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Wie ukrainische Stipendiatinnen und Stipendiaten
ihren Alltag in Deutschland neu organisieren

autori Marcus Schoft

„Auch wir in Deutschland kämpfen an der Front: der Informationsfront“

Am 24. Februar eskalierte der Konflikt in der Ukraine zu einem brutalen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Es ist der Tag, an dem der Krieg zurückkam – nicht nur in das Bewusstsein vieler Deutscher, sondern auch unmittelbar in das Leben vieler unserer Stipendiatinnen und Stipendiaten. 34 von ihnen stammen aus der Ukraine. Wie hat sich ihr Leben geändert angesichts dieses grausamen Angriffs? Ein Blick in den Alltag von Olha, Kateryna und Iryna.

Sie ist eine Person, die auf dem Bahnsteig im Vorbeigehen erst mal gar nicht auffällt, wer aber nach dem Weg sucht, der spricht sie an. Dann wird ihr gelber Mantel auf einmal sehr präsent. Sie hält kurz inne, überlegt und antwortet ruhig aber bestimmt, sodass kein Zweifel zurückbleibt, wie der Weg zu finden ist. Dabei steht Olha gerade selbst am Anfang eines sehr ungewissen Weges, während sie am Bahnsteig im S-Bahnhof Friedrichstraße wartet. Und das nicht nur im wörtlichen Sinne. Ein paar Schritte weiter steht ein Denkmal, das Olhas Situation versinnbildlicht. Denn ähnlich wie viele jüdische Kinder, die vor 85 Jahren an genau diesem Ort die Züge in eine ungewisse Zukunft auf der Flucht vor den Nazis verließen, weiß auch Olha nicht, ob sie in naher oder ferner Zukunft wieder in ihre Heimat zurückkehren kann. Dabei würde Sie am liebsten sofort in den Zug steigen. „Ich fühle mich auch schuldig, dass ich hier bin und nicht bei meiner Familie in der Ukraine. Dass ich nicht, wie die anderen kämpfe“, sagt Olha, und doch wird schnell klar, dass sie alles andere als untätig ist.

Olha ist vor fünf Jahren aus der Ukraine nach Deutschland gekommen, um hier zu studieren. Inzwischen promoviert sie mit Hilfe eines KAS-Stipendiums in Berlin. Ihre Geschichte ist exemplarisch. In der Ukraine hatte sie zunächst ihren Bachelor absolviert an der staatlichen pädagogischen Universität. Am Institut für Fremdsprachen hatte sie dort Germanistik studiert und sich währenddessen durch ihr soziales Engagement hervorgetan. Sie hat sich im Studentenrat eingebracht, hat Kindern Nachhilfe gegeben, hat sie ehrenamtlich in Deutsch oder Englisch unterrichtet und hat sich bei Jugendbegegnungen eingebracht, beispielsweise im ehemaligen Konzentrationslager Flossenbürg. 2018 ist sie Stipendiatin geworden. Mehr als 300 ausländische Studierende hat die KAS in der Förderung. Und davon kommen allein 34 aus der Ukraine. Seit 1990 hat die KAS über 200 Studierende und Promovierende aus der Ukraine gefördert. Ähnlich hoch ist die Zahl der Geförderten aus Russland.

Das Leben dieser Stipendiatinnen und Stipendiaten hat sich am 24. Februar von heute auf morgen radikal verändert. Die ersten Tage waren wie im Nebel, erinnert sich Olha. Sie konnte nichts essen, der Körper habe die ganze Zeit gezittert. „Wie bei Fieber“, erklärt die Doktorandin. Inzwischen hat Olha ihren Alltag neu organisiert. Gerade ist sie auf dem Weg nach Schöneberg im Berliner Süden. In einer evangelischen Kirche konnte die ukrainisch-orthodoxe Gemeinde Berlin ein Lager einrichten. Zwischen den Kirchenbänken werden Hilfsgüter gesammelt, verpackt und verladen. „Mindestens zwei Mal pro Woche komme ich hierher und helfe für einige Stunden“, sagt Olha. Hinzu kommt zwei Mal die Woche Freiwilligendienst in einer Schule, wo die Doktorandin ukrainischen Schülern Deutschunterricht gibt. Zwei weitere Arbeitstage sind verplant für die Organisation eines KAS-Seminars. Gemeinsam mit anderen deutschen und internationalen Stipendiatinnen und Stipendiaten war ursprünglich geplant, die Ukraine zu besuchen. Nicht nur in Kyjiw, sondern auch in Charkiw sollten Begegnungen stattfinden. „Wir hatten schon alles geplant. Nun müssen wir alles neu planen, hier in Berlin“, erklärt Olha entschlossen.

