Ausgabe: 3/2026
- Argentinien positioniert sich in einer Phase globaler Neuordnung als attraktiver Partner für Deutschland und Europa, getragen von historischen Bindungen, gemeinsamen demokratischen Werten, institutionellen Anknüpfungspunkten und komplementären Wirtschaftsstrukturen. Die marktwirtschaftliche Öffnung, die Deregulierung und das neue Investitionsregime für Großprojekte verbessern die Planbarkeit und schaffen ein günstiges Zeitfenster für vertiefte Kooperation.
- Das vorläufige Inkrafttreten des EU-Mercosur-Abkommens stärkt die handelspolitische Integration und eröffnet neue Absatzmärkte. Der Abbau von Zöllen und die stärkere Einbindung in internationale Wertschöpfungsketten erhöhen die Attraktivität des Standorts Argentinien und signalisieren den Willen zu verlässlicher internationaler Einbettung.
- Besonders groß ist das Kooperationspotenzial im Energie- und Rohstoffsektor. Schiefergas, erneuerbare Energien, grüner Wasserstoff sowie Lithium und Kupfer bieten Chancen für Versorgungssicherheit, De-Risking und gemeinsame Wertschöpfung entlang nachhaltiger Standards. Ergänzt wird dies durch enge wissenschaftliche, technologische und agrarische Zusammenarbeit sowie wachsende sicherheitspolitische Schnittmengen.
- Makroökonomische Unsicherheiten, soziale Spannungen und regulatorische Risiken bleiben bestehen, machen strategisches Engagement jedoch umso relevanter für eine langfristige, wertebasierte Partnerschaft.
Wenn in der Weite der argentinischen Pampa ein Gaucho sein Pferd anhält, den Blick über den endlosen Horizont schweifen lässt und mit ruhiger Selbstverständlichkeit seinem Gegenüber die Hand reicht, steckt darin mehr als Folklore: Es ist ein Sinnbild für Vertrauen, Eigenständigkeit und die Kunst, Partnerschaften in einem rauen, oft unvorhersehbaren Umfeld zu gestalten. Die Gaucho-Kultur – geprägt von Freiheit, Improvisation und Loyalität – entstand in einer Region, die seit jeher zwischen globalen Einflüssen und eigener Identität balanciert. Genau hier liegt eine Parallele zur heutigen geopolitischen Lage.
Argentinien steht wie kaum ein anderes Land Lateinamerikas für diesen Balanceakt: historisch eng mit Europa verbunden, kulturell eigenständig gewachsen und wirtschaftlich immer wieder gezwungen, neue Wege und Partner zu finden. Vom prägenden europäischen Einfluss im 19. Jahrhundert bis zur heutigen Rolle als Agrar- und Rohstoffnation zeigt sich ein Land, das Kooperation nicht als statische Bindung, sondern als dynamischen Prozess versteht.
In einer Welt, in der Deutschland und Europa ihre internationalen Beziehungen neu zwischen transatlantischer Verankerung, strategischer Eigenständigkeit und globaler Diversifizierung ausrichten müssen, lohnt sich der Blick auf Staaten wie Argentinien – denn sie spiegeln jene Mischung aus Werteüberschneidung, komplementären Interessenlagen und pragmatischer Offenheit wider, die für zukünftige Partnerschaften förderlich sein könnte. Wie der Gaucho in der Pampa sind daher auch Deutschland und Europa heute gefordert, sich sicher in einem sich wandelnden Gelände zu bewegen: alte Allianzen zu bewahren, neue Verbindungen zu knüpfen und ihre Außenbeziehungen langfristig sowie auf der Grundlage von gemeinsamen Werten, Interessen und Verlässlichkeit auszurichten.
