Mit einer Reihe wegweisender Studien über Verschwörungstheorien, Populismus, Irrationalität und Ressentiments machte sich Richard Hofstadter in der Nachkriegszeit als öffentlicher Intellektueller einen Namen. Er erhielt zwei Pulitzer-Preise, bekleidete einen Stiftungslehrstuhl an der Columbia University, hielt Vorlesungen in Salzburg, London und Cambridge und schrieb in einer außergewöhnlich zugänglichen Weise, die seine Forschung auch einem breiteren Publikum außerhalb der Wissenschaft erschloss. Als junger Mann in den 1930er Jahren – einem krisenhaften Jahrzehnt, das von der Weltwirtschaftskrise, dem Aufstieg des Faschismus und der Ausbreitung des internationalen Kommunismus geprägt war – begann Hofstadter, die Ideologien und Geschichtsbilder zu hinterfragen, die seine Generation übernommen hatte. Ausgangspunkt seines Denkens war die Unterstützung des entstehenden wohlfahrtsstaatlichen amerikanischen Liberalismus, wie er sich im New Deal verkörperte.
In einer Reihe thematisch zusammenhängender Bücher und Aufsätze, die auf sozialpsychologische Deutungsmuster zurückgriffen, setzte er sich mit den Verteidigern der alten Ordnung auseinander. Er beschrieb sie als getrieben von „Statusangst“ (status anxiety), einem „paranoiden Stil“ (paranoid style) oder einem nur lose umrissenen „Anti-Intellektualismus“ (anti-intellectualism). Diese Konzepte prägen bis heute Debatten über Einwanderung, Bildung, Zensur, soziale Medien und viele weitere Themen. Sie gehen über traditionelle politische und ökonomische Erklärungsansätze hinaus und richten den Blick darauf, wie tief verwurzelte Emotionen und Vorurteile das öffentliche Leben beeinflussen.
Werdegang und erste publizistische Erfolge
Hofstadter wurde 1916 in der ethnisch vielfältigen Stadt Buffalo als Sohn eines polnisch-jüdischen Vaters und einer deutschen Mutter evangelisch-lutherischen Glaubens geboren. Er studierte Geschichte und Philosophie und schloss sein Studium an der University of Buffalo ab. Dort lernte er seine Kommilitonin Felice Swados kennen, die er 1936 heiratete. Nach dem Umzug nach Manhattan tauchte das Paar in das intellektuelle Leben New Yorks ein. Hofstadter studierte zunächst Jura, bevor er an der Columbia University in Geschichte promoviert wurde. Währenddessen arbeitete Swados für das Time-Magazin und veröffentlichte später einen Roman. Sie starb 1945 an Krebs. Im folgenden Jahr lernte Hofstadter, der inzwischen an der Columbia University lehrte, Beatrice Kevitt kennen, die ebenfalls aus Buffalo stammte und in New York tätig war. Die beiden heirateten 1947, und Beatrice redigierte einen Großteil seiner späteren Werke. Hofstadter bezeichnete ihren Beitrag einmal als „unverzichtbar“ und bemerkte, sie habe „die Kunst der Lektorin und der Textkritikerin zu einer großen Gabe entwickelt, die richtigen Fragen zu stellen“.
Hofstadters erstes Buch, Social Darwinism in American Thought, eine überarbeitete Fassung seiner Dissertation, untersuchte den Einfluss des Darwinismus auf den modernen Kapitalismus vom Industriezeitalter bis zur Weltwirtschaftskrise. „Obwohl es eher als reflektierende Studie denn als Traktat für seine Zeit gedacht war“, erinnerte er sich später, „war es natürlich von den politischen und moralischen Kontroversen rund um den New Deal beeinflusst.“ Da er sich in der Welt der Ideen stets zuhause fühlte, zeichnete Hofstadter ein kritisches, bisweilen anklagendes Bild der britischen und amerikanischen Verfechter des Sozialdarwinismus und machte auf deren überholte Vorstellungen vom „Überleben des Stärkeren“ in Wirtschaft, Rassenpolitik und Imperialismus aufmerksam. Ein solches unreflektiertes, deterministisches Denken, so seine Argumentation, habe in den Vereinigten Staaten zum Börsenkrach von 1929 beigetragen und damit den Übergang zu einer neuen politischen Ökonomie eingeleitet, in der ältere Vorstellungen von Privatisierung und Wettbewerb durch selektive staatliche Eingriffe ersetzt wurden. Hofstadter stellte die Bemühungen der Regierung Franklin D. Roosevelts zur Stärkung der Rechte von Arbeitnehmern und Verbrauchern als einen ideengeschichtlichen Konflikt dar, in dem der Laissez-faire-Liberalismus dem Prinzip kollektiven Handelns weichen musste.
