Text: Sümeyra Yağmur
Vom 34. Stockwerk eines Istanbuler Hotels aus wirkt die Türkei wie ein einziges Versprechen. Unter uns queren Fähren den Bosporus, der Europa von Asien trennt und zugleich verbindet. Dahinter erstrecken sich Hochhäuser, Krankenhäuser und Einkaufszentren bis an den Horizont. Eine Skyline, die Stärke ausstrahlt. Erst auf den zweiten Blick wird sichtbar, dass dieselbe Wirtschaft, die hier in Glas und Beton glänzt, seit Jahren von hoher Inflation belastet wird.
Dieser Blick über Istanbul zählt zu den prägendsten Eindrücken unserer Reise. Er verdichtet vieles von dem, was uns während unseres einwöchigen Forschungsaufenthalts in Ankara und Istanbul als Stipendiatinnen und Stipendiaten des Promotionskollegs „Sicherheit und Entwicklung im 21. Jahrhundert" der Konrad-Adenauer-Stiftung begegnete: die Türkei als ein Land voller Dynamik, Gleichzeitigkeiten und Ambivalenzen. Sie bewegt sich zwischen Tradition und Moderne, wirtschaftlichem Fortschritt und wirtschaftlicher Unsicherheit, geopolitischer Stärke und regionalen Konflikten – und zwischen europäischer Annäherung und einer Außen- wie Innenpolitik, die dazu mitunter in Spannung steht.
Wir reisten zu einem Zeitpunkt, der sicherheitspolitisch kaum bedeutsamer hätte sein können: Im Juli richtet Ankara den NATO-Gipfel aus. Dieses bevorstehende Ereignis prägte fast jedes Gespräch, das wir führten – mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Diplomatie und Zivilgesellschaft. Immer wieder stand eine Frage im Mittelpunkt: Welche Rolle spielt die Türkei, wenn das Bündnis unter Druck gerät?
Die Antwort, die wir häufig hörten, klang zunächst nach Rhetorik: Europa brauche die Türkei mehr als die Türkei Europa. Aber der Satz hat einen realen Hintergrund. Die Türkei ist heute einer der leistungsfähigsten Rüstungsproduzenten innerhalb der NATO – laut Stiftung Wissenschaft und Politik zählten 2022 erstmals vier türkische Unternehmen zu den hundert größten Rüstungskonzernen der Welt. NATO-Generalsekretär Mark Rutte besuchte Ankara im April und sprach bei einem Besuch des Rüstungskonzerns Aselsan von einer „rüstungsindustriellen Revolution". Einigkeit bestand in unseren Gesprächen darüber, dass die Türkei ein unverzichtbarer Partner für europäische und transatlantische Sicherheit ist. Gleichzeitig verfolgt sie als Mittelmacht einen eigenständigen außenpolitischen Kurs: Als NATO-Mitglied pflegt Ankara gute Kontakte zu Moskau, beteiligt sich nicht an den NATO- und EU-Sanktionen, der Handelsaustausch ist stark gewachsen, und sie hat enge Beziehungen zum globalen Süden.
Den Rahmen, in dem sich diese Fragen verdichteten, bot die 18. Istanbul Security Conference der Konrad-Adenauer-Stiftung, an der wir als Delegation teilnahmen. Seit 2008, gemeinsam mit der Başkent Universität organisiert, zählt sie zu den bedeutendsten sicherheitspolitischen Dialogforen der Region; in diesem Jahr kamen Vertreterinnen und Vertreter aus rund 30 Ländern zusammen. Der Titel lautete: The Turkish NATO Moment in 2026 – Security Outlook for Türkiye, Europe and Beyond.