Reformkurs schafft Investitionsanreize
Egal, mit wem man sich aktuell in Buenos Aires und im Landesinneren unterhält: Es scheint sich gerade ein relativ günstiges Zeitfenster aufgetan zu haben, das aus deutscher und europäischer Perspektive nicht ungenutzt bleiben sollte. In Gesprächen mit Regierungsvertretern, Unternehmern, Wissenschaftlern und Akteuren der Zivilgesellschaft verdichtet sich der Eindruck, dass Argentinien – nach Jahrzehnten wirtschaftlicher Volatilität und politischer Pendelbewegungen – erneut an einem Punkt steht, an dem sich möglicherweise grundlegende Weichen stellen lassen. Die historisch gewachsenen kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verbindungen zu Europa dürften hierfür eine hilfreiche Grundlage sein. Hinzu kommt unter der Präsidentschaft von Javier Milei ein deutlich marktorientierter Reformkurs, welcher auf Deregulierung, fiskalische Konsolidierung und die gezielte Förderung ausländischer Investitionen setzt. Während diese Politik zwar zu makroökonomischer Stabilisierung bzw. einer teilweisen Verbesserung der Wahrnehmung Argentiniens bei Investoren, IWF und insbesondere libertär-liberalen Milieus geführt hat, werden negative soziale Nebeneffekte und mikroökonomische Folgen (z. B. sektorabhängige Firmenschließungen, Arbeitsplatzverluste und die Zunahme informeller Arbeit) kontrovers diskutiert. Außerdem bestehen strukturelle Herausforderungen, wie die weiterhin verbreitete Korruption im öffentlichen Sektor, fort. So war die Regierung ursprünglich mit einem Antikorruptionsnarrativ und gegen die sogenannte Kaste angetreten, bisher sind jedoch keine umfassenden institutionellen Reformen zur Stärkung von Transparenz- und Kontrollorganen ersichtlich geworden; auch die Entwicklung des Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International zeigt keine bedeutenden Fortschritte. In welchem Umfang klientelistische Strukturen im öffentlichen Sektor tatsächlich zurückgedrängt werden konnten, ist bislang umstritten. Zudem sieht sich das Regierungsumfeld mit mehreren Vorwürfen, Affären und Korruptionsskandalen im Ermittlungsstadium (u. a. LIBRA, ANDIS, Adorni) konfrontiert, die mehr als große Zweifel daran haben aufkommen lassen, ob sich die Situation in historisch bedeutenden Problemfeldern wie bei der öffentlichen Auftragsvergabe, bei Subventionsprogrammen bzw. im Steuerbereich tatsächlich nachhaltig verbessert hat. Zusammenfassend sollte der Blick bzgl. möglicher Partnerschaften daher nicht nur auf makroökonomische Kennzahlen gerichtet werden, sondern auch die Rechts- und Planungssicherheit, die Transparenz sowie die Verlässlichkeit staatlicher Institutionen mit einbeziehen.
Ein Versuch, diese Planungsunsicherheit gezielt zu adressieren, und gleichzeitig zentrales Instrument der aktuellen Reformagenda ist das Förderregime für Großinvestitionen, das sogenannte RIGI (Régimen de Incentivo para Grandes Inversiones). Durch langfristige Stabilitätsgarantien, steuerliche Anreize und klare regulatorische Rahmenbedingungen soll es gelingen, Kapital in strategische Sektoren (u. a. Bergbau, Energie und Technologie) zu lenken. Gerade für deutsche und europäische Unternehmen, die traditionell stark auf langfristige Investitionshorizonte und verlässliche Rahmenbedingungen angewiesen sind, könnte dies positiv ins Gewicht fallen. In einem Land, in dem politische Richtungswechsel in der Vergangenheit häufig zu abrupten regulatorischen Veränderungen geführt haben, sind solche Stabilitätsanker besonders bedeutsam. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass Investitionsentscheidungen weiterhin sorgfältig abgewogen werden müssen – insbesondere vor dem Hintergrund makroökonomischer, aber auch anhaltender politischer Risiken.1
Zwar zeichnet sich derzeit kein aussichtsreicher peronistischer Gegenkandidat für die Präsidentschaftswahl 2027 ab, doch angesichts der Volatilität des politischen Systems bleibt offen, ob die erzielten Reformfortschritte dauerhaft Bestand haben oder durch einen politischen Richtungswechsel zumindest teilweise wieder zurückgenommen werden. Zudem ist der Einfluss von sozialen Spannungen und Unzufriedenheit nicht zu unterschätzen, sollte sich die wirtschaftliche Lage verschlechtern. Bereits im Vorfeld der Zwischenwahlen 2025 sorgten Zweifel an der politischen und wirtschaftlichen Stabilität Argentiniens für erhebliche Nervosität an den Finanzmärkten. Zur Beruhigung der Lage trug insbesondere die Unterstützung der USA in Form eines Währungsswaps bei, die das Risiko einer erneuten Währungs- und Vertrauenskrise verringerte. Daher wäre mittel- und langfristig aus deutscher Perspektive zwar eine Weiterführung des aktuellen Reformkurses zu bevorzugen, jedoch unterstützt durch soziale Abfederung und eine Stärkung des Rechtsstaates sowie unter Achtung der Gewaltenteilung durch eine Partei der Mitte ohne rechtspopulistische Tendenzen und Rhetorik.