1948 veröffentlichte Hofstadter mit The American Political Tradition and the Men Who Made It eine ambitionierte und unkonventionelle Ideengeschichte, die sich bis heute mehr als eine Million Mal verkauft hat. Die Leser waren begeistert von den aphoristischen und ironischen Porträts namhafter Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, deren Bekenntnis zu einer nationalen Identität, die auf Kapitalismus, Nationalismus und Isolationismus beruhte, inzwischen überholt erschien. Die Weltwirtschaftskrise und der Zweite Weltkrieg hatten diese Epoche beendet und, so Hofstadters Argument, den Weg für den Liberalismus der Nachkriegszeit freigemacht. Das Buch traf den kulturellen Zeitgeist. Die Dominanz der Demokratischen Partei, der wachsende Internationalismus, der sich in den Verpflichtungen der Vereinigten Staaten im Kalten Krieg ausdrückte, und das rasante Wachstum der Universitäten unterstrichen die Aktualität von The American Political Tradition. Hofstadter wandte sich gleichermaßen gegen Jeffersons nostalgischen Agrarismus, den mit Lincoln verbundenen „Mythos der sozialen Mobilität“ und den von ihm mit Herbert Hoover assoziierten Kult des „amerikanischen Individualismus“. Stattdessen betonte er die Notwendigkeit, eine zeitgemäße politische Philosophie zu entwickeln, die den Realitäten einer Welt gerecht wurde, die gerade Krieg und wirtschaftliche Erschütterungen erlebt hatte. „In einer von Konzernen geprägten und konsolidierten Gesellschaft, die internationale Verantwortung, Zusammenhalt, Zentralisierung und Planung fordert“, schrieb er, „verschiebt sich der traditionelle Boden unter unseren Füßen. In einer Zeit der kulturellen Krise ist es unerlässlich, neue Perspektiven auf die Vergangenheit zu gewinnen.“
Neue Perspektiven auf die amerikanische Geschichte
Anfang der 1950er Jahre begann Hofstadter, den Schwerpunkt seiner Arbeit über klassische politische und wirtschaftliche Darstellungen hinaus auf die „Ideen, Stimmungen und die Atmosphäre“ einer historischen Epoche zu verlagern, wie er selbst sagte. Diese Neuorientierung spiegelte die wachsende Unzufriedenheit vieler Historiker der Nachkriegszeit mit den „Progressive Historians“ (ca. 1890–1920) wider. Diese hatten unter dem Eindruck der häufig blutigen Konflikte zwischen Kapital und Arbeit während der Industrialisierung den ökonomischen Gegensatz ins Zentrum ihrer Geschichtsschreibung gestellt. Ein zweiter, unmittelbarer Einfluss war der antikommunistische Feldzug, der mit dem Senator Joseph McCarthy aus Wisconsin verbunden ist. Seine Vorwürfe einer kommunistischen Unterwanderung der Regierung machten deutlich, dass die politische Rechte zunehmend gegen den neuen Liberalismus mobilisierte. Manche Beobachter sahen in dieser Suche nach inneren Feinden ein beunruhigendes Echo jenes Populismus, der Europa in den 1920er und 1930er Jahren erschüttert hatte. Entsprechend wurden Parallelen zum Holocaust gezogen. „Wir wussten von den Konzentrationslagern“, erinnerte sich Hofstadters Kollege, der Soziologe Daniel Bell, später. „Es war die Angst vor Massenaktionen, die Angst vor zu viel Aktivismus, und zwar in einem Ausmaß, dass es eine Reihe politischer Haltungen gab, die unsere Sicht auf die Welt prägten. Es war einfach eine Vorsicht gegenüber Massenbewegungen, und ich glaube, das war für Dick sehr wichtig.“
