Ausgabe: 2/2026
- Migration in Mexiko ist heute durch mehrere gleichzeitig wirkende Dynamiken geprägt. Sie umfasst neben der klassischen Auswanderung auch Transit-, Einwanderungs-, Rückkehr- und Binnenmigration. Diese Überlagerung macht Mexiko zu einem der komplexesten und dynamischsten Migrationsräume weltweit.
- Die Zusammensetzung der Migranten im Transit durch Mexiko hat sich verändert. Neben Zentralamerikanern und Migranten aus der Karibik reisen zunehmend auch Menschen aus Südamerika, insbesondere aus Venezuela, durch Mexiko in Richtung USA.
- Eine verschärfte US-Grenzpolitik und deren Externalisierung führen dazu, dass internationale Migranten zunehmend in Mexiko verbleiben müssen, während gleichzeitig Rückkehrmigration und rückläufige Auswanderung dazu beitragen, dass mehr Mexikaner aus den USA zurückkehren als neu auswandern. Mexiko entwickelt sich damit zunehmend zu einem Nettoaufnahmeland.
- Die zentrale Herausforderung für den Staat liegt weniger in gesellschaftlicher Ablehnung als in der Bewältigung überlagerter und zunehmend komplexer Migrationsdynamiken sowie begrenzter institutioneller Kapazitäten.
Mexiko ist heute eines der zentralen und zugleich vielschichtigsten Migrationsländer der Welt. Lange Zeit wurde es vor allem als Herkunftsland von Migration wahrgenommen, als Ausgangspunkt von Millionen Menschen, die in den USA Arbeit und bessere Lebensbedingungen suchten.
Dieses Bild greift jedoch zunehmend zu kurz. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich Mexikos Rolle und das Land selbst tiefgreifend verändert. Migration verläuft heute nicht mehr nur aus Mexiko heraus, sondern ebenso durch das Land hindurch, in das Land hinein und aus den USA wieder in das Land zurück.
Diese Entwicklung ist kein Zufall, sondern Ausdruck struktureller Verschiebungen innerhalb des gesamten amerikanischen Kontinents. Verschärfte Grenzregime, neue Fluchtbewegungen innerhalb Lateinamerikas sowie die zunehmende Externalisierung der US-Migrationspolitik haben dazu geführt, dass Mexiko zu einem zentralen Knotenpunkt geworden ist, an dem unterschiedliche Migrationsdynamiken zusammenlaufen. Menschen aus Mittel- und Südamerika, aus der Karibik und teilweise auch aus anderen Weltregionen passieren das Land. Viele von ihnen bleiben inzwischen länger als ursprünglich geplant oder dauerhaft.
Damit hat sich auch die politische Bedeutung von Migration in Mexiko grundlegend gewandelt. Migration ist längst kein isoliertes Politikfeld mehr, sondern berührt zentrale Fragen staatlicher Handlungsfähigkeit. Sie betrifft wirtschaftliche Entwicklung ebenso wie innere Sicherheit, soziale Integration und außenpolitische Beziehungen. Insbesondere das Verhältnis zu den USA ist dabei von essenzieller Bedeutung.
Mexiko steht somit exemplarisch für eine neue Realität globaler Migration, in der klassische Kategorien wie Herkunfts-, Transit- oder Zielland allein nicht mehr ausreichen, um die tatsächlichen Dynamiken zu erfassen. Vielmehr überlagern sich unterschiedliche Funktionen und erzeugen ein komplexes Migrationssystem.
