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Marokkos politische Mitte in einem hybriden System

Zwischen Parteienpluralismus und monarchischer Einflussnahme

Demokratische Institutionen existieren in Marokko – doch die politische Macht liegt weiterhin stark beim Königshaus. In einem Spannungsfeld zwischen monarchischer Vorherrschaft und den Forderungen der „Generation Z 212“ nach echter Mitbestimmung versuchen sich Marokkos Mitte-rechts-Parteien zu behaupten. Wie viel Einfluss haben sie tatsächlich? Gelingt es den bürgerlichen Kräften, das Vertrauen der Jugend zurückzugewinnen – und was steht bei den Parlamentswahlen 2026 auf dem Spiel?

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Auf einen Blick
  • Marokkos Parteien bewegen sich in einem hybriden System, in dem Wahlen und Parlamente bestehen, aber zentrale Weichenstellungen eng mit der Monarchie abgestimmt bleiben. Die politische Mitte spielt darin eine Schlüsselrolle, da sie Stabilität gewährleistet und zugleich begrenzte Gestaltungsspielräume innerhalb monarchischer Leitplanken nutzt.
  • Istiqlal und Rassemblement National des Indépendants (RNI) sind seit 2021 gemeinsam Teil einer Regierungskoalition und prägen als systemloyale Mitte-rechts-Parteien die politische Agenda. Istiqlal setzt auf Tradition und moderate Reformen, während der RNI technokratische Modernisierung und wirtschaftliche Entwicklung betont. Beide Parteien sind Partner der Europäischen Volkspartei (EVP) und agieren prowestlich.
  • Das Regierungsbündnis steht vor der Aufgabe, gesellschaftlichen Erwartungen – insbesondere jenen der zunehmend frustrierten Jugend – gerecht zu werden, ohne die strukturellen Grenzen des Systems zu überschreiten. Proteste und sinkendes Engagement in Parteien zeigen wachsende Distanz zur politischen Elite.
  • Die im September 2026 anstehenden Parlamentswahlen finden vor dem Hintergrund anhaltender Fragmentierung und voraussichtlich geringer Wahlbeteiligung statt. Für die politische Mitte bleibt die Herausforderung, Stabilität zu sichern und zugleich Vertrauen zurückzugewinnen.
 

Die marokkanische Parteienlandschaft im Überblick

  • Istiqlal (mitte-rechts)
  • Mouvement Populaire (sozialliberal)
  • PAM (liberal)
  • PJD (Islamisten)
  • PPS (links)
  • Rassemblement National des Indépendants (RNI, mitte-rechts)
  • Union Constitutionnelle (liberal-konservativ)
  • USFP (sozialdemokratisch)
 
 

Ein hybrides System: Monarchie dominiert, Parlament konsultiert

Im Königreich Marokko treffen demokratische Strukturen auf eine allgegenwärtige monarchische Vorherrschaft. Das politische System gilt als hybride Staatsform1, in der einerseits Parlamente und Wahlen existieren, andererseits aber der König und sein Umfeld (der sogenannte Makhzen) die Leitlinien der Politik bestimmen.2 Parteien der politischen Mitte – allen voran die altehrwürdige Istiqlal (Unabhängigkeitspartei) und die wirtschaftsliberale Partei Rassemblement National des Indépendants (Nationale Sammlung der Unabhängigen, RNI) – spielen in diesem Gefüge eine wichtige Rolle. Sie fungieren als zuverlässige Partner der Monarchie. Aus einer gemeinsamen Regierungskoalition agierend, müssen sie sich mit den Parlamentswahlen 2026 allerdings einer weiteren Bewährungsprobe stellen.

Formell ist das Königreich seit der Verfassungsreform von 2011 – erlassen im Zuge des sogenannten Arabischen Frühlings – eine konstitutionelle Monarchie mit gewählten Parlamenten und gewählter Regierung.3 De facto jedoch bleibt die Macht stark im Palast konzentriert. Wichtige Souveränitätsressorts wie Außenpolitik, Inneres, Militär und Religion sind zwar Bestandteil des Regierungskabinetts, die Leiter werden allerdings direkt vom Monarchen ernannt und gelten somit als parteipolitisch neutral. Die Verfassung von 2011 gab dem Parlament und der Regierung zwar mehr Kompetenzen,4 doch ihr Handlungsspielraum bleibt eng begrenzt. Richtungs- und wichtige Personalentscheidungen werden weiterhin im Königspalast getroffen. Dadurch ergibt sich ein Spannungsfeld: Wahlen finden regelmäßig und weitgehend frei statt, doch ihre Funktion besteht primär darin, jene Partei zu ermitteln, welche die königliche Agenda am reibungslosesten umsetzen kann. Die übergeordneten Leitlinien der Staatspolitik – von großen Entwicklungsplänen bis zur Außenpolitik – werden hingegen in Reden und Initiativen des Königs formuliert. Die Parteipolitik ist somit nicht die visionäre Kraft im Land, sondern im besten Fall Managerin der königlichen Reformagenda.