Strategische Diversifizierung als Chance
Trotz dieser Vorbehalte sollten die langfristigen strategischen Potenziale des Landes nicht aus dem Blick geraten: Argentinien verfügt über umfangreiche natürliche Ressourcen, darunter fruchtbare Agrarflächen, bedeutende Energie- und Rohstoffvorkommen (u. a. Lithium, Kupfer, Silber, Gold, Schiefergas), große Potenziale im Bereich erneuerbarer Energien und gut ausgebildete Fachkräfte, während Deutschland und Europa mit industrieller Stärke, technologischer Innovationskraft und Kapitalausstattung aufwarten. In einer Zeit, in der globale Lieferketten neu gedacht werden müssen und geopolitische Spannungen zu einer strategischen Neuausrichtung wirtschaftlicher Beziehungen führen, gewinnt De-Risking daher an Bedeutung: Es geht dabei nicht um Abkopplung, sondern um die Diversifizierung von Abhängigkeiten, insbesondere bei Energie und kritischen Rohstoffen.
Argentinien kann in diesem Kontext zu einem zentralen Partner werden. Das Land bietet nicht nur Zugang zu strategisch relevanten Ressourcen, sondern auch die politische Anschlussfähigkeit an westliche Werte und Institutionen. Trotz aller Krisen und Umbrüche hat Argentinien seit dem Ende der Militärdiktatur 1983 eine demokratische Grundordnung bewahrt, die in vielen zentralen Punkten mit europäischen Vorstellungen kompatibel ist. Gerade diese Anschlussfähigkeit macht jedoch eine differenzierte Betrachtung der aktuellen politischen Entwicklungen erforderlich. Während Argentiniens wirtschaftspolitische Reformen und Marktöffnung als Chance für vertiefte Kooperationen wahrgenommen werden, müssen die sozialen Folgen der Austeritätspolitik, die Haltung gegenüber multilateralen Institutionen sowie der konfrontative politische Stil Mileis international aufmerksam bis kritisch beobachtet werden. Die Kürzung von Geldern in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Gesundheit und wiederkehrende Auseinandersetzungen mit Journalisten und Mileis Klimawandelskepsis offenbaren eine kurzfristig gedachte, polarisierende und kulturkampfgetriebene Logik; das Regieren per Dekret sowie die Politisierung von Justizposten sind problematische Tendenzen im Bereich der Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit.
Für Deutschland ergibt sich daraus ein ambivalentes Bild: Einerseits eröffnen sich neue Kooperationschancen, andererseits erfordern politische und gesellschaftliche Spannungsfelder ein hohes Maß an Sensibilität und strategischem Feingefühl.
Parallel dazu gewinnt die handelspolitische Integration an Dynamik: Die Regierung verfolgt eine pro-marktwirtschaftliche Außenpolitik, die auf den Abschluss und die Vertiefung internationaler Handelsabkommen abzielt. Ein zentraler Meilenstein ist in diesem Zusammenhang das EU-Mercosur-Abkommen, dessen handelspolitischer Teil im Mai 2026 vorläufig in Kraft trat. Bei der Ratifizierung im argentinischen Parlament erhielt es deutliche Mehrheiten. Der Abbau von Zöllen für den Großteil der zwischen beiden Wirtschaftsräumen gehandelten Güter (rund 90 Prozent) schafft nicht nur eine der größten Freihandelszonen der Welt, sondern auch neue Absatzmärkte und stärkt die wirtschaftliche Verflechtung.2
Für Deutschland eröffnet sich damit die Chance, stärker in einer Region präsent zu sein, die bislang oft im Schatten anderer globaler Märkte stand. Gleichzeitig signalisiert Argentinien mit seiner aktiven Handelspolitik, dass es sich bewusst und zuverlässig in internationale wirtschaftliche Strukturen integrieren und Vertrauen für seinen Reformkurs gewinnen möchte.
