Ausgabe: 2/2026
- Die Beziehungen zwischen Lateinamerika und Asien haben sich seit den 1990er-Jahren zu einem zentralen Bestandteil globaler wirtschaftlicher und geopolitischer Transformationsprozesse entwickelt. Im Zuge der zunehmenden Globalisierung sowie der Verwerfungen in traditionellen institutionellen Welthandelsstrukturen gewannen die lateinamerikanisch-asiatisch-pazifischen Verklammerungsvorgänge in den zurückliegenden drei Jahrzehnten strategische Relevanz.
- Vor dem Hintergrund wachsender wirtschaftlicher Interdependenzen sowie der Suche nach neuen politischen und ökonomischen Partnern intensivierten asiatische Staaten – allen voran China – ihre Präsenz in Lateinamerika erheblich. Parallel dazu verfolgten lateinamerikanische Staaten Strategien der Diversifizierung, um ihre Abhängigkeit von herkömmlichen Partnern wie den USA und der EU zu reduzieren.
- Diese Entwicklung ist eingebettet in den umfassenden Wandel der internationalen Ordnung, der durch Machtverschiebungen zugunsten aufstrebender Regionalmächte sowie durch neue Formen der Süd-Süd-Kooperation geprägt ist. Institutionelle Formate wie die Pazifikallianz oder die BRICS-Staatengruppe fungieren dabei als zentrale Mechanismen, über die sich diese neuen Interaktionsformen manifestieren.
Seit den 1990er-Jahren hat sich eine dynamische interregionale Kooperation zwischen Asien und Lateinamerika entwickelt, die eng mit der Globalisierung und dem damit verbundenen geopolitischen Wandel verknüpft ist.1 Ein zentraler Indikator für diese Entwicklung ist der rasante Anstieg des interregionalen Handels. Zwischen 1990 und 2011 wuchs das Handelsvolumen zwischen Asien und Lateinamerika um das Zehnfache auf rund 473 Milliarden US-Dollar.2 Im Rahmen dieser Dynamik nimmt China eine herausragende Stellung ein. Bereits in den 2000er-Jahren avancierte das Land zum wichtigsten Handelspartner mehrerer lateinamerikanischer Volkswirtschaften und überholte in vielen Fällen die USA als zentralen Exportmarkt. Im Jahr 1990 betrug der Anteil der Volksrepublik (VR) China am gesamten Handel zwischen Asien und Lateinamerika 5,2 Prozent. Dieser Anteil stieg im Zeitraum von 1990 bis 2003 auf durchschnittlich 11,9 Prozent und anschließend von 2004 bis 2011 auf durchschnittlich 40,3 Prozent und etwa 221 Milliarden US-Dollar. In diesem Zeitraum löste die VR China Japan als wichtigsten asiatischen Handelspartner Lateinamerikas ab.3
Seit 2011 hat sich der Warenaustausch zwischen Lateinamerika und Asien noch einmal deutlich ausgeweitet und strukturell vertieft. Nach der Abschwächung im Zuge des Rohstoffpreisrückgangs in den 2010er-Jahren sowie des pandemiebedingten Einbruchs im Jahr 2020 bestätigt sich der langfristige Trend. Bis heute hat sich Asien für Lateinamerika zu einem wichtiger werdenden Absatz-, Beschaffungs- und Investitionsraum entwickelt.4
Die Zusammenarbeit insbesondere in wirtschaftlicher Hinsicht zwischen den Ländern Asiens und Lateinamerikas kann bislang jedoch lediglich eingeschränkt als Partnerschaft auf Augenhöhe gelten. Während es in multilateralen Kontexten und ausgewählten Politikfeldern durchaus gleichberechtigte Kooperation gibt, sind viele bilaterale Beziehungen von strukturellen Asymmetrien geprägt. Besonders im Verhältnis zu China dominiert häufig eine ungleiche ökonomische Arbeitsteilung, bei der Lateinamerika vor allem als Rohstofflieferant und China als Kapital-, Technologie- und Nachfragezentrum auftritt.5
Bedeutung des Pazifikraums und neue Handelsrouten
Die Entwicklung der Beziehungen zwischen Asien und Lateinamerika im 20. und 21. Jahrhundert ist eng mit den strukturellen Veränderungen der Weltwirtschaft verbunden. Während die Interaktion beider Regionen im Kalten Krieg noch stark begrenzt war und primär über bilaterale oder ideologisch geprägte Kontakte verlief, setzte mit dem Ende der bipolaren Weltordnung eine deutliche Intensivierung der Beziehungen ein.
