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Islam und Politik in der VR China

autori Stefan Friedrich
Kurz nach den Terroranschlägen am 11. September vollzog die VR China einen unerwarteten Schulterschluss mit den USA

Die Terroranschläge auf die USA vom 11. September d.J. haben die Welt verändert. So hat im Rahmen der umfassenden Anti-Terror-Allianz auch eine erstaunliche Annäherung zwischen Washington und Beijing stattgefunden. Für Beobachter der chinesischen Außenpolitik war es eine Überraschung, wie schnell die chinesische Führung den ungewohnten Schulterschluss mit den USA vollzog. Bereits am Tag nach den Anschlägen unterstützte die Volksrepublik eine entsprechende Resolution des UN-Sicherheitsrates.

Und nur wenige Tage später, am 18. September, erklärte der chinesische Staats- und Parteichef Jiang Zemin telefonisch gegenüber dem britischen Premierminister Tony Blair sogar Chinas Bereitschaft, eine Militäraktion der USA unter drei Bedingungen zu unterstützen: angemessene Rolle des UN-Sicherheitsrates, Durchführung der Aktion auf der Basis konkreter Erkenntnisse und genau definierter Ziele sowie Schutz der unbeteiligten Zivilbevölkerung. Auch wenn Chinas Unterstützung an konkrete Bedingungen geknüpft war, ist dies überraschend. Vor dem Hintergrund der früheren kompromisslosen Ablehnung von amerikanischen Militäraktionen wie z. B. im Kosovo, war eine solche Haltung nicht zu erwarten; hinzu kommt die Tatsache, dass der Militärschlag der USA gegen Afghanistan in unmittelbarer Nachbarschaft Chinas stattfindet - unter normalen Umständen sicher ein "Worst-Case-Scenario" für Chinas Elite.

Aber es ist vielleicht gerade die geographische Nähe, die die chinesische Führung zu dieser veränderten Haltung gegenüber einem militärischen Eingreifen der USA veranlasste. Seit Jahren schon versucht Beijing, den Gefahren einer von Afghanistan und den Taliban unterstützten Unabhängigkeitsbewegung in Xinjiang, der nordwestlichsten Provinz der Volksrepublik, entgegenzuwirken.

Dabei hatte Beijing nicht zuletzt auch den Kontakt zu den Taliban gesucht, was aber zu keinem befriedigenden Ergebnis führte. Die chinesische Führung befürchtet, dass in Xinjiang, wo mehrheitlich Angehörige des muslimischen Turkstamms der Uighuren leben, ein fundamentalistischer Islam Fuß fasst, der sich zu einer Gefahr für die Einheit der Volksrepublik ausweiten könnte. Diese Befürchtungen wurden durch Erkenntnisse aus jüngster Zeit bestärkt, wonach es unter den fundamentalistischen Kämpfern der Taliban in Afghanistan auch Uighuren gibt, die sich langfristig den Kampf für ein unabhängiges Ost-Turkestan auf die Fahne geschrieben haben.

Muslime in China

In China leben heute rund 20 Millionen Muslime. Die HUI sind mit ca. 9 Millionen die größte offiziell anerkannte muslimische Bevölkerungsgruppe. Sie sind ethnisch und linguistisch Han-Chinesen, werden in der Volksrepublik allerdings als eigene nationale Minderheit registriert. Dies hat zur Folge, dass Han-Chinesen, die zum islamischen Glauben übertreten, nach chinesischem Recht auch ihre ethnische Zugehörigkeit verändern und den Hui zugeordnet werden. Dies ist zwar insofern außergewöhnlich als andere religiöse Gruppen, beispielsweise chinesische Christen, durchaus ihre Han-Nationalität beibehalten, wurde allerdings von den han-chinesischen Moslems selbst nicht als Nachteil empfunden, weil sie so ein stärkeres Gruppengefühl entwickeln konnten. Darüber hinaus genießen sie als Angehörige einer nationalen Minderheit Sonderrechte wie z.B. in der Familienplanung (sie unterliegen nicht im gleichen Maße der Ein-Kind-Politik wie die Han). Geographisch sind die Hui vor allem in den zentralen Provinzen Ningxia (offizieller Name: "Autonome Region Ningxia der Hui Nationa-lität"), Gansu und Qinghai (östlich von Xinjiang) angesiedelt. Historisch kam der Islam zwischen dem 7. und 12. Jahrhundert nach Zentralchina, teils auf dem Seeweg über die Häfen im Südosten (Kanton u.a.), teils auf dem Landwege durch Zentralasien. Einen bedeutenden Zu-strom von Moslems erlebte China während der Yuan-Dynastie (1279 - 1368), als die mongolischen Fremdherrscher in Beijing, arabisch- und persisch-sprachige Moslems zur besseren Beherrschung Chinas ins Land holten. In der Ming-Zeit (1368 - 1644) schließlich wurde der Islam "eine nationale Religion", deren Angehörige sich weitgehend sinisiert hat-ten und nur durch die unverzichtbaren muslimischen Sitten und Gebräuche (Beschneidung, Verbot des Verzehrs von Schweinefleisch u.a.) von den Chinesen unterschieden.