Mexiko als Ursprungsland
Über weite Teile des 20. und frühen 21. Jahrhunderts war Mexiko vor allem eines: ein klassisches Auswanderungsland. Die Migration in die USA prägte das Land über Generationen hinweg so stark, dass sie zu einem festen Bestandteil der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Realität wurde. Kaum ein anderes Land der Welt ist in ähnlicher Weise durch die dauerhafte Abwanderung eines bedeutenden Teils seiner Bevölkerung beeinflusst worden. Mexikaner und Menschen mexikanischer Herkunft bilden eine der größten Diasporagemeinschaften weltweit. Schätzungen zufolge leben heute rund 40 Millionen Menschen mexikanischer Herkunft außerhalb Mexikos, von denen etwa 97 Prozent in den USA ansässig sind.1
Bereits seit dem späten 19. Jahrhundert migrierten Mexikaner in größerer Zahl in die USA, zunächst unter anderem im Zusammenhang mit dem Ausbau der Eisenbahn und später zunehmend als Arbeitskräfte in Landwirtschaft, Baugewerbe und Industrie. Im 20. Jahrhundert wurde diese Entwicklung weiter verstetigt, insbesondere durch die hohe Nachfrage nach billigen Arbeitskräften auf dem US-amerikanischen Arbeitsmarkt. Migration wurde damit zu einem zentralen Bestandteil eines asymmetrischen, aber hochgradig integrierten nordamerikanischen Wirtschaftsraums.2
Die Ursachen dieser Migration lagen vor allem in den erheblichen wirtschaftlichen Disparitäten zwischen beiden Ländern. Vor allem in ländlichen und strukturschwachen Regionen Mexikos wurde Migration zur rationalen Strategie sozialer Absicherung. Wer keine realistische Aussicht auf gut bezahlte Arbeit im Herkunftsort hatte, suchte diese jenseits der Grenze. Damit wurde Migration nicht nur zu einer individuellen Entscheidung, sondern zu einem generationenübergreifenden Muster. Familien, Gemeinden und ganze Regionen entwickelten transnationale Lebensrealitäten, in denen die Abwanderung eines Familienmitglieds oder mehrerer Familienmitglieder fest einkalkuliert war. Diese Entwicklung war regional innerhalb Mexikos keineswegs gleich verteilt. Im Jahr 2022 entfielen rund 54,7 Prozent aller in den USA ausgestellten mexikanischen Konsulatsregistrierungen auf Migranten aus sieben der 32 mexikanischen Bundesstaaten.3
Ein wesentlicher Grund dafür, dass sich diese Migrationsbewegungen über so lange Zeiträume stabilisieren konnten, liegt in der Ausbildung dichter sozialer Netzwerke. Hat sich einmal eine größere Gruppe von Migranten aus einer bestimmten Region in einem US-Bundesstaat niedergelassen, erleichtert diese Konstellation die Migration weiterer Angehöriger, Freunde oder Bekannter erheblich.
Zugleich hat sich die Struktur dieser Migration im Laufe der Zeit verändert. Während sie früher oft stärker zirkulär gewesen war, nahmen seit den 1980er-Jahren dauerhafte Niederlassungstendenzen zu. Ein Grund dafür war paradoxerweise die Verschärfung der Grenzkontrollen. Je riskanter, teurer und unsicherer der Grenzübertritt wurde, desto weniger attraktiv wurde es für Migranten, zwischen beiden Ländern hin- und herzupendeln. Stattdessen entschieden sich viele dafür, dauerhaft in den USA zu bleiben und ihren Familien den Nachzug zu ermöglichen.4 Diese Entwicklung hatte auch Auswirkungen auf das demografische Profil der mexikanischen Emigranten. Bis in die 1980er-Jahre emigrierten überwiegend junge Männer im erwerbsfähigen Alter. Inzwischen hat sich dieses Profil durch Familiennachzug und dauerhafte Ansiedlung deutlich diversifiziert. Heute besteht nur noch ein leichter Männerüberhang, während das Durchschnittsalter bei etwa 45 Jahren liegt.
Während sich Migration für mexikanische Migranten ökonomisch in der Regel auszahlt und sich die nachfolgenden Generationen wirtschaftlich immer weiter verbessern, profitiert auch Mexiko selbst erheblich von dieser Entwicklung, insbesondere durch die Geldtransfers der Emigrierten in ihre Heimat. Zwischen 2013 und 2024 stiegen diese sogenannten remesas von rund 23 Milliarden auf 64,7 Milliarden US-Dollar an und erreichten damit ein für Mexiko ökonomisch herausragendes Niveau. 2024 entsprachen sie rund dreieinhalb Prozent des mexikanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP); etwa 97 Prozent dieser Transfers stammten aus den USA, der Rest kommt hauptsächlich von Mexikanern aus Kanada.5
Für viele Haushalte, insbesondere in ländlichen Regionen, sind diese Geldtransfers weit mehr als ein Zusatzeinkommen. Empfängerhaushalte erhalten im Durchschnitt mehr als 30 Prozent ihres laufenden Einkommens aus remesas. Insgesamt empfangen circa 20 Prozent der mexikanischen Haushalte diese Transfers, wobei in manchen Regionen fast die Hälfte der Haushalte diese erhält. In diesen besonders betroffenen Regionen machen Rücküberweisungen teilweise über zehn Prozent des BIP eines Bundesstaates aus. In manchen Regionen ersetzen sie damit faktisch das, was an lokaler Entwicklung, formeller Beschäftigung oder staatlicher Unterstützung fehlt.6 Emigration ist insofern nicht nur ein demografischer Prozess, sondern auch ein zentraler wirtschaftlicher Stabilisator.
