Ausgabe: 2/2026
- Das transnational organisierte Verbrechen in Lateinamerika hat sich in den vergangenen Jahren zu einem flexiblen, global vernetzten Parallelsystem entwickelt, das staatliche Ordnung ersetzt, Macht ausübt und wirtschaftliche Kreisläufe kontrolliert.
- Kriminelle Netzwerke agieren heute dezentral, diversifiziert und grenzüberschreitend, eingebettet in legale Märkte und internationale Logistikketten.
- In schwachen Staaten übernehmen kriminelle Organisationen Governance-Funktionen, schaffen Ordnung, erheben Abgaben und gewinnen funktionale Legitimität, etwa in Armenvierteln, ländlichen Regionen und Gefängnissen.
- Bereits jetzt sind die Konturen einer nächsten Entwicklungsphase des organisierten Verbrechens erkennbar. Diese wird durch Technologie, Automatisierung, Künstliche Intelligenz und strategische Einflussnahme im öffentlichen Diskurs geprägt sein und erfordert koordinierte, demokratisch legitimierte Gegenstrategien.
- Europa ist dabei längst nicht mehr nur Absatzmarkt, sondern auch selbst Schauplatz institutioneller Unterwanderung, insbesondere in Häfen, Finanzsystemen und der Immobilienwirtschaft, begünstigt durch hohe Nachfrage und begrenzte Kontrolle. Ohne entschiedene Gegenmaßnahmen droht eine „Lateinamerikanisierung“ des Kontinents.
Im vergangenen Jahrzehnt ist Lateinamerika Zeuge einer schleichenden, aber tiefgreifenden Transformation des transnational organisierten Verbrechens geworden, deren Tragweite viele Menschen noch nicht ausreichend begriffen haben. Das Phänomen lässt sich heute nicht mehr mithilfe hergebrachter Kategorien wie Drogenhandel oder der Vorstellung von hierarchisch aufgebauten Organisationen mit sichtbaren Führungsfiguren analysieren. Die organisierte Kriminalität hat mittlerweile komplexere, anpassungsfähigere und resilientere Formen angenommen. Sie ist in der Lage, sich in weltweite Wirtschaftsströme zu integrieren, in bestimmten Bereichen Governance-Funktionen an sich zu reißen und politische Macht auszuüben.
Dieser Prozess kann als eine Weiterentwicklung der „Vierten Welle“ des transnational organisierten Verbrechens1 verstanden werden, die sich durch eine zunehmende Verflechtung verschiedener illegaler Wirtschaftszweige, flexible transnationale Netzwerke, eine partielle Unterwanderung von Institutionen und das Auftauchen einer Art Pseudostaatlichkeit auszeichnet, bei der das organisierte Verbrechen jenseits des staatlichen Rechtsrahmens in bestimmten Gebieten quasi-hoheitliche Aufgaben übernimmt. In dieser Phase wächst das organisierte Verbrechen aus seiner Rolle als Akteur, der im Verborgenen arbeitet, heraus und verwandelt sich in eine Art Parallelsystem, das staatliche Ordnung ersetzt, Einnahmen generiert und Macht ausübt.
Um die Bedeutung dieser Transformation zu begreifen, muss sie in den historischen Kontext eingeordnet werden. Im Zentrum der „Ersten Welle“ des organisierten Verbrechens stand der Aufstieg des Medellín-Kartells unter Pablo Escobar, das massenweise Kokain für den US-Markt herstellte sowie extreme Gewalt gegen den Staat einsetzte und dessen Machtstrategie darauf basierte, immer größere Gebiete zu beherrschen. Während der „Zweiten Welle“ dominierte dann das Cali-Kartell, das die direkte Konfrontation mit der Staatsmacht durch Korruption und politische Unterwanderung ersetzte. Durch seine Verbindungen mit den mexikanischen Kartellen wurde die Landkarte der Schmuggelrouten neu gezeichnet und es wurden auch die Geldwäschemechanismen revolutioniert. Die „Dritte Welle“ ging mit der fortlaufenden Kriminalisierung ganzer Staaten einher, besonders derer, die in Gebieten lagen, die für Produktion, Transport und den Schutz illegaler Wirtschaftskreisläufe strategisch wichtig waren. Normative Maßstäbe wurden gezielt verschoben, Institutionen geschwächt. Zudem wurde der Rechtsstaat systematisch ausgenutzt. Auf diese Weise schufen bewaffnete nichtstaatliche Akteure und kriminelle Gruppen mit hohen operativen Fähigkeiten die Bedingungen, unter denen sie sich – ob formell oder informell – in staatliche Strukturen eingliedern konnten. Dieser Prozess verwischte die Grenze zwischen Regierungen und transnationalen kriminellen Organisationen bis zur Unkenntlichkeit und brachte das hervor, was einige Analysten als kriminalisierte Staaten bezeichnen – also Gebilde, in denen Politik und Verbrechen nicht in Konkurrenz zueinander stehen, sondern praktisch fusionieren oder sich zumindest gegenseitig stützen.
