Vietnam in der neuen Ära
Pünktlich vor dem wichtigsten Feiertag im vietnamesischen Kalender, dem Neujahrsfest Tet, hielt die Kommunistische Partei Vietnams (KPV) im Januar ihren 14. Nationalen Parteikongress ab. Für Generalsekretär To Lam, der nach dem Tod seines Vorgängers Nguyen Phu Trong im August 2024 ins Amt kam, war es der erste Kongress an der Spitze der Partei und damit eine entscheidende Bewährungsprobe. Unmittelbar nach seiner Amtsübernahme hatte To Lam die größte Reform seit der wirtschaftlichen Öffnung Vietnams im Jahr 1986 angestoßen: Im Jahr 2025 wurde die Zahl der Provinzen nahezu halbiert, eine Verwaltungsebene abgeschafft, Minsterien und ihre untergeordneten Behörden neu strukturiert und über 100.000 Beamte entlassen. Die Zahl der verabschiedeten Gesetze stieg 2025 im Vergleich zum Vorjahr rapide an. Mit dieser gewaltigen Reform des Staatsapparats läutete To Lam „das Vietnam einer neuen Ära“ ein und ließ dabei keinen Zweifel an seinem Gestaltungswillen und seinem Machtanspruch. Er ging aber auch das Risiko ein, für einen zu drastischen Wandel zu stehen.
Wie sich herausstellte, hatte To Lam sein Blatt nicht überreizt. Der Parteikongress, in dem die KPV die Leitplanken für ihre Politik der nächsten fünf Jahre festlegt, ging fokussiert und gradlinig über die Bühne. Der Generalsektretär erhielt volle Rückendeckung. Mit seiner Wiederwahl in das höchste Amt der KPV sicherte sich To Lam ein umfassendes Mandat für seine ehrgeizigen Pläne für Vietnam und für seinen kompromisslosen Führungsstil. Auffällig ist, dass Premierminister Pham Minh Chinh und Staatspräsident Luong Cuong nicht in das 200-köpfige Zentralkommitee gewählt wurden – damit kommen beide Männer, die bisher an der Seite von To Lam in der ersten Riege der Macht standen, für weitere Spitzenpositionen nicht mehr infrage. Viele Beobachter halten es hingegen für wahrscheinlich, dass To Lam neben seinem Amt als Generalsekretär auch das des Staatspräsidenten anstrebt. Diese Entscheidung wird aller Voraussicht nach im März gefällt, wenn die Nationalversammlung zum nächsten Mal tagt. Mit einer Fusion der Ämter stünde To Lam nicht nur an der Spitze der KPV, sondern wäre gleichzeitig auch Staatsoberhaupt, nach dem Modell von Chinas Machthaber Xi Jinping. Dieser Schritt wäre ein Bruch mit der politischen Tradition Vietnams, nach der die Macht bisher auf vier Ämter – Generalsekretär, Premierminister, Staatspräsident und Präsident der Nationalversammlung – aufgeteilt und damit ausbalanciert wurde.
Kein „business als usual“
Es lässt sich ohne Übertreibung sagen, dass Vietnam unter der Führung To Lams einen der ehrgeizigsten Wachstumspläne weit und breit verfolgt. Während das Pro-Kopf-Einkommen derzeit bei rund 5.000 USD liegt 1, hat die KPV für 2030 das Ziel von 8.500 USD vorgegeben. Um das Land innerhalb von fünf Jahren in die Liga der Volkswirtschaften oberen mittleren Einkommens zu katapultieren, ist eine durschnittliche Wachstumsrate von über 10% nötig – weit entfert von konservationen Projektionen, etwa von der Asian Development Bank, die für 2026 eine Steigerung um 6% schätzt. 2 Die Staatsmedien erkennen zwar an, dass ein zweistelliges Wachstum ein „nie dagewesenes, bahnbrechendes Tempo“ sei, insistiert jedoch, dass es im Bereich des Möglichen liege, wenn alle Ressourcen mobilisiert und effektiv eingesetzt würden. 3 Staatliche Think Tanks wurden unmittelbar nach dem Kongress mit der Entwicklung von Aktionsplänen beauftragt, um das zweistellige Wachstum aus den Resolutionen in die Realität zu übersetzen. Die Fristen dafür sind knapper als je zuvor. Um keine Zweifel an diesem Anspruch aufkommen zu lassen, bemühte To Lam in einem Namensartikel vom 25. Januar gar einen Kampfspruch des Staatsgründers Ho Chi Minh: „Vorwärts! Der Sieg ist uns gewiss!“ 4
Wodurch aber soll das Wachstum entstehen? Die zentrale Weichenstellung ist eine hervorgehobene Rolle für Privatunternehmen, die laut Resolution 68 des Politbüros aus dem vergangenen Jahr „die wichtigste Triebfeder“ der Wirtschaft werden sollen. Da im sozialistischen Vietnam bisher staatseigene Unternehmen unangefochten das wirtschaftliche Fundament bildeten, steht diese Entscheidung sinnbildlich für eine neue Ära in der Entwicklung des Landes. Mit verbesserten Rahmenbedinungen und Anreizen für private Unternehmen sollen marktwirtschaftliche Kräfte freigesetzt werden, die das ökonomische Getriebe um mehr als nur einen Gang hochschalten. Einem neuen Beschluss zufolge werden kleine und mittlere Unternehmen für drei Jahre nach ihrer Gründung von der Umsatzsteuer befreit. 5 Für die großen Unternehmen sieht Resolution 68 hingegen vor, dass mindestens 20 heimische Firmen bis 2030 in globale Wertschöpfungsketten eingebunden sind und dem Modell ostasiatischer Konglomerate wie Samsung, Hyundai oder Mitsubishi folgen.