Den Parteien der politischen Mitte – allen voran Istiqlal und RNI – kommen in diesem System bedeutsame Rollen zu. Gerade weil radikale oder antimonarchische Kräfte in Marokko marginalisiert bleiben, bilden die gemäßigten, systemloyalen Parteien faktisch das Zentrum des parteipolitischen Betriebs. Istiqlal und RNI gelten dabei als wichtige Pfeiler des Parteiensystems und pflegen zudem enge Beziehungen zur europäischen Mitte-rechts-Familie. So sind beide Parteien seit 2018 offizielle Partner der Europäischen Volkspartei (EVP). Doch wie gestalten Istiqlal und RNI Politik unter den Bedingungen begrenzter parlamentarischer Macht? Und wie bereitet sich die politische Mitte auf die Parlamentswahlen im September 2026 vor?

 

Ein einzigartiges Wahlsystem als Garant der Pluralität – und Fragmentierung

Ein entscheidendes Instrument, mit dem das marokkanische System gesteuert wird, ist das Wahlrecht. Dieses wurde über die Jahre so gestaltet, dass es einerseits pluralistische Wahlen ermöglicht, andererseits aber verhindert, dass eine einzelne Partei eine dominante Mehrheit erringt, die den Einfluss des Palastes schmälern könnte. Marokko verfügt über ein langjähriges Mehrparteiensystem; und besonders in der Herrschaftszeit von König Hassan II. (1961 bis 1999) kam es zu einer Fragmentierung der Parteienlandschaft – teils durch bewusste Förderung neuer Parteien durch den Palast. Zuletzt hat die Wahlrechtsreform von 2021, die unmittelbar vor der jüngsten Parlamentswahl umgesetzt wurde, entscheidenden Einfluss auf die Parlamentszusammensetzung genommen.5 Unter anderem wurde die Drei-Prozent-Hürde abgeschafft, was kleinen Parteien den Einzug ins Parlament erleichterte. Noch bedeutsamer war jedoch die Änderung des Berechnungsmodus für die Sitzverteilung: Erstmals wurden die Sitze nicht mehr nach den tatsächlich abgegebenen Stimmen berechnet, sondern auf Basis der registrierten Wähler in jedem Wahlkreis – unabhängig davon, wie viele überhaupt zur Wahl gingen. Diese ungewöhnliche Berechnungsgrundlage – einzigartig im internationalen Vergleich – senkt den Erfolgswert einer Stimme und benachteiligt insbesondere große Parteien mit hoher Wählerresonanz. Diese Änderung hat erhebliche Auswirkungen: Da der Divisor (die Zahl der Wahlberechtigten) nun weitaus größer ist als die Zahl der tatsächlich abgegebenen Stimmen, schrumpft die errechenbare Mandatszahl für stimmenstarke Parteien erheblich. Es ist damit nahezu ausgeschlossen, dass eine Partei mehr als einen Sitz pro Wahlkreis gewinnen kann, egal, wie überwältigend ihr Stimmenanteil dort ist. Für die Verteilung der Parlamentssitze pro Wahlkreis spielt sodann die Reihenfolge der Ergebnisse eine wichtige Rolle. Kann die stimmenstärkste Partei nicht mehr als einen Sitz erringen, werden die restlichen Sitze auf die nachfolgenden Parteien verteilt. Die größten Wahlkreise in den bevölkerungsreichen Großstadtbezirken verfügen über sechs Sitze, von denen meist ebenso viele Parteien profitieren. Die Mehrzahl der Wahlkreise Marokkos, insbesondere im ländlichen Raum, umfasst jedoch nur zwei oder drei Sitze. Um als Wahlsieger hervorzugehen, benötigt eine Partei somit landesweit gute Ergebnisse in den vorrangig traditionell geprägten Regionen. In diesem Wahlsystem ist es keiner politischen Kraft möglich, deutlich mehr als 100 der 395 Sitze zu erringen. Eine niedrige Wahlbeteiligung (2021 lag sie bei 50,35 Prozent6) verstärkt diesen Effekt zusätzlich.

Zweifel an der Bedeutung der eigenen Wählerstimme tragen zur niedrigen Wahlbeteiligung und Politikverdrossenheit bei.