Mit der wirtschaftlichen und politischen Liberalisierung vieler lateinamerikanischer Staaten in den 1980er- und 1990er-Jahren sowie dem Aufstieg (süd-)ostasiatischer Volkswirtschaften entstand eine neue Grundlage für interregionale Kooperation.6 Einen wichtigen institutionellen Rahmen hierfür bildete die 1989 gegründete Asia-Pacific Economic Cooperation (APEC), die den Dialog und die wirtschaftliche Verflechtung im pazifischen Raum förderte. Mit dem Beitritt Mexikos (1993), Chiles (1994) und Perus (1998) wurden erstmals auch lateinamerikanische Volkswirtschaften systematisch in diese transpazifische Kooperationsarchitektur eingebunden, was die wirtschaftliche Anbindung Lateinamerikas an Asien vertiefte und die Asien-Pazifik-Region stärker als gemeinsamen Wirtschaftsraum konzipierbar machte.7
Ein weiterer entscheidender Wendepunkt war der Eintritt Chinas in die Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 2001.8 Dieser Schritt beschleunigte die Integration Chinas in die Weltwirtschaft und führte zu einer massiven Ausweitung seiner Handelsbeziehungen mit Lateinamerika. In der Folge entwickelte sich China innerhalb weniger Jahre zum wichtigsten Handelspartner mehrerer lateinamerikanischer Länder, insbesondere im Rohstoffsektor.
Der rasante Anstieg des Handelsvolumens zwischen beiden Regionen – von wenigen Milliarden US-Dollar in den 1990er-Jahren auf mehrere hundert Milliarden US-Dollar im ersten Quartal des 21. Jahrhunderts – ist Ausdruck dieser Transformation. Dabei zeigt sich, dass die Dynamik nicht allein auf wirtschaftliches Wachstum zurückzuführen ist, sondern auch auf strategische außenwirtschaftliche Entscheidungen, in deren Zuge sich der Pazifikraum zu einem zentralen geostrategischen Korridor zwischen Asien und Lateinamerika entwickelt hat. Diese Evolution wird u. a. maßgeblich durch den Ausbau maritimer Infrastruktur und logistischer Netzwerke vorangetrieben. Die Modernisierung von Seewegen, Häfen und Transportkorridoren trägt dazu bei, Transaktionskosten zu senken und die Effizienz globaler Lieferketten zu erhöhen.
Ein Beispiel hierfür ist der Bau des Tiefseehafens Chancay in Peru, der weltweit als eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte der jüngeren Zeit gilt. „Chinas Megaprojekt“9, offiziell zum 1. Juni 2025 rund 80 Kilometer nördlich von Lima in Betrieb genommen, markiert einen strategischen Zugangspunkt zum Pazifik, der die Schifffahrtsroute von China nach Südamerika um eine Woche bis eineinhalb Wochen Seereisezeit verkürzt. Der chinesische Staatskonzern COSCO Shipping Ports investiert rund drei Milliarden US-Dollar in den Bau und Betrieb des Hafens und hält die Mehrheit an der Betreibergesellschaft. Dadurch kann China mit seiner Flotte tiefwasserfähiger Megafrachter Peru als Tor nach Südamerika direkt ansteuern – ohne zeitraubende und kostenintensive Umladungen, beispielsweise in Singapur oder Busan – und kontrolliert die gesamte Logistikkette vom Ablegen bis zum Ausladen. Damit wird Chancay zu einem logistischen Drehkreuz, das die Handelsarchitektur zwischen Südamerika, Asien und der gesamten Pazifikregion neu ordnet.10
Diese Entwicklungen sind Teil einer umfassenderen Verschiebung globaler Handelsrouten. Während der Atlantikraum lange Zeit das Zentrum internationaler Wirtschaftsbeziehungen darstellte, verlagert sich der Schwerpunkt zunehmend in den Pazifikraum und verbindet nicht nur China mit dem südamerikanischen Kontinent. Ebenso eröffnet dieser Umstand den ASEAN-Mitgliedsländern neue Absatzmärkte, was umgekehrt auch für die Pazifikanrainer Chile, Peru, Kolumbien und Mexiko der Fall ist, die sich in der Pazifikallianz (PA) zusammengeschlossen haben. Neben der PA spielen die BRICS mit ihren Schwergewichten Brasilien, Indien und China sowie die chinesische Belt-and-Road-Initiative (BRI) eine zentrale Rolle in der Ausweitung der interregionalen Handelsbeziehungen zwischen Lateinamerika und Asien.11
