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Gründervater der freien Welt – Franklin D. Roosevelt und die Four Freedoms

von Matthias Oppermann
Mit den "Four Freedoms" hinterließ Roosevelt seinem Land eine neue politische Tradition, die das nationale Interesse durch ein weltweites Engagement für die Freiheit definierte. Für den Fortbestand des Liberalismus ist diese Traditionslinie unverzichtbar.

Jeder kriegführende Staat findet seine Propagandisten. Das gilt auch für liberal-demokratische Nationen, die in einem ihnen aufgezwungenen Krieg die Sache der Freiheit verteidigen. Die Vereinigten Staaten von Amerika hatten im Zweiten Weltkrieg gleich zwei herausragende Propagandisten der Freiheit, die den Amerikanern auf populäre Weise die Ziele des demokratischen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt erklärten. Da war zunächst der auf Sizilien geborene Hollywood-Regisseur Frank Capra, der in den 1930er Jahren mit Filmen wie Mr. Deeds Goes to Town, Mr. Smith Goes to Washington und Meet John Doe den Geist von Roosevelts New-Deal-Liberalismus eingefangen hatte, obwohl er selbst wenig für den Präsidenten übrighatte und stets republikanisch wählte. Nach dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg drehte Capra von 1942 bis 1945 im Auftrag der Regierung unter dem Reihentitel Why We Fight sieben Dokumentarfilme, die eine bislang isolationistische Nation von der Notwendigkeit des Krieges überzeugen sollten.

Der erste Teil – Prelude to War – ist dem Gegensatz zwischen der Welt der Demokratien und derjenigen der „faschistischen“ Tyranneien gewidmet, dargestellt durch eine hell erstrahlende Weltkugel auf der einen und einen in tiefes Schwarz getauchten Globus auf der anderen Seite. Obwohl die Geschichte sich nicht auf einen Kontrast von Schwarz und Weiß reduzieren lässt, sondern von einer Vielzahl von Grautönen geprägt ist, war Capras Darstellung nicht nur unter propagandistischen Gesichtspunkten richtig. Es gibt Konfrontationen, in der sich das Grau der einen Seite zu Schwarz verdunkelt. Im Krieg mit den Achsenmächten vertraten die liberalen Demokratien eine gerechte Sache gegen einen Feind, mit dem keine Kompromisse möglich waren. Der einzige Schönheitsfehler in dieser Gegenüberstellung war die Tatsache, dass sich die liberalen Demokratien mit der totalitären Sowjetunion verbündet hatten, um die Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan besiegen zu können.

Das war nicht nur eine strategische Notwendigkeit, sondern beruhte auch auf dem Glauben vieler amerikanischer Liberaler, man werde Stalin schon im Laufe der Zeit zur Demokratie bekehren können. Diese Fehleinschätzung wurde erst korrigiert, als Präsident Harry S. Truman im März 1947 verkündete, die Vereinigten Staaten würden sich künftig einer weiteren Expansion der Sowjetunion entgegenstellen und alle davon bedrohten Staaten unterstützen. Damit ging die Periode einer zweifelhaften Kooperation zu Ende und diejenige der Eindämmung begann.

 

Darstellungen der Four Freedoms in Film und bildender Kunst

Auch wenn davon in Capras Film natürlich noch keine Rede sein konnte, versuchte er nicht, den Amerikanern die Sowjetunion als Teil der demokratischen Welt zu verkaufen. Sie kam schlicht nicht vor. In Prelude to War ging es einzig darum, dem Publikum die Werte, Tugenden und Vorzüge der liberalen Demokratien im Kontrast zu denjenigen der Tyranneien vor Augen zu führen. Ohne wörtlich darauf einzugehen, fasste der Film dabei jene Four Freedoms zusammen, die Roosevelt am 6. Januar 1941 vor dem amerikanischen Kongress in seiner Rede zur Lage der Nation formuliert hatte und die der Maler Norman Rockwell, der zweite große Propagandist des amerikanischen Liberalismus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, in vier Ölgemälden festhielt. Die Bilder erschienen im Jahr 1943 nacheinander im Wochenmagazin Saturday Evening Post und halfen dem United States Office of War Information im selben Jahr Kriegsanleihen in Höhe von 130 Millionen Dollar zeichnen zu lassen.