Die Ressourcenfrage als Türöffner
Besonders deutlich wird das Potenzial einer strategischen Zusammenarbeit im Energie- und Rohstoffsektor. Argentinien verfügt über eine einzigartige Kombination aus konventionellen und erneuerbaren Energiequellen. Die Formation Vaca Muerta (v. a. Provinz Neuquén) zählt zu den weltweit bedeutendsten Vorkommen von Schiefergas (Platz zwei) und Schieferöl (Platz vier) und eröffnet kurzfristig große Exportpotenziale.3 Experten zufolge sind zudem erst rund fünf Prozent erschlossen. Ein limitierender Faktor sind Infrastrukturfragen. Zudem bestehen Umwelt- und Sozialkonflikte.
Parallel dazu wächst der Anteil erneuerbarer Energien beständig – vor allem durch die windreichen Regionen Patagoniens und die sonnenreichen Hochplateaus im Norden. Auf Basis gesetzlicher Regelungen für erneuerbare Energien treiben staatliche Förderprogramme (z. B. RenovAR) in diesem Bereich gezielt den Ausbau voran.4 Mitte Mai 2026 ist zudem mit einem Solarpark in Mendoza das erste unter dem RIGI-Regime umgesetzte Projekt eingeweiht worden.5
Diese Kombination macht Argentinien zu einem potenziell attraktiven Partner für eine diversifizierte Energiekooperation, die sowohl Übergangstechnologien als auch langfristige Dekarbonisierungsstrategien abdeckt. Eine erste konkrete Ausprägung dieser Zusammenarbeit zeigt sich bereits im Bereich Flüssiggas (kurz LNG für englisch liquefied natural gas): Ab Ende 2027 sollen im Rahmen eines Vertrags zwischen dem bundeseigenen Energieunternehmen SEFE und dem argentinischen Konsortium Southern Energy bis zu zwei Millionen Tonnen LNG jährlich für acht Jahre nach Deutschland exportiert werden. Das Volumen entspricht zwar nur einem geringen Prozentsatz des gegenwärtigen deutschen Erdgasverbrauchs, kann jedoch als Beitrag zur geografischen Diversifizierung der Energieversorgung verstanden werden und bietet Argentinien gleichzeitig Devisenerlöse sowie die Möglichkeit, sich schrittweise als LNG-Exporteur auf internationalen Märkten zu etablieren.6
Noch zukunftsweisender ist der Bereich des grünen Wasserstoffs. Argentinien besitzt aufgrund seiner konstant starken Winde (v. a. in Patagonien), hohen Sonneneinstrahlung und großen, bisher weitgehend ungenutzten Flächen ideale natürliche Voraussetzungen für eine auf lange Sicht kosteneffiziente Produktion von grünem Wasserstoff – dies jedoch unter der Voraussetzung, dass weitere Bedingungen wie die Modernisierung von Energieinfrastruktur sowie die Bereitstellung von Investitionen und von ausreichend (entsalztem) Wasser erfüllt werden und die Behebung wirtschaftspolitischer und regulatorischer Unsicherheit gelingt. Die EU unterstützt im Rahmen der Global Gateway Initiative7 bereits konkrete Projekte und betrachtet Argentinien als potenziellen Schlüsselakteur für die globale Wasserstoffwirtschaft. Deutschland wiederum wird in den kommenden Jahrzehnten auf Importe von grünem Wasserstoff/Derivaten angewiesen sein, um seine Klimaziele zu erreichen und gleichzeitig die industrielle Basis zu sichern. In diesem komplementären Kooperationsfeld können deutsche Unternehmen Technologie, Infrastrukturkompetenz, Finanzierung und Abnahmegarantien einbringen, während Argentinien die Produktionskapazitäten bereitstellt. Aktuell unterstützt Deutschland die Entwicklung von grünem Wasserstoff/Derivaten sowie die Mitgestaltung regulatorischer Rahmenbedingungen bereits im Rahmen von fünf konkreten Programmen und Fördermitteln, z. B. durch den PtX Hub. Langfristig könnte sich daraus eine integrierte Wertschöpfungskette entwickeln – von der Produktion in Argentinien über Transportlösungen zum Export bis hin zur Nutzung von Wasserstoffderivaten in der deutschen Industrie.8
