Der Entwicklungsbegriff

Eine US-Soldatin der ISAF mit afghanischen Kindern U.S. Army / Spc. Nicholas T. Loyd / Flickr / CC BY 2.0
Eine US-Soldatin der ISAF mit afghanischen Kindern

Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann die Entwicklungsdebatte an internationaler Relevanz. In den 1950/60er Jahren stand die Entwicklungshilfe unter dem Eindruck von Wirtschaftsfragen und der Modernisierungstheorie. Demnach sei es für die unterentwickelten Länder am besten, die Organisationsformen und das Wirtschaftssystem der fortgeschrittenen Staaten zu übernehmen. Dagegen wandten sich u.a. die Dependencia-Ansätze aus Lateinamerika, die in der jahrhundertelangen Abhängigkeit (dependencia) von den aktuellen Industrienationen den Hauptgrund für aktuelle Entwicklungsprobleme ausmachte. In den 1970/80er Jahren kam es zu intensiven Debatten zwischen Anhängern der Modernisierungs- und Dependenztheorien. Den Dependencia-Anhängern wurde eine weitgehende Externalisierung des Entwicklungsproblems vorgehalten, d.h. negative Aspekte in den eigenen Gesellschaften wurden auf die Industrieländer zurückgeführt und die Rolle der internen Eliten meist ausgeklammert. Als eine Folge dieser Diskussion wurde statt von Entwicklungshilfe von Entwicklungszusammenarbeit gesprochen; 1977 wurde unter dem Vorsitz Willy Brandts eine „Unabhängige Kommission für Internationale Entwicklungsfragen“ gegründet. Sicherheitsfragen spielten insgesamt eine untergeordnete Rolle, implizit wurde davon ausgegangen, dass Unsicherheit und Gewalt Folgen mangelnder Entwicklung seien.

Der Entwicklungsbegriff hat seitdem an Konturen verloren. Nach 1989/1990 war zunehmend nicht mehr von den Entwicklungsländern oder gar einer Dritten Welt die Rede (im Unterschied zur Ersten Welt der Industriestaaten sowie der Zweiten Welt des Staatssozialismus), sondern zunächst von den südlichen und östlichen Ländern, d.h. an die Stelle politischer oder normativer Begriffe traten geographische Zuordnungen. Im Zuge des Aufstiegs des Globalisierungsbegriffs traten globale Studien bzw. die Bezeichnung als „globaler Süden“ an die Stelle der traditionellen Entwicklungsländerforschung. Hinzu kamen postmodernistische, postkolonialistische und später post-extraktivistische Ansätze. Einzelnen Regionen des Südens wurde eine eigene Modernität attestiert, womit die Frage des Nachholens oder Einholens gegenüber den Industrienationen scheinbar erledigt schien. Die Entwicklungszusammenarbeit der Bundesrepublik wurde seit den 1980er Jahren verstärkt auf Nichtregierungsorganisationen (NGOs), soziale Bewegungen und Minderheitenrechte ausgerichtet. Mit Blick auf einzelne Weltregionen (besonders Afrika) wurden Interventionen zur Eindämmung humanitärer Krisen auch von einigen Entwicklungstheoretikern keineswegs ausgeschlossen.

In der deutschen und internationalen Entwicklungszusammenarbeit gewann der Terminus „Nachhaltigkeit“ eine hohe Bedeutung, auch wenn ihm in den südlichen und auch verschiedenen westlichen Ländern ein anderes Verständnis zugrunde liegt als in Deutschland oder er einen insgesamt geringeren Stellenwert einnimmt. Die vergleichsweise kleine Gruppe von Wissenschaftlern an Universitäten und Forschungsinstituten, die sich mit Entwicklungsfragen hierzulande beschäftigen, geht vor allem von Fragen der Verteilung und der Gerechtigkeit aus. Eine stärkere Verbindung zwischen Sicherheit und Entwicklung wird erst seit der Flüchtlings- und Migrationskrise ab 2015 hergestellt, allerdings weniger in der wissenschaftlichen Literatur als in Absichtserklärungen zur Entwicklungszusammenarbeit von Regierungsseite.

Angesichts der sich auseinander entwickelnden Positionen wird sich das Promotionskolleg zunächst mit „klassischen“ Entwicklungsbegriffen (Modernisierungstheorien, Dependencia-Ansätze) befassen, um anschließend einen Überblick über die Vielfalt der Ansätze im 21. Jahrhundert zu geben. Anschließend wird zu fragen sein, welche von ihnen sich für den Zusammenhang von Sicherheit und Entwicklung eignen.

Kontakt

Dr. Simon Backovsky

Dr

Referent / Geschäftsführer Promotionskolleg "Sicherheit und Entwicklung"

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