Autorinnen: Olena Tanasova und Aleksandra Belozerova
Dienstag, 11.30 Uhr, Pregny Gate. Ausweiskontrolle am Eingang, dann betreten wir den Völkerbundpalast. Gebaut für den Völkerbund, 1938 fertiggestellt, nur ein Jahr vor dem Krieg, den seine Erbauer verhindern wollten. Zwischen den Institutionen liegen hier oft nur wenige hundert Meter, zwischen ihren Mandaten manchmal Welten.
Auf diesen Wegen, von einem Gespräch zum nächsten, kehrten dieselben Fragen immer wieder. Schnell wurde klar: In einfachen Gegensätzen lässt sich hier kaum denken. Bleibt eine Institution politisch neutral, um weiterarbeiten zu können? Oder macht sie Verbrechen von Staaten öffentlich und riskiert ihre Ausweisung? Klärt eine NGO nicht-staatliche bewaffnete Gruppierungen über humanitäres Völkerrecht auf? Oder zieht sie eine Grenze, wenn deren Positionen mit den eigenen Grundsätzen unvereinbar werden? Wann wird Mediation möglich, und wann scheitert sie an politischen Realitäten?
Eindeutige Antworten fanden wir nicht. Wir bekamen etwas Besseres: die Dilemmata selbst. Beim Centre for Humanitarian Dialogue (HD), bei Geneva Call, beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und beim UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) ließen uns die Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner an ihren eigenen Abwägungen teilhaben und zeigten, wie unterschiedlich die Handlungsspielräume je nach Mandat sind. Dabei fragten wir uns, ob wir von diesen Organisationen nicht manchmal zu viel erwarten. Sie können Kriege nicht verhindern, aber dort handeln, wo politische Lösungen scheitern: Räume für Dialog öffnen, Menschenrechtsverletzungen dokumentieren, Hilfe koordinieren und die Zivilbevölkerung schützen.
Vom Völkerbundpalast ging es weiter zu Ärzte ohne Grenzen, wo wir über den schrumpfenden humanitären Raum sprachen, also den Spielraum, um Zugang zu Konfliktgebieten zu verhandeln und als neutral wahrgenommen zu werden. Anschließend ging es zum UNHCR, wo uns Michelle Yonetani, die sich mit Flucht und Vertreibung im Kontext des Klimawandels befasst, einen ernüchternden Gedanken mit auf den Weg gab: “In the future, things will continue to get worse. Each of you needs to think about how you can contribute.” Wir sahen darin nicht nur eine Warnung, sondern auch eine Frage: Was kann multilaterale Zusammenarbeit in einer Zeit multipler Krisen noch leisten und was können Bürgerinnen und Bürger selbst dazu beitragen?
Eine Erfahrung teilten viele, mit denen wir sprachen: Mit Partnern zu arbeiten, die dieselben Ziele verfolgen, ist der einfache Teil. Schwierig und doch unverzichtbar ist der Austausch mit denen, die anders denken.
Der Völkerbundpalast hat den Krieg nicht verhindert. Aber er steht noch. Wir verließen Genf daher mit einem Gedanken: Vielleicht besteht die Stärke des Multilateralismus nicht darin, Frieden zu garantieren, sondern die Regeln zu bewahren, die ihn möglich machen.
Leitung: Susanna Vogt und Sarah Ultes
Kompaktseminar in Genf: "Multilateralismus unter Druck: die Vereinten Nationen in Zeiten globaler Machtverschiebungen"
Über diese Reihe
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