Eskalation fremdenfeindlicher Gewalt in Südafrika
Die zuletzt zunehmenden Übergriffe auf Migranten aus anderen afrikanischen Staaten unterstreichen die angespannte Stimmung vor den südafrikanischen Kommunalwahlen im November 2026.
Fremdenfeindliche Proteste gewinnen landesweit, vor allem in den Provinzen Gauteng, Kwa-Zulu-Natal und Westkap, an Dynamik. Zuletzt wurden bei xenophoben Angriffen in Mossel Bay (Westkap) Berichten zufolge mindestens zwei Menschen aus Mosambik getötet. Hunderte waren gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Viele flohen ins Umland.
Die aktuellen Eskalationen sind der Ausdruck einer politisch aufgeladenen Gemengelage: Wirtschaftlicher Druck und das vielfach in der Bevölkerung empfundene Versagen staatlicher Institutionen schaffen einen fruchtbaren Boden für soziale Spannungen. Migration wird so vor allem im Vorfeld der Kommunalwahlen verstärkt zum Gegenstand politischer Mobilisierung. Fremdenfeindliche Aktivisten greifen die sozioökonomische Notlage auf und übersetzen diese in zunehmend gewaltsamen Protest.
Befeuert werden diese Aktionen durch aktivistische Bewegungen wie March and March oder Operation Dudula[1] und von ihnen inspirierte Gruppen. Sie inszenieren sich als Verteidiger der Souveränität Südafrikas. Zuletzt rief March and March alle illegalen Migranten dazu auf, das Land bis zum 30. Juni zu verlassen und drohte mit einem landesweiten „Shut-Down“.
In Reaktion auf die aktuelle Eskalation initiieren betroffene afrikanische Staaten derzeit Rückführungskampagnen für ihre Staatsbürger. Berichten zufolge plant Nigeria zwischen 2.000 und 4.000 Menschen auszufliegen. Mosambik und Ghana wurden bereits aktiv und organisierten Rückflüge mit über 500 respektive knapp 300 Menschen an Bord. Auch Malawi kündigte an, seine Bürger bei der Ausreise zu unterstützen.
Bekanntes Problem, neue Sorgen
Südafrika wurde nach dem Ende der Apartheid zum beliebten Ziel für Migranten aus ganz Afrika auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen. Dabei war die wirtschaftliche Lage der jungen Republik nicht immer positiv. Der Fokus des post-Apartheit Südafrika lag auf dem Aufbau eines funktionsfähigen Staats. Man kämpfte bereits frühzeitig mit Arbeitslosigkeit, hohen Kriminalitätsraten, unzureichenden öffentlichen Dienstleistungen und extremer sozioökonomischer Ungleichheit.
Auch heute schaut Südafrika auf eine stagnierende Wirtschaft und einen prekären Arbeitsmarkt: Mehr als 40% der arbeitsfähigen Bevölkerung ist arbeitslos. Dienstleistungen in Gemeinden und Metropolregionen (vor allem im Bereich der Strom- und Wasserversorgung) sind zumeist mangelhaft. Auch die Kriminalitätsraten steigen weiter an.
Bereits zum Anfang des Jahrtausends verbreitete sich die Auffassung, dass ausländische Arbeitskräfte den Einheimischen die Jobs und Ressourcen wegnehmen, insbesondere im informellen Sektor. Dieser machte in 2025 laut Schätzungen des südafrikanischen Amts für Statistik etwa 19,5% der Gesamtbeschäftigung des Landes aus. Proteste sowie fremdenfeindliche Gewalt treten primär in Townships und informellen Siedlungen auf. Die Ausbrüche sind häufig getrieben von dem Narrativ, dass viele der sozioökonomischen Probleme Südafrikas auf irreguläre Migration zurückgeführt werden können. Eine Rhetorik, die auch vermehrt in populistischen Wahlkampagnen von Parteien wie etwa der Patriotic Alliance und ActionSA aufgegriffen wird.
Spannungen an mehreren Fronten
Die in den Protesten artikulierte Unzufriedenheit fußt auf real bestehenden Missständen und der prekären Lebensrealität vieler Menschen in Südafrika. Zugleich verschieben die Proteste den Fokus weg von den staatlichen Defiziten und schlechter Regierungsführung als Ursachen des hohen sozialen Drucks. Die gezielte Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen belastet den sozialen Zusammenhalt im Land und damit das demokratische System Südafrikas stark. Darüber hinaus maskieren die Proteste den strukturellen Reformbedarf des Staats und machen illegale Migration zum Synonym für alle Negativentwicklungen im Land.
Auch fordern die Proteste die Regierung heraus. Speziell im Fall von March and March oder Operation Dudula haben die Bewegungen wiederholt Kompetenzen der Exekutive für sich in Anspruch genommen und das Gewaltmonopol des Staates untergraben. Das bei großen Teilen der südafrikanischen Bevölkerung ohnehin fehlende Vertrauen in politische Institutionen, Parteien und Politiker sowie ein fragmentiertes soziales Gefüge verschärfen den Druck auf die südafrikanische Demokratie. Dies gilt insbesondere im Vorlauf der diesjährigen Kommunalwahlen.
Auch außenpolitisch besteht ein erhebliches Konfliktpotenzial, wie die bereits für ihre Landsleute initiierten Rückführungskampagnen Ghanas, Nigerias und anderer afrikanischer Staaten zeigen. Fremdenfeindliche Gewalt in Südafrika steht zudem in starkem Kontrast zur eigenen Inszenierung als offene, tolerante „Regenbogennation“ und auch zur außenpolitischen Positionierung Südafrikas als Sprachrohr und Vermittler von afrikanischen Positionen gegenüber westlichen Partnern.
Die Übergriffe lösten darüber hinaus bereits in der Vergangenheit diplomatische Krisen zwischen Südafrika und seinen kontinentalen Partnern aus: Etwa führten die Attacken gegen nigerianische Staatsbürger im Jahr 2019 zum temporären Boykott Nigerias gegen das damals in Kapstadt ausgerichtete Weltwirtschaftsforum. Zuletzt bestellte Nigeria den amtierenden Hochkommissar Südafrikas im Land ein, um gegen die zunehmenden Proteste zu protestieren.
Als Reaktion auf die wachsenden Forderungen nach einem entschiedeneren Vorgehen gegen illegale Migration wandte sich Präsident Cyril Ramaphosa am Abend des 7. Juni an die Nation. Die Ansprache verdeutlicht den Balanceakt, vor dem die südafrikanische Regierung derzeit steht.
Einerseits sollen Grenzsicherung verstärkt, illegale Migration bekämpft und Arbeitgeber, die undokumentierte Migranten beschäftigen, härter in die Verantwortung genommen werden; andererseits hob Präsident Ramaphosa die Verpflichtung zum Schutz von Menschenwürde und zu gesellschaftlichem Zusammenhalt hervor.
Ob dieser Ansatz ausreicht, um die zunehmenden sozialen Spannungen im Land nachhaltig zu entschärfen, bleibt offen.
[1] March and March ist eine südafrikanische fremdenfeindlich gestimmte Bewegung, die durch Proteste, Einschüchterungen und gezielte Kampagnen gegen ausländische Arbeitskräfte zur Verschärfung xenophober Spannungen beiträgt. Auch Operation Dudula treibt seit 2021 durch Razzien, Einschüchterungen und das gewaltsame Schließen von Geschäften ausländischer Staatsangehöriger die Eskalation fremdenfeindlicher Gewalt voran.
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