Außerdem gehört Argentinien zum sogenannten „Lithium-Dreieck“ (mit Bolivien und Chile), in dem mehr als die Hälfte der weltweiten Lithiumreserven konzentriert ist. Das Land ist aktuell der drittgrößte Produzent weltweit. Prognosen zufolge könnten die Abbaugebiete insbesondere in den nördlichen Provinzen Salta, Jujuy und Catamarca bis 2033 rund 20 Prozent des weltweiten Lithiumangebots bereitstellen. Gleichzeitig wird die Nachfrage nach diesem für die Energiewende essenziellen Rohstoff (u. a. für Hochleistungsbatterien) weiter erheblich steigen. Auch Kupferprojekte, insbesondere in der Cuyo-Region an der Grenze zu Chile, gewinnen an Bedeutung. Dieser Sektor befindet sich zwar gerade erst im Wiederaufbau, nachdem seit 2018 mit der Schließung der Alumbrera-Mine kein Kupfer mehr in nennenswertem Umfang gefördert worden ist. Experten gehen jedoch davon aus, dass Kupfer zu einem zentralen Wachstumstreiber der argentinischen Bergbauindustrie wird. Da Kupfer für verschiedenste saubere Energietechnologien (u. a. Windkraftanlagen, E-Autos und eine intelligente Stromnetzinfrastruktur) benötigt wird, ist nicht nur Deutschland auf Zugänge angewiesen, um das langfristige Ziel der Klimaneutralität zu erreichen. Sachverständige rechnen auch deshalb mit einer zunehmenden Verknappung beider vorgenannter Rohstoffe und signifikanten strukturellen Defiziten auf den Märkten bis 2040. Im Gegensatz zu anderen Rohstoffnationen befinden sich in Argentinien derzeit noch große Teile der fast 120 Projekte in der Explorations- und fortgeschrittenen Planungsphase.9 Dadurch bieten sich hier noch Einstiegsmöglichkeiten für deutsche Unternehmen – nicht nur im Bereich der Förderung, sondern insbesondere auch in vor- und nachgelagerten Zweigen, wie bei Verarbeitung, Technologie und nachhaltigen Produktionsverfahren. Gerade dort liegen große Chancen, da Deutschland zwar über keine dominierenden Bergbaukonzerne verfügt, jedoch über hoch entwickelte Technologien und industrielle Prozesse.
Für Deutschland, dessen Industrie auf stabile Lieferketten angewiesen ist, bietet sich hier die Chance, idealerweise nicht nur im Bereich der Rohstoffförderung Partnerschaften aufzubauen, sondern ebenso entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Darin liegt ein entscheidender Hebel: Argentinien und seine Provinzen, bei denen die Rohstoffförderrechte liegen, streben zunehmend danach, mehr Wertschöpfung im Land zu halten, während Deutschland Technologien und Know-how einbringen kann, um nachhaltige und effiziente Produktionsprozesse zu ermöglichen.
Gleichzeitig gehen Rohstoffabbau und Energieprojekte häufig mit sozialen und ökologischen Spannungen einher. So hat die kürzlich verabschiedete Reform des Gletschergesetzes, die bestimmte wirtschaftliche Aktivitäten künftig stärker einer Einzelfallbewertung unterzieht und den Provinzen weitreichendere Kompetenzen bei der Definition und Bewertung periglazialer Gebiete einräumt, bei Umweltorganisationen sowie Teilen von Wissenschaft und Zivilgesellschaft deutliche Kritik ausgelöst. Sie befürchten, dass dadurch Rohstoff- und Energieprojekte in bislang stärker geschützten Gebieten erleichtert und strategisch wichtige Süßwasserreserven gefährdet werden könnten.10 Gerade vor diesem Hintergrund bietet sich für Deutschland und Europa die Möglichkeit, durch die konsequente Orientierung an hohen Sozial-, Umwelt- und Transparenzstandards einen nachhaltigen Gegenentwurf zu bereits aktiven Investitionsakteuren wie China darzustellen.