Weil Hofstadter verstehen wollte, welche Menschen sich von Politikern wie McCarthy angezogen fühlten, wandte er sich in diesen Jahren der zeitgenössischen sozialwissenschaftlichen Forschung zu. Eine wichtige Anregung bot The Authoritarian Personality, die 1950 erschienene Studie von Vertretern der sogenannten Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, die vor den Nationalsozialisten in die Vereinigten Staaten emigriert waren und zeitweise an der Columbia University arbeiteten. Ihr Interesse an Antisemitismus, Autoritarismus, Massenkultur und Psychoanalyse erwies sich als außerordentlich einflussreich. Christopher Lasch, der in den 1950er Jahren bei Hofstadter studierte, erinnerte sich später: „The Authoritarian Personality hatte einen enormen Einfluss auf Hofstadter und andere liberale Intellektuelle, weil sie ihnen zeigte, wie man politische Kritik in psychiatrischen Kategorien betreibt.“ Zugleich bezweifelte Lasch die methodische Tragfähigkeit dieses Ansatzes, da er diese Wissenschaftler „von der schwierigen Arbeit des Urteils und der Argumentation entband. Anstatt mit Gegnern zu diskutieren, wiesen sie diese einfach aus psychiatrischen Gründen zurück.“
Hofstadter griff die Anregungen aus The Authoritarian Personality auf und erntete mit seinem 1955 erschienenen Buch The Age of Reform: From Bryan to F.D.R. gleichermaßen Lob und Kritik. Als Ausdruck der Hinwendung vieler Nachkriegswissenschaftler zu klinisch geprägten Deutungsmustern untersuchte das Werk die unbewussten Motive seiner Protagonisten – der agrarischen Populisten und städtischen Progressiven vor dem Ersten Weltkrieg, die sich gegen Unternehmenskonzentration, politische Korruption und wachsende soziale Ungleichheit gewandt hatten. Historiker hatten diesen Reformbewegungen traditionell mit Sympathie begegnet und sie als Verteidiger einer schwindenden demokratischen Lebensform im Zeitalter industrieller Monopolisierung dargestellt. Hofstadter hingegen, der diese Reformära durch die Brille des McCarthyismus betrachtete, begegnete solchen Massenbewegungen mit tiefem Misstrauen. Zwar hätten die Progressiven die gefährliche Entwicklung hin zu einer Oligarchie richtig erkannt, argumentierte er, entscheidend für ihr Handeln sei jedoch die Angst um den eigenen gesellschaftlichen Status gewesen.
Die einst angesehene angelsächsische Mittelschicht habe ihre privilegierte Stellung in den Vereinigten Staaten verloren und sei durch den Reichtum der „Raubritter“, das Wachstum der Einwanderergemeinschaften und den Niedergang der viktorianischen Wertvorstellungen an den Rand gedrängt worden. Als Reaktion darauf habe sie versucht, den Einfluss „fremder“ Bevölkerungsgruppen einzudämmen – etwa durch den National Origins Act von 1924, der die Einwanderung aus Ost- und Südeuropa drastisch begrenzte und Zuwanderung aus Asien vollständig untersagte.
