Notas de acontecimientos

„In Prag zu Hause und manchmal auch anderswo“

de Prof. Dr. Michael Braun

Lenka Reinerová zu Gast bei der Adenauer-Stiftung in Bonn

Die Reihe „Literatur und Verantwortung“ von K.A.S. und „Rheinischer Merkur“ stellt in Zukunft das Werk von solchen Schriftstellern vor, die „ihre europäische Verantwortung“ realisieren, indem sie „an die Vergangenheit erinnern, den Dialog der Nachbarn fördern und auf diese Weise zur Bildung einer europäischen Identität beitragen“. Auftaktveranstaltung am 15.11.2005 mit Lenka Reinerová im Universitätsclub Bonn

Langsam, aber leichtfüßig steigt Lenka Reinerová die 58 Stufen von der Gedenkstätte der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus ins Rhöndorfer Wohnhaus des Altkanzlers hinauf. Zuvor, in der ständigen Ausstellung, ist ihr erster Blick auf eine Porträtgalerie gefallen: auf Bilder von Konrad Adenauers Zeitgenossen, berühmter Repräsentanten aus Politik, Wissenschaft und Kultur, die einen Einblick von der nicht nur an Jahren großen Lebenszeit des ersten Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland geben. Die 1916 in Prag geborene Lenka Reinerová, die es an diesen Lebensjahren beinahe mit Adenauer aufnehmen kann, wundert sich: Wie kommt Kafkas Konterfei unter Adenauers Zeitgenossen? Ob der Lyrikliebhaber Adenauer den Prager Autor je gelesen hat? In der Hauptstadt der tschechischen Republik jedenfalls, erinnert sich die dort lebende Autorin, springt einem sein Konterfei auf Straßenbahnen und T-Shirts förmlich in die Augen. Wenig später, in Adenauers Wohnhaus, bewundert Lenka Reinerová das Arbeitszimmer und die prächtige Aussicht ins Rheintal, zögert kurz, lässt sich auf Adenauers Schreibtischstuhl nieder, um der Hausherrin und Leiterin der Stiftung, Corinna Franz, mit leichter Feder das Widmungsexemplar eines Prag-Buches zu signieren.

Ohne Humor und heitere Wehmut kann man sich Lenka Reinerová schwerlich vorstellen. Alle Umschwünge und Umstürze des 20. Jahrhunderts haben ihr, die von Freunden gerne als „pathologische Optimistin“ bezeichnet wird, den Lebensmut nicht nehmen können. Sie hat Vertreibung, Exil, Holocaust, Inhaftierung, Psychofolter, Krebserkrankung erlitten – und überlebt. Damit zeigt sie, dass die Fähigkeit, seinem Schicksal zu trotzen, im Individuum selbst begründet liegt.

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Podiumsgespräch: Hans-Joachim Neubauer (Rheinischer Merkur) und Lenka Reinerová

Am Abend liest Lenka Reinerová auf der Veranstaltung „Literatur und Veranstaltung“, mit der Konrad-Adenauer-Stiftung und Rheinischer Merkur in Bonn eine gemeinsame Reihe eröffnen. Ihr Leitgedanke ist die gesellschaftliche und politische Rolle des Schriftstellers im zusammenwachsenden Europa. „Die Verantwortung liegt beim Menschen“, sagt Lenka Reinerová im Interview: „Literatur kann keine Verantwortung übernehmen. Dass sie beeinflussen kann, hoffe ich. Wichtig ist die Aussage eines Menschen, der viel erlebt hat. Mein Anliegen ist immer mehr die Zeugenaussage“.

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v.l.n.r.: Prof. Birgit Lermen, Lenka Reinerová und Prof. Michael Rutz (Rheinischer Merkur)

Ihren Namen hat sich Lenka Reinerová als letzte Autorin, als „Schlusslicht“ der Prager deutschen Literatur gemacht. Sie steht am Ende einer Reihe großer Autoren, die mit Kafka und Kisch, mit Hašek und Havel beginnt. Heute ist die fast Neunzigjährige eine Zeitzeugin ersten Ranges. Die Zuhörer in Bonn und die Leser ihres nicht umfänglichen, aber reichen Werkes erfahren mehr über Glanz und Niedergang der deutsch-tschechisch-jüdischen Kultursymbiose als aus dicken Geschichtswälzern. In diese „drei Kulturen vernetzt und verstrickt“, ist sie einer Vergangenheit auf der Spur, die nicht vergeht und gerade in Prag aktueller ist als je zuvor. Denn mit dem EU-Beitritt ihres Landes ist die Prager Bürgerin Lenka Reinerová endlich „anerkannter Bürger von Europa“ geworden. Mit sichtlicher Freude zitiert sie am nächsten Tag bei der Lesung an der Universität zu Köln die Begründung: „für die gegenseitige Bereicherung der tschechischen, der deutschen und der jüdischen Kultur in Prag“.