Die „Vierte Welle“ des organisierten Verbrechens in Lateinamerika kombiniert verschiedene Elemente all dieser vorangegangenen Phasen und entwickelt sie weiter, zeichnet sich aber zudem durch etwas qualitativ Neues aus – denn erstmals treten hier hochentwickelte Akteure aus anderen Weltregionen auf den Plan: die italienische ’Ndrangheta, Clans vom Balkan, türkische Syndikate oder auch chinesische Netzwerke, die Vorprodukte liefern. Sie alle arbeiten mit den lateinamerikanischen Verbrecherorganisationen in einem dynamischen, transnationalen und kriminellen Ökosystem zusammen, das sich an den sich jeweils bietenden Möglichkeiten orientiert und zunehmend unabhängig von konkreten Staaten oder Gebieten operiert.
Diese „Vierte Welle“ zu verstehen, ist das eine. Noch wichtiger aber ist, sich klarzumachen, dass sich bereits die Grundzüge einer „Fünften Welle“ herauskristallisieren, die noch einmal komplexer, anspruchsvoller und potenziell gefährlicher sein wird. Diese neue Entwicklungsstufe wird sich auszeichnen durch die Verwendung neuester Technologien und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, die Automatisierung illegaler Geschäfte und – besonders wichtig – einen strategischen Wettbewerb im öffentlichen Diskurs, bei dem es darum geht, illegale Wirtschaftsaktivitäten unter Rückgriff auf eine transaktionale politische Logik mit populistischem oder autoritärem Einschlag zu legitimieren, zu vertuschen oder sie innerhalb des legalen Wirtschaftskreislaufs zu normalisieren.
Viel mehr als Drogenhandel
Über Jahrzehnte war die Betrachtung der organisierten Kriminalität von einer verkürzten Sichtweise beherrscht, die sich stark auf den Drogenhandel konzentrierte. Es ist aber schon heute in der „Vierten Welle“ so, dass kriminelle Vereinigungen als diversifizierte Wirtschaftskonglomerate operieren. Sie sind gleichzeitig in zahlreichen kriminellen Märkten aktiv – darunter in Drogen- und Menschenhandel, Schmuggel, illegalem Bergbau, Finanzbetrug, Waffenhandel und Cyberkriminalität.
All diese Delikte verursachen menschliche Schäden und ziehen beispielsweise auch Umweltschäden nach sich. Hinzu kommt, dass die verschiedenen Aktivitäten nicht isoliert voneinander stattfinden, sondern integraler Bestandteil eines „Ökosystems“ sind, das darauf ausgerichtet ist, Gewinn zu maximieren und die Risiken der kriminellen Vereinigungen zu minimieren.
Eines der Kennzeichen dieser Entwicklungsstufe des organisierten Verbrechens sind Fälle von Organisationen, die sich von einem vertikal strukturierten Aufbau weg- und zu horizontalen, modularen Strukturen hinbewegen, deren Komplexität wir erst noch verstehen sowie in neue Begriffe fassen müssen und für die ich vorläufig die Bezeichnung als Ausdrucksformen von Exo-Kriminalität2 vorschlage. Dabei geht es um ein Phänomen, das sich nicht auf eine zentralisierte strategische Planung stützt, sondern auf externe Bedingungen aufspringt: auf soziale Krisen, Masseneinwanderung, institutionellen Kollaps. Dieser neue Aufbau macht die kriminellen Netzwerke widerstandsfähiger gegen staatliche Verfolgung: Ihre dezentrale Organisation erschwert es den Behörden, sie vollständig zu zerschlagen. Gleichzeitig gewährleisten die Netzwerke intern einen ständigen Austausch, indem sie intensiv auf moderne Kommunikationstechnologie, spezialisierte Mittelsmänner und strategische Allianzen mit transaktionalem Charakter zurückgreifen.