Die andere große Gruppe von Muslimen in China sind die Uighuren. Sie sind in der nord-westlichen Provinz Xinjiang beheimatet und umfassen ca. 7-8 Millionen Menschen. Im Gegensatz zu den Hui sind die Uighuren keine ethnischen Chinesen sondern ein Turkvolk mit eigener Geschichte und Tradition sowie einer eigenen Sprache und Schrift. Die Islamisierung der Region setzte im 10. Jahrhundert mit der Ankunft von Nomaden türkischer und mongolischer Herkunft ein. Heute leben neben den Uighuren noch weitere Moslems in Xinjiang u.a. Kasachen, Kirgisen, Tadschiken und auch Hui. Aufgrund der grundsätzlichen Unterscheidung zwischen den beiden wichtigsten Muslim-Gruppen in China stellen die Muslime in der Volksrepublik keine homogene Gruppe dar. Antichinesische Ressentiments unter den Uighuren richten sich ebenso gegen die islamischen Glaubensbrüder, die Hui.

Die am weitesten verbreitete Form des Islam in China ist der gedimu (gedim, von arabisch "qadim" für "alt"). Er verlangt in der reinen Form die Befolgung der sharia (des islamischen Gesetzes) und seiner fünf Gebote. Generell dominiert in China jedoch eine tolerante Form des Islam. So tragen beispielsweise Mädchen in der Schule meist nur ein nach pakistanischer Sitte geknüpftes Kopftuch; nur in Kashgar ist es die Regel, dass Frauen den islamischen Schleier vor dem Gesicht tragen. Drei muslimische Feiertage werden in der Volksrepublik anerkannt: das Opferfest, das Fastenbrechen sowie Mohammeds Geburtstag.

Die bereits erwähnte Unterscheidung zwischen den beiden großen Gruppen von Moslems in China, Hui und Uighuren, wird auch in deren Behandlung durch die Zentralregierung in Beijing reflektiert. Während die Hui aufgrund ihrer Nähe zu den Chinesen und dem Fehlen einer für die Zentralregierung potentiell gefährlichen politischen Organisation eine relativ große Freiheit in ihrer Religionsausübung genießen (große Ausnahme war die Zeit der Kulturrevolution, 1966-1976), unterliegen die Moslems in Xinjiang größerer Kontrolle. So wurden insbesondere Anfang der 1990er Jahre in Xinjiang, Moscheen und Koranschulen geschlossen. Dies nicht zuletzt deshalb, weil die chinesische Führung die religiösen Zentren der Uiguren als mögliche Brutstätten für antichinesische Propaganda sowie separatisches Gedankengut betrachtet.