So brachte die Parlamentswahl 2021 eine noch stärker fragmentierte Volksvertretung hervor. Die bis dahin regierende islamistische Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD), die 2011 und 2016 noch stärkste Kraft gewesen war, stürzte von 125 auf nur 13 Sitze ab. Gewinner waren stattdessen die liberal-konservativen Mitte-Parteien: Erster wurde der RNI mit 102 von 395 Sitzen, gefolgt von der palastnahen Partei für Authentizität und Modernität (PAM) mit 87 Sitzen und der Istiqlal mit 81 Mandaten. Dass der RNI trotz des Wahlrechts mehr als 100 Sitze erlangte, verdeutlicht den landesweit überwältigenden Wahlsieg.

Aus Sicht der Staatsmacht erfüllt das Wahlsystem seinen Zweck, indem es Vielfalt sichert und Machtkonzentration verhindert, insbesondere hin zu den extremen Rändern. Die Vielfalt des Parteiensystems wird in den Städten sichtbar, wo bis zu sechs Parteien pro Wahlkreis Hoffnungen auf Sitze im Parlament haben können. In den Städten sind allerdings auch die extremeren Positionen, sowohl im linken als auch im islamisch-konservativen Spektrum, vertreten. Diese können zwar mit Mandaten in ihren Hochburgen rechnen, jedoch nicht mit mehr als andere Parteien. Die Zersplitterung der Parteienlandschaft – oft beklagt als Schwäche – ist somit in Wahrheit eine implizite Stabilitätsgarantie. Indem keine einzelne Partei das gesamte Regierungshandeln dominieren kann, bleibt der König als überparteilicher Schiedsrichter unentbehrlich. Für die Wähler allerdings hat dies einen Preis: Viele Bürger bezweifeln, dass ihre Stimme grundlegende Änderungen bewirken kann. Dies trägt zur niedrigen Wahlbeteiligung und Politikverdrossenheit bei. Vor diesem Hintergrund müssen sich Istiqlal und RNI als Akteure der politischen Mitte immer wieder behaupten.

 

Die Parteien der Mitte: Pfeiler des politischen Betriebs

In Marokkos Parteienspektrum verkörpern Istiqlal und RNI die traditionelle Elite – im Gegensatz zu ideologisch stärker profilierten Kräften wie den Islamisten der PJD oder den linken Parteien. Istiqlal und RNI gelten als systemloyal, akzeptieren folglich die Monarchie als oberste Instanz, arbeiten in ihrem Rahmen und stehen ideologisch für wirtschaftsliberale Politik mit sozialkonservativem Einschlag. International gelten sie als gut vernetzt und verkörpern einen dezidiert prowestlichen Kurs. Als Partner der EVP nehmen sie an den europäischen Debatten teil und plädieren für eine stärkere internationale Einbindung Marokkos.

Ihre Bewährungsprobe besteht jedoch im Binnenverhältnis von Staat und Parteien. Trotz aller Nähe zum Palast müssen Istiqlal und RNI ihre Relevanz dadurch beweisen, dass sie zwischen den Bedürfnissen der Bevölkerung und den Vorgaben der Monarchie vermitteln. Sie agieren gewissermaßen als Puffer im hybriden System: Sie verschaffen der politischen Arena demokratische Legitimation und geben gesellschaftlichen Interessen zumindest teilweise eine Stimme.

 

Istiqlal – Tradition, Monarchietreue und neues Profil

Die Parti de l’Istiqlal ist die älteste Partei Marokkos. Als einzige Partei Marokkos ist sie zudem Mitglied der Zentristisch Demokratischen Internationalen (IDC-CDI) sowie der Internationalen Demokratischen Union (IDU). Istiqlal vertritt damit die marokkanische Perspektive in den internationalen Netzwerken der Mitte-rechts-Parteienfamilien. Gegründet 1944 im Kampf gegen das französische Protektorat, verkörpert sie bis heute ein Stück Nationalgeschichte. Istiqlal führte die Unabhängigkeitsbewegung an, stellte nach 1956 die ersten Regierungschefs und wurde somit zur prägenden Kraft der frühen Staatspolitik, geriet jedoch in den 1960er- und 1970er-Jahren in Rivalität mit König Hassan II., der konkurrierende Machtzentren nicht akzeptierte.7 In dieser Zeit spalteten sich linke Flügel ab (etwa der Vorläufer der heutigen sozialdemokratischen Sozialistischen Union der Volkskräfte, USFP), während Istiqlal selbst eher konservativ-nationalistisch blieb.8 Unter König Hassan II. durchlebte diese Partei Phasen der Opposition und der Kooptation: Mal wurde sie marginalisiert, mal wieder in Regierungskoalitionen eingebunden, je nach Kalkül des Palastes. Diese Fähigkeit zum politischen Überleben und zur Anpassung hat Istiqlal zu einer Art staatstragender Institution reifen lassen – immer systemloyal, aber doch mit eigenem Profil.