Chinas strategische Ziele in Südamerika: Belt-and-Road-Initiative und BRICS
Diese Verschiebung ist nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch geopolitischer Natur, da sie mit einer Neuverteilung von Einfluss und Macht einhergeht. Vor diesem Hintergrund ist Chinas Engagement in Lateinamerika nicht allein als Folge wachsender Handelsvolumina zu verstehen, sondern als Bestandteil einer langfristig angelegten geostrategischen Positionierung. Im Zentrum stehen die Sicherung des Zugangs zu Rohstoffen, Agrargütern und Energie, die Erschließung neuer Absatzmärkte für chinesische Unternehmen sowie die Gestaltung jener Infrastruktur, über die künftig Handelsströme, Datenflüsse und politische Abhängigkeiten verlaufen. Südamerika ist hierfür besonders relevant, da die Region über zentrale Vorkommen an Kupfer, Lithium, Eisenerz, Erdöl und Agrarrohstoffen verfügt.12
Die BRI dient China in diesem Zusammenhang als politischer und institutioneller Rahmen, um bilaterale Projekte in eine umfassendere Erzählung von Konnektivität, Entwicklung und Süd-Süd-Kooperation einzubetten.13 Anders als in Eurasien geht es in Südamerika weniger um einen zusammenhängenden Landkorridor als um ein Netz aus Häfen, Bahn-, Straßen- und Energieinfrastruktur, digitaler Vernetzung und Finanzierungsinstrumenten. Strategisch zielt die BRI in Südamerika darauf ab, Lieferketten stärker auf chinesische Nachfrage, chinesische Logistik und chinesische Unternehmensnetzwerke auszurichten. Infrastrukturprojekte wie der Tiefseehafen Chancay verdeutlichen diese Logik. Wer Häfen, Transportachsen, Energieübertragung oder digitale Netze mitgestaltet, beeinflusst nicht nur Kosten und Effizienz, sondern auch politische Entscheidungsspielräume der Partnerländer.
Über Kredite, Direktinvestitionen, Freihandelsabkommen (FTA), Technologiekooperationen und Foren wie mit dem Dialogforum China-CELAC14 (das Akronym CELAC steht für die Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten) versucht Peking, seine Rolle als verlässlicher Entwicklungs- und Modernisierungspartner zu festigen. Für viele südamerikanische Regierungen werden dadurch Handlungsspielräume gegenüber traditionellen Partnern wie den USA und der EU geboten. Zugleich entstehen neue Verwundbarkeiten: Rohstoffexporte bleiben häufig konzentriert, Wertschöpfung findet nur begrenzt lokal statt, und die Beteiligung chinesischer Unternehmen an kritischer Infrastruktur kann Abhängigkeiten schaffen, die über den wirtschaftlichen Bereich hinausreichen.
Die BRICS ergänzen diese Strategie auf multilateraler Ebene. Mit Brasilien verfügt Südamerika über ein Gründungsmitglied der Gruppe, das für China als politischer Schlüsselpartner im „Globalen Süden“ fungiert. Die Erweiterung der BRICS eröffnet China zusätzliche Möglichkeiten, südamerikanische Staaten in Foren einzubinden, die ausdrücklich eine Reform globaler Governance-Strukturen und perspektivisch eine geringere Abhängigkeit vom US-Dollar betonen.
Chinas Engagement in Südamerika ist damit Teil einer breiteren Neuordnung wirtschaftlicher und politischer Beziehungen, in der die Region nicht länger nur als Rohstofflieferant oder Absatzmarkt erscheint, sondern zunehmend als strategischer Knotenpunkt zwischen Atlantik, Pazifik und Asien. Gerade für jene Staaten, deren Außenwirtschaft traditionell stärker auf den Pazifik ausgerichtet ist, stellt sich daher die Frage, wie sie diese wachsende asiatische Dynamik nicht nur passiv aufnehmen, sondern aktiv gestalten können. Vor diesem Hintergrund gewinnt die PA besondere Bedeutung. Sie bildet einen regionalen Versuch, wirtschaftliche Öffnung, Integration und die Anbindung an den asiatisch-pazifischen Raum institutionell zu bündeln.