Globalisierung der organisierten Kriminalität
In diesem Zusammenhang hat die internationale Vernetzung des organisierten Verbrechens noch nie gekannte Ausmaße erreicht. Lateinamerika hat sich dabei zu einem entscheidenden Knotenpunkt für weltweite illegale Wirtschaftsströme entwickelt, insbesondere, was den Schmuggel von Kokain nach Europa anbetrifft. Kriminelle Netzwerke vom Alten Kontinent, insbesondere aus Albanien, haben in Lateinamerika Fuß gefasst und das Feld dort aufgemischt. Sie haben ein enormes Geschick dabei bewiesen, sich eigenständig in die entscheidenden Stufen dieses Geschäfts einzuklinken, bei denen es um Finanzierung, Logistik, Verteilung und Geldwäsche geht.
Die Zahlen sprechen für sich. Laut dem UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC)3 ist die weltweite Kokainproduktion 2023 auf einen neuen Rekord von 3.708 Tonnen gestiegen – ein Plus von 34 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Zahl der weltweiten Konsumenten ist innerhalb eines Jahrzehnts von 17 auf 25 Millionen angewachsen. Europa hat sich als einer der am schnellsten wachsenden Märkte etabliert. 2022 wurden in der EU 323 Tonnen beschlagnahmt. Ein Jahr später wurden allein im Hafen von Antwerpen 116 Tonnen sichergestellt. Laut Europol kamen 2024 70 Prozent des Kokains, das seinen Weg nach Europa fand, über Antwerpen und Amsterdam hinein.4 Albanische Netzwerke waren bei dieser Entwicklung entscheidend. Zwischen 2012 und 2018 sorgten sie durch Bestechung von Hafenbeamten dafür, dass Lieferanten aus Kolumbien, Ecuador und Venezuela direkten Zugang erhielten. Auf diese Weise drückten sie den Preis für ein Kilo Kokain in den Niederlanden von 30.000 auf 23.000 Euro und brachten ganze Segmente des europäischen Marktes unter ihre Kontrolle.
Im Gegensatz zu anderen Akteuren halten sich die albanischen Gruppen in der Regel lieber im Hintergrund und versuchen, unter dem Radar der Medien zu bleiben. Stattdessen setzen sie auf pragmatische Beziehungen zu lokalen Organisationen und in die Politik. Ihre große Stärke liegt darin, jederzeit die Verbindung zu den globalen Märkten herstellen zu können. Dabei kommt ihnen insbesondere ihre umfassende und zugleich detaillierte Kenntnis der europäischen Märkte zugute; ebenso ihre Fähigkeit, über ausgeklügelte Mechanismen große Mengen an Drogengeldern zu waschen. In Zeiten einer Kokainüberproduktion in der Andenregion haben diese Netzwerke dazu beigetragen, die Routen zu optimieren, den Transport effizienter zu gestalten und neue Absatzmärkte zu erschließen.
Ein beispielhafter Fall ist Dritan Rexhepi, ein albanischer Staatsbürger, der sich nach Gefängnisausbrüchen in Albanien, den Niederlanden und Belgien schließlich ab 2012 in Ecuador niederließ, um von dort als Logistikunternehmer die Kokainströme in Richtung europäischer Häfen wie Antwerpen, Gioia Tauro und Thessaloniki zu organisieren. Sein Rollenbild entsprach nicht unbedingt dem des traditionellen, sichtbaren Gangsterbosses. Stattdessen verwandelte er sich in einen diskreten Geschäftsmann, der Importunternehmen für Bananen gründete, die ihre offizielle Fracht mit Drogen mischten. Eine Untersuchung des Center for Advanced Defense Studies5 identifizierte sechs albanische Unternehmen, die Bananen aus Ecuador importierten und seit 2014 mit Kokainfunden in Verbindung standen. Die Mehrzahl von ihnen machte nach einigen kosmetischen Änderungen in ihrer Geschäftsführung einfach weiter, was die Widerstandsfähigkeit dieser Netzwerke gegenüber staatlicher Verfolgung unterstreicht.