Trotz ihrer Regierungsbeteiligung pflegt Istiqlal bewusst ein weiterhin eigenständiges Profil.

Ideologisch betont Istiqlal soziale Gerechtigkeit im Rahmen einer marktwirtschaftlichen Ordnung und ist traditionell tief in der städtischen Mittelschicht sowie im ländlichen Milieu verwurzelt. Während der zehnjährigen Regierungszeit der islamistischen PJD ab 2011 war Istiqlal zunächst Koalitionspartner, trat 2013 jedoch aus der Koalition aus. Ab 2017 erneuerte Istiqlal sich personell: Mit Nizar Baraka, einem Enkel des Gründervaters Allal al-Fassi, übernahm ein moderater Technokrat die Führung und führte die Partei zurück in die vorderen Ränge. Bei der Wahl 2021 konnte Istiqlal unter Barakas Führung deutlich zulegen (von 46 auf 81 Sitze) und ist seither als drittstärkste Kraft eine tragende Säule der Regierung.

Trotz ihrer Regierungsbeteiligung pflegt Istiqlal bewusst ein weiterhin eigenständiges Profil. Sie präsentiert sich als werteorientierte Mitte-rechts-Partei, die gleichermaßen wirtschaftliche Entwicklung und sozialen Ausgleich anstrebt. Im Herbst 2025 etwa veröffentlichte Istiqlal eine umfangreiche wirtschaftspolitische Stellungnahme, in der sie eine Stärkung des Sozialstaates forderte, den Schutz der Kaufkraft der Familien anmahnte und mehr Souveränität in Schlüsselbereichen wie Gesundheit, Energie und Wasser verlangte.9 Dieses Papier enthielt indirekte Kritik am Regierungsstil der Koalitionspartner RNI und PAM. Istiqlal demonstrierte damit zweierlei: zum einen ihre fachliche Kompetenz und programmatische Substanz, zum anderen ihr Bestreben, sich trotz Regierungskoalition von ihren Partnern abzugrenzen. Diese Gratwanderung – regieren und dennoch eigenständig bleiben – beherrscht Istiqlal aufgrund ihrer langen Erfahrung außerordentlich gut.

Insgesamt erscheint Istiqlal heute als moderner Traditionsanker: verwurzelt in Marokkos Geschichte, jedoch bemüht, sich neuen Herausforderungen anzupassen. Ihre konstruktive, gemäßigte Haltung macht sie zu einem unverzichtbaren Faktor im marokkanischen Machtgefüge. Diese doppelte Verankerung – einerseits patriotisch-traditionsbewusst, andererseits offen für moderate Reformen – macht Istiqlal für viele Wähler der Mitte attraktiv. Allerdings stößt auch Istiqlal an systemische Grenzen: In Fragen, die die Königsagenda berühren, folgt die Partei strikt der Linie des Palastes. Dies mag ihrer monarchistischen Grundhaltung entsprechen, zeigt aber auch, dass selbst eine traditionsreiche Partei in Marokko nie autonom agieren kann.

 

RNI – technokratisch, wirtschaftsfreundlich und Zünglein an der Waage

Der RNI repräsentiert eine vom Establishment geschaffene Kraft der politischen Mitte. Er bildet in mancher Hinsicht den Gegenpart zu Istiqlal: Während letztere auf eine 80-jährige Historie zurückblickt, entstand der RNI erst 1978 (ein Jahr nach den Parlamentswahlen 1977) als Zusammenschluss unabhängiger Abgeordneter und honoriger Persönlichkeiten, um eine palasttreue Parlamentsmehrheit zu sichern. Maßgeblich beteiligt an der Gründung war 1978 der damalige Premierminister Ahmed Osman – ein Schwager des Königs Hassan II. Von Anfang an vereinte der RNI vor allem wirtschaftliche Eliten, Technokraten und Persönlichkeiten aus etablierten Familien. Er gab sich ein zentristisch-liberales Image und avancierte prompt zur größten Fraktion im Parlament (1978 hielt er 141 von 264 Sitzen). Damit war der RNI zunächst das maßgebliche Vehikel des Palastes, um politische Macht zu kanalisieren.10 In den 1980er-Jahren durchlief die Partei allerdings Höhen und Tiefen: 1981 spaltete sich ein Flügel ab (später als Nationaldemokratische Partei, PND, bekannt, ein Vorläufer des heutigen Koalitionspartners PAM) und 1984 verlor der RNI viele Sitze an die neu formierte Union Constitutionnelle – eine weitere vom Palast initiierte „Verwaltungspartei“.11 Gleichwohl blieb der RNI in wechselnden Koalitionen stets im Spiel.