Während sie von ihrem neuen Alltag spricht, sitzt sie in der Frühlingssonne vor der Kirche. Kurz ist sie während des Gesprächs woanders. Das Handy liegt offen auf ihrem Schoß. Mit einem Auge ist sie immer im Krieg. Gerade sind es 68 ungelesene Nachrichten – allein im Kurznachrichtendienst Telegram. Wenn Luftalarm in ihrer Heimatstadt in der Zentral-Ukraine ist, bekommt sie das direkt mit. „Ich folge unserem Bürgermeister auf Telegram.“ Zwei tiefrote Punkte signalisieren in der kurzen Nachricht, wenn der Luftalarm beginnt. Wenn der Luftalarm endet, dann sind die Punkte grün. Die Erleichterung ist unmittelbar an zahlreichen Kommentaren und Smilies zu erkennen, die wahrscheinlich nicht nur aus der Ukraine, sondern auch von weit her versendet werden. Auch Olhas Smilies sind dabei.

Organisieren, recherchieren, Informationen weitergeben. Das ist es, was einen Großteil des Alltags der Stipendiatin inzwischen ausmacht. Gerade ist Kateryna, eine Konstipendiatin, auch vor der Kirche in Schöneberg angekommen. Auch sie ist im Organisations-Team des Ukraine-Seminars. Doch bevor es um das Seminar gehen kann, tauschen sich die beiden über Ihre Familien aus. Wie geht es Katerynas Großeltern, die gerade erst aus Charkiw geflohen sind und nun mit der Enkelin in einer Berliner 1-Zimmerwohnung leben? Oder: Wie kommt deine Schwester mit Ihren Kindern in Polen zurecht? Welche Schwierigkeiten gab es diesmal mit den Berliner Ämtern? Konntest du inzwischen mit deinem Vater telefonieren?

Doch es sind nicht nur diese Fragen, die beschäftigen. Im Gespräch immer präsent ist die Nachrichtenlage in der Ukraine. Und hier geht es auch darum, selbst einen Beitrag zu leisten. „Auch wir befinden uns hier an der Front. An der Informationsfront“, sagt Olha. Informationen, die sie über Telegram, Instagram oder Facebook bekommt, teilt sie. Sie beteiligt sich in den Kommentarspalten. Versucht aufzuklären, auch wenn es nur darum geht, nicht die russische Schreibweise Kiew zu nutzen, sondern Kyjiw, wie es der ukrainischen Aussprache näherkommt. Schon bei solchen Diskussionen wird der Ton in den sozialen Netzwerken schnell sehr rau. Wie ist das erst, wenn sie Bilder aus dem Kriegsgebiet teilt, von Verletzten oder gar Toten, von Bombenangriffen? „Selbst viele Freundinnen und Freunde glauben mir manches nicht. Und ich kann es irgendwie verstehen. Es ist einfach zu grausam, um es wahrhaben zu wollen. Aber es ist unsere Realität“, sagt Olha.

Diese Erfahrungen machen Olha und Kateryna aber nicht erst seit Februar. Schon seit 2014 versuchen sie über die kriegsähnlichen Zustände in der Ostukraine aufzuklären. Eine Filmpremiere einige Tage später zeigt dies eindrücklich. Olha und Kateryna sind zwei von etwa 50 Zuschauern in dem Kinosaal der Filmuniversität Babelsberg. Hier findet gerade das 51. International Student Film Festival Sehsüchte statt. Im Rennen um die beste Dokumentarfilm-Produktion ist auch der Film ihrer Konstipendiatin Iryna. The Bright Path erzählt von einem Journalisten im Donbas. Wie er verhaftet wurde, was er gesehen und erlebt hat, in der Gefangenschaft. Es sind Worte wie Willkür, Folter und Konzentrationslager, die von dem Abend im Gedächtnis bleiben. Gedreht wurde der Film weit vor der russischen Großinvasion in der Ukraine. Im Publikumsgespräch nach dem Film korrigiert die Regisseurin Iryna die Aussage aus der Anmoderation: der Film sei für das Festival noch vor dem Ukraine-Krieg ausgewählt worden, hieß es da. Iryna sagt: „Wir haben Krieg in der Ukraine seit 2014. Deshalb haben wir diesen Film doch gemacht.“ Gemeinsam mit Olha und Kateryna nutzt sie die Gelegenheit, sich für die Bewaffnung der ukrainischen Armee einzusetzen.

Es vergeht kaum einen Tag, an dem Olha nicht auf den Beinen und unterwegs ist. Am Sonntag schließlich, als sie im Gottesdienst steht, wird das Chaos ihres Alltags in einem Bild deutlich. Ihr gelber Mantel ist wieder von weither zu sehen. Olha steht im Mittelgang der Kirche. Denn woanders ist kein Platz mehr, als sie in der Schöneberger Kirche ankommt. Mit ihr haben sich hier 300 Leute versammelt. Mütter mit ihren Kindern, einige Männer, viele ältere Frauen. Sie alle stehen zwischen unzähligen Kartons. Die Bänke sind entweder zur Seite geschoben oder übervoll mit Hilfsgütern. Doch das äußere Chaos zählt nicht mehr, und für kurze Zeit findet Olha, was aus ihrem Alltag verschwunden ist:  Ruhe – Ruhe vom Krieg und der nie stillstehenden „Informationsfront“.

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Marcus Schoft

Referent Kommunikation Begabtenförderung und Kultur

marcus.schoft@kas.de