Wissenschaft und Innovation als Brücke
Die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Argentinien zählt zu den tragenden Säulen der bilateralen Beziehungen. Über 300 institutionelle Partnerschaften zwischen Hochschulen sowie Programme des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und des Deutsch-Argentinischen Hochschulzentrums (CUAA/DAHZ) belegen die hohe Intensität dieser Verflechtung. Inhaltliche Schwerpunkte der Kooperation liegen in Zukunftsfeldern wie Energie-, Meeres- und Klimaforschung, Bioökonomie, Ressourcennutzung sowie Digitalisierung. Exemplarisch dafür stehen die enge Zusammenarbeit zwischen dem renommierten argentinischen Forschungsinstitut CONICET und der Max-Planck-Gesellschaft mit Projekten sowie das Argentinisch-Deutsche Geodätische Observatorium (AGGO), das globale Mess- und Klimadaten liefert. Insgesamt zeigt sich, dass die wissenschaftliche Kooperation nicht nur durch ihre thematische Breite, sondern auch durch ihre institutionelle Tiefe geprägt ist und eine entscheidende Grundlage für weitergehende wirtschaftliche und technologische Partnerschaften bildet.
Belastet wird dieses Potenzial jedoch durch die anhaltende Krise des argentinischen Bildungs-, Hochschul- und Wissenschaftssystems. Mittelkürzungen bei Forschung und Hochschulen, Finanzierungsunsicherheit und sinkende Realeinkommen im Wissenschaftsbereich gefährden die Attraktivität des Standorts. (Drohende) Qualitätsverluste in Forschung und Lehre, eine verstärkte Abwanderung qualifizierter Fachkräfte sowie erschwerte Rahmenbedingungen für internationale Kooperationen könnten auch die deutsch-argentinische Zusammenarbeit nachhaltig beeinträchtigen. Kurzfristige Haushaltsentlastungen in diesen Bereichen dürften sich somit als langfristig weitaus kostspieliger erweisen, indem sie die Wissens- und Humankapitalbasis schwächen und dadurch auch die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit des Landes.11
Daneben ist die Wissensökonomie ein weiterer wichtiger Baustein der Kooperation. Argentinien verfügt über gut ausgebildete Fachkräfte sowie eine dynamische Start-up-Szene. Insbesondere in den Bereichen Softwareentwicklung, Fintech und künstliche Intelligenz (KI) hat sich das Land in den letzten Jahren als aufstrebender Standort etabliert. Initiativen wie der German Accelerator in Buenos Aires fungieren als Brücke und fördern sowohl deutsche Markteintritte in Südamerika als auch argentinische Expansionen nach Europa sowie den Austausch von Talenten und Technologien.12
Im Agrarsektor ergeben sich ebenfalls vielversprechende Kooperationsmöglichkeiten: Die Agrarwirtschaft war gemeinsam mit den Schlüsselbranchen Finanzdienstleistungen und Bergbau für einen Großteil des Wirtschaftswachstums Argentiniens im letzten Jahr verantwortlich.13 Das Land zählt historisch und bis heute zu den bedeutendsten Agrar- und Lebensmittelexporteuren der Welt, steht jedoch gleichzeitig vor Herausforderungen in den Bereichen der Nachhaltigkeit, der Ressourceneffizienz sowie der Auswirkungen klimabedingter Risiken. Deutsche Agrartechnologien und argentinische AgTech-Lösungen könnten sich gegenseitig sinnvoll ergänzen und zu einer nachhaltigeren sowie produktiveren Landwirtschaft beitragen.14
Partnerschaft mit Potenzial
Neben den wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Feldern rückt unter veränderten geopolitischen Rahmenbedingungen auch die sicherheitspolitische Zusammenarbeit stärker in den Fokus. Insbesondere der Südatlantik und die Antarktis werden im Kontext globaler Machtverschiebungen zunehmend strategisch relevanter, etwa für den Schutz wichtiger Seewege, den Ressourcenzugang oder die wissenschaftliche Nutzung, während gleichzeitig konkurrierende Akteure ihren Einfluss in der Region ausbauen. Parallel dazu bemüht sich Argentinien derzeit um eine stärkere außen- und sicherheitspolitische Anbindung an den Westen. Dazu gehören das Interesse an einem Status als globaler NATO-Partner sowie die laufende Modernisierung der Streitkräfte, in deren Rahmen auch die Beschaffung deutscher Rüstungsgüter erwogen wird.15 Über den Verteidigungsbereich hinaus ergeben sich zudem Anknüpfungspunkte in den Bereichen Raumfahrt und Satellitentechnologie, vor allem im Rahmen europäischer Programme mit deutscher Beteiligung.