Noch provokanter war Hofstadters Anwendung seiner Status-These auf die Landwirte, das Rückgrat der vor allem im Süden und Westen verankerten Populist Party. Er warf ihnen vor, antisemitischen und verschwörungsideologischen Vorstellungen anzuhängen. „Es waren vor allem populistische Autoren“, schrieb er, „welche die Gleichsetzung des Juden mit dem Wucherer und dem international gold ring zum Ausdruck brachten, was das zentrale Thema des amerikanischen Antisemitismus jener Zeit war.“ Zwei seiner Doktoranden, Stanley Elkins und Eric McKitrick, die später selbst zu renommierten Historikern wurden, lasen das Manuskript und äußerten erhebliche Bedenken: „Der Antisemitismus. Das ist schlecht. Wir befürchten, dass Sie hier nicht analytisch vorgehen – Sie machen sich angreifbar, und es schwingt ein Unterton der Unwirklichkeit mit, der mit Sicherheit Nachwirkungen haben wird. […] Die unvermeidliche Schlussfolgerung […] wird lauten, dass Populismus und deutscher Faschismus viel gemeinsam hatten.“
Pulitzer-Preisträger
Die Reaktionen auf das Buch fielen überwiegend positiv aus. The Age of Reform, das auf dem Höhepunkt der antikommunistischen Hysterie entstand und neue Methoden zur Analyse von Massenbewegungen einsetzte, wurde zu einem historischen Bestseller und brachte Hofstadter im Alter von nur neununddreißig Jahren seinen ersten Pulitzer-Preis ein. Die Rezensionen waren fast durchweg begeistert. Seine Thesen prägten zudem eine Generation von Studierenden, die – ebenso wie ihre akademischen Lehrer – danach strebten, die lange dominierenden Deutungen zu überwinden, welche historische Entwicklungen vor allem aus ökonomischen Ursachen erklärten. „Für diejenigen von uns, die The Age of Reform im Master- oder Promotionsstudium gelesen haben“, schrieb der Historiker Robert Wiebe 1969, habe Hofstadter „mehr als jeder andere Autor die Probleme umrissen, die Techniken erforscht und das Modell der wissenschaftlichen Untersuchung etabliert, das unser Studium der amerikanischen Vergangenheit prägen sollte.“
In seinem nächsten Werk, Anti-Intellectualism in American Life (1963), vertiefte Hofstadter seine Kritik an Massenbewegungen. Darin untersuchte er den evangelikalen Protestantismus, die demokratische Politik, die Unternehmenskultur und das egalitäre Bildungswesen, ohne diese jedoch pauschal zu verurteilen. „Dieses Buch […] entstand als Reaktion auf die politischen und intellektuellen Verhältnisse der 1950er Jahre“, erklärte er rückblickend. „In erster Linie ging es um den McCarthyismus […]. Die Intellektuellen standen im Kreuzfeuer.“ Die Studie reiht sich ein in eine Reihe einflussreicher Analysen über Charakter, Mentalität und Lebensweise der amerikanischen Mittelschicht im beginnenden Zeitalter der Vorstädte, darunter David Riesmans The Lonely Crowd (1950), David Potters People of Plenty (1954), William Whytes The Organization Man (1956) und John Kenneth Galbraiths The Affluent Society (1958).
Das Misstrauen gegenüber Experten, Professoren, Kosmopoliten und Katholiken, so Hofstadters Argument, habe immer wieder feindselige politische Reaktionen hervorgebracht – vom Alkoholverbot über das Wiederaufleben des Ku-Klux-Klans und Gesetze gegen den Evolutionsunterricht bis hin zu Treueeiden für Hochschullehrer. Den „ersten wirklich starken und weit verbreiteten Impuls zum Anti-Intellektualismus in der amerikanischen Politik“ datierte er auf die 1820er Jahre, als die Wähler den populistischen Andrew Jackson aus Tennessee zum Präsidenten wählten und den in Harvard ausgebildeten John Quincy Adams ablösten. Die Intellektuellen hätten danach lange Zeit im Hintergrund gestanden, bis die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre die Regierung zwang, wissenschaftliche Expertise in Anspruch zu nehmen. „Der New Deal brachte die Kraft des Geistes in eine engere Beziehung zur Macht, als es sich irgendein noch lebender Mensch erinnern konnte“, schrieb Hofstadter, „enger als seit den Tagen der Gründerväter.“
Andrew Jackson: Der erste Populist im Weißen Haus?
Jacksons Präsidentschaft veränderte die USA nachhaltig. Sie ist eine wesentliche Etappe auf dem Weg von einer begrenzten zu einer vollen Demokratie und beförderte die Entstehung des modernen Zwei-Parteien-Systems. Gemeinsam mit Historiker Michael Hochgeschwender klären die Hosts des Geschichtspodcasts, wie mehr Demokratie und ein Aufpeitschen des Volkswillens bei Jackson oft Hand in Hand gingen und welche politischen Kämpfe Jacksons die USA nachhaltig prägen.
