Die Veranstaltung verband biografische Perspektiven mit zeithistorischer Analyse und ordnete Adenauers Erfahrungen im Nationalsozialismus in größere politische und gesellschaftliche Zusammenhänge ein. Als Referenten sprachen zwei ausgewiesene Kenner der deutschen Zeitgeschichte: Sven Felix Kellerhoff (Die Welt) und Prof. Dr. Dominik Geppert (Universität Potsdam).
Die Moderation des Abends übernahm Dr. Kathrin Zehender, Leiterin des Politischen Bildungsforum Brandenburg der Konrad-Adenauer-Stiftung. In ihrer Einführung würdigte sie Adenauer als zentrale Persönlichkeit der deutschen Geschichte, dessen Leben vier politische Epochen umfasste und dessen Entscheidungen als erster Bundeskanzler bis heute nachwirken – in den Institutionen, der europäischen Integration, der Westbindung sowie der sozialen und wirtschaftlichen Ordnung Deutschlands. Das Jubiläum steht unter dem Motto „Wir wählen die Freiheit“, mit dem Adenauer 1952 für die Westbindung warb. Dieses Motto wird als zeitloser Auftrag verstanden, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie auch in gegenwärtigen Krisenzeiten zu verteidigen und ist damit auch heute noch hoch aktuell.
Im Anschluss hielt Geppert einen Vortrag über Konrad Adenauers Erfahrungen im Nationalsozialismus und wie diese ihn persönlich und politisch prägten. Er unterschied dabei vier verschiedene Phasen: Politische Opposition, Verteidigung auf dem Rechtsweg, Innere Emigration und Verfolgung.
Widerstand als Kölner Oberbürgermeister
Zunächst beurteilte Geppert Adenauers politische Lebensleistung als Ganzes: Konrad Adenauer wird vor allem als erster Bundeskanzler, Architekt der Westbindung, Mitbegründer der deutsch-französischen Freundschaft und Initiator wichtiger sozialpolitischer Reformen erinnert. Dabei gerät oft in Vergessenheit, dass er diese prägenden Leistungen erst im hohen Alter erbrachte – als „Wundergreis“, der spät historisch wirksam wurde. Adenauer war jedoch kein Spätstarter: Bereits im Kaiserreich politisch geprägt, stieg er früh zum Kölner Oberbürgermeister auf und war in der Weimarer Republik ein einflussreicher, tatkräftiger Kommunalpolitiker und möglicher Reichskanzlerkandidat. Als konservativer Katholik war er stark vom rheinisch-katholischen Milieu geprägt.
In der Endphase der Weimarer Republik und zu Beginn des „Dritten Reichs“ trat Adenauer den Nationalsozialisten als selbstbewusster Kommunalpolitiker und politischer Gegner entgegen. Zwar erkannte er den Nationalsozialismus als gefährliche Bewegung, unterschätzte jedoch zunächst dessen totalitäre Radikalität. Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler verschärfte Adenauer seinen Widerstand deutlich. Er verweigerte dem Regime symbolische Loyalität, ließ Hakenkreuzfahnen entfernen, protestierte als Preußischer Staatsrat gegen rechtswidrige Maßnahmen Görings und griff die Nationalsozialisten im Kommunalwahlkampf offen als Bedrohung des Rechtsstaats an. Dadurch wurde er in Köln zu einem der sichtbarsten Gegner des Regimes und geriet massiv unter Druck. Nach seiner rechtswidrigen Absetzung als Oberbürgermeister im März 1933 floh Adenauer aus Köln. Damit endete seine Phase als politischer Opponent, der innerhalb der bestehenden Verfassungsordnung Widerstand leistete.
Juristische Auseinandersetzung
Nichtsdestotrotz versuchte Adenauer, sich gegen das NS-Regime vor allem auf dem Rechtsweg zu verteidigen. Über mehrere Jahre kämpfte er juristisch um seine Pensionsansprüche und gegen ein Dienststrafverfahren wegen angeblicher Korruption. Als Jurist vertraute er zunächst auf rechtsstaatliche Verfahren, nutzte Anwälte, Eingaben und persönliche Kontakte, um seinen Ruf zu wahren und seine wirtschaftliche Existenz zu sichern, da er nach Vermögensverlusten auf die Bezüge angewiesen war. Die Verfahren zeigten dennoch deutlich die Doppelstruktur der NS-Herrschaft: Einerseits waren noch formale, teils rechtsstaatliche Verfahren möglich – das Dienststrafverfahren wurde eingestellt, und 1937 erhielt Adenauer einen Teil seiner Pension. Andererseits nahm Willkür zu, etwa durch den erzwungenen Verkauf seines Kölner Hauses unter Wert.
