Florian Hartleb ist seit September 2025 Professor für internationale Beziehungen an der Modul-Universität Wien sowie Autor des Buches „Einsame Wölfe“ über rechte Einzeltäter und des 2025 erschienenen Werks „Teenager Terroristen“. Er war Gutachter in dem Fall des Deutsch-Iraners Ali David Sonboly, der im Juli 2016 im Münchener Olympia-Einkaufszentrum gezielt neun Menschen mit Migrationshintergrund ermordete. Hartleb war mit verantwortlich dafür, dass die Tat nicht mehr als unpolitisch, sondern als politisches Attentat eingestuft wurde.
Zu Beginn seines Vortrags legte Hartleb den Fokus auf die mögliche Rolle, die Einsamkeit bei der Radikalisierung von Jugendlichen spielt. Hierfür bezog er sich auf eine 2025 erschienene Studie der Bertelsmann-Stiftung, nach der sich fast die Hälfte der 16-30-Jährigen einsam fühlt. Gerade während Corona seien die Jugendlichen die Leidtragenden gewesen, da durch notwendige Beschränkungen ihnen die Möglichkeit vieler sozialer Aktivitäten genommen wurde, so Hartleb. Dies habe maßgeblich dazu beigetragen, dass die Einsamkeit bei Jugendlichen zunimmt. Hartleb berichtete von einem Fall, bei dem ein betroffener Jugendlicher, der einen Anschlag geplant hatte, angab, er habe sich vor allem aus Langeweile und Einsamkeit radikalisiert. Dies könne zunächst irritierend wirken, dennoch sei nicht zu unterschätzen, welche beschleunigende Wirkung derartige Emotionen bei einer Radikalisierung spielen können.
Besonders bedenklich sei hier der Einfluss der sozialen Medien. So betonte Hartleb mit Verweis auf die Hitlerjugend, dass das Phänomen des „Teenager-Terrorismus“ zwar nicht neu sei, die sozialen Medien jedoch das Entgegenwirken maßgeblich erschweren würden. Denn dass die Rekrutierung der Jugendlichen vor allem online im Verborgenen und nicht mehr bei realen Treffen ablaufe, stelle die Ermittler vor Radikalisierungsprozesse, die schwieriger zu kontrollieren seien. Besonders die Lage nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 sei exemplarisch dafür, wie gefährlich die Online-Radikalisierung sei. Der Antisemitismus nehme seit diesem Ereignis enorm zu, wobei der digitale Raum als Katalysator wirke. Für Jugendliche würden Ideologien zum Beispiel durch Memes oder ähnliche Darstellungen empfänglich gemacht und von Influencern sowie religiösen Predigern an sie herangetragen. Die operative Intelligenz auszubauen sei daher entscheidend.
Hartleb ging exemplarisch auf den Fall des Norwegers Andreas Behring Brevik ein. Dieser hatte im Juli 2011 zunächst mit einer Autobombe, anschließend in einem Camp einer sozialdemokratischen Jugendorganisation mit einer Schusswaffe als Polizist verkleidet, insgesamt 77 Menschen getötet. Entscheidend sei hier der Radikalisierungsprozess, so Hartleb, denn Breivik hatte sich über neun Jahre mehr oder weniger unbemerkt vor allem online radikalisiert. Gerade weil dieser Fall 15 Jahre zurückliegt und sich die Gefahren der online erfolgten Radikalisierung seitdem weiter verstärkt hätten, sei es entscheidend, dass die zuständigen Behörden hier ansetzen.
Aussagekräftig sei zudem auch, dass häufig die Jugendlichen mehr über Codes und Verschlüsselungen innerhalb ihrer Szene Bescheid wüssten und ebenso die Plattformen, auf denen sie sich bewegen, besser kennen als die Ermittler. Ursächlich hierfür sei vor allem die Überlastung innerhalb der Behörden.
Auf diesen Punkt gingen Hartleb und Ralf Altenhof in der anschließenden Podiumsdiskussion weiter ein. So habe allein die Bremer Polizei 2025 mehr als 340.000 Überstunden angesammelt und kämpfe mit einer krankmachenden Arbeitsbelastung.
Im weiteren Verlauf ging es unter anderem um die Arbeit der Journalistinnen und Journalisten in der Reaktion auf einen Terroranschlag. So warnt Hartleb in seinem Buch vor einer Berichterstattung, die die Glorifizierung der Täter begünstigt und fordert stattdessen eine opferorientierte Berichterstattung. Altenhof fragte Hartleb hierzu, wie die Opferperspektive stärker eingenommen werden könne und merkte an, dass eine gewisse Sensationslust und Interesse an dem Täter eigentlich in der Natur jedes Einzelnen liege und so kaum vermeidbar sei. Essenziell sei hier zum einen, intensive Recherche zu betreiben, um über einen Fall aufbereitet berichten zu können und nicht die Tat oder eher den Täter kontextlos im Raum stehen zu lassen, so Hartleb. Zum anderen sei entscheidend, die Erinnerungskultur an dieser Stelle zu stärken, indem regelmäßig an die Opfer erinnert wird. Er machte jedoch deutlich, dass die Geschwindigkeit, mit der sich die Ereignisse auf der Welt überschlagen, die „richtige“ Reaktion schwer mache. Dadurch ergebe sich für den Journalismus das Dilemma, einen Fall so aufzubereiten, dass er nicht zur Polarisierung oder Glorifizierung missbraucht werden kann, unter dem Druck, das öffentliche Interesse bald verloren zu haben.
Im Anschluss hatten die Gäste die Möglichkeit, Florian Hartleb ihre Fragen zu stellen. Dabei ging es vor allem um die Charakteristika der Täter und wie sich diese verändert haben, die Arbeit der deutschen Sicherheitsbehörden sowie Geheimdienste bei der Terrorismusbekämpfung und in welcher Form ein verpflichtendes Jahr Jugendlicher dem Staat bei der Entgegenwirkung der Empfänglichkeit für eine Radikalisierung helfen könnte.
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