Die Pazifikallianz als Instrument regionaler Integration und Brücke nach Asien
Die im Jahr 2012 gegründete PA stellt eines der interessantesten handelspolitischen Integrationsprojekte Lateinamerikas im 21. Jahrhundert dar. Sie ist Ausdruck einer strategischen Neuausrichtung der Außenwirtschaftspolitik ihrer Mitgliedstaaten Chile, Kolumbien, Mexiko und Peru, die sich – mit Ausnahme von Kolumbien – bereits über ihre APEC-Mitgliedschaft seit den 1990er-Jahren zunehmend ihrer pazifischen Lage bewusst werden.15 Die über Süd- und Mittelamerika hinausweisende strategische Ausrichtung der PA betonte der damalige chilenische Präsident Sebastián Piñera als Gastgeber der Unterzeichnungszeremonie im nordchilenischen Antofagasta, als er hervorhob, dass die PA eine „tiefe Integration“ anstrebe, die „weit über den Freihandel hinausgehen und bis in den asiatisch-pazifischen Raum hineinreichen“ werde.16
Im Gegensatz zu anderen Integrationsprojekten in Lateinamerika zeichnet sich die PA durch einen explizit marktorientierten und offenen Ansatz aus – ohne das Ziel, supranationale Institutionen zu schaffen. Während Bündnisse wie Mercosur oder die Comunidad Andina (CAN) stärker auf protektionistische Elemente und interne Marktintegration setzen, verfolgt die PA das Ziel, ihre Mitgliedstaaten in globale Wertschöpfungsketten zu integrieren und den Zugang zu internationalen Märkten, insbesondere den asiatisch-pazifischen, zu erleichtern.17
Die Gründung der PA erfolgte vor dem Hintergrund wachsender wirtschaftlicher Verflechtungen mit Asien. Bereits vor ihrer formellen Institutionalisierung hatten die beteiligten Staaten eine Reihe bilateraler Handelsabkommen mit asiatischen Partnern geschlossen, unter anderem mit China, Japan und Südkorea.18 Mit einer Bevölkerung von mehr als 220 Millionen Menschen und einem Anteil von mehr als einem Drittel des lateinamerikanischen Bruttoinlandsprodukts stellt die PA einen bedeutenden Wirtschaftsraum der Region dar. Ihre institutionelle Struktur ist bewusst flexibel gestaltet und verzichtet auf supranationale Entscheidungsmechanismen. Dies ermöglicht eine schnelle Anpassung an globale wirtschaftliche Entwicklungen, erschwert jedoch zuweilen eine kohärente politische Koordination.
Ein zentrales Merkmal der Allianz ist ihre Offenheit gegenüber externen Partnern. Die Möglichkeit, als Beobachterstaat teilzunehmen, hat dazu geführt, dass zahlreiche asiatische Länder – darunter China, Japan, Südkorea und Singapur – eng in die Aktivitäten der Allianz eingebunden sind. Auf ihrem zwölften Gipfeltreffen im Juni 2017 haben die vier Mitgliedstaaten der PA in einem weiteren Schritt beschlossen, Assoziierungsverhandlungen mit Kanada, Australien, Neuseeland und Singapur aufzunehmen. Damit reagierte die PA unmittelbar auf die zuvor von US-Präsident Donald Trump ausgesetzten Verhandlungen zur Transpazifischen Partnerschaft (TPP), um als Block „ehrgeizige Wirtschafts- und Handelsvereinbarungen“19 abzuschließen und an den einst mit hohen Erwartungen gesetzten Zielen der TPP festzuhalten. Ihren globalen, am freien Welthandel ausgerichteten Ansatz unterstrichen die Präsidenten der vier Mitgliedsländer nochmals in ihrer „Pacific Alliance Strategic Vision for 2030“20.
Ein wesentlicher Bestandteil dieser Strategie ist die starke Exportorientierung der Mitgliedstaaten. Bereits 2011 exportierten die Länder der PA Waren im Wert von rund 71 Milliarden US-Dollar nach Asien, mit einem jährlichen Wachstum von etwa zehn Prozent. In den folgenden Jahren bis 2019 wurde dieser Austausch gezielt ausgebaut. Insgesamt stieg das Handelsvolumen zwischen der PA und Asien in diesem Zeitraum um schätzungsweise 40 bis 60 Prozent, wobei insbesondere der Handel mit China überdurchschnittlich stark zunahm. Der Anteil Asiens an den Gesamtexporten der Allianz erhöhte sich moderat auf etwa 15 bis 18 Prozent, während der Importanteil mit rund 30 bis 35 Prozent deutlich höher lag. Mit dem ASEAN-Verband wurde durch den ASEAN-Pacific Alliance Work Plan 2021–202521 eine neue Phase der Zusammenarbeit eingeläutet. Bereits nach der Annahme des ASEAN-Pacific Alliance Framework for Cooperation während des III. Ministertreffens am 24. September 2016 hatten die Mitgliedsländer der PA und die ASEAN-Staaten beschlossen, die wirtschaftlichen und handelsbezogenen Beziehungen zwischen den beiden Blöcken zu vertiefen und eine Ausweitung der Zusammenarbeit zu prüfen. Mit dem Arbeitsplan wurde die Kooperation auf den Gebieten Handel und Investitionen, Bildung, Wissenschaft, Technologie und Innovation, digitale Wirtschaft, Geschlechterfragen und nachhaltige Entwicklung weiter durchdekliniert.
