichy wohlgesinnt waren. Wie seine von Dard ausgewerteten Notizhefte zeigen, war er offenkundig orientierungslos. Die Absicht, in den Maquis, eine Organisation der Résistance, zu gehen, blieb ein bloßes Wollen. Das Schicksal anderer Kollaborateure, der Selbstmord Drieu La Rochelles und die Hinrichtung Luchaires, erschütterten ihn.
Hinwendung zum Personalismus
Und doch beschritt er von 1943 an einen neuen Weg und entwickelte sich zum politischen Theoretiker. Schon vorher, während seines erzwungenen Rückzugs in eine burgundische Abtei, wo er sich vor der Gestapo verbarg, hatte er die Niederschrift einer Abhandlung begonnen, die zunächst den Titel De l'État trug und zu Du pouvoir werden sollte. In dieser Zeit begann er auch, regelmäßig seine Notizhefte zu führen, in denen er Tag für Tag die Entstehung seines Werkes kommentierte und zugleich seinen Sorgen Ausdruck verlieh. Der unverbesserliche Frauenheld, der er gewesen war, wollte nun ein verantwortungsvoller Familienvater sein; er bekannte sich demütig und treu zum christlichen Glauben.
Du pouvoir ist eine Kritik des Staates, gegründet auf eine Geschichte seines Wachstums. Es geht zunächst darum, einem neuen Krieg vorzubeugen. Das Werk stützt sich auf eine kritische Lektüre von Rousseaus Contrat social, dessen Neuausgabe Jouvenel 1946 mit einem Vorwort versah. Wie Tocqueville in L’Ancien Régime et la Révolution beschreibt Jouvenel in Du pouvoir die Kontinuität der Staatsausdehnung vom Ancien Régime bis in die Gegenwart; wie Montesquieu besteht er auf der Einrichtung von Gegengewalten. Er glaubt, der von 1945 an entstandene Wohlfahrtsstaat könne die zu seinen Schuldnern gewordenen Bürger sehr wohl „eines Tages kriegerischen Geschicken weihen“. Jouvenel zeigt in Du pouvoir seine Wandlung zum Liberalen, indem er Freiheit und Demokratie zu unterscheiden beginnt. Durch eine List der Vernunft, so erklärt er, könne die Einrichtung der Volkssouveränität durchaus in eine Tyrannei münden. Jouvenel erinnert an die Krise der Dritten Republik in Frankreich: Das allgemeine Wahlrecht führte zur Vervielfachung der Meinungs- und Interessenkonflikte und schließlich zur Lähmung des Regimes.
Jouvenel erinnert ebenso an das Scheitern der Weimarer Republik bis zur Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur. Er geht so weit zu behaupten, dass auch Frankreich eine Diktatur geworden wäre, wenn die Zahl der kommunistischen Abgeordneten in der Abgeordnetenkammer 1936 so groß gewesen wäre wie die der nationalsozialistischen im Reichstag im Jahr 1932. Um dem „Minotaurus“ zu begegnen, wie er den bedrohlichen Staat nennt, empfiehlt Jouvenel den Vorrang des Rechts, das von der Macht unabhängig sein muss. Sein Vorbild ist der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten. So wird er zum Konstitutionalisten. Doch Du pouvoir betont auch die Würde der menschlichen Person, was auf Jouvenels Bekehrung verweist: Der junge Realist der Zwischenkriegszeit, der technokratischen Lösungen zuneigte, hat sich personalistischen Auffassungen angenähert. Die Verteidigung der Freiheit ist für ihn fortan wesentlich, und sie besteht zuallererst in der Achtung der Person. In einem der Artikel, die er im Februar 1946 in der Schweizer Presse veröffentlichte, brachte Jouvenel den Pessimismus zum Ausdruck, der ihn damals erfüllte: „Alles strebt heute dahin, die Menschen zu Gefangenen eines riesigen Konzentrationslagers zu machen, dessen Kerkermeister der Staat ist.“
Gründungsmitglied der Mont Pèlerin Society
Aufgrund der Rolle, die Jouvenel während des Zweiten Weltkrieges gespielt hatte, konnte Du pouvoir nicht in Frankreich erscheinen. So wurde das Buch von dem faschistoid gesinnten Schweizer Verleger Constant Bourquin verlegt, was seiner Verbreitung in Jouvenels Heimatland nicht dienlich war. In Frankreich fand es kaum Beachtung. Ganz anders war die Aufnahme in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten. D. W. Brogan, der berühmte Historiker in Cambridge, lobte das Werk im Times Literary Supplement. Man verglich Jouvenel im englischsprachigen Raum mit Edmund Burke oder Alexis de Tocqueville. 1947 legte er mit Problèmes de l'Angleterre socialiste ein Fallbeispiel seiner Kritik staatlicher Intervention vor, in dem er die Misserfolge der Labour-Regierung verzeichnete: Ineffizienz, aufgeblähte Bürokratie, eine abschreckende Steuerlast, die den Unternehmergeist entmutige. Im selben Jahr war er mit Friedrich von Hayek Gründungsmitglied der klassisch-liberalen Mont Pèlerin Society. So hatte er Anteil am Aufstieg des späteren, auf Deregulierung vertrauenden Neoliberalismus.