Bereits die Eröffnungsbeiträge – u. a. von Dr. Thomas Volk, Leiter der Abteilung Naher Osten und Nordafrika der Konrad-Adenauer-Stiftung – verdeutlichten die zentrale Bedeutung der Türkei für die europäische und transatlantische Sicherheitsarchitektur. In den Panels und Workshops standen neben der Rolle der Türkei innerhalb der NATO die sicherheitspolitischen Herausforderungen im regionalen Umfeld sowie Fragen hybrider Kriegsführung im Mittelpunkt. Zudem trat ein Dissens zutage, der das Bündnis durchzieht: Wie weit reicht die gemeinsame Verantwortung der NATO? Die Hormuz-Krise hat gezeigt, dass die Mitgliedstaaten darauf keine gemeinsame Antwort haben. Dieselbe Frage stellt sich im östlichen Mittelmeer, wo Bündnispartner wie Italien und Griechenland seit Jahren auf eine stärkere NATO-Präsenz an der südlichen Flanke drängen und Zypern der Allianz beitreten möchte – mit begrenztem Erfolg. Ein Grund dafür ist die alte, ungelöste Blockade: Der Zypernstreit belastet die sicherheitspolitische Zusammenarbeit zwischen NATO und EU seit Jahrzehnten.
Um ein Land zu verstehen, reicht es nicht, nur über Sicherheitspolitik zu sprechen. Ein vertieftes Verständnis erfordert auch die Auseinandersetzung mit seiner Geschichte, Kultur und Gesellschaft. Eine Stadtführung durch die historische Altstadt Istanbuls öffnete den Blick auf das, was hinter den politischen Debatten liegt. Moscheen, Kirchen und Synagogen stehen dort nah beieinander – Zeugnisse einer langen Tradition des interreligiösen Zusammenlebens. Als historische Schnittstelle zwischen Europa und Asien war Istanbul über Jahrhunderte hinweg Heimat unterschiedlicher religiöser und kultureller Gemeinschaften, deren Spuren bis heute das Stadtbild prägen. Zugleich wird hier das Nebeneinander des osmanischen Erbes und der modernen Republik sichtbar, die beide die Identität der Türkei bis heute prägen und unterschiedliche historische Bezugspunkte für gesellschaftliche und politische Debatten bilden.
Die Kontraste zeigten sich auch in Ankara: Die Millet Kütüphanesi, die größte Bibliothek der Türkei, beeindruckt durch ihre Architektur, die an Größe und Prunk des Osmanischen Reiches erinnert – und zugleich hochmodern ausgestattet ist. Wenige Kilometer entfernt steht die Große Nationalversammlung: bewusst schlicht, funktional, ein republikanischer Gegenentwurf. Der unmittelbare Vergleich beider Gebäude verdeutlichte nicht nur das Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, sondern auch, dass die Türkei bis heute von unterschiedlichen historischen Bezugspunkten geprägt wird. Je nach politischer Perspektive steht entweder die Rückbesinnung auf das osmanische Erbe oder die Orientierung an den Idealen der modernen Republik nach Mustafa Kemal Atatürk im Vordergrund. Diese beiden Bezugssysteme prägen nicht nur das innenpolitische Selbstverständnis – sie wirken sich auf die außenpolitischen Prioritäten des Landes und damit auf seine Rolle innerhalb der NATO aus.
Unseren letzten Abend verbrachten wir beim gemeinsamen Abendessen am Bosporus – diesmal nicht mehr über den Dächern der Stadt, sondern unmittelbar am Wasser. Der Weg vom 34. Stockwerk an das Ufer war nicht nur ein räumlicher. Aus einer anfänglichen Beobachtung aus der Distanz war ein differenzierteres Verständnis geworden – eines, das sich erst durch direkte Begegnungen erschließt. Kaum ein NATO-Partner verkörpert so viele Widersprüche wie die Türkei: Die Beziehungen sind komplex, nicht selten von Spannungen geprägt und dennoch bleibt das Land ein unverzichtbarer Partner für die Sicherheit Europas und des transatlantischen Bündnisses. Wie tragfähig die Beziehung ist, wird sich auch beim Gipfel in Ankara zeigen.
Anlass: Auslandsreise in die Türkei des Promotionskollegs „Sicherheit und Entwicklung im 21. Jahrhundert“, 10. Mai 2026 bis 17. Mai 2026 in Ankara und Istanbul
Autorin: Sümeyra Yağmur, Stipendiatin des Promotionskollegs
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