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„Federico Sánchez verabschiedet sich“

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Der Schriftsteller Jorge Semprún, der Konrad-Adenauer-Stiftung und ihrem Ehrenvorsitzenden, dem Thüringer Ministerpräsidenten a.D. Bernhard Vogel, seit langem verbunden, ist gestorben.

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Jorge Semprún und Bernhard Vogel 2001 in Weimar

„Politik“, so der Schriftsteller Jorge Semprún, ist „vor allem eine Arbeit an der Sprache: am Diskurs, dem Sinn und dem Widersinn des Textes der Geschichte“. Semprún hat uns diesen „Text der Geschichte“ in zahlreichen Werken überliefert, in Romanen und Essays, die ihren biographischen Ursprung stets bezeugen. Ein unbeugsamer Mahner, ein sprachmächtiger Erzähler, ein großer europäischer Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts. Am 8. Juni 2011 ist Jorge Semprún im Alter von 87 Jahren in Paris verstorben.

1923 wurde Jorge Semprún in Madrid geboren, schon im Elternhaus lernte er Deutsch. 1936 floh er aus dem faschistischen Spanien, studierte später in Paris Philosophie, wirkte in der französischen Résistance mit und wurde 1943 von der Gestapo verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Nach 18 Monaten dort wurde er von den Amerikanern befreit. „In allen Sprachen des alten Europas wurden auf dem Ettersberg Worte des Dankes ausgetauscht“, so erinnert sich Semprún an die Befreiung.

Nachdem ihm nach 1945 die Rückkehr in die von Franco regierte Heimat unmöglich war, begann er im Untergrund zu arbeiten. Unter dem Decknamen Federico Sánchez reiste er unerkannt nach Spanien, um die illegalen Aktionen der KP zu koordinieren. 1960 war er zwei Wochen lang in seiner konspirativen Wohnung in Madrid allein. Er begab sich an seinen ersten Buchenwald-Roman „Die große Reise“ (1964). Weitere Erinnerungsbücher (zuletzt „Die Ohmacht“, 2001; „Zwanzig Jahre und ein Tag“, 2005) und zahlreiche Essays („Blick auf Deutschland“, 2003) folgten. Sie machten den Autor in Frankreich und Spanien berühmt – und auch in Deutschland, wo seine Werke im Suhrkamp Verlag erscheinen.

Jorge Semprún war ein „sehr politisch denkender Mensch“, wie seine Biographin Franziska Augstein schreibt, ein Intellektueller frei von ideologischen Vorbehalten, bedacht auf die Genauigkeit der Sprache und auf die Kraft der Worte, Kritik an den Verhältnissen zu üben. „Bei deutschen Autoren fand ich die Waffen der Kritik, die es mir ermöglichten, den Nazismus zu bekämpfen“, sagte er in seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (1994).

Vielleicht ist das größte Verdienst Jorge Semprúns sein Umgang mit dem Gedächtnis der Kultur. Wenn die Zeitzeugen aussterben, wusste er, sind wir auf die Erinnerungen der Künste angewiesen, die aus der Geschichte Geschichten machen. „Wir brauchen jetzt junge Schriftsteller, die das Gedächtnis der Zeugen, das Autobiographische der Zeugnisse, mutig entweihen“. Das sagte er am 13. Mai 2001 in Weimar, als er neben dem seinerzeitigen Ministerpräsidenten des Freistaats Thüringen, Bernhard Vogel, saß und die Laudatio auf den Literaturpreisträger der Konrad-Adenauer-Stiftung Norbert Gstrein hielt. Vom Musikgymnasium Belvedere, dem Ort der Preisverleihung, kann man auf Weimar und den Ettersberg blicken. Zwischen beiden Orten wusste er unverbittert zu unterscheiden.

„Que me quiten lo bailado“ (Im Deutschen sinngemäß: "Ich lass' mir nicht die Butter vom Brot nehmen"): Im Epilog von „Federico Sánchez verabschiedet sich“ (deutsch 1994), seinem vielleicht wichtigsten autobiographischen Buch, das zugleich ein politisches Vermächtnis ist – über seine Zeit als spanischer Kulturminister (1988-1991) – und sein Bekenntnis zur europäischen Kultur, heißt das übersetzt: Was Jorge Semprún erlebt hat, kann ihm „niemand nehmen“. Uns bleiben seine Bücher.

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Contacto

Prof. Dr. Michael Braun

Prof. Dr
Referent Literatur
michael.braun@kas.de +49 30 26996-2544

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