Notas de acontecimientos

"In Bildung zu investieren, ist billiger, als Panzer zu kaufen"

Frühstücksgespräch mit Dr. Bakary Sambe

Spätestens seit der Entführung der über 200 Schülerinnen von Chibok ist die nigerianische Terrororganisation Boko Haram auch über die Landesgrenzen Nigerias hinaus bekannt. Relativ wenig ist jedoch über die Strukturen der Organisation, seine Anführer und ihre Ideologie bekannt. In der Akademie der Adenauer-Stiftung brachte der senegalesische Islamwissenschaftler Dr. Bakary Sambe etwas Licht ins Dunkel und zeigte auf, worauf es in diesem Konflikt wirklich ankommt.

Kaum jemand war so dicht dran, wie er – in Vorbereitung für sein aktuelles Buch „Boko Haram – Du problème nigérian à la menace régionale“ stellte Dr. Sambe nach eigenen Angaben für die Dauer von drei Monaten jeglichen Konsum von Berichterstattung über die Organisation ein und sprach stattdessen mit ihren Kämpfern über ihre Hintergründe und Ziele. Anhand dieser Gespräche und einiger Grundsatzschriften, die Boko Haram herausgebracht hat, machte er sich ein Bild.

Ursprünglich sei Boko Haram kein Name sondern nur ein Slogan gewesen und bedeute übersetzt so viel wie ‚Bücher sind Sünde‘, erklärte Dr. Sambe. Ihre Anhänger wollen die Scharia als göttliches Gesetz anwenden - für den Islamwissenschaftler eine völlige Überziehung dessen, was der Koran als Grundlage leisten kann, „denn er besteht zu weniger als sechs Prozent aus Gesetzen“.

Zusammengefasst ließen sich die Grundprinzipien von Boko Haram auf drei Punkte reduzieren:

  1. Gott allein ist Richter und Regierender. „Daraus leitet sich auch die Ablehnung der politischen Regierung ab, denn diese ist nicht religiös autorisiert“, so Sambe.
  2. Boko Haram ist die einzige ‚gerettete‘ Gruppe. „Nur ihre Anhänger folgen der reinen Lehre, was erklärt, warum auch Muslime ins Fadenkreuz geraten, wenn diese den Staat und seine Politik anerkennen.“
  3. Staatliche Schulen zu besuchen, ist illegitim. „Die europäischen Kolonialherren haben bei ihrem Eintreffen in Nigeria und anderen Ländern der Sahelzone Koranschulen und angesehene Universitäten vorgefunden, diese aber durch staatliche Schulen verdrängt“, erklärte Sambe. „Dort werden Lehren wie die Evolution beigebracht, die aus Sicht von Boko Haram gegen muslimische Werte verstoßen.“
Um dieser ‚falschen‘ Weltanschauung zu begegnen, setze sich Boko Haram für einen islamischen Staat unter religiöser Führung ein. „Die Organisation definiert sich dabei als muslimische Gesellschaft, die ausschließlich in die Vergangenheit blickt, was automatisch zu ihren heutigen Problemen mit der Moderne führt.“ Habe Boko Haram ursprünglich vor allem eine Agenda der Bekämpfung sozialer Missstände gehabt, sei es nach der Ermordung ihres Anführers Mohammed Yusuf 2009 zu einer Radikalisierung gekommen.

Heute stehe Nigeria in seiner inneren Ausrichtung zerrissen dar. „Einige Bundesstaten orientieren sich am Westen, andere am Orient, während sich gleichzeitig Teile der eigenen Elite abkapseln.“ 2014 habe der damalige Staatspräsident Goodluck Jonathan davor gewarnt, dass Boko Haram seine Regierung „infiltriert“ habe. Sein designierter Nachfolger Muhammadu Buhari habe von Beginn an auf das Militär gesetzt, um der Bewegung Herr zu werden. „Der bewaffnete Kampf gegen Boko Haram hat jedoch über die Grenzen Nigerias dazu geführt, dass mit Idriss Déby (Präsident des Tschad) und Paul Biya (Präsident Kameruns) zwei sehr problematische Staatschef als Kriegsherren einen Image-Gewinn verbuchen können.“ Die militärischen Maßnahmen befeuerten den Terrorismus weiter und auch die anhaltenden Konflikte im Nahen Osten würden als Propaganda-Munition genutzt.

„Nietzsche hat einmal gesagt, Gott ist tot – in diesen Ländern der Sahelzone ist er nicht tot, vielmehr bekommt er dort Kinder“, so Sambe. Die große Herausforderung sei es, den funktionierenden Staat Nigerias wieder aufzubauen, „vor allem, damit er wieder zu sozialem Engagement fähig ist“.

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Berlin Deutschland