Das Kokainüberangebot hat zudem einen Wettbewerbsdruck ausgelöst, der wie ein krimineller Innovationstreiber wirkt. Die Organisationen sind ständig bestrebt, Kosten zu senken, Risiken zu diversifizieren und Vertriebspunkte zu sichern. Auf diese Weise sind die Häfen und die internationalen Logistikketten des Drogenhandels zu strategisch umkämpften Orten geworden. Die Unterwanderung der entsprechenden Infrastrukturen erleichtert nicht nur den Drogenschmuggel, sondern öffnet auch das Tor zu weiteren illegalen Wirtschaftsaktivitäten.
Somit sind der Seetransport und die Häfen wegen ihrer Bedeutung für das organisierte Verbrechen heute zu Hauptrisikofaktoren für die Demokratien in Lateinamerika wie auch für die Absatzmärkte in Europa geworden. Eine Kombination aus Korruption, Zwang und operativer Aufklärung ermöglicht es den Netzwerken, das System der Häfen zu durchdringen, Container zu manipulieren, Hafenarbeiter für die eigenen Zwecke einzuspannen und technische Schwachstellen auszunutzen. All das beeinträchtigt die Sicherheit, verzerrt aber auch den wirtschaftlichen Wettbewerb und untergräbt das Vertrauen in die globalen Handelssysteme.
Die Kooptierung von Hafenbeamten ist das zentrale Instrument bei dieser Unterwanderung. Die kriminellen Gruppen rekrutieren Personen, die an den Docks arbeiten, Scanner bedienen oder beim Zoll beschäftigt sind. Oft läuft dieser Mechanismus über Bestechungsgelder, manchmal aber auch über Drohungen gegen die Familien der Zielpersonen. Die Häfen in der EU wickeln jährlich etwa 90 Millionen Container ab. Tatsächlich inspizieren können die Behörden aber nur zwei bis zehn Prozent davon. In Antwerpen hat die Unterwanderung der Hafenstruktur durch die organisierte Kriminalität ein solches Ausmaß erreicht, dass der Vorsitzende des städtischen Berufungsgerichts in diesem Jahr öffentlich Alarm schlug: „Die Menge an Geld, die eingesetzt wird, um Personen zu beeinflussen, zu bestechen und zu korrumpieren, ist derart groß, dass sie eine echte Gefahr für die Stabilität unserer Gesellschaft darstellt.“6 Es geht hier für Europa nicht um ein externes Problem, sondern es ist bereits ein europäisches.
Pseudostaatlichkeit
Parallel dazu hat die „Vierte Welle“ des organisierten Verbrechens in Lateinamerika für die Ausbreitung eines Phänomens gesorgt, das sich als Pseudostaatlichkeit bezeichnen lässt. In Gebieten, in denen der Staat schwach ist oder als illegitim wahrgenommen wird, haben die kriminellen Organisationen quasi-staatliche Funktionen übernommen: Sie regulieren Märkte, ohne Widerstand zu erfahren, setzen Normen durch, lösen Konflikte und bieten Sicherheit. Zu beobachten ist dieses Phänomen besonders in Armenvierteln, ländlichen Regionen und – mit schwerwiegenden Folgen – in den lateinamerikanischen Gefängnissen.
Diese Art der Governance stützt sich nicht nur auf Gewalt. Sie kann sich deshalb durchsetzen, weil sie Ordnung und Vorhersehbarkeit in Kontexten liefert, in denen sonst Ungewissheit und Unsicherheit herrschen würden. Aus Sicht der betroffenen Bevölkerung sind die kriminellen Organisationen oftmals einfach diejenigen, die praktische Lösungen anbieten, was ihnen eine Art funktionale Legitimität verleiht.
Wie bereits erwähnt, sind die Strafanstalten in Lateinamerika heute ein Epizentrum dieser Entwicklungen. In vielen Ländern sind die Gefängnisse keine Orte staatlicher Kontrolle mehr, sondern einfach kriminelle Operationszentren. Von dort aus koordinieren die Organisationen ihre Aktivitäten, steuern ihre illegalen Wirtschaftskreisläufe und nehmen Einfluss nach außen. Der staatliche Kontrollverlust in den Gefängnissen schwächt nicht nur die Fähigkeit des Staates, Strafen effektiv durchzusetzen, sondern fördert auch die Herausbildung immer komplexerer und besser organisierter krimineller Strukturen.
