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Die Wannseekonferenz und der Entscheidungsprozess zur Ermordung der europäischen Juden

Auf der Konferenz am Wannsee vom 20. Januar 1942 wurde ein umfassender Plan zur Ermordung der europäischen Juden von Vertretern der NSDAP, des SS- und Polizeiapparates sowie der Ministerialbürokratie und der Besatzungsbehörden in den vom Deutschen Reich eroberten osteuropäischen Gebieten erörtert. Wie kaum ein anderes Dokument spiegelt das Protokoll der Konferenz den ansonsten nur fragmentarisch überlieferten Entscheidungsprozess für den Völkermord wider. Ablesbar ist daraus, dass die Nationalsozialisten im Frühjahr 1942 eine Wende und Radikalisierung ihrer Politik vollzogen: Der Krieg wurde nun nicht mehr geführt, um die Voraussetzungen für die „Endlösung“ zu schaffen, vielmehr sollte der gesamte Krieg nun endgültig den Charakter eines rassistischen Vernichtungskrieges erhalten.

Am 20. Januar 1942 kamen fünfzehn Männer – fast alle hochrangige Vertreter des nationalsozialistischen Staates, der Partei und der SS, darunter vier Staatssekretäre, zwei Spitzenbeamte in gleichwertiger Stellung sowie ein Unterstaatssekretär – auf Einladung von Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamts, in einer luxuriösen Villa in Berlin-Wannsee zusammen. Gegenstand der Besprechung waren laut Einladungsschreiben „mit der Endlösung der Judenfrage zusammenhängenden Fragen“. Die Fünfzehn Männer, darunter zehn mit einem abgeschlossenen Hochschulstudium, unter ihnen neun Juristen, von denen acht einen Doktortitel führten, diskutierten diese Fragen, unter angenehmen äußeren Umständen, in einer idyllischen Umgebung und, so ist dem Protokoll zu entnehmen, sachkundig und engagiert; sie vertraten in Detailfragen durchaus unterschiedliche Standpunkte, ohne dass auch nur einer das Gesamtvorhaben, den Mord an elf Millionen Juden, infrage stellte.

 

Einblick in den Entscheidungsweg für das Jahrhundertverbrechen

Die Wannseekonferenz gilt heute somit als Synonym für den kaltblütigen, bürokratisch organisierten und arbeitsteiligen Massenmord an den europäischen Juden sowie als vielleicht wichtigster Beleg dafür, wie der ideologisch geprägte Vernichtungswahn des NS-Systems auf Anordnung der höchsten Autorität dieses Regimes in staatliches Handeln überführt und gnadenlos exekutiert wurde. Dem Protokoll der Wannseekonferenz kommt aber nicht nur wegen des offen zum Ausdruck gebrachten, menschenverachtenden Zynismus hochrangiger Repräsentanten des NS-Regimes eine herausragende Bedeutung zu. Einzigartig ist es, weil es, wie kein anderes Dokument, in aller Klarheit den ansonsten recht fragmentarischen überlieferten Entscheidungsprozess, der zur Ermordung der europäischen Juden führte, reflektiert. Hier wurde in kaum verklausulierter Form über einen Gesamtplan zur Ermordung der europäischen Juden gesprochen, und zwar in einer Art und Weise, die deutlich macht, dass dieses Jahrhundertverbrechen über SS- und Polizeiapparat hinaus aktiv durch Reichskanzlei, Justiz, Innenministerium, Auswärtiges Amt, zivile Besatzungsbehörden, dem Vierjahresplan-Amt (also die oberste Instanz in der Rüstung) sowie der NSDAP   mitgetragen und mitverantwortet wurde. Das Dokument erlaubt es somit, wie durch ein Fenster in den laufenden Entscheidungsprozess zu blicken, der zur Ermordung der europäischen Juden führte.

Allerdings handelt es nicht um eine Niederschrift des Wortlauts, sondern um eine durch den Protokollführer Adolf Eichmann sorgsam redigiertes Dokument, abgefasst in einer von der grauenhaften Realität der Massenmorde abstrahierenden, bürokratisch eingefärbten Sprache. Sinn und Bedeutung erschließen sich erst durch eine sorgfältige Analyse des Textes sowie des historischen Kontextes.