Bedrohung der staatlichen Einheit durch uighurische Separatisten

Der Name der Provinz "Xinjiang" bedeutet im chinesischen "Neues Territorium". Das Gebiet stand zwar seit der Han-Dynastie (-206 bis +220) immer wieder unter nominellem chinesischen Einfluss, wurde jedoch erst im 17. Jahrhundert militärisch erobert und 1884 als Provinz Xinjiang offiziell in die damalige Qing-Dynastie (1644 - 1911) integriert. Seit der militärischen Eroberung der Region gab es immer wieder Aufstände, die "moslemisch" genannt wurden. In der Folge solcher Aufstände konnte z.B. ein Yakub Beg zwischen 1864 und 1877 in Süd-Xinjiang als Emir von Kashgar herrschen; und nach dem sog. Yili-Aufstand von 1944 bis 1946 wurde inmitten der Wirren des Zweiten Welt- und des chinesischen Bürgerkriegs dort die unabhängige Republik Ost-Turkestan ausgerufen. Nach Gründung der Volksrepublik China im Oktober 1949 gelang es der neuen chinesischen Führung innerhalb eines Jahres (mit Ausnahme Taiwans) das gesamte Gebiet des früheren chinesischen Kaiserreiches - einschließlich Xinjiang - unter ihre Kontrolle zu bringen.

Aufgrund des hohen Anteils von Nicht-Han-Chinesen wurde Xinjiang 1955 der Sonderstatus einer Autonomen Region zugestanden, wie ihn z.B. auch Tibet oder die Innere Mongolei inne haben. Vielen Uighuren geht diese Autonomie jedoch nicht weit genug. Darüber hinaus werfen sie der chinesischen Führung vor, die Bodenschätze und natürlichen Ressourcen der Provinz auszunutzen, ohne die einheimische Bevölkerung angemessen daran zu beteiligen. Ebenso wird u.a. darüber geklagt, dass sich immer mehr Han-Chinesen dort niederlassen. In der Tat sank der Anteil der Uighuren an der Gesamtbevölkerung Xinjiangs von 74% (1953) auf nunmehr ca. 47%. Während von uighurischer Seite diese Entwicklung als Kolonisierung kritisiert wird, vertritt Beijing die Haltung, dass es sich hierbei um aktive Hilfe bei der wirtschaftlichen Entwicklung der Region handele.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion Ende 1991 und der Gründung der zentralasiatischen GUS-Staaten an der Nord- und Westgrenze der Autonomen Region Xinjiangs haben die dortigen Unabhängigkeitsbewegungen neuen Auftrieb erhalten. So reißen seit Beginn der 1990er Jahre die Berichte über Anschläge auf chinesische Einrichtungen in der Autonomen Region nicht ab. Im Frühjahr 1997 wurde sogar Beijing von drei Bombenanschlägen erschüttert, zu denen sich uighurische Separatistengruppen bekannten. Umgekehrt gehen die chinesischen Behörden mit harter Hand gegen die Separatisten vor. Alleine seit Mitte der 1990er Jahre sollen nach Angaben von Amnesty International mehr als hundert Uighuren hingerichtet worden sein.

Für die Regierung der Volksrepublik geht es beim Kampf gegen separatistische Bewegungen in Xinjiang nicht allein um die Zukunft der Autonomen Region im Nordwesten. Die Zentralregierung befürchtet vor allem ein Übergreifen separatistischer Bewegungen auf andere Provinzen und Regionen der Volksrepublik. Und auch innenpolitisch könnte eine sich ausweitende separatistische Bewegung in Xinjiang Konsequenzen für die Stabilität der chinesischen Gesellschaft mit sich bringen.

Separatismus und islamischer Fundamentalismus in Xinjiang

Im Zuge der Terrorakte gegen die USA hat die Frage, inwieweit die separatistischen Bewegungen in Xinjiang eine Verbindung zum islamischen Fundamentalismus aufweisen, auch international an Bedeutung gewonnen. Dass es hier zumindest vereinzelt Verbindungen gibt, wird durch Berichte gestützt, wonach sich unter den von der afghanischen Nord-Allianz fest-genommenen Taliban-Kämpfern auch Uighuren befinden. Die chinesische Führung hatte bereits seit Jahren Verbindungen zwischen den Taliban und uighurischen Separatisten vermutet. Im Januar 1999 entsandte Beijing, das keine diplomatischen Beziehungen zu den Taliban unterhält, sogar eine Delegation unter Leitung des Direktors der Asienabteilung im Außenministerium zu Gesprächen mit Vertretern der Taliban. Diese leugneten jedoch, dass uighurische Separatisten in Afghanistan militärisch ausgebildet würden.