Innere Emigration und Verfolgung
Seit Mitte der 1930er Jahre zog sich Adenauer in die „innere Emigration“ zurück und lebte mit seiner Familie in Rhöndorf. Er führte ein zurückgezogenes Privatleben, beschäftigte sich mit Gartenarbeit, Lektüre und technischen Erfindungen und pflegte nur noch Kontakte zu engen, meist katholischen Freunden. Trotz des Rückzugs blieb Adenauer politisch interessiert und gut informiert und äußerte im vertrauten Kreis Kritik am NS-Regime. Eine aktive Beteiligung am organisierten Widerstand lehnte er jedoch bewusst ab, da er die Erfolgsaussichten für gering und die Risiken für sich und seine Familie für zu hoch hielt.
Trotz seines Rückzugs blieb Adenauer für das NS-Regime ein politischer Gegner und wurde wiederholt verfolgt. Bereits während der „Röhm-Putsch“-Säuberungen 1934 wurde er verhaftet und kurzzeitig festgehalten – eine Erfahrung, die ihm die völlige Willkür und Rechtlosigkeit des Regimes endgültig vor Augen führte. Auch danach stand er weiter unter Druck: Er wurde zeitweise aus dem Raum Köln ausgewiesen, musste Zuflucht an anderen Orten suchen und lebte mit der ständigen Angst vor erneuter Verfolgung. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde Adenauer im Zuge der „Aktion Gitter“ erneut verhaftet, in ein Arbeitserziehungslager gebracht und später nach einer Flucht erneut festgenommen. Die anschließende Einzelhaft im Gestapo-Gefängnis Brauweiler erlebte Adenauer als Zeit permanenter Todesangst. Auch seine Frau wurde inhaftiert, unter massiven Druck gesetzt und schwer traumatisiert. Erst Ende November 1944 kam Adenauer – gesundheitlich angeschlagen und nur mit Hilfe seiner Familie – frei.
Pessimistisches Menschenbild
Aus den Erfahrungen mit der nationalsozialistischen Diktatur heraus, entwickelte er ein pessimistisches Menschenbild und großes Misstrauen gegenüber der politischen Verführbarkeit der Deutschen. Daraus leitete er die Aufgabe ab, das Land dauerhaft vor Nationalismus und neuer Diktatur zu schützen. Zentral wurde für ihn der Aufbau eines starken Rechtsstaats und einer „wehrhaften Demokratie“, als Lehre aus dem raschen Zusammenbruch der Weimarer Ordnung. Adenauer misstraute revolutionären Konzepten und setzte stattdessen auf stabile Institutionen, schrittweise Reformen und erfahrene Eliten; die NS-Vergangenheit einzelner Personen trat dabei oft hinter fachliche und soziale Kriterien zurück.
Die Erfahrung zweier totalitärer Systeme – des Nationalsozialismus und der Sowjetunion – führte zu seinem entschiedenen Antitotalitarismus, seinem Antikommunismus und zur konsequenten Westbindung als Garantie von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Auch wenn seine Politik von manchen als restaurativ kritisiert wurde, erlebten viele Zeitgenossen die Adenauer-Ära als Phase der Modernisierung, Öffnung und als Gründungszeit einer stabilen westdeutschen Demokratie.
Lehren aus der Diktaturerfahrung
Die anschließende Diskussion konzentrierte sich auf Konrad Adenauers Haltung und Erfahrungen im Nationalsozialismus sowie deren langfristige Folgen für seine Politik nach 1945. Sven Felix Kellerhoff und Kathrin Zehender diskutierten die Bedeutung des sog. „Röhm-Putsches“, der lange wenig erforscht blieb, obwohl er für die Konsolidierung der NS-Diktatur zentral war. Die Mordaktion machte den terroristischen Charakter des Regimes offen sichtbar und beeinflusste auch Adenauers Einschätzung des Nationalsozialismus, den er anfangs unterschätzt hatte. Ein weiterer Schwerpunkt war Adenauers Rolle als politisch aktiver Mensch, der zur Untätigkeit gezwungen wurde. Sein Rückzug in die innere Emigration, seine Weigerung, sich aktivem Widerstand anzuschließen, sowie die Bedeutung von Familie, Religion und katholischer Prägung wurden thematisiert. Dominik Geppert sprach darüber, wie prägend das Scheitern der Weimarer Demokratie für Adenauer war und erklärte, wie umstritten die Einschätzung des Historikers Hennig Köhler ist, er sei in der Diktatur vergleichsweise „glimpflich davongekommen“.
Ein weiterer Themenblock betraf Adenauer und den Osten: die diffamierende Darstellung in der SED-Propaganda, der Vorwurf, er habe durch die Westbindung die Teilung vertieft, sowie die Frage, inwiefern seine Diktaturerfahrung seine Deutschlandpolitik prägte. Ausführlich wurde auch der Umgang mit der NS-Vergangenheit in der frühen Bundesrepublik besprochen, etwa am Beispiel Hans Globkes und des Vorwurfs einer „Schlussstrich-Mentalität“. Mit Blick auf gegenwärtige Herausforderungen zeigte die Diskussion, dass Adenauers Politik, seine Haltung und Werte auch heute noch aktuell sind und in Krisenzeiten Orientierung bieten.
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