Suche nach „territorialen Lösungen“ seit 1939

Seit Beginn des Zweiten Weltkrieges hatten die Nationalsozialisten im Zuge ihrer Eroberungen die Judenverfolgung räumlich ausgedehnt und radikalisiert. Im Vordergrund stand seit Herbst 1939 die Suche nach „territorialen Lösungen“: Alle Juden sollten an die Peripherie des deutschen Herrschaftsraumes verschleppt werden, wo sie ohne ausreichende Lebensbedingungen mittel- und langfristig zum Aussterben verurteilt gewesen wären. Nach einem ersten Experiment mit einem „Judenreservat“ im Osten des besetzen Polen („Nisko-Aktion“), war man im Sommer 1940 auf die Idee verfallen, 4 bis 6 Millionen europäischer Juden in die französische Kolonie Madagaskar zu deportieren. Nachdem man sich aber von dieser Vorstellung wegen der Fortsetzung des Krieges durch Großbritannien verabschieden musste, legte Heydrich auf Anordnung Hitlers im Januar 1941 eine dritte Variante einer „territorialen Lösung“ vor: Dieser Heydrich-Plan (der aus anderen Dokumenten erschlossen werden kann) sah vor, die Juden Europas zunächst in das besetzte Polen, später in die zu erobernde Sowjetunion zu verschleppen.

Um diesen Plan konkret weiterverfolgen zu können, ließ sich Heydrich im Juli 1941 durch Hermann Göring (der seit 1938 so etwas wie der Generalbevollmächtigte Hitlers in der „Judenfrage“ war), eine Ermächtigung ausstellen, „alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht zu treffen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflußgebiet in Europa“ und ihm einen „Gesamtentwurf“ über die entsprechenden „Vorausmaßnahmen“ vorzulegen. Auf diese Ermächtigung bezog sich Heydrich, als er fast ein halbes Jahr später zur Wannseekonferenz einlud.

 

Beginn des Völkermords 1941

In diesem Zeitraum traten jedoch zwei Entwicklungen ein, die die „Judenpolitik“ erheblich beeinflussen mussten. Zum einen begann die SS im Zuge des Krieges gegen die Sowjetunion noch während des Sommers 1941 damit, den Terror gegen die dortige jüdische Zivilbevölkerung zum systematischen Völkermord auszudehnen, so dass Ende 1941 in diesen Gebieten bereits mindestens eine halbe Million Menschen ermordet worden waren. Von diesen Morden in ganz neuen Dimensionen musste eine allgemein radikalisierende Wirkung auf die Pläne für eine „Lösung“ der „Judenfrage“ ausgehen.

Zweitens traf Hitler Mitte September die Entscheidung, nun mit der Deportation zunächst von Juden aus dem „Großdeutschen Reich“ in osteuropäische Ghettos zu beginnen und sie später weiter nach Osten zu verschleppen – nachdem er zunächst vorgesehen hatte, den Heydrich-Plan erst nach dem Sieg über die Sowjetunion zu realisieren. Hitlers Entscheidung zur Deportation stand im Kontext seiner sich verändernden Wahrnehmung des weiteren Kriegsverlaufs: Im Laufe des Sommers 1941 wurde ein Kriegseintritt der USA immer wahrscheinlicher und damit zeichnete sich ab, dass der Krieg, der bisher aus einer Serie von kurzen Feldzügen bestanden hatte, sich zu einem alle Ressourcen beanspruchenden, unübersehbarer langen und globalen Konflikt von Allianzen erweitern würde. Dieser Weltkrieg sollte nach Hitlers Vorstellungen, nach außen wie nach innen, als ein „Krieg gegen die Juden“ geführt werden. Er sollte sich also gegen jene imaginierte Macht richten, die die antagonistische feindliche Koalition angeblich zusammenhielt.

Sowohl bei der Ausdehnung der Morde in der Sowjetunion wie auch beim Beginn der Deportationen spielte Himmler – stets in enger Absprache mit Hitler – eine Schlüsselrolle. Dabei setzte Himmler auf die „Höheren SS und Polizeiführer“ (HSSPF) als seine ihm unmittelbar unterstellten, regional zuständigen Generalbevollmächtigten. Damit hatte Himmler neben dem in den letzten Jahren eingespielten Befehlsstrang in der „Judenpolitik“, der von Hitler über Göring zu Heydrich führte, eine zweite Befehlslinie aktiviert: Mit Hitlers direkter Autorisierung konnte Himmler über die HSSPF nun überall steuernd in die „Judenpolitik“ eingreifen.