Gerade darin liegt jedoch auch eine strukturelle Verwundbarkeit, denn die starke Abhängigkeit von Rücküberweisungen macht Teile Mexikos anfällig für wirtschaftliche Entwicklungen in den USA. Das zeigte sich zuletzt daran, dass der langjährige Aufwärtstrend bei den remesas 2025 erstmals unterbrochen wurde. Sie gingen auf rund 61,8 Milliarden US-Dollar zurück. Verantwortlich dafür waren unter anderem die schwächere Beschäftigungsdynamik in den USA und eine rückläufige Anzahl von Mexikanern in den USA. Trotz dieser Entwicklung bleibt Mexiko weiterhin der größte Empfänger von remesas in Lateinamerika und weltweit der zweitgrößte Empfänger nach Indien.7
Mexiko als Transitland
Neben seiner Rolle als Ursprungsland hat sich Mexiko seit den 1990er-Jahren zunehmend zu einem zentralen Transitland innerhalb der Migration auf dem amerikanischen Kontinent entwickelt. Diese Funktion ergibt sich zunächst aus seiner geografischen Lage. Seit den 1990er-Jahren war die Transitmigration durch Mexiko vergleichsweise klar strukturiert und basierte auf dem meso-nordamerikanischen Migrationssystem. Sie wurde vor allem von Migranten aus dem sogenannten „nördlichen Dreieck“ Mittelamerikas – Guatemala, Honduras und El Salvador – geprägt, aber auch von Migranten aus der Karibik, insbesondere aus Kuba, Haiti, Jamaika und der Dominikanischen Republik. Diese Menschen nutzten Mexiko als Durchgangsraum auf ihrem Weg in die USA.8
Dieses System hat sich seit Mitte der 2010er-Jahre jedoch grundlegend verändert. Die Zusammensetzung der Migranten, die durch Mexiko in die USA reisen, ist deutlich heterogener geworden. Heute stammen die meisten Migranten, die Mexiko auf ihrem Weg in die USA durchqueren, aus Venezuela, Nicaragua, Kuba und Haiti.9 Damit hat sich Mexiko seit dem späten 20. Jahrhundert von einem nahezu ausschließlich von Emigration geprägten Land zu einem wichtigen Transitstaat entwickelt. Diese zunehmende Heterogenität spiegelt sich auch in der demografischen Zusammensetzung wider. Während früher vor allem junge Männer dominierten, ist das Profil heute deutlich vielfältiger. Neben alleinreisenden Männern reisen zunehmend auch Frauen, Familien und Minderjährige, insbesondere aus Venezuela, Haiti und Kuba.
Die Migranten, die Mexiko durchqueren, sind dabei häufig äußerst widrigen Umständen ausgesetzt. Um staatlicher Kontrolle zu entgehen, weichen sie oft auf informelle und gefährliche Routen aus. Ein lange Zeit prägendes Beispiel hierfür war die Nutzung von Güterzügen, die unter dem Namen „La Bestia“ bekannt wurden. Auf den Dächern oder zwischen den Waggons legten Migranten große Teile ihres Weges durch Mexiko zurück, häufig unter Bedingungen, die mit erheblichen Risiken verbunden waren. Immer wieder kam es zu schweren Unfällen, die Verletzungen, Amputationen oder sogar Todesfälle zur Folge hatten.10 Auch wenn diese Züge infolge verstärkter staatlicher Kontrollen heute seltener genutzt werden, sind alternative Transportformen wie Busse oder Migrantenkarawanen keineswegs weniger gefährlich. Bei diesen Transportformen sind Migranten entlang der Migrationsrouten in Mexiko häufig Opfer von Erpressung, Entführung und Gewalt. Immer wieder kommt es zu Fällen, in denen Menschen spurlos verschwinden. Schätzungen gehen von mehreren zehntausend Opfern aus.11
Mexiko als Ziel- und Einwanderungsland
Gleichzeitig verändert sich auch die Funktion Mexikos innerhalb des Migrationssystems. Während das Land lange Zeit primär als Durchgangsraum diente, führt die zunehmende Abschottung der US-Grenze dazu, dass zahlreiche Migranten ihre Reise nicht fortsetzen können. Für viele von ihnen wird Mexiko damit vom Durchgangsraum zum faktischen Endpunkt ihrer Reise.