Podigee, 25. Juni 2026
Kritik am Egalitarismus
Hofstadter vertrat die Auffassung, dass das tief verwurzelte Misstrauen der amerikanischen Öffentlichkeit gegenüber „Eierköpfen“ und Intellektuellen unzufriedenen Wählergruppen in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit oder kulturellen Wandels immer wieder Gelegenheit geboten habe, ethnische Minderheiten, akademisch gebildete Reformer, Wissenschaftler und Großstadtbewohner zu Sündenböcken zu machen. Ihre Ideen, wissenschaftlichen Erkenntnisse, Lebensweisen oder schon ihre bloße Präsenz machten sie angreifbar, weil sie dem Selbstbild eines provinziellen, protestantisch geprägten Amerika widersprachen. Die Freiheit des Denkens, so die zentrale These von Anti-Intellectualism, bleibe deshalb selbst in einer Demokratie dauerhaft gefährdet. Das Buch lässt sich insofern als Warnung vor den Schattenseiten eines radikal verstandenen Egalitarismus lesen – nicht unähnlich Alexis de Tocquevilles De la démocratie en Amérique, das Hofstadter mit seinen Studierenden an der Columbia University las und das den berühmten Gedanken von der „Tyrannei der Mehrheit“ entwickelt.
Zugleich spiegelte Anti-Intellectualism Hofstadters persönliche Enttäuschung darüber wider, dass mit der Wahl Dwight D. Eisenhowers die Republikanische Partei wieder an die Macht gelangt war und konservative Positionen sowie politische Strategien eine Renaissance erlebten. Obwohl das gelehrt und elegant geschriebene Buch den Pulitzer-Preis für allgemeine Sachliteratur erhielt, warfen ihm manche Kritiker Elitarismus vor. Der Historiker Daniel Boorstin von der University of Chicago wies insbesondere die These zurück, die intellektuelle Elite sei an den Rand gedrängt worden. „Die Wahrheit ist“, entgegnete er, „dass der amerikanische Intellektuelle heute […] überall dazugehört. Wie nie zuvor ist er in Wirtschaft und Regierung willkommen.“ Boorstin verwies auf die stark steigenden Studierendenzahlen, großzügige Bundesmittel für Spitzenuniversitäten und einen florierenden Arbeitsmarkt für Promovierte. Er hätte ergänzen können, dass Hofstadter in diesem goldenen Zeitalter der amerikanischen Wissenschaft selbst zahlreiche Einladungen zu Gastvorträgen im Ausland erhielt, Stipendien großer Stiftungen einwarb und regelmäßig von Verlagen um Bücher und Essays gebeten wurde.
Die herausgehobene Stellung des Intellektuellen, von der Boorstin sprach, sollte allerdings nicht von Dauer sein. In den vergangenen Jahrzehnten haben Fernsehkommentatoren, polarisierende Parteipolitik und Online-Influencer das Vertrauen der Öffentlichkeit in wissenschaftliche Expertise erschüttert; die Covid-19-Pandemie verstärkte die Skepsis gegenüber medizinischen und naturwissenschaftlichen Fachleuten zusätzlich. Das Ausmaß dieses Misstrauens übertrifft heute dasjenige zu Hofstadters Zeiten deutlich. Auch die amerikanischen Universitäten, einst das angesehenste Sprungbrett in die Mittelschicht, gelten inzwischen vielfach als riskante Investition – zu teuer und zu stark politisiert.