Der Erfolg des RNI hängt stark von seinen Führungspersönlichkeiten ab.

Unter König Mohammed VI. (seit 1999) verfestigte sich die Rolle des RNI als staatstragende Partei. Sie hatte sich 1998 an dem historischen Regierungswechsel (französisch: „gouvernement de l’alternance“) unter dem ersten linksgerichteten Premierminister Abderrahman Youssoufi von der USFP beteiligt und war dann ebenso Teil der technokratischen Kabinette der frühen 2000er-Jahre.12 Der Ruf des RNI als verlässlicher Mehrheitsbeschaffer der marokkanischen Politik wurde spätestens 2013 nochmals verfestigt, als Istiqlal die Koalition mit der islamistischen PJD verließ und der RNI in die Bresche sprang, um die Mehrheit der PJD-Regierung zu sichern.13 Nach der Wahl 2016 agierte der RNI wiederum geschickt im Hintergrund: Zunächst blockierte er die Regierungsbildung durch den Wahlsieger PJD (unter Abdelilah Benkirane) durch Maximalforderungen und forcierte schließlich eine ihm genehme Koalitionszusammensetzung unter dem kompromissbereiteren PJD-Premier Saad-Eddine El Othmani. Diese Episode der sogenannten Blockage 2016/2017 verdeutlichte den Einfluss des RNI, obwohl er damals nur drittstärkste Partei war.14

Aziz Akhannouch – ein milliardenschwerer Unternehmer aus der Energie- und Agrarbranche – übernahm die Führung des RNI im Vorfeld der Wahlen 2016 und investierte massiv in die Partei sowie ihre Professionalisierung. Strategische Bereiche wie die Kommunikation wurden stark ausgebaut. In der Folge positionierte sich der RNI als eine Art Leistungspartei: Er versprach in seiner Kampagne 2021 umfassende Sozialreformen bei gleichzeitigen umfassenden Investitionen. Zudem trat Akhannouch als Symbol für Wirtschaftskompetenz und Nähe zum Königshaus auf – eine Mischung, die bei vielen Wählern Vertrauen weckte. Tatsächlich ging der RNI aus der Wahl 2021 als klarer Sieger hervor und verdrängte die PJD von der Regierungsspitze.

Für den RNI bedeutete dies aber auch, in vollem Rampenlicht zu stehen: Die Partei trägt seither die Hauptverantwortung für die Regierungsführung und muss liefern. Doch der Erfolg des RNI hängt seit jeher stark von seinen Führungspersönlichkeiten ab. Dies macht die Partei angreifbar, weil sie derzeit als Partei der Reichen und Mächtigen gilt, der es – so der Vorwurf der Opposition – an Empathie für die Sorgen des einfachen Volkes fehle; schließlich verkörpert Akhannouch als einer der reichsten Männer Marokkos die Verflechtung von Geld und Politik. Die Kritik an Akhannouch und seiner Amtsführung wuchs beständig. Mit Blick auf die Parlamentswahlen 2026 schien er zunehmend zur Belastung für die Kampagnenfähigkeit der Partei zu werden. Im Januar 2026 verkündete Akhannouch, dass er nicht erneut für den Parteivorsitz kandidiert. Die Nachfolge übernahm auf einem Parteitag Anfang Februar Mohamed Chaouki, bisheriger Fraktionsvorsitzender im Parlament. Trotz seines politischen Amts ist er außerhalb der RNI-Netzwerke weitgehend unbekannt. Daher ist der Schritt nicht ohne Risiko, wenn er als Spitzenkandidat bei den Wahlen den ersten Platz zu verteidigen hat. Der RNI steht damit vor der Herausforderung, breite Bevölkerungsschichten sowohl von seinen Politikansätzen zu überzeugen als auch für einen neuen Spitzenkandidaten zu mobilisieren. Steigende Lebenshaltungskosten, die Nachwirkungen des Erdbebens von 2023,15 die weiterhin hohe Jugendarbeitslosigkeit (mehr als 20 Prozent16) und starke regionale Disparitäten in der Entwicklung des Landes stellen die derzeit größte Partei Marokkos erheblich auf die Probe.

Zusammenfassend steht der RNI heute für kontinuitätstreue Erneuerung: Als vom Palast gefördertes Projekt hat er die politische Landschaft maßgeblich mitgeprägt. Seine Minister – viele davon fachkundige Technokraten und Unternehmer – treiben Reformen voran, allerdings stets in Absprache mit dem königlichen Kabinett. Die Grenzen der Macht sind dabei auch für das RNI-Spitzenpersonal spürbar: In Kernfragen bestimmt der König die Agenda. Dies zeigte sich zuletzt bei Großprojekten wie den Vorbereitungen zur Fußball-Weltmeisterschaft 2030, dem Ausbau von Grünem Wasserstoff oder der Sahara-Politik,17 bei denen die Regierung lediglich flankierend agiert. Die Partei erfüllt damit ihre Hauptrolle im hybriden System: die verlässliche Verwaltung des vom König definierten Entwicklungsweges. Sollte sie jedoch im Umgang mit sozialen Spannungen oder Korruptionsvorwürfen versagen, würde auch ihr das Schicksal einer abgestraften Regierungspartei drohen.