Die Deportationen von Juden aus dem „Großdeutschen Reich“ in die Ghettos von Lodz, Riga und Minsk, die am 15. Oktober begannen, lösten unter den deutschen Verantwortungsträgern in den Zielgebieten eine Kettenreaktion aus. Dort wurden nun massiv einheimische, meist als „nicht arbeitsfähig“ eingestufte Juden ermordet bzw. umfangreiche Vorbereitungen für die Ermordung dieses Personenkreises getroffen, wobei in allen Fällen die steuernde Hand Himmlers nachweisbar ist: In Chelmno, also im Raum Lodz, ließ der HSSPF Koppe das erste Vernichtungslager errichten, wo die systematischen Morde mit Hilfe von Gaswagen am 8. Dezember begannen. Im Distrikt Lublin im besetzten Polen begann der dort zuständige SS und Polizeiführer Globocnik mit dem Bau eines weiteren Vernichtungslagers in Belzec. Für Riga, wo der HSSPF Jeckeln Massenerschießungen durchführen ließ, sind Überlegungen für den Bau von Gaskammern nachweisbar und in Weißrussland erhielt der HSSPF Bach-Zelewski wohl noch im Herbst 1941 den Auftrag, in Mogilew, gut 100 km östlich von Minsk, ein großes Vernichtungslager zu bauen.

 

Radikalisierung der NS-Propaganda

Während unter dem Eindruck der Deportationen aus Deutschland die Massenmorde bzw. die Mordvorbereitungen an den osteuropäischen Juden eine neue Dimension erreichten, verfestigte Hitler seine Absicht, in dem nun immer wahrscheinlicher, ja unvermeidbar werdenden Fall eines Krieges mit den USA „Rache“ an den Juden zu nehmen. Das Gespenst einer jüdischen Weltverschwörung, das die Vorstellungswelt Hitlers und der führenden Nationalsozialisten beherrschte, diktierte nun immer stärker ihr politisches Handeln. Der „Krieg gegen die Juden“ sollte zur Realität werden. Dementsprechend häuften sich seit Herbst 1941 interne und öffentliche Äußerungen Hitlers und anderer führender NS-Funktionären, in denen die „Vernichtung“ der Juden nicht mehr als Drohung angesprochen wurde (die von einer bestimmten Voraussetzung, also dem Kriegseintritt der USA) abhängig sei, sondern als ein Vorgang beschrieben wurden, der bereits in Gang gekommen war. So griff Hitler in seinem Neujahrsaufruf erneut auf die „Prophezeiung“ vom 30. Januar 1939 zurück, in der er den Tod der europäischen Juden im Falle eines Weltkriegs angedroht hatte. Drei Jahre später kündigte er nun an: "Der Jude aber wird nicht die europäischen Völker ausrotten, sondern er wird das Opfer seines eigenen Anschlags sein“. Diese und andere in ihrer Radikalität kaum noch zu überbietenden Äußerungen Hitlers waren deutliche Signale an die Entscheidungsträger, den bereits in Osteuropa in Gang gekommenen Massenmord an den Juden nun auf das gesamte deutsch beherrschte Gebiet auszudehnen und ihn zu beschleunigen.

In dieser Atmosphäre versandte Heydrich am 29. November die erste Einladung zu einer Endlösungs-Konferenz, die ursprünglich am 9. Dezember stattfinden sollte. Doch inzwischen erfolgte der japanische Angriff auf Pearl Harbour und Hitler entschloss sich, nun seinerseits den USA den Krieg zu erklären, was eine Verschiebung der Konferenz zur Folge hatte.

Die nun endgültig für den 20. Januar 1942 im Gästehaus der Sicherheitspolizei am Wannsee angesetzte Zusammenkunft bildete aus Sicht Heydrichs den Abschluss einer Reihe von interministeriellen Sachbearbeiter-Besprechungen, mit deren Hilfe das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) während des gesamten Jahres 1941 die administrativen Rahmenbedingungen für die vorgesehenen Massendeportationen geschaffen hatte. Einig geworden war man sich über den Verlust der Staatsangehörigkeit und die Einziehung der Vermögen der deportierten Juden, besprochen worden war die Kennzeichnung, die Hitler dann für September 1941 verfügte, strittig war als eigentlich einzig wesentliche Frage, ob auch „jüdische Mischlinge“ aus Deutschland deportiert werden sollten.