Eine größere Dynamik im Privatsektor ist eine wichtige Voraussetzung für Vietnams nächste Wachstumsphase. Gleichzeitig muss sich die Wirtschaft jedoch auch strukturell wandeln. Dominierten in Vietnam bisher vor allem die Wirtschaftszweige der Fertigung und Weiterverarbeitung unter hohem Einsatz von geringqualifizierten Arbeitskräften, soll nun deutlich mehr Wertschöpfung im eigenen Land erzielt werden. Wirtschaft, Technolgie und digitale Transformation sind Kernelemente in der vom Parteikongress verabschiedeten Entwicklungsstrategie. 6 Die Kriterien für „Direktinvestionen der nächsten Generation“ sorgen dafür, dass Vietnams moderne Industrieparks vor allem ausländisches Kapital im Bereich der Hochtechnologie anziehen. 7 Schnelle Fortschritte in der Bildung und Forschung sowie im Ausbau der Infrastruktur und Energieversorgung sind Grundvoraussetzungen, wenn der rapide Wandel gelingen und andauern soll.
Bambusdiplomatie reicht nicht mehr
Auch in der Außenpolitik schaltet Vietnam in einen neuen Modus. Nach dem Parteikongress betonte Generalsekretär To Lam in einer Runde mit Botschaftern und weiteren Emissären seines Landes, dass die auswärtigen Beziehungen sowie internationale Integration Vietnams als eine „zentrale und andauernde Aufgabe“ von Staat und Partei identifiziert wurden – ein formales Attribut, das bisher nur den Ressorts der Verteidigung sowie inneren Sicherheit zuteil wurde. 8 To Lams Vorgänger Nguyen Phu Trong hatte den Begriff der Bambusdiplomatie geprägt, wonach Vietnam Parterschaften im Sinne von Flexibilität und Resilienz aufbaute. Mit dem abgeschlossenen Parteikongress ist klar, dass der aktuelle Generalsekretär eine größere Ambition hegt. Das Bild des neuen Vietnams, das seine Diplomaten in die Welt tragen sollen, sei das eines „verantwortlichen, proaktiven und konstruktiven Mitglieds der internationalen Gemeinschaft.“ 9Unter dem Eindruck einer Verschiebung weg vom Multilateralismus und hin zu Machtpolitik zwischen Großmächten hat Vietnam erkannt, dass es ein vitales Interesse an stabilen und vorhersagbaren internationalen Mechanismen hat – an vorderster Stelle in den Bereichen Handel und wirtschaftliche Kooperation. To Lams Einnorden seiner Diplomaten muss als Signal verstanden werden, einen größeren Beitrag als bisher für den Aufbau und Erhalt dieser Mechanismen leisten zu wollen.
Genau zur richtigen Zeit erfolgte daher der Besuch von EU-Ratspräsident Antonio Costa in Hanoi. Nur eine Woche nach dem Parteikongress traf er Staatspräsident Luong Cuong und Generalsekretär To Lam sowie weitere wichtige Entscheidungsträger. Getragen von der befreiten Atmosphäre eines erfolgreich abgeschlossenen Kongresses konnten die EU und Vietnam öffentlichkeitswirksam den Abschluss einer umfassenden strategischen Partnerschaft verkünden. 10 Vietnam baut seit Jahren gezielt sein Netzwerk an derartigen Partnerschaften aus, die es als höchste Form der diplomatischen Verbundenheit einsetzt. Im vergangenen Jahr gingen Frankreich und das Vereinigte Königreich diesen Schritt und waren damit die ersten europäischen Vertreter in dem für Vietnam engsten Zirkel. Dass nun die Europäische Union als erste supranationale Organisation und zu diesem hervorgehobenen Zeitpunkt gleichgezogen hat, ist zum einen ein Bekenntnis beider Seiten für regelbasierte Zusammenarbeit und tiefgreifende wirtschaftliche Kooperation. Zum anderen zeigt die EU in aller Deutlichkeit ihre Bereitschaft, den von Vietnam eingeschlagenen Entwicklungsweg nach Kräften zu unterstützen. Zu recht, denn der Parteikongress hat nochmals verdeutlicht: Vietnam schreibt eine der wichtigsten Wachstumsgeschichten dieses Jahrhunderts und braucht in seinem ureigenen Interesse verlässliche Partner und robuste Wirtschaftsbeziehungen - und wird sich an seinen eigenen Ansprüchen messen lassen müssen.
1 https://www.imf.org/external/datamapper/profile/VNM, aufgerufen am 31.01.2026.
2 https://www.adb.org/where-we-work/viet-nam/economy, aufgerufen am 31.01.2026.
3 https://vietnamnews.vn/politics-laws/1764493/moving-forward-victory-is-certain-party-chief.html, aufgerufen am 31.01.2026.
4 Ebd.
5 https://www.vietnam.vn/en/doanh-nghiep-nho-va-vua-duoc-mien-thue-thu-nhap-3-nam, aufgerufen am 20.01.2026.
6 https://beta-en.mic.gov.vn/science-technology-innovation-as-engines-of-economic-growth-197260120112201191.htm, aufgerufen am 28.01.2026.
7 https://vccinews.com/news/62237/attracting-next-gen-fdi-raising-standards-for-industrial-parks.html, aufgerufen am 28.01.2026.
8 https://vietnamnews.vn/politics-laws/1764487/party-chief-urges-promoting-image-of-new-viet-nam.html, aufgerufen am 27.01.2026.
9 Ebd.
10 https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/statement_26_255, aufgerufen am 31.01.2026.
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