Seine journalistischen Schriften von 1945 spiegeln Jouvenels liberale Wende deutlich wider. Er gab nun der Emanzipation der Bürger den Vorrang: „Ein Geist, der Vergleiche liebt, könnte behaupten, der unitarische Nationalstaat sei der wahre moderne ‚Feudalherr‘, vom Zeitalter der Dienste in das der Missbräuche übergegangen, und gegen ihn würden sich die Anstrengungen einer übergeordneten Macht, die ihn zu disziplinieren sucht, mit denen seiner Bürger verbinden, die sich von seiner Tyrannei befreien wollen.“ Mehr noch: Jouvenel geißelte den Nationalismus und brandmarkte die „abscheuliche Einheit“ des Nationalstaats: „Alles, was das Leben eines Volkes nationalisiert, macht es tauglicher, einem kriegerischen Unternehmen zu dienen. Alles, was den internationalen Verkehr der Menschen, der Waren, der Ideen und der Kapitalien begünstigt, alles, was die Unabhängigkeit regionaler oder fachlicher Körperschaften im Staate stärkt und sichert, alles, was die Rechte des Einzelnen gewährleistet, all das trägt zum Frieden bei.“ Jouvenel pries also die bürgerlichen Freiheiten des Mittelalters gegen die Tyrannei des modernen Staates; er verteidigte die intermediären Körperschaften und das Subsidiaritätsprinzip gegen die Ansprüche einer zentralisierenden Macht.
Ideal der bürgerschaftlichen Freiheit
Zehn Jahre später nahm Jouvenel seine politische Reflexion in De la souveraineté wieder auf, mit dem Untertitel À la recherche du Bien politique. Er vertiefte darin seine liberale Kritik der Demokratie: „Die Mehrheitsentscheidung bezieht also in unseren Augen ihre Kraft aus der Meinungsfreiheit, die ihr vorausgeht.“ Die Duldung abweichender, selbst irriger Meinungen ist für ihn somit eine wesentliche Bedingung der Debatte und der politischen Freiheit. Das Gemeinwohl beruht nämlich auf einem Klima des Vertrauens. Dieses steht im Zentrum des „gesellschaftlichen Bandes“ (nœud social) oder der bürgerschaftlichen Freundschaft, die das politische Ideal ist, das Jouvenel entwirft. Dieses Ideal wurzelt in der christlichen Überlieferung. Jouvenel betrachtet das Christentum nämlich als eine Religion der Freiheit; dies bedeutet die Befreiung des Christen, die „Christus verkündet“ und „Paulus ausführlich dargelegt“ habe: „Wer sagt, der Christ sei vom Gesetz befreit, sagt damit, dass sein Verhalten nicht mehr im Einzelnen durch einen Kodex von Vorschriften bestimmt wird, die den verschiedenen Umständen angepasst sind, sondern von einem neuen Geist beseelt ist. […] In scharfem Gegensatz zum Islam ist das Christentum kein gesellschaftlicher Gesetzgeber.“
Wie aber lässt sich das politische Ideal des Gemeinwohls auf die modernen Gesellschaften anwenden? Bei dem Versuch, das Denken Platons und Rousseaus in die Gegenwart zu übertragen, stieß Jouvenel an Grenzen, an das, was er „das Gefängnis der Folgesätze“ nannte. Es sind ihrer vier: Kleinheit (der Umfang des idealen Gemeinwesens müsste beschränkt sein), Homogenität (also keine Eingliederung von Fremden), Abgeschlossenheit (Abweisung kultureller Einflüsse von außen) und Unveränderlichkeit (man enthält sich jeder Neuerung). All diese Zwänge erschienen ihm für einen modernen Geist unannehmbar. Denn Jouvenel, der die Dekolonisation und die beginnende Globalisierung durch die angelsächsischen Seemächte beobachtete und befürwortete, war entschieden fortschrittlich, wie es sich für einen Liberalen gehört. Doch obgleich er sich als Reformer sah, war er der Ansicht, dass es die vornehmste Pflicht politischer Führung sei, den Fortbestand seines Gemeinwesens zu gewährleisten: „Die Autorität ist nicht mehr bloß erhaltend, sie ist anpassend. Während man diesen Aspekt ins Licht rückt, darf man nicht verkennen, dass der wesentliche Teil der Aufgabe konservativ bleibt. In einer Gesellschaft muss der Anteil der Veränderung gering und der der Regelmäßigkeiten sehr groß sein.“