Dass Lenka Reinerová von ihrem „harten, bitteren Los“ ohne Groll, mit kritischem, aber von Humor gemildertem Blick zurück schreiben kann, grenzt an ein Wunder. Sein Urquell ist das „närrische Prag“, dem die Autorin in ihrem 2005 erschienenen Buch gleichen Titels ein Denkmal gesetzt hat. Es ist – wie in dem vorhergehenden Band Zu Hause in Prag und manchmal auch anderswo“ (2000) – das Prag der „sagenhaften Begebenheiten und erlebten Wunder“, in dem Vergangenheit und Gegenwart ineinander fließen und die merkwürdigsten Verbindungen eingehen. In Kafkas Stammcafé ist heute eine Polizeikantine, im Kisch-Café in der Zeltnergasse ein Porzellanladen untergebracht, die ehemalige Synagoge ist eine Korean Church, und das Prager Gefängnis, in dessen unfreundlichen Korridoren und Verhörzimmern sie immer nur mit verbundenen Augen herumgeführt wurde, ist für Außenstehende als „Zweck-Wirtschaft“ getarnt. Indem Lenka Reinerová auf diese Weise „hineinleuchtet ins Erinnern an längst und jüngst Gewesenes, an Abgeschlossenes und weiter Offenstehendes, in das, was man selbst getan hat, oder auch das, was einem angetan wurde“, entdeckt sie die Dauer im Wechsel der Zeiten und eine Aktualität der Geschichte, die ohne „Zugeständnis an die kommerziellen Unarten der Zeit“ auskommt.

Und genau dies unterscheidet Reinerovás Werke von vielen Erinnerungsbüchern deutschsprachiger Emigranten. Ihre autobiographischen Erzählungen sind keine Relikte einer fernen Zeit, sondern Zeugnisse der „schicksalsschweren Epoche“ des 20. Jahrhunderts, deren Wert als historisches Dokument ebenso so viel zählt wie ihr erzählerischer Anspruch. Denn ob es um Erlebnisse in Prag, Belgrad, Marseille oder London (wo ihre Tochter Anna lebt) geht, immer gelingt es der Autorin, die Geschichte von Emigration und Exil mit ihren persönlichen Geschichten zu verbinden und so ihren Lebensweg exemplarisch zu machen für das Schicksal der deutsch-tschechisch-jüdischen Kultur. Auf diese Weise ist Lenka Reinerovás literarisches Lebenswerk ein großes Bekenntnis zu Prag und zu der Kultur dieser Stadt, in der sich ein Epochenbild spiegelt.

Lenka Reinerová Vorbild ist Egon Erwin Kisch. Mit ihm versetzt sie ihren Lebensreportagen jenen Zuschuss an Phantasie, der das Erfahrene und Durchlittene nicht beschönigt, aber in hoffnungsvollem, manchmal versöhnlichem Licht betrachten lässt. Ohnehin ist die Zeitungs- und Literaturstadt Prag ein vorzüglicher Ort für literarische Reportagen. Wie Kisch geht sie den Schicksalen von Straßen und Plätzen, Häusern und Friedhöfen, Gefängnissen und Palästen ihrer Heimatstadt nach. Erkundet wird das Närrische und Obskure, das Randständige und Phantastische dieser Orte, dem man auf Schritt und Tritt begegnet: „vom sagenhaften homunculus Golem über Franz Kafka und den braven Soldaten Schwejk bis zu dem Dissidenten und Autor absurder Dramen Václav Havel, der eines Tages auf der Burg der böhmischen Kaiser und Könige Einzug hielt“.

Der „rasende Reporter“ begleitet sie auch als imaginärer Ratgeber auf ihren Streifzügen. Mit „Egonek“ entdeckt Reinerová Prag als europäische Metropole. Sie macht eine Vergangenheit lebendig, die ihr zu viel und zu oft „entrissen, verteufelt oder verdunkelt“ wurde. Und das entspricht auch dem Anliegen, das sie in Bonn ebenso überzeugend wie wirkungsvoll vortrug: in Prag ein Literaturhaus zu betreiben, nicht als Musealisierung vergangener Literaturgrößen, sondern als Ort der Auseinandersetzung mit der deutschen Literatur in Prag, die mit Lenka Reinerová so lebendig wirkt wie am ersten Tag.

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Notas de acontecimientos
21 de noviembre de 2005
Oliver Ruf: Es „brodelt, werfelt, kischt“

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Sankt Augustin Deutschland