Der paranoide Stil in der amerikanischen Politik
Im Herbst 1964, ein Jahr nach der Veröffentlichung von Anti-Intellectualism, verfasste Hofstadter eine Reihe von Essays gegen Barry Goldwater, den Senator aus Arizona und überraschenden Präsidentschaftskandidaten der Republikanischen Partei. Als Wortführer der „New Right“, die dem liberalen Parteiflügel im Nordosten der Vereinigten Staaten gerade die Kontrolle über die Republikanische Partei entriss, forderte Goldwater drastische Kürzungen des Sozialstaats und schlug vor, taktische Atomwaffen einzusetzen, um die Wälder Vietnams zu entlauben. Hofstadter ordnete diese neue Erscheinungsform des organisierten Konservatismus in seinem Essay The Paranoid Style in American Politics in einen größeren historischen Zusammenhang ein. Der Essay erschien im Harper’s Magazine in demselben Monat, in dem Präsident Lyndon B. Johnson Goldwater mit überwältigender Mehrheit besiegte: Er gewann 61 Prozent der Stimmen und siegte im Wahlmännerkollegium mit 486 zu 52 Stimmen.
„Ich nenne ihn den paranoiden Stil“, schrieb Hofstadter, „einfach, weil kein anderes Wort die Eigenschaften von hitziger Übertreibung, Misstrauen und Verschwörungsfantasien angemessen beschreibt. […] Ich spreche hier nicht im klinischen Sinne, sondern leihe mir einen klinischen Begriff aus. […] Es ist vor allem eine Art, die Welt zu sehen und sich auszudrücken.“ Einen solchen „paranoiden Stil“ erkannte er nicht nur bei der zeitgenössischen Rechten, sondern rückblickend auch bei den Abolitionisten vor dem Bürgerkrieg, die an eine Verschwörung der Sklavenhalter glaubten, ebenso wie bei den antikatholischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts und den agrarischen Populisten.
Im Kern griff Hofstadter damit Überlegungen auf, die bereits seinen Konzepten der „Statusangst“ und des „Anti-Intellektualismus“ zugrunde gelegen hatten. Der Wunsch vieler alteingesessener protestantischer Amerikaner, eine ethnisch und religiös homogene Gesellschaft zu bewahren, habe sie besonders anfällig für eine Politik der Paranoia gemacht. Daraus erkläre sich auch das Denken der zeitgenössischen amerikanischen Rechten, deren Überzeugungen sich nach seiner Auffassung auf die Annahme gründeten, der New Deal habe den Kapitalismus zerstören wollen, die Regierung sei von Kommunisten unterwandert worden und ausländische Agenten hätten „den gesamten Apparat von Bildung, Religion, Presse und Massenmedien […] in einer gemeinsamen Anstrengung übernommen […], um den Widerstand loyaler Amerikaner zu lähmen“. Dass auch der Liberalismus von eigenen Ängsten geprägt gewesen sein könnte – angesichts des zunehmend unpopulären Vietnamkriegs, der Rassenunruhen in den Städten oder der steigenden Kriminalität, die Forderungen nach „Recht und Ordnung“ laut werden ließ –, bleibt bei Hofstadter hingegen ausgeblendet. Wie viele seiner Zeitgenossen war auch er überrascht, als 1968 die New-Deal-Koalition zerfiel und Richard Nixon zum Präsidenten gewählt wurde.
Weil Hofstadter die „Denkweisen“ und „Stimmungen“ seiner historischen Akteure verstehen wollte und sich damit bewusst von den wirtschaftsgeschichtlichen Erklärungsmodellen der vorangegangenen Historikergeneration löste, setzte er sich dem Vorwurf aus, theoretische Konstruktionen über empirische Forschung und konzeptionelle Innovation über archivalische Belege zu stellen. Gleichwohl haben die Fragen, die er nach der Rolle irrationaler Motive in der Geschichte aufwarf, bis heute nichts von ihrer Anregungskraft verloren. Seine größte Schwäche bestand darin, diese Deutungsmuster allzu eng mit einer Verteidigung der liberalen Nachkriegsordnung Amerikas zu verbinden. Löst man sie aus diesem parteipolitischen Zusammenhang, bleiben sie fruchtbare Instrumente zum Verständnis historischen wie gegenwärtigen politischen Verhaltens und überdauern die konkreten politischen Konstellationen und das intellektuelle Milieu, aus denen sie hervorgegangen sind.
David Brown lehrt Geschichte am Elizabethtown College in Elizabethtown, Pennsylvania. Sein Buch “Richard Hofstadter: an Intellectual Biography“ (Chicago 2006) wurde für den Pulitzer Prize nominiert.