Der „Tren de Aragua“ aus Venezuela verdeutlicht jenen Prozess besonders klar. Diese Verbrecherorganisation entstand im Gefängnis Tocorón, im Bundesstaat Aragua. Sie brachte zunächst die Strafanstalt unter ihre Kontrolle. Bald gab es dort neben einem Schwimmbad und anderen Sportanlagen auch ein Restaurant und eine Diskothek. Anschließend begann der Tren de Aragua, von dort aus ganze Gemeinden zu regieren, Pseudosteuern einzutreiben, Streitigkeiten zu schlichten und Dienstleistungen anzubieten, die der venezolanische Staat nicht offerieren konnte. Dieses pseudostaatliche Modell expandierte dann in mehr als ein Dutzend venezolanischer Bundesstaaten sowie – in einem weiteren Schritt – bis nach Kolumbien, Peru, Chile und Argentinien, wobei die Organisation den Exodus von Millionen venezolanischer Migranten für sich instrumentalisierte. 2025 erklärte die US-Regierung von Donald Trump den Tren de Aragua zu einer ausländischen terroristischen Organisation. Besonders dramatisch ist, dass diese Bande kein Einzelfall ist. Ähnliche Fälle sind heute in Ecuador, Brasilien und den am stärksten überfüllten Gefängnissen von Mexiko und Mittelamerika zu sehen.
Am Ende des Prozesses steht keine rechtsstaatliche Demokratie, sondern eine Art „funktionaler Rechtsstaat“ mit populistischen oder autoritären Zügen, der korrupten und anderweitig kriminellen Interessen dient und die Prinzipien, die er nach außen zu schützen vorgibt, von innen pervertiert.
Das organisierte Verbrechen als politischer Akteur
In diesem Zusammenhang beginnt das organisierte Verbrechen, wie ein rationaler politischer Akteur zu handeln.7 Dies geht mit einer zunehmenden Fähigkeit einher, Entscheidungen zu beeinflussen, Institutionen zu kapern und das regulatorische Umfeld selbst zu gestalten. An verschiedenen Orten finanzieren die kriminellen Organisationen Wahlkämpfe, kooptieren Entscheidungsträger oder kommen zu informellen Übereinkünften mit politischen Akteuren. Diese Art der Interaktion verändert den Charakter des Problems, wie es sich in der „Vierten Welle“ darstellte. In Zukunft wird es nicht mehr nur darum gehen, kriminelle Vereinigungen zu bekämpfen, sondern auch darum, die Integrität des demokratischen Systems an sich zu retten.
Konkrete Fälle dieser Unterwanderung der Politik gibt es zuhauf. Der honduranische Ex-Präsident Juan Orlando Hernández wurde nach seiner Auslieferung an die USA dort im Juni 2024 wegen Drogenhandels zu 45 Jahren Gefängnis verurteilt. Man hatte ihm nachweisen können, Millionen von US-Dollar vom Sinaloa-Kartell und von „El Chapo“ Guzmán persönlich angenommen zu haben – als Gegenleistung für staatlichen Schutz und die Hilfe bei der Weiterleitung von mehr als 400 Tonnen Kokain auf den US-Markt. Am 1. Dezember 2025 begnadigte Trump Hernández vollständig und bedingungslos. Bei seinem Prozess habe es sich um politische Verfolgung durch die Biden-Regierung gehandelt. Analysten und Abgeordnete beider Parteien in den USA wiesen auf den Widerspruch dieser Entscheidung zur Antidrogenpolitik der derzeitigen US-Regierung hin. Juristen in Honduras sprachen von einem Affront gegenüber der Justiz.
Der frühere mexikanische Minister für öffentliche Sicherheit, Genaro García Luna, wurde in den USA ebenfalls wegen Verbindungen zum Sinaloa-Kartell verurteilt. In Guatemala versuchten korrupte Netzwerke, auf dem Rechtsweg den Amtsantritt des gewählten Präsidenten Bernardo Arévalo im Januar 2024 zu verhindern. Zudem wurde in Spanien der Chef der Einheit für Wirtschafts- und Finanzdelikte bei der Leitung der Madrider Polizei wegen vermeintlicher Kontakte zum Drogenhandel festgenommen. Bei ihm zuhause hatten die Ermittler ganze 20 Millionen Euro gefunden. Die Fähigkeit des organisierten Verbrechens, strategisch wichtige staatliche Akteure zu kaufen, macht nicht an Grenzen halt.