Kooperationen mit asiatischen Partnerstaaten
Die Kooperation mit asiatischen Staaten ist ein zentrales Element der PA. Durch bilaterale und multilaterale Abkommen wurden Handelsbeziehungen intensiviert und Investitionsströme erhöht. China spielt dabei eine herausragende Rolle. Als mittlerweile größter Handelspartner vieler lateinamerikanischer Staaten ist das Land maßgeblich an Infrastrukturprojekten und Investitionen beteiligt. Gleichzeitig engagieren sich auch Japan und Südkorea verstärkt in der Region, insbesondere in technologieintensiven Sektoren wie der Automobilindustrie und der Elektronikproduktion.22
Die institutionellen Beziehungen der PA zum ASEAN-Verbund haben sich bislang insgesamt eher punktuell entwickelt. Sie beschränken sich im Wesentlichen auf bilaterale FTA sowie Memoranda of Understanding (MoU) einzelner Mitgliedstaaten der PA mit ausgewählten ASEAN-Staaten und weisen dabei eine unterschiedliche Intensität auf.23 Vor diesem Hintergrund könnte die jüngst vollzogene Assoziierung Singapurs mit der PA den Ausgangspunkt für eine qualitativ neue Form interregionaler Zusammenarbeit über den Pazifik hinweg bilden. Begünstigt wurde dieser Schritt durch den Rückzug der US-Administration aus den Verhandlungen zur TPP im Januar 2017, nur wenige Tage nach der Vereidigung Trumps als 45. Präsident der Vereinigten Staaten. Diese Entscheidung markierte eine zentrale Zäsur in der US-amerikanischen Handelspolitik und setzte bei den verbleibenden TPP-Partnern Impulse zur Suche nach alternativen Kooperationsformaten im asiatisch-pazifischen Raum, wodurch neue interregionale Annäherungen an Bedeutung gewannen. Treibende Kräfte hinter einem transpazifischen FTA ohne die USA waren Chile und Singapur, deren wirtschaftlicher Erfolg nicht zuletzt auf der Aushandlung von umfangreichen FTA beruht. Beide Länder spielten beim Entwurf und der Entwicklung des im Jahr 2018 in Santiago de Chile unterzeichneten Comprehensive and Progressive Agreement for Trans-Pacific Partnership (CPTPP) eine zentrale Rolle als konzeptionelle Wegbereiter und legten den Grundstein einer weiteren vertieften transpazifischen Zusammenarbeit.24
Die Pazifikallianz als Vertiefung der Regionalkooperation zwischen Asien und Lateinamerika?
Am 3. Mai 2025 trat das FTA mit Singapur als erstem assoziierten Mitglied der PA in Kraft. Die Unterzeichnung des Abkommens stellt einen „landmark moment“25 sowohl für Singapur als auch für die PA in der Ausrichtung der Allianz nach Asien dar und soll neue Anreize zur Anziehung von Investitionen schaffen, staatliche Beschaffungsverfahren erleichtern und den Marktzugang für Dienstleistungsanbieter in einer Vielzahl von Sektoren verbessern.
Die Aufnahme Singapurs als assoziiertes Mitglied der PA und das damit verbundene Pazifikallianz-Singapur-Freihandelsabkommen (PASFTA) sind symbolisch bedeutsam und stellen einen Testfall für die wachsende Rolle minilateraler Abkommen im asiatisch-pazifischen Ordnungsgefüge dar. Das Abkommen signalisiert, dass der Pazifikraum nicht nur aus asiatischen und amerikanischen Teilregionen besteht, die nebeneinander agieren, sondern transregionale Integration möglich und politisch erwünscht ist. Singapur gibt der PA globale Glaubwürdigkeit und asiatische Anschlussfähigkeit, während die Allianz Singapur erlaubt, seine Rolle als Knotenpunkt des transpazifischen Handels über bestehende ASEAN-, CPTPP- und APEC-Strukturen hinaus auszubauen.
Singapur überträgt mit seiner Assoziierung seine in APEC vertretene handelspolitische Philosophie – Offenheit, Marktorientierung, Wettbewerbsfähigkeit, globale Wertschöpfung – in ein enges, integriertes, operatives Format. Während APEC den strategischen und normativen Rahmen liefert, bietet die PA mit Singapur erstmals ein transpazifisches Integrationsmoment, das über Dialog hinausgeht. Der Schritt ist insofern integrationspolitisch relevant, als er eine institutionelle Verbindung zwischen Südostasien und Lateinamerika schafft, die bislang in dieser Form fehlte.
