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Bioenergie – Eine unterschätzte Säule der Energiewende

von André Algermißen, Jonathan Neu

Herausforderungen und Chancen für die Bioenergie

Vor dem Hintergrund des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine gewinnt die Energieversorgungssicherheit neue Priorität, sodass auch die Bioenergie als heimische Energiequelle wieder verstärkt in den Blick gerückt ist. Mit einer Reihe von Gesetzesänderungen wie der Novellierung des GEGs (Gebäudeenergiegesetz), des EEGs (Erneuerbare-Energien-Gesetz) und der Erneuerbaren-Energien-Richtlinie verändern sich für die Bioenergie im laufenden Jahr zentrale Rahmenbedingungen.

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Mit circa 9.900 Biogasanlagen trägt die Bioenergie zu rund acht Prozent der deutschen Bruttostromerzeugung bei. Außerdem liefert sie einen entscheidenden Beitrag zur Wärme- und Kraftstoffproduktion. Anders als die medial dominierende volatile Wind- und Photovoltaikenergie, können Biogasanlagen grundlastfähig erneuerbaren Strom und Wärme erzeugen und so gerade in den Dunkelflauten das Netz stabilisieren. Mit ihren vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten im Wärme-, Verkehrs- und Stromsektor ist Bioenergie ein zentraler Baustein der Energiewende. Dennoch ist auch sie nicht frei von Kritik: Durch den Anbau von Monokulturen für die Biogasproduktion entstehen Zielkonflikte zu anderen Schutzgütern wie Nahrungsmittelproduktion und Biodiversität.

 

Durchwachsene Aussichten für Bioenergie

Mit dem 20-jährigen Bestehen des EEGs laufen viele Biogasanlagen in den nächsten Jahren aus der Förderung aus, sodass sich die Frage nach der Reinvestition stellt. Durch die Kostendegression bei Wind- und Photovoltaikenergie und deren starken Zubau werden die Zeiten, in denen hohe Strompreise erzielt werden können, immer kürzer. Auch werden die Förderprämien durch Preissteigerungen bei den Einsatzstoffen auch bedingt durch höhere Nachhaltigkeitsanforderungen entwertet. In der Konsequenz stagniert die Nachfrage der im Rahmen des EEGs geförderten Stromerzeugungsanlagen, sodass die Nutzung von Bioenergie im letzten Jahr rückläufig war. Gleichzeitig werden die Wärmevermarktung und der Kraftstoffsektor zunehmend wichtiger für einen wirtschaftlichen Betrieb der Anlagen. Insbesondere Biomethan profitiert von den aktuell hohen Gaspreisen und wird auch perspektivisch durch den steigenden CO2-Preis an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Erdgas gewinnen. Allerdings müssen für die Einspeisung von Biomethan in das Gasnetz einerseits die Anlagen aufwendig umgerüstet werden, andererseits wird eine häufig noch nicht vorhandene Infrastruktur wie Fernwärmeleitungen und Einspeiseanlagen benötigt. Hinzukommt, dass sich Betreiber von Biogasanlagen mit umfangreichen und wenig zielführenden Regulierungen konfrontiert sehen. Als Beispiel für die kontraproduktive Wirkung von Überregulierung kann die letzte EEW-Novelle (Bundesförderung für Energie- und Ressourceneffizienz in der Wirtschaft) aus dem Mai dieses Jahres angeführt werden. Diese fördert nur noch Neuanlagen, die weniger als 25 Prozent „pflanzlich primäre Biomasse“ nutzen, und auch bei Bestandsanlagen soll der „Maisdeckel“ in der EEG-Förderung schrittweise auf 30 Prozent gesenkt werden. Damit möchte der Gesetzgeber die Verwendung von Energiepflanzen begrenzen, um den steigenden Biodiversitätsanforderungen gerecht zu werden. Ungewollt erzeugt er aber auch eine Deckelung besonders wertvoller Einsatzstoffe wie Blühpflanzen und Zwischenfrüchte. Dies ist auch deswegen wenig zielführend, da die geltenden Nachhaltigkeitsanforderungen an die Anlagen bereits ausreichend sind.

 

Alternative Biomasse als Schlüssel zur nachhaltigen Nutzung

Für eine nachhaltige Nutzung der Bioenergie ist es essenziell, dass alle verfügbaren Biomassepotenziale genutzt werden. Hier leidet der Diskurs häufig an einer Verengung, der nur zwischen Energiepflanzen und Abfallprodukten sowie Reststoffen unterscheidet. Gerade Anbaubiomasse wie Kleegras, Zwischenfrüchte und Zweitkulturen, Dauergrünland und wiedervernässte Moore bieten eine sinnvolle Alternative. Sie werden in Zukunft an Relevanz gewinnen, da sie die bisher genutzten Energiepflanzen wie Mais und Raps substituieren könnten und so den Nutzungskonflikt zwischen Biodiversität, Nahrungsmittelproduktion und Energieproduktion entschärfen. Positiver Nebeneffekt davon ist ein verbesserter Nährstoffgehalt des Bodens sowie Erosionsschutz. Die Politik kann durch kluge Förderprämien Anreize für die Nutzung alternativer Anbaubiomasse schaffen. Gleichzeitig gilt es, die Forschung weiter zu intensivieren, um ökonomisch wertvolle Biomasse mit hoher Energiemasse zu erschließen und die Produktivität der Anlagen zu steigern.

 

Bioenergie als Strukturförderung des ländlichen Raumes

Zudem lohnt es sich, die Bioenergie aus der Perspektive des ländlichen Raumes zu betrachten, da diese fraglos strukturfördernd wirkt: Sie schafft Wertschöpfung und generiert für die Landwirtinnen und Landwirte ein zusätzliches Einkommen. Des Weiteren trägt sie zur Versorgung des ländlichen Raumes bei, indem sie nicht nur die lokale Stromproduktion fördert, sondern auch bezahlbare Energiepreise gewährleistet. Dies stärkt die Wettbewerbsfähigkeit der Regionen und die Lebensqualität der Menschen. Auch wird sie gerade im Wärmesektor und im Verkehrssektor zukünftig eine wichtige Rolle spielen. Demnach verdient die Bioenergie mehr Aufmerksamkeit. Für eine erfolgreiche Transformation hin zu einer klimaneutralen Volkswirtschaft wird es entscheidend sein, ihre Potenziale umfassend zu nutzen.

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André Algermißen

Algermissen, Andre

Leiter des Regionalprogramms Zentralasien

andre.algermissen@kas.de +49 30 26996-3945
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Jonathan Neu

Zu sehen ist ein Portaitfoto von Jonathan Neu

Trainee Regionalprogramm Parteiendialog und Demokratie /Länderprogramm Uruguay

jonathanlukas.neu@kas.de +598 2902 0943

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Über diese Reihe

Prägnant, auf das Wesentliche reduziert, aber immer hochaktuell. In der Reihe "kurzum" fassen unsere Expertinnen und Experten eine Fragestellung oder Problematik auf maximal zwei Seiten zusammen.