Rockwell und Capra unterstützen mit ihrer Arbeit Bemühungen, die Roosevelt schon 1939 aufgenommen hatte. Ähnlich wie Winston Churchill erfasste er schon früh das Wesen der Persönlichkeit Adolf Hitlers. Anders als Churchill übernahm Roosevelt die Regierungsverantwortung aber nicht erst im Angesicht der Katastrophe, sondern trat sein Amt bereits am 4. März 1933 an, also nur einen Monat nach der Machteinsetzung der Nationalsozialisten in Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt hatte er keine klare Vorstellung von Amerikas Rolle in der Welt. Angesichts der durch die Große Depression verursachten innenpolitischen Herausforderungen war Roosevelts Außenpolitik bis 1938 von starker Zurückhaltung geprägt. Gleichwohl erklärte er im Privaten schon Anfang Januar 1933, also noch vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, der Aufstieg des „Führers“ des Nationalsozialismus sei „ein Vorzeichen des Bösen“ – nicht nur für Europa, sondern auch für die Vereinigten Staaten. Und er prophezeite, Hitler werde Amerika herausfordern, „weil seine schwarze Magie an das Schlimmste in den Menschen“ appelliere. Hitlers Regime könne in der Welt nicht auf Dauer mit einem System koexistieren, das auf Vernunft und Gerechtigkeit beruhe.

Das Wesen dieses vernunftorientierten Systems fasste Roosevelt am 6. Januar 1941 in den danach berühmt gewordenen Four Freedoms zusammen: „Die erste ist die Freiheit der Rede und des Ausdrucks – überall in der Welt.  Die zweite ist die Freiheit jedes einzelnen, Gott auf seine eigene Art zu verehren – überall in der Welt. Die dritte ist die Freiheit von Not, was im Hinblick auf die Weltebene bedeutet, dass es wirtschaftliche Bedingungen geben muss, die jeder Nation gesunde Friedensverhältnisse für ihre Einwohner garantiert – überall auf der Welt. Die vierte ist die Freiheit von Furcht, was im Hinblick auf die Weltebene weltweite Abrüstung bedeutet, die so weitgehend und gründlich sein muss, dass keine Nation der Welt zu einer physischen Aggression gegen irgendeinen Nachbarn in der Lage sein wird – überall auf der Welt.“ Roosevelt machte deutlich, dass diese Freiheiten nicht nur in Europa und Asien gefährdet seien, sondern auch in Amerika selbst. Niemals seien die Vereinigten Staaten so unmittelbar bedroht gewesen, wie zu diesem Zeitpunkt. Niemals in ihrer Geschichte hätten sich die Vereinigten Staaten aus der Welt zurückgezogen, stellte er fest, womit er die Zeit seiner drei republikanischen Vorgänger im Präsidentenamt im Grunde zu einer unglücklichen Verirrung der amerikanischen Außenpolitik erklärte.

Politik des Isolationismus vor 1933

Nachdem der Senat am 19. November 1919 die Ratifizierung des Versailler Vertrags und damit auch den Beitritt der Vereinigten Staaten zum Völkerbund abgelehnt hatte, begann in der Außenpolitik des Landes eine Phase eines tatsächlich vorher nicht gekannten Isolationismus. Dieser außenpolitischen Linie der drei von 1921 bis 1933 regierenden Präsidenten Warren G. Harding, Calvin Coolidge und Herbert Hoover entsprach in der Wirtschaftspolitik ein strikter Laissez-faire-Liberalismus, der zunächst durchaus erfolgreich gewesen war, aber die 1929 einsetzende Wirtschaftskrise erheblich verschärfte. Vor allem deshalb gewann Roosevelt die Präsidentschaftswahl von 1932 gegen Hoover. Während die amerikanische Gesellschaft in außenpolitischer Hinsicht an der Doktrin des Nichtstuns festhielt, wünschte sie sich in der Innenpolitik endlich einen Präsidenten, der im Angesicht der Krise willens und in der Lage war zu handeln.

Der wendige, zu einem recht weitgehenden Pragmatismus fähige Roosevelt knüpfte im Wahlkampf an die Tradition des amerikanischen Populismus an, berief sich auf Thomas Jefferson und griff die Wirtschaftsführer des Landes frontal an. Das verleitete sowohl die radikalen Linken in der Demokratischen Partei als auch Roosevelts schärfste Gegner unter den Republikanern zu dem Fehlschluss, der Spross einer New Yorker Familie der oberen Mittelschicht verfolge ein sozialistisches Programm. In Wirklichkeit zielte seine Politik des New Deal, die nicht planvoll, sondern tastend und improvisierend war, auf keinen anderen Zweck, als den amerikanischen Kapitalismus zu retten. Roosevelts New-Deal-Liberalismus knüpfte an Ansätze aus der Progressive Era der Zeit der Jahrhundertwende an und war im Grunde nichts anderes als ein zunächst verschwommenes, aber von Anfang an energisches Programm zur Rettung der Freiheit. Wie später in der Kriegführung gegen die Achsenmächte kam Roosevelt dabei zugute, dass er trotz der Tatsache, dass er seit einer mutmaßlichen Polio-Infektion im Jahr 1921 von der Hüfte abwärts gelähmt war, von einem unerschütterlichen Optimismus geprägt war. Die Vorstellung, dass seine Politik auch scheitern könne, war ihm gänzlich fremd.