Konkret wurden seitens der USA bereits ab dem Ende der 2000er-Jahre – zunächst unter der Regierung von US-Präsident George W. Bush, vor allem jedoch unter der von US-Präsident Barack Obama – die Grenzkontrollen zu Mexiko deutlich verschärft. Zugleich wurde eine zunehmende Externalisierung der US-amerikanischen Migrationspolitik eingeleitet. Ein zentraler Ausgangspunkt war die Mérida-Initiative von 2008. Dabei flossen erhebliche US-Mittel in den Ausbau der Migrationskontrolle in Mexiko, etwa in die Ausbildung von Migrationsbeamten, den Informationsaustausch sowie den Einsatz von Überwachungstechnologien. Die Folge war eine sinkende Erfolgsquote von illegalen Grenzübertritten aus Mexiko in die USA.12
Spätestens ab 2019, unter der ersten Regierung von US-Präsident Donald Trump, wurde diese Entwicklung weiter zugespitzt. Mit Maßnahmen wie „Title 42“ und den „Migrant Protection Protocols“, vor allem dem Programm „Remain in Mexico“, wurde die Grenze der USA faktisch nach Süden verlagert. Diese Programme zielten darauf ab, dass Asylsuchende ihre Verfahren in Mexiko abwarten mussten und nur bei erfolgreichem Abschluss in die USA einreisen durften. Die Erfolgsquote lag hierbei bei rund zwei Prozent.
Die Folge war ein erheblicher Staueffekt. Hunderttausende Migranten aus Zentral- und Südamerika wie auch aus der Karibik verblieben auf mexikanischem Territorium, oftmals über lange Zeiträume hinweg und ohne klare Perspektive. Insgesamt halten sich zwischen zweieinhalb und drei Millionen internationale Migranten in Mexiko auf, die ursprünglich eine Einreise in die USA anstrebten.13 Diese Bevölkerungsgruppe weist eine heterogene demografische Struktur auf. Der Anteil von Familien und damit auch von Frauen und Kindern ist vergleichsweise hoch. Zwar gibt es weiterhin junge, alleinreisende Männer, sie stellen jedoch nicht mehr die dominierende Gruppe.
Die enge Verflechtung der mexikanischen und US-amerikanischen Migrationspolitik führt dazu, dass zentrale Weichenstellungen in Mexiko meist als Reaktion auf politische Prioritäten in Washington erfolgen. Die mexikanische Migrationspolitik ist damit in wesentlichen Teilen auf die Ziele der USA ausgerichtet. Eigene innenpolitische Akzente wie Regularisierungsprogramme, Integrationsinitiativen oder die Einbindung von Migranten in den Arbeitsmarkt bleiben begrenzt und stehen häufig unter außenpolitischem Vorbehalt. Deutlich aktiver agiert Mexiko hingegen im Umgang mit seiner Diaspora in den USA. Angesichts ihres politischen Gewichts positioniert sich die Regierung offensiv beim Schutz ihrer Staatsbürger in den USA und nutzt ein dichtes Konsulatsnetzwerk mit rund 50 Vertretungen in etwa 25 US-Bundesstaaten, um den Kontakt zu halten und indirekt auf politische Debatten in den USA einzuwirken.
Mexiko als Rückkehrland
Neben seiner Rolle als Ursprungs-, Transit- und zunehmend auch Einwanderungsland hat Mexiko in den vergangenen Jahren außerdem die Funktion eines Rückkehrlandes eingenommen. Insbesondere infolge von Abschiebungen und verschärfter Rhetorik gegen Mexikaner in den USA kehren jedes Jahr hunderttausende Menschen nach Mexiko zurück, teils freiwillig, vor allem jedoch unter Zwang durch Abschiebung.