Singapur fungiert als Anker und Übersetzer zwischen beiden Ebenen. Der Stadtstaat bleibt in APEC eingebunden und nutzt zusätzlich die PA als Plattform, um transpazifische Themen wie digitale Wirtschaft, Handelserleichterung, Dienstleistungen oder KMU-Integration konkret umzusetzen. Damit wird sichtbar, dass wirtschaftliche Integration im Pazifikraum nicht ausschließlich über Megaforen, sondern auch über kleinere, kompatible Integrationskerne voranschreiten kann. Insofern dient die Assoziierung Singapurs zur PA als funktionale Ergänzung zu APEC, die weiterhin den übergeordneten, inklusiven Rahmen für Dialog und Agendasetting bildet. Die PA – mit Singapur – wird zu einem praktischen Integrationsbaustein innerhalb dieses Rahmens.
In einer Zeit fragmentierter Handelsordnungen zeigt dieser Schritt, wie multilaterale Offenheit (APEC) und selektive Vertiefung (PA) im Pazifikraum produktiv zusammenspielen können. Insbesondere in den Bereichen, die APEC in ihrer Roadmap aus dem Jahr 2020 („Putrajaya Vision 2040“26) als Treiber wirtschaftlicher Entwicklung betont – Digitalisierung, resilientere Lieferketten, Konnektivität –, verspricht das PASFTA eine vertiefte Zusammenarbeit im Pazifikraum.
In Richtung EU sendet Singapurs Assoziierung zwei Signale: (1) Lateinamerikanisch-asiatische Regelsetzung gewinnt an Eigengewicht; (2) „Brückenakteure“ werden wichtiger. Für die EU geht vom PA-Assoziierungsabkommen Singapurs das Signal aus, dass Lateinamerika eigenständig Integrationsachsen aufbaut.27 Eine erfolgreiche Einbettung Singapurs in die PA-Strukturen mit einem Netzwerk interregionaler FTA zwischen Asien-Pazifik und Südamerika macht die Allianz zusätzlich als Partner für die EU interessant, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Verteidigung multilateraler Lösungsansätze. Das PASFTA fällt zeitlich zusammen mit dem EU-Singapur Digital Trade Agreement, das am 1. Februar 2026 in Kraft trat und in dem ebenfalls explizit hohe Ambitionen sowie ein wertebasierter Ansatz reklamiert werden.28 Dadurch, dass die EU bereits seit 2019 einen Kooperationsrahmen mit der PA (u. a. digitale Strategien, Mobilität, Klima) entworfen hat, kann dieser nun möglicherweise durch Singapurs Rolle als praxisnaher Regelsetzer im Digitalbereich strategisch aufgewertet werden. Bereits in ihrer Lateinamerika-Karibik-Strategie „Vision 2030 – eine Partnerschaft für die Zukunft“ aus dem Jahr 2019 setzt sich die CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag „entschieden für eine assoziierte Mitgliedschaft der EU in der Pazifik-Allianz ein“29, die sie als potenzielle „Drehscheibe des Handels zwischen Atlantik und Pazifik“30 identifiziert. Mit dem gemeinsamen Partner und „Brückenakteur“ Singapur könnte der nächste Schritt einer intensiveren Zusammenarbeit zwischen der EU und der PA beschleunigt werden.
Für ASEAN entfaltet die Assoziierung Singapurs mit der PA eine zugleich integrative und kompetitive Signalwirkung. Integrativ wirkt sie insofern, als ASEAN und die PA bereits über etablierte Kontaktformate und einen Kooperationsrahmen verfügen. Seit 2014 fanden wiederholt gemeinsame Ministerialtreffen statt, die schließlich in einen konkreten Arbeitsplan bis 2025 mündeten. Darüber hinaus besitzen mit Indonesien, Thailand und den Philippinen drei weitere ASEAN-Mitgliedstaaten Beobachterstatus in der PA. In diesem Kontext kann Singapurs Assoziierung als beispielgebend gelten, um bestehende ASEAN-PA-Kooperationen stärker zu operationalisieren, etwa durch gemeinsame Projekte in den Bereichen Handel, Konnektivität, Innovation oder Tourismus.
Gleichzeitig geht von PASFTA für ASEAN ein kompetitives Signal aus, da Singapur demonstriert, dass anspruchsvolle Handels- und Digitalisierungsstandards zunehmend über flexible, themen- und partnerbezogene Abkommen vorangetrieben werden können – auch dann, wenn große regionale Organisationen langsamer voranschreiten. Das PASFTA könnte somit für weitere ASEAN-Mitglieder einen zusätzlichen Anreiz darstellen, bestehende ASEAN-Regelwerke schneller zu harmonisieren oder verstärkt auch außerhalb etablierter ASEAN-Formate nach geeigneten Kooperationspartnern zu suchen.