Um die Wirtschaftskrise in den Griff zu bekommen, wandte Roosevelt ähnliche Mittel aus dem Arsenal des Keynesianismus an wie Hitler in Deutschland oder Mussolini in Italien. Das zeigt, dass wirtschaftliche Methoden für sich genommen neutral sind und ganz unterschiedlichen Zwecken dienen können. Natürlich verfolgte Hitler gänzlich andere Ziele als Roosevelt. Nach dem Willen des nationalsozialistischen Tyrannen sollte die Erholung der deutschen Wirtschaft und die Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit mittelfristig dazu dienen, das „Dritte Reich“ zu einem Angriffskrieg zu befähigen. Roosevelt hingegen wollte die Krise überwinden, um die amerikanische Demokratie zu bewahren. Er wusste, dass die Marktwirtschaft und mit ihr das politische System in Amerika nur durch Reformen gerettet werden konnte.

 

Begründung des amerikanischen Wohlfahrtsstaats

In der ersten Phase des New Deal ergriff die Roosevelt-Administration vor allem Maßnahmen, um unmittelbar die größte Not zu lindern. Nach 1934 brachte die Regierung dann Strukturreformen auf den Weg, die das amerikanische Wirtschaftsleben von Grund auf reformieren sollten. Dazu gehörte der Fair Labor Standards Act von 1938 und der Social Security Act von 1935, der den Grundstein für den amerikanischen Wohlfahrtsstaat legte – nach europäischen Maßstäben freilich in engen Grenzen. Der Zentrist Roosevelt, der mit Gegnern ebenso hart ins Gericht gehen konnte wie er zu Kompromissen bereit war, nutzte alle erdenklichen Mittel, um – manchmal am Rande der Legalität – die amerikanische Wirtschaftsordnung zu erhalten. Indem er dem Beispiel seines entfernten Vetters Theodore Roosevelt folgte, baute er dabei die Befugnisse des amerikanischen Präsidenten in den zwölf Jahren, in denen er regierte, weit aus und führte vor Augen, wie wichtig eine starke Exekutive für die Funktionalität und Überlebensfähigkeit einer liberalen Demokratie ist.

Der soziale Liberalismus des New Deal erhielt durch Roosevelts Intentionen eine konservative Note im burkeanischen Sinne. Die Reform des Systems sollte seiner Bewahrung dienen. Roosevelt hatte nicht Unrecht, wenn er die Kritik von republikanischen Vertretern des Laissez-faire-Liberalismus am New Deal mit der Geschichte eines Ertrinkenden konterte: Er, Roosevelt, habe einen wohlhabenden älteren Herrn aus dem Wasser gezogen und müsse sich nun von ihm vorhalten lassen, dass er nicht auch seinen seidenen Hut in Sicherheit gebracht habe. Roosevelt war entschlossen den amerikanischen Kapitalismus zu retten – selbst gegen den Willen mancher Kapitalisten.

Auch der Vorwurf, dass Amerika nicht einmal am Ende der Roosevelt-Zeit die Prosperität der 1920er Jahre erreicht habe, ging ins Leere. Schließlich hatte das Land 1945 einen Krieg hinter sich und stand trotzdem in jeder Hinsicht besser da als im März 1933, als Roosevelt das Präsidentenamt angetreten hatte. Die Politik des New Deal, die Roosevelt den Amerikanern mit Hilfe des neuen Mediums Radio zu erklären wusste, war in Wirklichkeit die notwendige Voraussetzung für die amerikanischen Kriegsanstrengungen, die nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 begannen, und damit essentiell für die Rettung der Freiheit weltweit.

 

Kriegseintritt der Vereinigten Staaten

Hätte Roosevelt gekonnt, wie er wollte, wäre er schon früher in den Krieg eingetreten. Doch die isolationistische Stimmung der Amerikaner ließ sich nur langsam überwinden. Auch nach der State of the Union Address vom 6. Januar 1941 war nicht daran zu denken, den Achsenmächten den Krieg zu erklären und Großbritannien zu Hilfe zu kommen. Der vom Kongress am 18. Februar 1941 verabschiedete Lend Lease Act war das Äußerste, was zu diesem Zeitpunkt möglich war. Er erlaubte es der amerikanischen Regierung, kriegswichtiges Material an die Staaten zu liefern, die sich mit den Achsenmächten im Krieg befanden. Erst der Überfall auf Pearl Harbor gab dem Kongress und der amerikanischen Öffentlichkeit den Schub, den Roosevelt benötigte, um sein Land in den Krieg zu führen. Am 8. Dezember erklärten die Vereinigten Staaten Japan den Krieg, und drei Tage später folgte die Kriegserklärungen Deutschlands und Italiens an die Vereinigten Staaten.