Konkret zeigen die verfügbaren Daten, dass sich die Migrationsdynamik zwischen Mexiko und den USA um das Jahr 2010 grundlegend verändert hat. In den Jahren nach der Finanzkrise, insbesondere zwischen 2009 und 2014, kehrten erstmals mehr Mexikaner aus den USA nach Mexiko zurück, als neue Migranten in die USA auswanderten. In dieser Phase wies Mexiko somit eine negative Nettoemigration auf. In den Folgejahren blieb die Migrationsbilanz weitgehend ausgeglichen oder nur leicht positiv. Seit den 2020er-Jahren zeichnet sich erneut eine Tendenz zu einer negativen Nettoemigration ab, sodass seit knapp fünf Jahren wieder mehr Mexikaner aus den USA nach Mexiko zurückkehren als in die USA auswandern.14
Insgesamt sind in den vergangenen 15 Jahren fast vier Millionen Mexikaner aus den USA nach Mexiko zurückgekehrt, der Großteil von ihnen infolge von Abschiebungen. Vor 15 Jahren betrug die Anzahl der Mexikaner, die sich irregulär in den USA befanden, sechs Millionen Menschen. Aktuell wird von circa fünf Millionen irregulären Mexikanern in den USA ausgegangen. Diese Zahl ergibt sich daraus, dass in den vergangenen 15 Jahren knapp drei Millionen Mexikaner, die sich irregulär in den USA aufhielten, das Land verlassen haben. Gleichzeitig sind im selben Zeitraum etwa zwei Millionen Mexikaner neu in die USA eingewandert und halten sich dort ohne regulären Aufenthaltsstatus auf.15
Der Großteil der aus den USA abgeschobenen Mexikaner gehört der ersten Auswanderergeneration an. Es sind also Personen, die in Mexiko geboren wurden, in die USA emigriert sind und dort meist seit Jahrzehnten leben und häufig gut integriert sind. Allgemein werden die zurückkehrenden Mexikaner nach ihrer Ankunft in Mexiko in der Regel zunächst in Aufnahmezentren entlang der Grenze betreut. Dort erhalten sie kurzfristige Unterstützung, die jedoch primär auf akute Bedürfnisse ausgerichtet ist und keine langfristige Unterstützung darstellt. Diese Rückkehrmigration ist daher stark von Erwachsenen geprägt, häufig von Männern der ersten Migrantengeneration, die aber meist mit ihren Familien zurückkehren. Dadurch ist ein signifikanter Anteil von Kindern und Jugendlichen betroffen, die in den USA geboren wurden und nun mit ihren Eltern nach Mexiko zurückkehren.
Die eigentliche Herausforderung beginnt erst nach der ersten Aufnahmephase: die soziale und wirtschaftliche Wiedereingliederung in die mexikanische Gesellschaft.16 Diese gestaltet sich in vielen Fällen schwierig. Ein zentrales Problem ist die wirtschaftliche Situation der Rückkehrer, da mit der Rückkehr häufig erhebliche Einkommensverluste einhergehen. Gleichzeitig kehren viele der Betroffenen in Regionen zurück, die selbst durch wirtschaftliche Schwäche und geringe Beschäftigungsmöglichkeiten geprägt sind. Mit der Rückkehr entfällt auch die finanzielle Unterstützung für zurückgebliebene Familienangehörige. Dieser Umstand verstärkt bestehende wirtschaftliche Probleme und kann zu einer weiteren Verschärfung regionaler Ungleichheiten führen.
Neben wirtschaftlichen Herausforderungen spielen soziale und kulturelle Faktoren ebenfalls eine wichtige Rolle. Mit der Rückkehr verlieren die Menschen auch ihre sozialen Netzwerke. Besonders deutlich wird dieser Aspekt bei Kindern und Jugendlichen, die in den USA geboren und dort aufgewachsen sind und die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besitzen, deren Eltern jedoch abgeschoben werden, begleitet von ihren Kindern. Diese Kinder verfügen häufig nur über begrenzte Spanischkenntnisse und haben Schwierigkeiten, sich in das mexikanische Bildungssystem zu integrieren, was zu schulischen Problemen, sozialer Ausgrenzung und langfristigen Nachteilen führen kann.
Hinzu kommt, dass Rückkehrmigration häufig nicht isoliert auftritt, sondern eng mit anderen Migrationsformen verknüpft ist. Viele Rückkehrer gelangen in Regionen, die gleichzeitig von Binnenmigration und gewaltsamer Vertreibung betroffen sind. Diese Überlagerung verschiedener Migrationsformen stellt den mexikanischen Staat vor Herausforderungen. Die bestehenden institutionellen Kapazitäten sind häufig nicht darauf ausgelegt, gleichzeitig Rückkehrer, Binnenvertriebene und internationale Migranten zu integrieren. Programme zur Reintegration bleiben fragmentiert und konzentrieren sich häufig auf kurzfristige Maßnahmen, während langfristige Strategien fehlen.
