Autor:
Kostiantyn Kononenko, Experte des Nationalen Instituts für Strategische Studien
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Allgemeiner Überblick
Der Abschluss des langjährigen armenisch-aserbaidschanischen Konflikts im Jahr 2023 sowie geopolitische Entwicklungen im Zusammenhang mit den anhaltenden Konflikten in der Ukraine und im Nahen Osten haben zu grundlegenden Veränderungen im regionalen Kräftegleichgewicht im Südkaukasus geführt.
Zu den zentralen Merkmalen dieser Veränderungen gehört insbesondere der Bedeutungsverlust Russlands in der Region. Aufgrund des Krieges gegen die Ukraine und seiner internationalen Isolation verliert Russland rasch militärische und politische Einflussmöglichkeiten im Südkaukasus. Dies hat zur Folge, dass traditionelle russische Kontrollmechanismen gegenüber Armenien an Wirkung verlieren und Moskaus Möglichkeiten zur Einflussnahme auf Aserbaidschan und Georgien schwächer werden. Dadurch erhalten diese Staaten größeren Spielraum, ihre außenpolitischen Prioritäten zu diversifizieren.
Vor diesem Hintergrund gewinnen andere einflussreiche Akteure – die USA, die EU, die Türkei und China – zunehmend an Gewicht. Zugleich verschärft sich der Wettbewerb zwischen ihnen um Ressourcen und die Kontrolle strategischer Verkehrs- und Logistikrouten. Die militärische Instabilität im Umfeld Irans, der lange Zeit versucht hat, die internationalen Beziehungen im Südkaukasus aktiv mitzugestalten, hat die Position Teherans und seine Rolle im regionalen Kräftegleichgewicht zusätzlich geschwächt.
In diesem Zusammenhang ist insbesondere die deutliche Intensivierung der US-Diplomatie in der Region im vergangenen Jahr hervorzuheben. Washington verfolgt mehrere regionale Initiativen, die auf eine Zurückdrängung des russischen und iranischen Einflusses abzielen, darunter das Abkommen zwischen den USA und Armenien über die zivile nukleare Zusammenarbeit (Section 123) sowie das TRIPP-Projekt. Geopolitisch zielt die US-Politik im Südkaukasus darauf ab, die Kontrolle über die Logistikkorridore in dem strategisch wichtigen Raum zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer zu stärken und damit zugleich Chinas Möglichkeiten zur Umsetzung seiner Initiative „Belt and Road“ einzuengen.
Auch die Europäische Union zeigt ein wachsendes Interesse an der Region und betrachtet Aserbaidschan als einen wichtigen Energielieferanten im Rahmen des Südlichen Gaskorridors. Die EU-Politik im Südkaukasus konzentriert sich derzeit auf die Stabilisierung der Region durch direkte diplomatische Vermittlung bei der Normalisierung der Beziehungen und beim Abschluss eines Friedensabkommens zwischen Armenien und Aserbaidschan. Dazu gehört auch die Präsenz der zivilen EU-Beobachtungsmission (EUMA) an der armenisch-aserbaidschanischen Grenze, die zur Verhinderung einer Eskalation beitragen soll. Gleichzeitig unterstützt die EU Projekte zur Stärkung der logistischen Sicherheit und der europäischen Energieunabhängigkeit, insbesondere durch die Diversifizierung der Transportwege für Waren und Ressourcen aus der Kaspischen Region unter Umgehung russischen Territoriums. Darüber hinaus versucht die EU, dem russischen Einfluss in den Ländern der Region entgegenzuwirken, indem sie deren Souveränität, Sicherheit und wirtschaftliche Resilienz unterstützt und ihre schrittweise Annäherung an den europäischen politischen Raum fördert – unter anderem durch Instrumente der Östlichen Partnerschaft, Infrastrukturinvestitionen, Kooperation im Bereich der erneuerbaren Energien und Digitalisierung.
In den vergangenen Jahren hat auch China dem Südkaukasus zunehmend Aufmerksamkeit gewidmet. Pekings Interesse konzentriert sich vor allem auf die Sicherung der Transitwege im Rahmen der Initiative „Belt and Road“. China vermeidet eine direkte Einmischung in regionale Konflikte und versucht, zwischen Aserbaidschan, Georgien und Armenien zu balancieren. Dabei investiert das Land in den Ausbau von Häfen, Eisenbahnverbindungen – darunter die Strecke Baku–Tiflis–Kars – sowie in die Verkehrsinfrastruktur, wobei Georgien als wichtiges logistisches Drehkreuz fungiert. Ein weiterer Schwerpunkt der chinesischen Regionalpolitik ist der Ausbau der wirtschaftlichen Partnerschaft mit Aserbaidschan, die in Peking als strategisch eingestuft wird. Dadurch kann China die logistischen Möglichkeiten Aserbaidschans nutzen, um chinesische Waren unter Umgehung russischen Territoriums nach Europa zu transportieren. Dabei strebt China nicht danach, die traditionellen Akteure der Region – Russland, die Türkei und Iran – unmittelbar zu verdrängen. Vielmehr agiert Peking häufig in Kooperation mit ihnen als neue einflussreiche Kraft, mit der die anderen Akteure rechnen müssen, und übernimmt schrittweise, aber konsequent wirtschaftliche Einflussmöglichkeiten, die zuvor Moskau vorbehalten waren. Insgesamt wird der wachsende chinesische Einfluss in der Region von einzelnen regionalen Akteuren – insbesondere Russland und Iran – als nützlich für die Eindämmung des westlichen Einflusses sowie des Einflusses der Türkei betrachtet. Ankara wiederum strebt danach, die Rolle des wichtigsten Transitdrehkreuzes und sicherheitspolitischen Garanten der Region zu übernehmen und damit den traditionellen Einfluss Russlands zurückzudrängen. Zugleich sieht sich China in den vergangenen Jahren beim Ausbau seines regionalen Einflusses nicht nur mit den USA, der EU und der Türkei, sondern zunehmend auch mit Indien konfrontiert.
Die Türkei und Iran, die beiden größten Regionalmächte mit eigenen geopolitischen Ambitionen, versuchen ebenfalls, ihren Einfluss auf die Verkehrskorridore und die regionale Sicherheitslage auszubauen. Gleichzeitig nutzen die Staaten des Südkaukasus – Georgien, Armenien und Aserbaidschan – den Wettbewerb zwischen den Großmächten, um Investitionen zu gewinnen, ihre eigene Handlungsfähigkeit zu stärken und ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten auszuweiten.
Eine wichtige Folge der geopolitischen Veränderungen ist die zunehmende geoökonomische Bedeutung des Südkaukasus als perspektivreicher Raum für den Aufbau neuer Logistikkorridore zwischen Europa und Asien. Die Transformation der Verkehrswege vor dem Hintergrund der geopolitischen Verschiebungen in Eurasien und im Nahen Osten hat die Region zu einer wichtigen sicheren Transitroute für die Transkaspische Internationale Transportroute („Middle Corridor“) gemacht. Damit dürfte der Südkaukasus perspektivisch zu einem strategisch wichtigen globalen Logistikzentrum werden.
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