Von da an führte Roosevelt den Krieg mit derselben Energie, mit der er im Rahmen des New Deal den begrenzten Wohlfahrtsstaat aufgebaut hatte. Seine Kriegführung und seine Ziele lassen sich in drei Punkten zusammenfassen: totaler Krieg, totaler Sieg, totaler Frieden. Der Krieg gegen einen Feind wie das nationalsozialistische Deutschland musste zwangsläufig totale Züge annehmen, erforderte also den Einsatz aller zur Verfügung stehenden Ressourcen. Die dafür notwendigen Opfer konnte Roosevelt den Amerikanern nur abverlangen, wenn er einen vollkommenen Sieg versprach und einen Frieden, der Gerechtigkeit und Demokratie überall in der Welt etablierte. Darin schien eine der beiden außenpolitischen Traditionen des amerikanischen Liberalismus auf, nämlich der Idealismus Woodrow Wilsons mit dem Ziel die „Welt sicher für die Demokratie zu machen“.

 

Ideelle Grundlage für die Verteidigung der freien Welt

All das hatte Roosevelt schon am 6. Januar 1941 vor dem Kongress skizziert, als er von den Four Freedoms gesprochen hatte. Sie waren die perfekte Inspiration für eine Nation, in der die liberale Demokratie den Rang einer Zivilreligion hatte. Und doch war Roosevelt klar, dass die Four Freedoms nur eine Metapher für das waren, worauf Amerika hoffen durfte, dass sie sich aber nicht durch den Sieg über die Achsenmächte in der ganzen Welt verwirklichen ließen. Hohe idealistische Ziele können leicht mit der Wirklichkeit in Konflikt geraten. Roosevelt wusste das. Schließlich war er nicht nur von Wilson beeinflusst, sondern auch von der anderen außenpolitischen Tradition des amerikanischen Liberalismus: von den am Nationalinteresse orientierten Vorstellungen des von ihm bewunderten Theodore Roosevelt. Aber er handelte nicht immer danach. So ignorierte er bis zu seinem Tod am 12. April 1945 die Tatsache, dass die weltweite Durchsetzung der Four Freedoms und die Machtausdehnung der Sowjetunion nicht miteinander zu vereinbaren waren. Geleitet von der ihm eigenen Zuversicht, blendete Roosevelt den totalitären Charakter des Sowjetreichs aus und glaubte, schon irgendwie zu einer Übereinkunft mit Stalin kommen zu können. Es blieb seinem Nachfolger Truman überlassen, den Schaden dieses Irrtums zu begrenzen.

Gleichwohl hatten die Four Freedoms über den Tod Roosevelts hinaus politische Bedeutung. Sie ließen sich zwar nicht weltweit verwirklichen, vor allem nicht die vierte. Aber sie inspirierten zumindest jenen Teil der Welt, den man den Westen oder die freie Welt nennt. So wie Roosevelt mit dem New-Deal-Liberalismus im Innern der Vereinigten Staaten das Fundament für den „liberalen Konsens“ der Nachkriegszeit legte, dem die Moderaten beider Parteien zustimmten, so bildeten die Four Freedoms die ideologische Grundlage für die Verteidigung des Westens gegen den Totalitarismus der Sowjetunion. Roosevelt hinterließ seinem Land eine neue politische Tradition, die konsensorientiert im Innern war und das nationale Interesse durch ein weltweites Engagement für die Freiheit definierte. Kein Freund des Liberalismus kann diese Tradition für verzichtbar halten. Wie der amerikanische Politikwissenschaftler und Publizist Robert Kagan festgestellt hat, behauptete sich die liberale Weltordnung seit 1947 nicht deshalb, weil sie besser war als andere – das war sie zweifellos –, sondern weil eine mächtige Nation den Willen hatte, sie zusammen mit ihren Verbündeten zu verteidigen. Daran, ob das auch in Zukunft so sein wird, entscheidet sich das Schicksal der freien Welt, die ohne Franklin D. Roosevelt nicht denkbar gewesen wäre.

Ansprechpartner

PD Dr. Matthias Oppermann

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Stv. Leiter Wissenschaftliche Dienste/ Archiv für Christlich-Demokratische Politik, Leiter Zeitgeschichte

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