KAS

Nachruf

Wulf Kirsten - Wortbewahrer und Worterneuerer

von Prof. Dr. Michael Braun

Nachruf auf den KAS-Literaturpreisträger

Der 1934 in einem obersächsischen Dorf geborene Schriftsteller Wulf Kirsten ist im Alter von 88 Jahren verstorben. In Weimar erhielt er 2005 den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.

In seinem umfangreichsten Lyrikband kommt gar kein eigenes Gedicht von ihm vor. Wulf Kirstens Anthologie „Beständig ist das leicht Verletzliche“ (2010) besichtigt auf über tausend Seiten das lyrische Zeitalter von Nietzsche bis Celan. Es ist das imposante Lebens- und Lesebuch eines bescheidenen Sammlers, der über mehr als fünfzig Jahre hinweg eigene Gedichte geschrieben hat: über seine Herkunft und die obersächsische Landschaft, über die Transformation tradierter Lebensformen und deren Erneuerung in poetischen Ausdruckswelten.

 

Wortwurzeln und Lebenslauf

Am 21.6.1934 wurde Wulf Kirsten als Sohn eines Steinmetzes geboren, aus einem „geschlecht von handwerkern / und kleinbauern“. Der elterliche Hof in Klipphausen bei Meißen war keiner im landläufigen Sinne, sondern ein „eben halbwegs gemachter Gang vor der Längsseite des Hauses von allenfalls doppelter Breite einer Heiste“, schreibt er in seiner Autobiographie über seine Dorfkindheit, „Die Prinzessinnen im Krautgarten“ (2000). Man merkt hier schon: Dieser Dichter setzt auf sprachliche Genauigkeit im Detail. Wortbewusstsein war für ihn „Lebensbewußtsein“, eine „Einheit von Sprache und Denken als moralisches Wortgefüge“. Im Sammeln mundartlicher und fachsprachlicher Eigentümlichkeiten hielt er den „stimmenschotter“ einer naturzerstörenden und geschichtsvergessenen Moderne fest. Stets hatte er „im handgepäck die kleinen wortrechte / ausgesiedelte lebensgeschichten“. „Poesie baut auf Geschichtsverständnis, auf Landschaftsgebundenheit“, bekannte er bei der Verleihung des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung am 22. Mai 2005 in Weimar. Sein Autorenkollege Martin Walser schrieb über ihn: „Die Kirsten-Sprache ist eine Sprache, in der man sich verproviantieren kann gegen Geschwindigkeit, Anpassung, Verlust“. In diesem Sinne vergewissert sich Wulf  Kirsten: „auf wortwurzeln fasse ich fuß“.

Nach einer kaufmännischen Lehre begann Wulf Kirsten 1957 ein Deutsch- und Russisch-Studium an der Universität Leipzig; seine Examensarbeit schrieb er 1964 über Schiller und Hölderlin. Von 1965 bis 1987 arbeitete er als Lektor im Weimarer Aufbau-Verlag, wirkte an dem „Wörterbuch der obersächsischen Mundarten“ mit und war 2004 Mitbegründer des „Rats für deutsche Rechtschreibung“. In der SED-Diktatur bewies er Rückgrat, indem er seine Themen sich nie vom Regime vorschreiben ließ. Das hatte zur Konsequenz, dass er in der Literaturszene lediglich geduldet und nach eigenen Worten „geflissentlich ausgespart“ wurde. „Ich habe nie auf eine Doktrin gesetzt und geglaubt, dass Utopien Utopien sind“, sagte Kirsten.

 

Der Dichter und die Politik

Kurz nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns musste Kirsten Lesungen in der Bundesrepublik ohne Angabe von Gründen absagen. Im Januar 1977 gab er seine Aufgaben im Erfurter Bezirksverband des DDR-Schriftstellerverbandes auf. Danach wurde gegen ihn ein Operativer Vorgang der Staatssicherheit der DDR eingeleitet (bezeichnenderweise mit dem Namen OV „Lektor“). Kirstens Protestbrief (vom 14.6.1979) an den Präsidenten des DDR-Schriftstellerverbandes, Hermann Kant, gegen den Ausschluss von neun Berliner Autoren aus dem Verband ließ an Klarheit und Bestimmtheit nichts zu wünschen übrig. In den Jahren der deutschen Einigung war Kirsten politisch aktiv. Nach dem Zusammenbruch der DDR wurde er Ende 1989 in der Bürgerbewegung „Neues Forum“ aktiv und wirkte an der Auflösung der Weimarer Staatssicherheit mit. Für das „Neue Forum“ kam er bei den ersten freien Kommunalwahlen in der DDR (18.3.90) ins Weimarer Stadtparlament und war hier bis Oktober 1990 Fraktionschef.  

Wulf Kirstens literarische Tätigkeit erfüllte sich vor allem in der Lyrik, die in dem zum 70. Geburtstag erschienenen Band „Erdlebenbilder“ (2004) gesammelt vorliegt. Nach dem erfolgreichen Lyrik-Debüt („Satzanfang“, 1970) wurde der von Reiner Kunze als „die größte Hoffnung der DDR-Lyrik“ gewürdigte Wulf Kirsten seit Mitte der 1970er Jahre auch im Westen bekannt. Mit dem Gedichtband „Die Erde bei Meißen“ (1986) und dem im Jahr darauf verliehenen Peter-Huchel-Preis fand der Autor große öffentliche Resonanz auch in westlichen Medien. Seine Gedichte kreuzen mit höchster Genauigkeit bei der Wortwahl soziale, historische und persönliche Bezüge. Sein Gedicht „september am Ettersberg“, das entstand, als Weimar noch weithin abgesperrte russische Panzergarnison war, verarbeitet die klassische Spazierfahrt Goethes mit Eckermann auf den Ettersberg 1827, Jorge Semprúns Häftlingsbericht aus dem Konzentrationslager Buchenwald, die tabuisierte Erschießung russischer Deserteure nach 1945 und die historische Umbruchssituation des Autors im Jahr 1989.

Wulf Kirstens Lyrik und Essays dokumentieren die Lebensbilanz eines homme de lettres, eines exzellenten Autors, Förderers und Vermittlers der deutschsprachigen Literatur. Am 14. Dezember ist der Wortbewahrer und Worterneuerer Wulf Kirsten gestorben. Sein Gedicht „nachruf“ (2012) endet nicht mit einem Abgesang auf die Dinge, die ihre Pflicht getan haben, sondern mit der Beobachtung einer singenden Amsel, die „schmettert / voller wohllaut ihren nachruf / in den taufrischen morgen“.

Kontakt

Prof. Dr. Michael Braun

Prof. Dr

Referent Literatur

michael.braun@kas.de +49 30 26996-2544
Einzeltitel
29. Dezember 2005
Dokumentation zum Literaturpreis 2005
Lesung
22. November 2005
Bratislava
Lesung mit Kirsten Wulf