Daraufhin bemühte sich die chinesische Führung verstärkt um eine multilaterale Zusammenarbeit mit den zentralasiatischen Nachbarstaaten. In der 1996 gegründeten Gruppe der sog. "Shanghai 5" sind China und Russland sowie die drei direkt an die Volksrepublik angrenzenden GUS-Staaten, Tadschikistan, Kirgistan und Kasachstan vertreten. Standen dort zunächst Fragen des Grenzverlaufs sowie vertrauensbildender Maßnahmen im Zentrum, wurde die Agenda spätestens mit dem Übergang der "Shanghai 5" in die "Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit" im Juni 2001 um das Thema "Kampf gegen Terrorismus, Separatismus und Extremismus" erweitert. Es soll vor allem verhindert werden, dass separatistische Organisationen in einem Nachbarland operieren können. Im Falle Chinas zielte dies insbesondere darauf ab, sich die Unterstützung der Regierung in Kasachstan beim Kampf gegen uighurische Organisationen zu sichern, die von dort aus operieren.

Aufgrund der Tatsache, dass sich der uighurische Separatismus traditionell eng mit dem Islam verknüpft hat, befindet sich die chinesische Führung in einer Zwickmühle. Wenn man das religiöse Leben der Moslems in Xinjiang nicht kontrolliert, dann besteht die Gefahr, dass aus diesen religiösen Aktivitäten anti-chinesische Handlungen entspringen. Wird die religiöse Betätigung jedoch drastischen Einschränkungen unterworfen, wie dies in Xinjiang in den 1990er Jahren der Fall war, dann besteht wiederum die Gefahr, dass die Unzufriedenheit der Bevölkerung immer weiter zunimmt, was letztlich auch zu einer Gefährdung für die Stabilität der Region wie auch ganz Chinas führen kann.

Die Entwicklungen der letzten Jahre haben mit Sicherheit dazu beigetragen, dass sich viele Uighuren ihrer ethno-religiösen Herkunft stärker bewusst sind. Dies kann jedoch nicht notwendigerweise mit dem Beginn einer islamisch-fundamentalistischen Bewegung gleichgesetzt werden. Soweit dies bisher erkennbar ist, streben die Anhänger der diversen Unabhängigkeitsbewegungen in Xinjiang nicht die Errichtung eines islamischen Gottesstaates an. Ihr Ziel ist eine unabhängige Republik Ost-Turkestan. Aufgrund der starken Präsenz chinesischer Sicherheitskräfte und der strikten Kontrolle durch die Zentralregierung haben die Rebellen dabei jedoch den Islam nicht nur als einende Ideologie entdeckt, sondern die religiösen Praktiken auch als Möglichkeiten genutzt, ihre eigenen Ideen zu propagieren.

In diesem Zusammenhang sollten auch die Verbindungen zwischen der Taliban und den Uighuren nicht überbewertet werden. Obwohl beide der sunnitischen Glaubensrichtung anhängen, sind viele Uighuren Sufi, eine tolerante Form eines islamischen Mystizismus, den die Taliban ablehnen. Den meisten Uighuren geht es in erster Linie darum, eine größere religiöse, kulturelle und wirtschaftliche Freiheit zu erreichen. Darüber hinaus sehen viele Uighuren den Hauptfeind in Beijing und nicht in den USA. Im Gegenteil: Washington wird von vielen sogar als Verteidiger der Menschenrechte angesehen und damit als Hoffnungsträger im Kampf für mehr kulturelle Selbstbestimmung. So haben auch zwei der in Afghanistan festgenommenen uighurischen Kämpfer den Angriff auf das World-Trade-Center kritisiert. Für die Führung der Volksrepublik besteht nach den Worten eines Sprechers des chinesischen Außenministeriums jedoch kein Zweifel an der Einordnung der uighurischen Separatisten: "We have conclusive evidence that the East Turkistan elements have participated in terrorist activities (...) We hope that our fight against the East Turkistan forces will become a part of the international effort against terrorism, and it should also win support and understanding".( )

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Sankt Augustin Deutschland