Dennoch bestehen weiterhin grundlegende Herausforderungen über mögliche Kooperationsfelder hinweg: Die makroökonomische Situation Argentiniens bleibt trotz jüngster Fortschritte ein zentraler Risikofaktor. Zwar ist es der Regierung gelungen, die Inflation deutlich zu senken, den Devisenzugang schrittweise zu verbessern und erste Stabilisierungsschritte einzuleiten, jedoch verharrt die Teuerungsrate weiterhin auf relativ hohem Niveau, während das Wechselkurssystem nach wie vor teilweise gesteuert ist und anfällig für Anpassungen bleibt. Insgesamt bleibt daher abzuwarten, ob bzw. inwieweit die aktuellen Reformen zu einer nachhaltigen makroökonomischen Stabilität führen. Hinzu kommen strukturelle Probleme im regulatorischen Umfeld. Bürokratische Hürden, komplexe Genehmigungsverfahren sowie Unterschiede zwischen den Provinzen können Projekte verzögern und Investitionen erschweren.
Die Reformen der Regierung Milei zielen zwar auf den Abbau vieler dieser Hemmnisse ab und basieren auf einem bereits vor Amtsantritt erarbeiteten Deregulierungsprogramm, ob daraus aber bereits nachhaltige Veränderungen in der Praxis resultieren, bleibt angesichts begrenzter empirischer Evidenz schwer zu beurteilen – wenngleich die Regierung bspw. auf Erfolge wie beschleunigte Importprozesse durch die Übernahme internationaler Standards und den Abbau redundanter Anforderungen verweist. Dennoch zeigen die Reformen eine Dynamik, die aus deutscher Perspektive bemerkenswert ist und Denkanstöße bietet. Gerade die Geschwindigkeit und Entschlossenheit, mit der Prozesse neugestaltet werden, sowie der Mut, unbequeme Maßnahmen anzustoßen und bestehende Strukturen zu hinterfragen, können als Impulse für Debatten über Bürokratieabbau und Verwaltungsmodernisierung dienen.
Darüber hinaus stehen beide Länder vor ähnlichen strukturellen Herausforderungen: Sie sehen sich – wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung – mit demografischem Wandel, Fragen der Rentensysteme und den Auswirkungen eines sich verändernden Arbeitsmarktes konfrontiert. In Argentinien verschärfen Inflation und ein großer informeller Sektor diese Problematik zusätzlich. Gleichzeitig ergeben sich auch hier Lernpotenziale in beide Richtungen: Während Deutschland von Reformdynamiken profitieren könnte, kann Argentinien von institutionellen Erfahrungen im Bereich sozialer Sicherungssysteme, Föderalismus und Verwaltungsorganisation lernen.
All dies muss jedoch vor dem Kontext wachsender geopolitischer Konkurrenz eingeordnet werden: Länder wie China oder die USA sind bereits stark in Argentinien engagiert und konkurrieren um Einfluss und Investitionen. Für Deutschland bedeutet dies, dass Engagement nicht nur wirtschaftlich attraktiv, sondern auch politisch klug gestaltet sein muss. Verlässlichkeit, Transparenz und Flexibilität sind dabei entscheidende Faktoren. Wer sich jetzt positioniert, kann langfristig profitieren – wer zu lange zögert, riskiert, Chancen zu vergeben.
Argentinien bietet hierfür möglicherweise kein risikofreies, wohl aber ein vielversprechendes Terrain und eine strategische Partnerschaft mit Potenzial unter Vorbehalt für eine Zusammenarbeit, die auf gemeinsamen Werten und komplementären Stärken in einer zunehmend fragmentierten Welt basiert.
Carmen Dragon ist Trainee der Konrad-Adenauer-Stiftung im Auslandsbüro Argentinien mit Sitz in Buenos Aires.