 

Zusammenspiel von SS und Ministerialbürokratie

Um diese Besprechungsrunde abzuschließen und damit die Voraussetzungen für die Vorlage des von Göring eingeforderten „Gesamtentwurfs“ für die „Endlösung“ zu schaffen, lud Heydrich nun eine Reihe von Spitzenbeamten, hochrangigen Parteifunktionären sowie von führenden Repräsentanten der SS ein. Die Einladungsliste verdeutlicht zweierlei: Die vorgesehene „Endlösung“ war ein arbeitsteiliges Projekt von SS und Ministerialbürokratie. Und: Höhere SS und Polizeiführer, die in den vergangenen Monaten im Auftrag Himmlers eine immer wichtigere Rolle in der „Judenpolitik“ gespielt hatten, waren von Heydrich wohl ganz bewusst nicht herangezogen worden.

Laut Protokoll eröffnete Heydrich die Sitzung mit der Feststellung, seine von Göring erfolgte „Bestellung zum Beauftragten für die Vorbereitung der Endlösung der europäischen Judenfrage“ erfordere eine „Parallelisierung der Linienführung“ zwischen den beteiligten „Zentralinstanzen“. Dabei liege die „Federführung“ beim „Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei (Chef der Sicherheitspolizei und des SD)“, also bei ihm. Nachdem er so seinen Führungsanspruch unmissverständlich herausgestellt hatte, gab Heydrich einige Einblicke in den Stand und in die weitere Planung auf dem Gebiet der „Judenfrage“, die sicher auch den Zweck hatten, die anwesenden Spitzenbeamten zu Mitwissern und Mitverantwortlichen des Jahrhundertverbrechens zu machen – offiziell festgehalten in dem in 30 Exemplaren ausgefertigten Protokoll.

 

Evakuierungen als Vorstufe der „Endlösung“

Anstelle der bisher im Vordergrund stehenden „Auswanderung“ der Juden, so Heydrich, sei „nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten“ getreten. Diese „Aktionen“ (also die „Evakuierungen“) seien „jedoch lediglich als Ausweichmöglichkeiten anzusprechen“, doch würden „hier bereits jene praktischen Erfahrungen gesammelt, die im Hinblick auf die kommende Endlösung der Judenfrage von wichtiger Bedeutung sind“. Eine nach Ländern geordnete Tabelle, die in das Protokoll eingearbeitet wurde, listete insgesamt elf Millionen Juden auf, die bei „dieser Endlösung der europäischen Judenfrage […] in Betracht“ kämen, wobei hier auch neutrale Staaten bzw. Kriegsgegner aufgeführt wurden. Heydrich unterschied demnach zwei Ebenen: Die „Endlösung“ der europäischen „Judenfrage“, die erst vollständig nach einem deutschen Sieg durchzuführen war, und die inzwischen durch Himmler organisierten „Evakuierungen“, die als „Ausweichmöglichkeiten“ nur provisorischen Charakter hätten und gleichsam einen Vorgriff auf die „Endlösung“ darstellten.

In der zentralen Passage des Dokuments erläuterte Heydrich sodann, dass er sich die „Endlösung“ nach wie vor als ein gigantisches Deportationsprogramm in die besetzen Ostgebiete vorstellte: „In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird“. Die Überlebenden müssten „, entsprechend behandelt werden“, da sie „eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen“ seien. Damit machte Heydrich deutlich, dass diejenigen, die die ungeheuren Strapazen überleben oder sich nicht zur Zwangsarbeit einsetzen ließen – insbesondere Frauen und Kinder - ebenfalls ermordet werden würden, um eine Regeneration der jüdischen Bevölkerung für alle Zukunft zu verhindern.