Der Übergang zu einer „Fünften Welle“ des organisierten Verbrechens wird diese Tendenzen verstärken und die Komplexität noch einmal erhöhen. Der Rückgriff auf fortgeschrittene Technologien, insbesondere Künstliche Intelligenz, wird es den kriminellen Organisationen ermöglichen, ihre Operationen zu optimieren, Prozesse zu automatisieren und ihren Einflussbereich weiter auszubauen. Von der Nutzung von Algorithmen für die Geldwäsche über die Erstellung virtueller Identitäten und die Datenmanipulation bis hin zur systematischen Verbreitung von Desinformation – das organisierte Verbrechen wird zunehmend auf Gebieten arbeiten, die immer schwieriger zu erfassen und zu regulieren sind.
Kampf um die Narrative
Das vielleicht disruptivste Element dieser „Fünften Welle“ des organisierten Verbrechens wird aber der Kampf um die Deutungshoheit im öffentlichen Diskurs sein. In einer Zeit, in der Informationen in Höchstgeschwindigkeit zirkulieren und Wahrnehmungen direkt die Legitimität von Institutionen beeinflussen, werden kriminelle Organisationen versuchen, Erzählungen zu platzieren, die ihr Handeln normalisieren, den Staat delegitimieren oder sogar den Eindruck erzeugen, ihr Handeln werde von der Gesellschaft akzeptiert. Hierbei handelt es sich um eine symbolische Auseinandersetzung, die dem eigentlichen Hauptziel des organisierten Verbrechens dient: die eigenen Gewinne in die Kreisläufe der legalen Wirtschaft einzuschleusen.
Der wahre Kampfschauplatz ist somit wirtschaftlicher, aber ebenso kultureller Natur. Geldwäsche beschränkt sich nicht mehr auf die hergebrachten Mechanismen. Sie läuft heute auch über Handel, Technologie, die Unterhaltungsbranche und den Immobilienmarkt. Die Fähigkeit, „schmutziges Geld“ in legale Vermögenswerte zu verwandeln, erlaubt es den kriminellen Netzen, dauerhaft wirtschaftlich tragfähig zu sein. In der „Fünften Welle“ dürfte diese Fähigkeit durch technische Hilfsmittel erhöht werden, die die Nachverfolgbarkeit der Finanzströme erschweren und immer ausgeklügeltere Operationen ermöglichen.
Klar ist: Der Übergang von der „Vierten“ zur „Fünften Welle“ des organisierten Verbrechens ist eine der größten Herausforderungen, denen sich Lateinamerika derzeit gegenübersieht. Er ist nicht nur ein Sicherheitsproblem, sondern eine strukturelle Bedrohung der Demokratie, der Wirtschaft und des sozialen Zusammenhalts.
Wer diesen Übergang nicht versteht, unterschätzt zwangsläufig die Tragweite des Phänomens. Das wiederum bedeutet konkret, auf und in bestimmten Gebieten Souveränität an Akteure abzugeben, die mithilfe einer Logik von Macht, Technologie und Profitstreben still und heimlich die Gegenwart und Zukunft unserer Gesellschaften neu bestimmen.
Was tun?
Angesichts dieser Herausforderungen reichen die üblichen Gegenstrategien bei Weitem nicht mehr aus. Auch wenn die strafrechtliche Verfolgung natürlich weiter nötig bleibt, muss sie in einen breiteren Maßnahmenmix eingebettet werden. Dazu gehören Ermittlungskapazitäten, internationale Zusammenarbeit, Partnerschaften zwischen Staat und Privatsektor, die Regulierung moderner Technologien und die Stärkung der Institutionen. Der transnationale Charakter des Phänomens erfordert auch von den Staaten eine nie dagewesene Kooperation, insbesondere in den Bereichen Informationsaustausch, Finanzkontrolle und Hafensicherheit.