 

Zwischen Einfluss und Einschränkung: politische Mitte 2026 unter Druck

Obwohl Istiqlal und RNI in Marokkos Parlament und Regierung eine zentrale Rolle spielen, stoßen sie immer wieder an die strukturellen Grenzen des Systems. Parlamentarische Debatten finden statt, doch heikle Fragen werden außerhalb des Parlaments entschieden. Die Parteien der Mitte arrangieren sich mit dieser Realität, was allerdings auf längere Sicht Erosionstendenzen birgt: Wenn die Bürger den Eindruck gewinnen, dass gewählte Politiker wenig bewirken können, sinkt die Legitimität der gesamten politischen Klasse.

Diese Gefahr zeigt sich insbesondere in der wachsenden Politikverdrossenheit der Jugend. Viele junge Marokkaner fühlen sich von den etablierten Parteien nicht vertreten und beklagen eine fehlende Teilhabe.18 Im Herbst 2025 entlud sich der Frust in der Protestbewegung „Generation Z 212“, bei der vor allem junge Erwachsene gegen Korruption, Arbeitslosigkeit und Missstände im Bildungs- und Gesundheitswesen demonstrierten.19 Die Proteste richteten sich explizit an die Regierung, insbesondere auch an Premierminister Akhannouch, und die politischen Parteien, nicht an das Königshaus. Anders als während des sogenannten Arabischen Frühlings 2011 wurde die Systemfrage nicht gestellt.20 Für Istiqlal und RNI – als Regierungsparteien und Teil des Establishments – stellen solche Entwicklungen eine ernsthafte Krise dar. Sie müssen einerseits die berechtigten sozialen Anliegen der Bürger aufnehmen und Lösungen anbieten, andererseits aber systembedingte Grenzen respektieren. Dies zeigt den Balanceakt des Systems: Es will die Bevölkerung ausreichend beteiligen, um Stabilität zu sichern, aber sich nicht so weit öffnen, dass unkontrollierbare Dynamiken entstehen.

Viele Wähler fühlen sich eher ihrem unmittelbaren Umfeld als einer Parteiideologie verbunden.

Ein weiteres Spannungsfeld besteht in der internen Mitsprache und Programmarbeit der Parteien selbst. Istiqlal und RNI versuchen, sich zu modernisieren und attraktiv für neue Mitglieder zu machen. So hat Istiqlal etwa begonnen, Jugendorganisationen stärker einzubinden und neue Partizipationsformate zu entwickeln. RNI hat an die 20 Unterorganisationen initiiert, die Themen wie Wirtschaft, Frauen und Jugend adressieren und diese Gruppen stärker einbinden sollen. Auf nationaler Ebene bleiben die Parteieliten dennoch distanziert: Entscheidungsprozesse spielen sich oft in kleinen Zirkeln ab. Marokkos Klientelpolitik – die Verteilung von Gefälligkeiten über persönliche Netzwerke – untergräbt klassische Parteiidentifikationen weiter. Istiqlal kann zwar auf eine treue Kernwählerschaft blicken (insbesondere in einigen mittelgroßen städtischen Milieus), ebenso der RNI in manchen ländlichen Regionen dank lokaler Führungskräfte, doch die Bindungskraft der Parteien ist begrenzt. Viele Wähler fühlen sich eher ihrem unmittelbaren Umfeld (Familien, Clans, Patronen) verbunden als einer Parteiideologie. Bei den im September 2026 turnusgemäß anstehenden Parlamentswahlen werden vor diesem Hintergrund mehrere Faktoren den Wahlgang prägen:

Erstens ist mit einer Fortsetzung der Fragmentierung im Parlament zu rechnen. Das Wahlsystem – inklusive der 2021 eingeführten Berechnungsgrundlage – dürfte erneut dafür sorgen, dass keine Partei in die Nähe der absoluten Mehrheit gelangt. Koalitionen werden folglich wieder notwendig sein. Für die Wähler bedeutet dies abermals, dass sie eher Personen und Listen wählen, die koalitionsfähig sind. Ein kohärentes Regierungsprogramm spielt da eine untergeordnete Rolle. Istiqlal und RNI haben jedoch einen gewissen Amtsbonus: Als amtierende Regierungsparteien können sie auf Errungenschaften verweisen (etwa Infrastrukturprojekte, Sozialmaßnahmen, erfolgreiche Großveranstaltungen wie den Fußball-Afrika-Cup 2025). Gleichwohl tragen sie auch die Verantwortung für ungelöste Probleme (Arbeitslosigkeit, Inflation) und könnten dafür abgestraft werden.