- Schmitt, Stefanie 2025: Der Mercosur-Staat Argentinien lockt mit Lithium und Kupfer, Germany Trade and Invest (GTAI), 25.06.2025, in: https://ogy.de/uums [18.05.2026].↩︎
- Infobae 2026: El acuerdo comercial entre la Unión Europea y Mercosur entra en vigor de manera provisional este viernes, 01.05.2026, in: https://ogy.de/1gda [18.05.2026]; Parlamentario 2026: El Acuerdo Mercosur – UE: fue aprobado por el Congreso argentino, que no pudo ser el primero en conseguirlo, 26.02.2026, in: https://ogy.de/ylvl [18.05.2026]; Bundesregierung 2026: EU-MERCOSUR-Abkommen vorläufig in Kraft, 01.05.2026, in: https://ogy.de/6xgt [18.05.2026].↩︎
- Ministerio de Economía: Vaca Muerta, in: https://ogy.de/immy [26.05.2026].↩︎
- Cammesa: Mater. Mercado a Término de Energías Renovables, in: https://ogy.de/r0ws [26.05.2026]; Ministerio de Economía: RenovAr, in: https://ogy.de/9qsk [26.05.2026].↩︎
- Crónica 2026: Adorni inauguró el primer proyecto RIGI: un parque solar en Mendoza, 14.05.2026, in: https://ogy.de/w448 [26.05.2026].↩︎
- Käufer, Tobias 2025: Argentinien: Vom Energie-Importeur zum Exporteur, Deutsche Welle, 09.12.2025, in: https://ogy.de/103z [26.05.2026]; Río Negro 2026: Vaca Muerta al mundo: firmaron el mayor contrato de Argentina para exportar GNL desde Río Negro a Europa, 04.03.2026, in: https://ogy.de/1svb [26.05.2026]. ↩︎
- Europäische Kommission 2025: EU-Argentina partnership, 30.09.2025, in: https://ogy.de/5v0l [26.05.2026]. ↩︎
- Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) 2024: Sector Analysis Argentina. Green Hydrogen for the C&I Sector, 24.10.2024, in: https://ogy.de/4teu [27.05.2026]; Deutsch-Argentinische Industrie- und Handelskammer 2024: Argentinien. Grüner Wasserstoff und Derivate aus Wind- und Solarenergie: Erzeugung, Transport und Speicherung, 17.09.2024, in: https://ogy.de/hrhj [27.05.2026]↩︎
- BBVA Research 2025: Situación Minería, 12.11.2025, in: https://ogy.de/tcls [27.05.2026].↩︎
- CONICET Córdoba 2026: Comunidad científica advierte sobre los riesgos de modificar la Ley de Glaciares, 07.04.2026, in: https://ogy.de/umw6 [27.05.2026].↩︎
- Deutscher Akademischer Austauschdienst: Argentinien: Bildung und Wissenschaft, in: https://ogy.de/j068 [28.05.2026]; Consejo Nacional de Investigaciones Científicas y Técnicas 2022: Argentina y Alemania fortalecen la cooperación para el desarrollo científico y tecnológico, 23.11.2022, in: https://ogy.de/03c6 [28.05.2026]; Burdman, Guido 2024: Desfinanciamiento, ataques y fuga de cerebros: la cruda realidad de la ciencia en Argentina, France 24, 12.11.2024, in: https://ogy.de/u6z9 [28.05.2026].↩︎
- Ministerio de Relaciones Exteriores, Comercio Internacional y Culto 2024: Argentina se consolida como un Hub Regional en colaboración con German Accelerator para potenciar las oportunidades en el ecosistema de startups e innovación, 07.03.2024, in: https://ogy.de/4dd6 [28.05.2026]; Firtman, Maximiliano et al. 2024: Motores del futuro: El rol transformador de la tecnología en la economía argentina, Konrad-Adenauer-Stiftung, 06/2024, in: https://ogy.de/tjtr [27.05.2026]. ↩︎
- Instituto Nacional de Estadística y Censos 2026: Informe de avance del nivel de actividad. Cuarto trimestre de 2025, Cuentas nacionales 10: 4, 03/2026, in: https://ogy.de/k3kv [28.05.2026].↩︎
- Diálogo Argentino-Alemán sobre Innovaciones Agropecuarias Sustentables: El proyecto, in: https://ogy.de/hxq7 [28.05.2026]; Grupo Banco Mundial 2024: Reimaginando el sector agropecuario argentino, 04.06.2024, in: https://ogy.de/d5mw [28.05.2026].↩︎
- Schmitt, Stefanie 2026: Argentinien investiert wieder in seine Streitkräfte, GTAI, 27.05.2026, in: https://ogy.de/aiaj [28.05.2026]; Battaleme, Juan 2025: Why Europe Needs Latin America, Americas Quarterly, 04.08.2025, in: https://ogy.de/3468 [28.05.2026].↩︎
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