Zu Beginn des Nachmittags begrüßten Dr. Mark Speich, wissenschaftlicher Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung, und Prof. Dr. Stefan Kolev, Leiter des Ludwig-Erhard-Forums für Wirtschaft und Gesellschaft, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Herr Dr. Speich verdeutlichte, dass der Begriff der Mäßigung heute nicht mehr ausschließlich positive Konnotationen auslöst, sondern immer öfter als „lauwarm“ oder „mutlos“ wahrgenommen wird. Er erinnerte an Wilhelm Röpke, der Maßlosigkeit als Symptom der Entwurzelung einer Gesellschaft sah. Herr Prof. Kolev führte diesen Gedanken fort und fragte kritisch, inwiefern die politische Mitte heute aus Sicht der Bürger eigentlich noch zwischen „Mitte-rechts“ und „Mitte-links“ unterscheidbar ist. Parteien am Rand des politischen Spektrums profitieren von einer homogenen Mitte, wenn diese kaum noch unterscheidbare Angebote unterbreitet.
Das erste Panel thematisierte die „Mäßigung in der Geschichte des Westens“. Prof. Dr. Reinhard Mehring fragte in seinem Impulsvortrag, was politische Mäßigung genau bedeutet, und ging in seiner Antwort auf unterschiedliche ideengeschichtliche Wurzeln ein. Er diagnostizierte zudem eine zunehmende Verrohung des aktuellen Diskurses und erinnerte an den antiken Gedanken, dass eine Hauptaufgabe des politischen Diskurses darin besteht, durch die politische Kultur die Handlungsfähigkeit einer Regierung zu unterstützen. Prof. Dr. Matthias Oppermann erweiterte diese Perspektive und fragte, inwiefern Mäßigung eine konservative Tugend ist. Er erweiterte die Perspektive auf das Großbritannien des 19. Jahrhunderts und erarbeitete kontextuell, wie Konservatismus heute fruchtbar gemacht werden kann. Ebenso wurde deutlich, dass es verschiedene Abgrenzungsmerkmale für „den Westen“ gibt.
Anschließend moderierte Dr. Christine Bach die erste Fragerunde, die beide Vorträge für Rückfragen öffnete und das erste Panel um eine gelungene Vertiefung und neue Erkenntnisse abrundete. Beispielsweise ging es um die polit-ökonomische Frage, wie tugendethische Prinzipien in Institutionen übersetzt werden können, oder auch um die Frage nach dem Wesen des richtigen Maßes unter Verweis auf Platon und Aristoteles.
Das zweite Panel konzentrierte sich stärker auf die Gegenwart und behandelte die Frage „Zentrismus oder Polarisierung? Zum Stand der politischen Mäßigung in der Gegenwart“. Prof. Dr. Barbara Zehnpfennig thematisierte das Verhältnis von Mäßigung und Demokratie und die Frage, wie Demokratie einen Beitrag zur Mäßigung leisten kann. Dabei ging es vor allem um die Rolle der Bildung beim Individuum und um die Rolle von Institutionen für den demokratischen Prozess. Sie verdeutlichte, dass Besinnung die Voraussetzung für die Tugend der Besonnenheit ist. Es darf auch nicht ignoriert werden, dass Demokratie nicht automatisch zur Mäßigung geeignet ist. Beispielsweise kann die Herrschaft des Volkes oder ein unbedingtes Gleichheitsversprechen zu Maßlosigkeit verführen. Deshalb erinnerte sie an das bekannte Böckenförde-Diktum, wonach die freiheitliche Demokratie auf Voraussetzungen beruhe, die dem Politischen vorausgehen. Diese tugendethischen Grundlagen der individuellen Bildung und der institutionellen Verfasstheit sind zuletzt ins Hintertreffen geraten – eine Entwicklung, die mit Sorge zu betrachten ist und später von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern intensiv und konstruktiv diskutiert wurde.
Prof. Dr. Hans Jörg Hennecke verknüpfte Mäßigung mit der Ordnung der Wirtschaft. Dazu ging er auf sechs Punkte ein: Mäßigung als Selbstzügelung des Unternehmers, Mäßigung als langfristige Unternehmensstrategie im Gegensatz zu kurzfristigem Denkens, Mäßigung im Sinne von Maßnahmen zwischen konkurrierenden Zielen (mit Verweis auf Ludwig Erhard), Mäßigung als Verhältnismäßigkeit bei Zweck-Mittel-Relationen, Mäßigung als Ausgleich konkurrierender Interessen und Mäßigung als Eindämmung von Wachstum und Fortschritt. Diese Punkte wurden von den Anwesenden unter Moderation von Dr. Michael Borchard vertieft.
