Autoren:
Mykhailo Gonchar, Oksana Ishchuk, Experten des Zentrums für Globalistik „Strategie XXI“
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ZUSAMMENFASSUNG
Die Ukraine verfügt für ein europäisches Land über ein erhebliches Potenzial an kritischen mineralischen Rohstoffen. Für internationale Lieferketten sind insbesondere Titanrohstoffe, Naturgraphit, Mangan, Uran, Zirkonium und Hafnium von praktischer Bedeutung. Lithium, Beryllium, Germanium, Tantal und Seltene Erden sind von hohem strategischem Interesse, bedürfen jedoch einer zusätzlichen geologischen, technologischen und investitionsbezogenen Verifizierung. Der zentrale Vorteil der Ukraine liegt nicht nur in ihrer Rohstoffbasis, sondern auch in der Möglichkeit, Teil der westlichen Politik zur Verringerung strategischer Abhängigkeiten in den Lieferketten kritischer Rohstoffe für die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, die NATO-Mitgliedstaaten und einzelne Partner außerhalb des Bündnisses zu werden.
Der globale Kontext ist für eine solche Positionierung der Ukraine günstig. Das Europäische Parlament und der Rat der Europäischen Union haben die EU-Verordnung verabschiedet, die als Europäisches Gesetz über kritische Rohstoffe (Critical Raw Materials Act) bekannt ist. Sie legt für das Jahr 2030 Zielvorgaben für die Gewinnung, Verarbeitung, das Recycling und die Diversifizierung der Versorgung mit strategischen Rohstoffen fest: Mindestens 10 % des jährlichen Bedarfs an strategischen Rohstoffen sollen durch Gewinnung innerhalb der Europäischen Union gedeckt werden, 40 % durch Verarbeitung und 25 % durch Recycling. Gleichzeitig soll die Abhängigkeit von einem einzelnen Drittland auf höchstens 65 % des EU-Jahresbedarfs an einem strategischen Rohstoff in der jeweiligen Stufe der Lieferkette begrenzt werden.
Die Internationale Energieagentur stellte 2025 eine zunehmende Konzentration bei der Verarbeitung kritischer Mineralien fest: China ist bei 19 von 20 wichtigen strategischen Mineralien der führende Verarbeiter und erreicht dabei einen durchschnittlichen Anteil von rund 70 %. Dadurch werden alternative Bezugsquellen außerhalb Chinas für viele Staaten zu einer politischen und sicherheitspolitischen Priorität.
Für die Ukraine ist das Zeitfenster für entsprechende Chancen offen, aber nicht garantiert. Im Jahr 2025 verabschiedete das Ministerkabinett nationale Listen mit 11 Rohstoffen von strategischer Bedeutung und 28 Rohstoffen von kritischer Bedeutung. Im Juni 2026 billigte es zudem eine langfristige Strategie für die Entwicklung der Industrie auf der Grundlage kritischer Rohstoffe bis 2056, mit einem Schwerpunkt auf Produktionen mit hoher Wertschöpfung. Dies schafft einen politischen Rahmen, ersetzt jedoch nicht die Notwendigkeit, die Vorkommen nach internationalen Standards zu bestätigen, Investitionsrisiken abzusichern, Investitionen und Verarbeitungskapazitäten aufzubauen und regulatorische Verlässlichkeit zu gewährleisten.
Kritische Mineralien können für die Ukraine nicht nur ein wirtschaftlicher Vermögenswert für den Wiederaufbau, sondern auch ein Instrument strategischer Handlungsfähigkeit werden. Dafür sollte die Ukraine nicht das Bild einer Rohstoffkammer Europas vermitteln, sondern ein Partnerschaftsangebot entlang der gesamten Wertschöpfungskette unterbreiten: von der geologischen Erkundung und Gewinnung über die Aufbereitung und Verarbeitung bis hin zur Herstellung von Komponenten für die Verteidigungs-, Energie-, Batterie- und Hightech-Industrie.
SCHLUSSFOLGERUNGEN
- Das größte kurz- und mittelfristige Potenzial der Ukraine liegt nicht bei abstrakt verstandenen Seltenen Erden, sondern in Bereichen, in denen bereits eine industrielle Basis oder eine klare Entwicklungsperspektive besteht: Titan, Naturgraphit, Mangan, Uran, Zirkonium und Hafnium. Lithium und Seltene Erden sind von strategischer Bedeutung, erfordern jedoch eine zurückhaltende Kommunikation, weitere geologische Erkundung und internationale Verifizierung.
- Die wichtigste Chance für die Ukraine liegt in der Einbindung in westliche Lieferketten vor dem Hintergrund des amerikanisch-chinesischen Wettbewerbs und der Politik der Europäischen Union zur Verringerung der Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten. Die Ukraine muss nicht nur mit ihren Ressourcen, sondern auch mit der Qualität ihrer Regeln, Daten sowie ihrer ökologischen, sozialen und Governance-Praktiken und mit Angeboten zur Weiterverarbeitung konkurrieren. Dies erfordert einen Fokus auf Aufbereitung, Reinigung, die Herstellung von Verbindungen, Pulvern, Legierungen, Anodenmaterialien und Zwischenprodukten für die Verteidigungs-, Energie- und Hightech-Industrie.
- Das Vorhandensein von Lagerstätten allein begründet noch keine strategische Rolle. Eine solche Rolle entsteht erst dann, wenn Partner langfristige Vereinbarungen schließen, Projekte finanzieren, Risiken absichern und einen verlässlichen Zugang zu Materialien oder Komponenten erhalten können.
- Kritische mineralische Rohstoffe dürfen für die Ukraine nicht zu einer neuen Form der Rohstoffabhängigkeit werden. Wenn sich die Politik auf den Export von Erzen beschränkt, wird der Staat den größten Teil der Wertschöpfung verlieren. Wenn die Ukraine dagegen Verarbeitungskapazitäten, Zwischenprodukte und industrielle Cluster entwickelt, können kritische Rohstoffe zu einem Element der langfristigen wirtschaftlichen Sicherheit werden.
- Für das Außenministerium sollten kritische Mineralien zu einem Instrument der Wirtschafts- und Sicherheitsdiplomatie werden. Die Ukraine sollte ihren Partnern nicht lediglich Zugang zu ihren Bodenschätzen anbieten, sondern ein gemeinsames Modell sicherer, transparenter und politisch verlässlicher Lieferketten, das die Abhängigkeit demokratischer Staaten von autoritären Lieferanten verringert.
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