Zweitens dürfte die Wahlbeteiligung ein entscheidender Indikator sein. Gelingt es den Parteien, insbesondere junge Erstwähler zu mobilisieren? Oder ist es gar im Interesse der Parteien der Mitte, dass die Wahlbeteiligung mit Blick auf die Quotientenregel niedrig bleibt? Öffentlichkeitswirksam versuchen Istiqlal und RNI diesem Eindruck entgegenzuwirken, indem sie auf jugendnahe Themen setzen und womöglich frische Gesichter nominieren. Istiqlal etwa hat angekündigt, mehr Kandidaten unter 40 Jahren aufzustellen und verstärkt auf soziale Medien zu setzen, um junge Menschen anzusprechen. Der RNI wiederum könnte von der Popularität einiger seiner jungen Minister profitieren. Letztlich bleibt aber fraglich, ob dies genügt, um das Grundvertrauen der Jugend zurückzugewinnen, solange tiefer sitzende Forderungen nach echter Mitsprache unerfüllt bleiben.

Drittens wird die Rolle des Palastes im Vorfeld der Wahlen entscheidend sein, insbesondere mit Blick auf die traditionelle Medienlandschaft, die überwiegend vom Palast gelenkt wird. Allerdings hat die Monarchie kein Interesse an einem offensichtlichen Wahlkampf zugunsten einer Partei – zu sehr ist ihr daran gelegen, das Bild einer neutralen Schiedsrichterrolle zu wahren. Vielmehr dürfte subtil darauf hingewirkt werden, dass die Koalitionsarithmetik nach der Wahl stimmt: Im Idealfall würden aus Palastsicht loyale Mitte-Parteien die Mehrheit bilden. Die Konstellation RNI–PAM–Istiqlal hat sich aus Sicht der Staatsführung bewährt, weshalb eine Fortsetzung nicht unwahrscheinlich ist. Allerdings bleibt auch eine Verschiebung innerhalb dieses Lagers möglich – etwa, dass Istiqlal oder PAM mehr Gewicht bekommt und vielleicht den Premier stellt, sollte eine der Parteien den RNI an Sitzen übertreffen.

Viertens schließlich stellt sich die Frage, wie die Opposition abschneiden wird. Kann die PJD nach ihrer Demütigung zurückkehren? Einige Anzeichen sprechen dafür, dass die PJD Boden gutmachen könnte – sie versucht, sich als moralische Alternative zu den Regierungsparteien zu präsentieren. Es fehlt ihr jedoch an Koalitionspartnern und neuem Personal. Die linken Kräfte wiederum sind zerstritten und zeigen sich wenig koalitionsfähig. Eine Überraschung könnte allenfalls aus dem liberalen Spektrum kommen: Parteien wie Union Constitutionnelle und Mouvement Populaire sind in ihren Ansätzen nicht weit von der aktuellen Regierungskoalition entfernt, könnten allerdings von einer Wechselstimmung profitieren und sich somit als verträgliche Erneuerung der Regierung profilieren.

Insgesamt spricht vieles dafür, dass auch nach 2026 Istiqlal und RNI zentrale Akteure des politischen Systems bleiben. Beide verkörpern eine politische Mitte, die im marokkanischen Kontext Stabilität und Kontinuität gewährleistet, zugleich aber mit den Erwartungen der Bevölkerung jonglieren muss. Ihre Bedeutung liegt weniger darin, grundlegende Veränderungen herbeizuführen, als vielmehr im Management gradueller Reformen unter Aufsicht des Palastes. Trotz aller Einschränkungen sollten die Leistungen dieser Parteien nicht kleingeredet werden: Sie sichern den parlamentarischen Betrieb, bringen Expertise in die Gesetzgebung ein und fungieren als Transmissionsriemen zwischen Staatsführung und Gesellschaft. Ohne sie wäre Marokkos System entweder gänzlich vom Palast bestimmt oder es käme zu gefährlichen Lücken, die radikale Kräfte füllen könnten.