Jouvenel überwindet diesen Widerspruch durch die Klugheit, die aristotelische phrónesis, die er im ersten politischen Essay ebenso wie im zweiten verficht. Die Klugheit musste aus seiner Sicht die Haupttugend des Politikers sein. Zwar hält Jouvenel die Warnungen Platons oder Rousseaus vor einer Überdehnung der Polis, des Gemeinwesens, durchaus nicht für grundlos: „In Wahrheit muss man, da die Polis als ein Kreis der Freundschaft betrachtet wird, zugestehen, dass jede Dehnung dieses Kreises oder jede Einführung fremdartiger Elemente den bestehenden Einklang stören muss und die Frage seiner Wiederherstellung aufwirft: Verspricht die Erweiterung oder Eingliederung ein künftiges Gut durch die Ausdehnung des ‚Vertrauensraums‘, so kann sie ein gegenwärtiges Übel verursachen durch den Bruch bestehender Bande – wie es geschehen wird, wenn die einen für die Aufnahme Partei ergreifen und die anderen sich dagegen aufbäumen. Die Gründe, die man hat, die Aufnahme vorzuziehen, dürfen nicht blind machen für die Möglichkeit, dass das Vertrauensklima der engen Gruppe sich nach der Vergrößerung nie wieder mit gleicher Stärke einstellt.“ Doch verwirft Jouvenel die Idee, man könne die Polis vom Rest der Welt hermetisch abriegeln. Er ist unter anderem vom Denken Karl Poppers beeinflusst, dessen Die offene Gesellschaft und ihre Feinde er mit Verehrung für den Autor zitiert.
Späte Erfolge und intellektuelles Erbe
Auch De la souveraineté fand die Zustimmung der angloamerikanischen Kritik, die das Buch geradezu feierte. In Frankreich nahm Raymond Aron 1963 Jouvenels Essay De la politique pure in die von ihm im Verlag Calmann-Lévy herausgegebene Reihe Liberté de l'esprit auf. Damit schien der über ihm liegende Bann in Frankreich gebrochen zu sein. Kein Wunder, dass er nun auch im liberalkonservativen Spektrum der Bundesrepublik Deutschland auf Interesse stieß. So nahmen Wilhelm Hennis und Hans Maier in den 1960er Jahren mehrere seiner Werke in deutscher Übersetzung in ihre Reihe Politica auf. Sollte Jouvenel gar zum Klassiker werden?
Die Polemik, die es in Frankreich trotzdem gegen Jouvenel gab, vor allem aber seine Verleumdungsklage gegen Zeev Sternhell und der darauffolgende Prozess zeigen, dass man ihm seine „Fehltritte“ vor allem in seinem Heimatland bis zuletzt vorgehalten hat. Das ändert aber nichts daran, wie bedeutend sein Beitrag zum liberalen Denken war. Die europäischen Gesellschaften werden gegenüber der Vielfalt der Meinungen immer unduldsamer; die frei geführte Debatte wird folglich schwierig. Die Urteilskraft, unser „natürliches Licht“, wird immer häufiger getrübt. Angesichts dieser Herausforderungen ist der zweite Jouvenel – der liberale Jouvenel, der seine „Fehltritte“ erkannt und eingestanden hat – auch heute noch ein wohlwollender Lehrer, durch Erfahrung belehrt. Er erinnert die Bürger daran, dass ihre Rechte von der Art abhängen, wie sie ihre Pflichten erfüllen, ein Gebot, das für die Regierenden umso mehr gilt. War er ein Reaktionär, er, der mit Blick auf die Kolonisation von „dem Übel, das wir angerichtet haben“ sprach? Hat er nicht der öffentlichen Debatte gedient, indem er zum Wegbereiter einer nicht ideologischen politischen Ökologie wurde? Als „liberaler Kritiker des Liberalismus“ erhellt Bertrand de Jouvenel die Dilemmata der Freiheit; er stellt seine Leser im 21. Jahrhundert vor ihre politische Verantwortung.
Dr. Joël Mouric ist Agrége d’histoire und unterrichtet Geschichte am Lycée de l’Iroise in Brest. Er ist außerdem Lehrbeauftragter an der Université de Bretragne Occidentale in Brest.
"Geschichtsbewusst" bildet eine Bandbreite an politischen Perspektiven ab. Der Inhalt eines Essays gibt die Meinung der Autorin oder des Autors wieder, aber nicht notwendigerweise diejenige der Konrad-Adenauer-Stiftung.