Die internationale Zusammenarbeit beinhaltet zwei Aspekte. Neben der operativen Ebene geht es ebenso um eine gemeinsame politische Strategie zur Verteidigung des Rechtsstaats. Dies bedeutet auch Folgendes: Der Kampf gegen das organisierte Verbrechen darf nicht in Praktiken ausarten, die selbst demokratische Prinzipien schwächen. Die Legitimität des Staates ist schließlich einer seiner wesentlichen Pluspunkte im Vergleich zu kriminellen Organisationen, selbst wenn letztere ständig versuchen, diese Legitimität zu untergraben.
Auf der innerstaatlichen Ebene ist es grundlegend, bei der Wiedergewinnung von Räumen voranzukommen, in denen sich kriminelle Pseudostaatlichkeit breitgemacht hat. Dies erfordert ein ganzheitliches Herangehen, zu dem Sicherheit, soziale Entwicklung und die Stärkung staatlicher Institutionen gehören. Staatliche Präsenz muss wirksam sein, aber auch legitim. Gebiete sollen nicht nur kontrolliert, sondern tatsächlich regiert werden.
Es ist zudem unverzichtbar, illegale Wirtschaftskreisläufe zu bekämpfen, indem genau bei ihrer ökonomischen Logik angesetzt wird. Solange diese Aktivitäten hochgradig rentabel sind, werden sie weiter um sich greifen. Bei einem solchen Ansatz geht es entscheidend darum, Anreize zu reduzieren, finanzielle Kontrollsysteme zu stärken und inklusive legale Erwerbsmöglichkeiten zu fördern.
Das lateinamerikanische Gespenst geht in Europa um
Was heute in Lateinamerika passiert, betrifft auch Europa. Wahrscheinlich ist es ein Vorgeschmack auf das, was dem europäischen Kontinent bevorsteht, wenn dort nicht mit der Entschiedenheit gehandelt wird, die die Situation erfordert. Europa ist nicht mehr nur ein Absatzmarkt für lateinamerikanisches Kokain, sondern ein Schauplatz, wo das transnational organisierte Verbrechen versucht, genau die Strategien der institutionellen Unterwanderung, der politischen Kooptierung und der Pseudostaatlichkeit zu wiederholen, die es über Jahrzehnte in den Anden und Mittelamerika zur Perfektion gebracht hat. Die Alarmzeichen sind nicht zu übersehen. In Belgien und den Niederlanden beklagen die Justizorgane, dass die Drogenkriminalität immer deutlicher Formen annimmt, die man bislang nur aus Medellín oder Ciudad Juárez kannte: gezielte Tötungen, Autobomben, Einschüchterung von Staatsanwälten und Journalisten. Der niederländische Journalist Peter R. de Vries, der über die Verbindungen von organisiertem Verbrechen und Politik berichtete, wurde 2021 in Amsterdam auf offener Straße ermordet – ein trauriges und dramatisches Zeichen dafür, dass die organisierte Kriminalität beginnt, diejenigen anzugreifen, die ihr zu nahe kommen, wie es in Mexiko, Honduras, Kolumbien, Ecuador und Peru schon lange geschieht.
Die Kokainschmuggelrouten nach Europa – und auch nach Ozeanien – breiten sich immer mehr aus und werden zunehmend diverser. Seit in Antwerpen und Rotterdam die Kontrollen hochgefahren wurden, haben die Schmuggler begonnen, kleinere Häfen mit schwächeren Sicherheitsvorkehrungen im Mittelmeerraum und an der Peripherie des Kontinents auszutesten. Spanien und Portugal sind dabei zu den wichtigsten alternativen Anlaufstellen avanciert. In Frankreich wurden 2023 über 50 Tonnen beschlagnahmt – mehr als doppelt so viel wie im Jahr davor. Das Risiko ist aber nicht auf den Drogenhandel beschränkt. Die kriminellen Netzwerke waschen ihr Geld auf dem europäischen Immobilienmarkt, im Unterhaltungssektor und über andere Dienstleistungen. Das Modell der schleichenden Kaperung staatlicher Institutionen, das sich für Honduras und Guatemala nachweisen lässt, kann in jeder beliebigen Demokratie repliziert werden, deren Institutionen geschwächt, überfordert oder unterwandert sind.