Letztlich geht es in der marokkanischen Monarchie darum, die Balance der Kräfte im Parlament so zu gestalten, dass Reformprojekte vorangetrieben werden können, ohne die königliche Vorherrschaft zu gefährden. Istiqlal und RNI kommen dem Königshaus dabei gelegen, denn beide stehen für Berechenbarkeit und eine prowestliche Ausrichtung. Sollte jedoch die Kluft zwischen der jungen Bevölkerung und den Institutionen weiterwachsen, könnte selbst die politische Mitte ins Wanken geraten. Für den Moment scheinen jedoch die Zeichen eher auf Kontinuität zu stehen: Die politische Mitte in Marokko hat gelernt, sich in einem hybriden System zu behaupten, und bildet gerade deswegen einen unentbehrlichen Faktor für dessen Bestand.

 

 

Steven Höfner ist Leiter des Auslandsbüros Marokko der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Sitz in Rabat.

 

 
  1. The Economist Intelligence Unit 2025: Democracy Index 2024. What’s wrong with representative democracy?, S. 15–21, in: https://ogy.de/nioz [05.01.2026].↩︎
  2. Bertelsmann Stiftung 2024: Morocco. BTI 2024 Country Report, Bertelsmann Transformation Index, in: https://ogy.de/uo8t [05.01.2026].↩︎
  3. Chambre des Représentants 2011: La Constitution, 30.07.2011, Art. 47–49, in: https://ogy.de/4bqd [05.01.2026].↩︎
  4. Madani, Mohamed / Maghraoui, Driss / Zerhouni, Saloua 2012: The 2011 Moroccan Constitution: A Critical Analysis, International Institute for Democracy and Electoral Assistance, in: https://ogy.de/ugiv [05.01.2026].↩︎
  5. Chambre des Représentants 2021: Loi organique n° 04-21 modifiant et complétant la loi organique n° 27-11 relative à la Chambre des représentants, 01.07.2021, in: https://ogy.de/jzzo [05.01.2026].↩︎
  6. Ribolla, Alberto 2021: Observation of the parliamentary elections in Morocco (8 September 2021), Parliamentary Assembly, 25.11.2025, in: https://ogy.de/4csa [05.01.2026].↩︎
  7. Daadaoui, Mohamed 2010: Rituals of Power and Political Parties in Morocco: Limited Elections as Positional Strategies, in: Middle Eastern Studies 46: 2, 06.04.2010, S. 195–219, in: https://ogy.de/4a0a [05.01.2026].↩︎
  8. Ebd.↩︎
  9. Hespress 2025: Istiqlal economists call for tax breaks, green jobs in 2026 budget proposal, 02.09.2025, in: https://ogy.de/rvf1 [05.01.2026].↩︎
  10. Maddy-Weitzman, Bruce: Rassemblement National Des Indépendants (RNI), Encyclopedia of the Modern Middle East and North Africa, in: https://ogy.de/5xkt [05.01.2026].↩︎
  11. Ebd.↩︎
  12. A’boushi, El-Hussein 2010: The Socialist Union of Popular Forces Party in Morocco, in: Catusse, Myriam / Karam, Karam (Hrsg.) 2010: Returning to Political Parties?, S. 131–171, in: https://ogy.de/1ba3 [05.01.2026].↩︎
  13. Fakir, Intissar 2017: Morocco’s Islamist Party: Redefining Politics Under Pressure, Carnegie Endowment for International Peace, 28.12.2017, in: https://ogy.de/flok [05.01.2026].↩︎
  14. Hicks, Celeste 2017: Democratic Progress for Morocco, but on King’s Terms, IPI International Peace Institute, 28.03.2017, in: https://ogy.de/o7f4 [05.01.2026].↩︎
  15. Eljechtimi, Ahmed 2024: One year on, Morocco’s quake victims still wait for homes, Reuters, 03.09.2024, in: https://ogy.de/h28z [05.01.2026].↩︎
  16. World Bank Group: Unemployment, youth total (% of total labor force ages 15-24) (modeled ILO estimate) - Morocco, in: https://ogy.de/r07l [05.01.2026].↩︎
  17. Höfner, Steven 2025: UN-Resolution 2797 – ein historischer Schritt im Sahara-Konflikt, Länderberichte, Konrad-Adenauer-Stiftung, 04.11.2025, in: https://ogy.de/3eqg [05.01.2026].↩︎
  18. Höfner, Steven / Giaccone, Matilda / Bennoune, Ilias 2025: Marokkos Jugend vor der Wahl 2026 – Zwischen mangelnder politischer Teilhabe und neuen Formen der Partizipation, Länderberichte, Konrad-Adenauer-Stiftung, 18.12.2025, in: https://ogy.de/483a [05.01.2026].↩︎
  19. Aublanc, Alexandre 2025: Au Maroc, le premier ministre, Aziz Akhannouch, mis au défi par la rue, Le Monde, 06.10.2025, in: https://ogy.de/ezdl [05.01.2026].↩︎
  20. Höfner / Giaccone / Bennoune 2025, N. 18.↩︎

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