Ausblick
Die zunehmende Integration zwischen Asien und Lateinamerika hat weitreichende Auswirkungen auf die globale Ordnung. Sie trägt zur Herausbildung einer multipolaren Welt bei, in der traditionelle Machtzentren an Bedeutung verlieren und neue Akteure an Einfluss gewinnen. Ein zentraler Aspekt dieser Entwicklung ist die zunehmende Gewichtung von Süd-Süd-Kooperationen. Diese ermöglichen es Staaten des sogenannten Globalen Südens, ihre wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu diversifizieren und unabhängiger von traditionellen, westlich geprägten Institutionen zu agieren. Gleichzeitig besteht die Gefahr neuer Formen von Abhängigkeiten und Ungleichheiten. Die nach wie vor bestehenden asymmetrischen Handelsstrukturen zwischen Asien und Lateinamerika – insbesondere zu China – führen dazu, dass wirtschaftliche Vorteile ungleich verteilt sind und bestehende strukturelle Probleme fortbestehen.
Darüber hinaus verändern Infrastrukturprojekte sowie neue Handelsrouten die globalen Wertschöpfungsketten und führen zu einer intensiveren Konkurrenz zwischen Staaten und Regionen. Die zunehmende wirtschaftliche und politische Verflechtung eröffnet daher neue Chancen für Wachstum und Entwicklung, ist jedoch gleichzeitig mit erheblichen Herausforderungen verbunden. Insbesondere die Dominanz Chinas sowie die nach wie vor asymmetrischen Handelsstrukturen verdeutlichen, dass die Integration nicht automatisch zu einer ausgewogenen Entwicklung führt. Vielmehr besteht die Gefahr, dass bestehende Abhängigkeiten reproduziert und neue geschaffen werden. Für Lateinamerika ergibt sich daraus die zentrale Herausforderung, eine Balance zwischen Integration und Autonomie zu finden. Eine nachhaltige Entwicklung erfordert die Diversifizierung wirtschaftlicher Strukturen, den Ausbau institutioneller Kapazitäten sowie eine strategische Gestaltung internationaler Kooperationen.
Andreas Klein ist Leiter des Regionalprogramms Politikdialog Asien der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Sitz in Singapur. Zuvor leitete er von 2016 bis 2022 das Auslandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Santiago de Chile.
- Mols, Manfred 1996: Lateinamerika und Asien: Ein neues Beziehungsmuster in der internationalen Politik, APuZ 48-49/1996, Bundeszentrale für politische Bildung, 22.11.1996, in: https://ogy.de/19tg [20.04.2026]. ↩︎
- Wignaraja, Ganeshan et al. 2012: Asia-Latin America Free Trade Agreements: An Instrument for Inter-Regional Liberalization and Integration?, ADBI Working Paper 382, Asian Development Bank Institute, 09/2012, S. 4–5, in: https://ogy.de/e3n8 [20.04.2026]. ↩︎
- Ebd., S. 6. ↩︎
- Urrego-Sandoval, Carolina / Pacheco Pardo, Ramón 2023: Asia and Latin America Relations in the Twenty-First Century: A Review, in: Colombia Internacional 113, S. 3–21, hier: S. 13, in: https://ogy.de/0gb3 [20.04.2026]. ↩︎
- Johnston, Karin L. 2025: China, Latin America, and the United States. Geopolitical Impacts and New Challenges, Konrad-Adenauer-Stiftung, 17.01.2025, S. 7, in: https://ogy.de/gwuo [20.04.2026]. ↩︎
- Bulmer-Thomas, Victor 2003: The Economic History of Latin America since Independence, 2. Auflage, Cambridge, S. 1–3. ↩︎
- Hosono, Akio 2017: Asia-Pacific and Latin America. Dynamics of regional integration and international cooperation, Series International Trade No. 132, Economic Commission for Latin America and the Caribbean, 06/2017, S. 29–30, in: https://ogy.de/porj [20.04.2026]. ↩︎
- Jungbluth, Cora 2021: Challenge and Opportunity: China inside the WTO and EU-China Relations, Policy Brief #2021/01, Bertelsmann Stiftung, 09.12.2021, S. 2, in: https://ogy.de/nsmn [20.04.2026]. ↩︎
- Migus, Romain 2025: Chinas Megaprojekt in Peru, Le Monde diplomatique, 10.04.2025, in: https://ogy.de/uwdj [20.04.2026]. ↩︎