Im zweiten Teil der Tagung ging es vor einem breiten Publikum um das Thema „The Loss of Moderation in Postliberal Thought: Insights from America“. Nach einer kurzen Begrüßung von Herrn Dr. Speich folgte das Highlight des Tages: die Keynote von Prof. Dr. Aurelian Craiutu von der Indiana University mit einem anschließenden Podiumsgespräch zwischen Herrn Prof. Craiutu und Frau Linda Teuteberg, das von Herrn Prof. Kolev moderiert und für Publikumsfragen geöffnet wurde.
In seinem Vortrag „The Archipelago of Moderation“ befasste sich Herr Prof. Craiutu mit der Relevanz und der historischen Entwicklung politischer Mäßigung – ein Begriff, der aktuell in öffentlichen Diskursen oft fälschlicherweise mit Schwäche, Opportunismus oder Unentschlossenheit gleichgesetzt wird. Die Implementierung gemäßigter Ansätze erweist sich in Zeiten digitaler Echokammern, „Cancel Culture“ oder eines sinkenden Vertrauens in demokratische Institutionen zunehmend als herausfordernd. Gerade deswegen gilt es den Begriff der Mäßigung zunächst genau zu verstehen: Ideengeschichtlich wurzelt das Konzept zum einen in der antiken Philosophie der „goldenen Mitte“ und zum anderen in einer gemischten Regierungsform zur Einbindung unterschiedlicher gesellschaftlicher Kräfte. Er ist in vielen Religionen und Kulturen bekannt. Im Zeitalter der Aufklärung erlangte Mäßigung, insbesondere durch Montesquieu und Tocqueville, eine maßgebliche institutionelle Dimension, die auf dem Prinzip der Gewaltenteilung und „Checks-and-Balances“ basiert. Mäßigung artikuliert sich seitdem auf mehreren Ebenen, wodurch der Begriff heute bisweilen etwas unscharf verwendet wird:
1) Mäßigung als antike Tugend der Besonnenheit
2) Mäßigung als verfassungsmäßiges Ordnungsprinzip
3) Mäßigung als ein aktueller politischer Stil, der auf die Fähigkeit setzt, andere Meinungen und Widersprüche auszuhalten
Beispiele wie die Soziale Marktwirtschaft in Deutschland, die Tschechoslowakei und Polen in den 1970er und 1980er Jahren oder die politische Praxis der skandinavischen Länder in den 1990er Jahren unterstreichen die praktische Tragfähigkeit von Mäßigung im Politikbetrieb. Wir beobachten außerdem, dass trotz der medial dominierenden Polarisierung eine moderate Mitte in Wählerschaft und Zivilgesellschaft dennoch fortbesteht. Im Gegensatz zu ideologischen Heilsversprechen hat Mäßigung eine große Stärke: Sie kann die Multidimensionalität des Guten anerkennen, ohne dogmatisch zu werden. Darüber hinaus begünstigt Mäßigung den – in Anlehnung an Karl Popper – reformerischen Weg der kleinen Schritte („piecemeal social engineering“): Neue Ideen und Maßnahmen folgen nach dem „trial-and-error“-Prinzip und können bei Fehlentwicklungen besser korrigiert werden, ohne permanent schmerzhafte Umbrüche zu durchleben.
Herr Prof. Craiutu beendete seinen erkenntnisreichen wie kurzweiligen Impuls mit dem überzeugenden Plädoyer, Mäßigung als eine mutige und reflektierte Tugend zu begreifen, die für die dauerhafte Stabilität demokratischer Staaten unentbehrlich bleibt.
Im Podiumsgespräch verdeutlichte Frau Teuteberg die aktuellen politischen Herausforderungen in einer veränderten Parteienlandschaft der Mitte. Der Optimismus, der sich in den 1990er Jahren breitmachte, ist zunehmend einer gewissen Ernüchterung gewichen. Vor diesem Hintergrund sind bürgerliche Werte kein Selbstläufer, sondern müssen aktiv eingefordert und verteidigt werden. Im weiteren Gespräch wurde deutlich, dass Mäßigung hierbei nicht Passivität bedeutet, sondern die bewusste Absage an die politischen Extreme und gleichzeitig die Suche nach überzeugenden Angeboten in der politischen Mitte.
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