Was also sollte Europa tun? Erstens sollte es sich eingestehen, dass das Problem über seine Grenzen hinausreicht. Die Zusammenarbeit mit Lateinamerika im Bereich Finanzermittlungen, Hafenkontrolle und Verfolgung illegaler Vermögenswerte ist keine Wohltätigkeitsarbeit, sondern liegt im eigenen strategischen Interesse. Zweitens sollte Europa massiv in die Sicherheit seiner kritischen Infrastruktur investieren, angefangen bei den Häfen. Das Modell, das Europol hier in Antwerpen, Rotterdam und Hamburg getestet hat, ist ein Fortschritt, wird aber nicht ausreichen, wenn es nicht genügend Ressourcen und technische Ausstattung sowie eine institutionelle Kultur, in der Sicherheit über logistischer Effizienz steht, gibt. Drittens muss die EU dringend gemeinsame Mechanismen zur Bekämpfung transnationaler Geldwäsche schaffen. Die Kriminellen arbeiten problemlos über Grenzen hinweg, während die europäischen Justizsysteme fragmentiert bleiben. Die neue EU-Antigeldwäschebehörde AMLA, die 2028 starten soll, ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber die vorgesehenen Fristen und Ressourcen halten der Geschwindigkeit der Verbrecher nicht stand.
Schließlich sollte sich Europa offen und ehrlich der Tatsache stellen, dass es eben die europäische Nachfrage nach Drogen ist, die das System am Laufen hält. Solange weltweit 25 Millionen Kokainkonsumenten, von denen ein wachsender Anteil in Europa lebt, einen Markt von jährlich Dutzenden Milliarden Euro schaffen, wird es auch Organisationen geben, die jedes Risiko eingehen, um diesen Markt zu bedienen. Öffentliche Programme zur Suchtbekämpfung sind nicht nur Gesundheitspolitik, sondern dienen ebenso der nationalen Sicherheit. Dies hat Europa zu lange nicht sehen wollen. Den blutigen Preis dieser fehlenden Einsicht zahlt Lateinamerika seit Jahrzehnten. Die Frage, die sich die Politik in Europa heute stellen muss, ist schon längst nicht mehr, ob das Gleiche dort auch passieren kann. Die Frage lautet stattdessen, ob noch genug Zeit bleibt, es zu verhindern.
– übersetzt aus dem Spanischen –
Pablo Zeballos ist ein chilenischer Forscher und Consultant mit dem Schwerpunkt transnational organisiertes Verbrechen. Er war über Jahrzehnte für die chilenischen Sicherheitskräfte tätig.
- Farah, Douglas 2024: Fourth Transnational Criminal Wave: New Extra Regional Actors and Shifting Markets Transform Latin America’s Illicit Economies and Transnational Organized Crime Alliances, Jack D. Gordon Institute for Public Policy, Florida International University, 19.06.2024, in: https://ogy.de/prif [28.04.2026]. ↩︎
- Zeballos, Pablo / Farah, Douglas 2025: Exo-criminality of risk: An emerging challenge to the security of states and democratic stability, Revista Seguridad y Poder Terrestre 4: 1, 29.04.2025, in: https://ogy.de/d253 [28.04.2026]. ↩︎
- UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung 2025: World Drug Report 2025, in: https://ogy.de/maax [28.04.2026]. ↩︎
- Cavalari, Marina et al. 2025: Balance de InSight Crime de incautaciones de cocaína de 2024, InSight Crime, 07.05.2025, in: https://ogy.de/be4s [28.04.2026]; Europol / The Security Steering Committee of the ports of Antwerp, Hamburg/Bremerhaven and Rotterdam 2023: Criminal Networks in EU Ports. Risks and challenges for law enforcement, 30.03.2023, in: https://ogy.de/ghb0 [28.04.2026]. ↩︎
- Infobae 2025: Cómo opera la mafia albanesa para traficar cocaína desde Ecuador hacia Europa, 21.06.2025, in: https://ogy.de/1nkz [28.04.2026]. ↩︎
- EUToday Correspondents 2026: Belgium’s Narco-State Warning: When the Drug Economy Threatens the State, EUToday, 10.03.2026, in: https://ogy.de/2gle [15.06.2026]. ↩︎
- Farah, Douglas / Zeballos, Pablo 2025: From the Streets to the State: How Organized Crime Is Reshaping Politics in Latin America, DP Enfoque Nr. 18, Konrad-Adenauer-Stiftung, in: https://ogy.de/ajio [28.04.2026]. ↩︎