- InvestmentWeek 2025: Chinas neuer Machtfaktor in Südamerika – Der Hafen von Chancay, 04.06.2025, in: https://ogy.de/s8qs [20.04.2026]. ↩︎
- Dussel Peters, Enrique et al. 2025: Monitor of Chinese OFDI in Latin America and the Caribbean 2025, Red América Latina y el Caribe — China, 17.03.2025, in: https://ogy.de/kd88 [20.04.2026]; Zhou, Jing 2023: A double-edged sword: Chinese direct investment in Latin America, in: Structural Change and Economic Dynamics 67, 12/2023, S. 234–249, in: https://ogy.de/1x4x [20.04.2026]. ↩︎
- agência latinapress 2025: Veränderung im chinesischen Investitionsmuster in Lateinamerika, 13.08.2025, in: https://ogy.de/td84 [20.04.2026]. ↩︎
- Zhexin, Zhang 2018: The Belt and Road Initiative. China’s New Geopolitical Strategy?, in: China Quartely of International Strategic Studies 4: 3, Fall 2018, S. 327–343, hier: S. 337–338, in: https://ogy.de/ua80 [20.04.2026]. ↩︎
- Ministry of Foreign Affairs of China 2016: Basic Information about China-CELAC Forum, 04/2016, in: https://ogy.de/69k0 [20.04.2026] ↩︎
- Mols 1996, N. 1. ↩︎
- MercoPress 2012: Chile, Peru, Colombia and Mexico seal the Pacific Alliance for economic integration, 07.06.2012, in: https://ogy.de/qqim [20.04.2026]; Meyer, Martin F. / Jung, Winfried 2012: Gründung der Pazifik-Allianz. Chile, Kolumbien, Mexiko und Peru bilden neues Wirtschaftsbündnis ausgerichtet auf Asien, Länderberichte, Konrad-Adenauer-Stiftung, 13.06.2012, in: https://ogy.de/zzdm [20.04.2026]. ↩︎
- Fonseca, Fabricio A. / Sánchez, Miriam L. 2024: Transpacific Integration and Open Regionalism: The Case of Singapore as Associated State of the Pacific Alliance, in: The Korean Journal of International Studies 22: 3, 31.12.2024, S. 371–401, in: https://ogy.de/27h0 [20.04.2026]. ↩︎
- Wignaraja et al. 2012, N. 2, S. 11–13. ↩︎
- Maihold, Günther 2017: Die Pazifikallianz beginnt einen neuen Entwicklungsabschnitt, SWP-Aktuell 2017/A 49, 14.07.2017, S. 2, in: https://ogy.de/xo04 [20.04.2026]. ↩︎
- Piñera Echenique, Sebastián et al.: Pacific Alliance Strategic Vision for 2030, Alianza del Pacífico, in: https://ogy.de/0mof [20.04.2026]. ↩︎
- ASEAN 2021: ASEAN – Pacific Alliance Work Plan 2021-2025, 24.11.2021, in: https://ogy.de/m610 [20.04.2026]. ↩︎
- Hosono 2017, N. 7, S. 25–27. ↩︎
- Baroni, Paola Andrea / Spagnolo, Tamara 2023: The Pacific Alliance and ASEAN: opportunities and challenges in the strengthening of ties, Journal of Business 14: 1, 04.01.2023, S. 59–78, hier: S. 63–65, in: https://ogy.de/o7c0 [20.04.2026]. ↩︎
- Pastrana, Eduardo / Castro, Rafael 2017: La Alianza del Pacífico: un Eje Articulador del Interregionalismo pos-TPP, in: Anuario de Integracion 14, S. 71–94, hier: S. 76, in: https://ogy.de/3kjl [20.04.2026]. ↩︎
- Loong, Lee Hsien 2022: Remarks by PM Lee Hsien Loong at the 16th Pacific Alliance Summit, Rede, Prime Minister’s Office Singapore, 26.01.2022, in: https://ogy.de/mo4o [20.04.2026]. ↩︎
- Asia-Pacific Economic Cooperation 2020: APEC Putrajaya Vision 2040, in: https://ogy.de/j0cg [20.04.2026]. ↩︎
- Castro, Rafael / Lenz, Tobias 2019: The Lima Summit: A Trial by Fire for the Pacific Alliance, GIGA Focus Lateinamerika 4, GIGA German Institute of Global and Area Studies - Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien, Institut für Lateinamerika-Studien, 07/2019, S. 3, in: https://ogy.de/x1vg [20.04.2026]. ↩︎
- Directorate-General for Trade and Economic Security 2026: EU–Singapore Digital Trade Agreement enters into force, Europäische Kommission, 02.02.2026, in: https://ogy.de/gabb [20.04.2026]. ↩︎
- CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag 2019: Vision 2030 – Eine Partnerschaft für die Zukunft. Lateinamerika-Karibik-Strategie der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, 14.05.2019, in: https://ogy.de/6el8 [20.04.2026]. ↩︎
- Ebd. ↩︎