In der anschließenden allgemeinen, lebhaft geführten Debatte wurde insbesondere die Frage erörtert, ob auch die deutschen „jüdischen Mischlinge“, wie von Heydrich gewünscht, deportiert werden sollten; man konnte sich jedoch weder hier noch in weiteren Besprechungen auf eine einheitliche Linie einigen. Gegen Ende der Sitzung meldeten sich der Staatssekretär im Generalgouvernement für die besetzen polnischen Gebiete, Josef Bühler, sowie der Vertreter des Ministeriums für die besetzten Ostgebiete, Alfred Meyer, mit dem Vorschlag zu Wort, „gewisse vorbereitende Arbeiten im Zuge der Endlösung“ gleich in den betreffenden Gebieten selbst durchzuführen“. Bühlers Hinweis, die große Mehrheit der Juden im Generalgouvernement sei ohnehin „arbeitsunfähig“, lief darauf hinaus, diese Juden nicht erst in den Osten zu deportieren, sondern bereits an Ort und Stelle zu ermorden. Wenn es im Protokoll dann weiter heißt: „Abschließend wurden die verschiedenen Arten der Lösungsmöglichkeiten besprochen“, so deutet darauf hin, dass es tatsächlich um die Mordmethoden ging, die in den besetzten sowjetischen und polnischen Gebieten bereits angewandt bzw. vorbereitet wurden: Massenexekutionen, Gaswagen, Gaskammern.

Auf der Konferenz war somit insgesamt deutlich geworden, dass die Entwicklung des Krieges und die von Himmler ergriffenen Maßnahmen eine Modifizierung des ursprünglichen Heydrich-Planes erforderlich machten. Wichtig war dabei, dass Himmlers Vorgehen, wie Heydrich einräumen musste, im Einverständnis mit Hitler erfolgte, während die Genehmigung seines Planes durch Göring (und damit im Auftrag Hitlers) noch auf sich warten ließ.

 

Die „Endlösung“ als Mittel und Ziel der deutschen Kriegsführung

Tatsächlich wurden die Deportationen aus dem Reich im März 1942 wiederaufgenommen; sie führten nun in Ghettos im Distrikt Lublin im besetzten Polen, wo – wie im vergangenen Jahr in Lodz, Riga und Minsk – die einheimischen Juden ermordet wurden, um so die Deportierten unterzubringen. Dieses Verfahren wurde jedoch im Mai und Juni 1942 radikal geändert; nun wurden auch die verschleppten deutschen Juden unmittelbar in besonderen Mordstätten umgebracht und nach und nach wurden weitere besetzte und verbündete Länder von der Mordmaschinerie erfasst.

Diese Wende fiel zeitlich mit dem Attentat auf Heydrich Ende Mai und seinem Tod Anfang Juni zusammen: Nun konnte sich Himmler, der die Leitung des RSHA bezeichnenderweise selbst übernahm, in vollem Umfang mit der Linie durchsetzen, die er im direkten Auftrag Hitlers entwickelt hatte: Die „Endlösung“ der Judenfrage noch während des Krieges auf die denkbar radikalste Art und Weise herbeizuführen und die rassistische Vernichtungspolitik in ganz Europa zu einem Instrument der nationalsozialistischen Kriegsführung zu machen: Durch die ungeheuerliche Tat eines millionenfachen Mordes sollte der gesamte Krieg endgültig den Charakter eines rassistischen Vernichtungskrieges erhalten; die besetzten und verbündeten Staaten sollten in die rassistische „Neuordnungspolitik“ einbezogen und durch die Beteiligung an einem Verbrechen ohne Beispiel auf Gedeih und Verderb an die deutsche Führungsmacht gebunden werden. Nicht zuletzt sollte auch der deutschen Bevölkerung durch eine Politik des „offenen Geheimnisses“ signalisiert werden, dass man längt alle Brücken hinter sich abgebrochen hatte und nun vor der Alternative Sieg oder Vernichtung durch den „jüdischen Weltfeind“ stand. Der Mord an den Juden wurde so zur Klammer der deutschen Kriegs-, Besatzungs- und Bündnispolitik.

Die Weichenstellungen für die Vertauschung von ursprünglichem Mittel und Ziel, nämlich den Krieg nicht mehr zu führen, um die Voraussetzungen für die „Endlösung“ zu schaffen, sondern die „Endlösung“ in den Dienst der Kriegführung zu stellen – sie wurden maßgeblich eingeleitet auf der Konferenz am Wannsee vom  20. Januar 1942.

 

Professor Dr. Peter Longerich war Professor am Royal Holloway and Bedford New College der Universität London und dort Direktor des Research Centre for the Holocaust and Twentieth-Century History.

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