Interne Migration und Vertreibung
Neben den grenzüberschreitenden Migrationsbewegungen spielt auch die Binnenmigration innerhalb Mexikos eine zentrale Rolle. Interne Migration ist dabei keineswegs ein neues Phänomen, hat jedoch in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich an Intensität und Komplexität gewonnen.
Traditionell verlaufen die wichtigsten Binnenmigrationsbewegungen entlang klarer wirtschaftlicher Linien: von ländlichen Regionen in urbane Zentren sowie vom strukturschwächeren Süden in den wirtschaftlich dynamischeren Norden des Landes. Diese Form der Migration folgt primär ökonomischen Anreizen und ist Ausdruck tief verwurzelter regionaler Ungleichheiten innerhalb Mexikos. Schätzungen zufolge dürften im Land circa fünf Millionen Mexikaner zu Binnenmigranten geworden sein.17
In den vergangenen Jahren ist jedoch ein zweiter, zunehmend bedeutender Treiber hinzugekommen: die Binnenvertreibung infolge von Gewalt und Unsicherheit. In einzelnen Bundesstaaten sehen sich zahlreiche Menschen gezwungen, ihre Herkunftsorte zu verlassen, da organisierte kriminelle Gruppen ganze Regionen unter Gewaltanwendung kontrollieren. Erpressungen, Entführungen, Zwangsrekrutierungen und gewaltsame Konflikte zwischen Kartellen führen dazu, dass sich für viele Bewohner keine realistische Möglichkeit mehr ergibt, in ihren Gemeinden zu bleiben. Allein in den letzten zehn Jahren dürften davon circa zweieinhalb bis drei Millionen Menschen betroffen gewesen sein, die aufgrund von Gewalt und Unsicherheit zu Binnenvertriebenen wurden.18
Demografisch lässt sich damit auch hier eine Entwicklung der Binnenmigranten erkennen. Neben zuerst vor allem Männern, aber auch Frauen im erwerbstätigen Alter migrieren zunehmend immer mehr ganze Familien mit ihren Kindern innerhalb des Landes. Die Aufnahme dieser Binnenmigranten stellt insbesondere urbane Zentren vor zusätzliche Herausforderungen. Die ohnehin bereits stark belasteten städtischen Infrastrukturen, etwa im Bereich Wohnraum, Arbeitsmarkt, Bildung und Gesundheitsversorgung, geraten weiter unter Druck. Zahlreiche Binnenvertriebene finden sich in prekären Lebensverhältnissen wieder, häufig ohne ausreichende soziale Absicherung.
Eine nachhaltige Migrationspolitik muss nicht nur grenzüberschreitende Bewegungen berücksichtigen, sondern auch die strukturellen Ursachen und Folgen interner Migration in den Blick nehmen. Ohne eine Verbesserung der Sicherheitslage, eine Verringerung regionaler Ungleichheiten und den Ausbau staatlicher Kapazitäten zur Aufnahme und Integration von Migranten wird sich die Dynamik der Binnenmigration weiter verstärken.
Gesellschaftliche Auswirkungen und staatlicher Umgang
Die zunehmende Vielschichtigkeit der Migration wirkt sich deutlich auf die gesellschaftliche Realität Mexikos aus, ohne bislang zu einer ausgeprägten politischen Polarisierung zu führen. Anders als in zahlreichen europäischen Staaten ist Migration kein dominierendes Konfliktthema im öffentlichen Diskurs, was wesentlich mit der Zusammensetzung der externen Migranten zusammenhängt. Ein Großteil dieser Gruppe stammt aus anderen lateinamerikanischen Ländern und teilt sprachliche, kulturelle und religiöse Gemeinsamkeiten mit der mexikanischen Bevölkerung. Diese Nähe erleichtert Integrationsprozesse und begrenzt potenzielle Konfliktlinien.
Gleichzeitig verändert sich die gesellschaftliche Wahrnehmung schrittweise. Mit der wachsenden Präsenz von Migranten in urbanen Zentren und Grenzregionen steigt ihre Sichtbarkeit im Alltag. Insbesondere in Städten wie Mexiko-Stadt oder entlang der Nordgrenze werden Migration und ihre Folgen zunehmend als Teil sozialer Realität wahrgenommen. Erste Formen von Ablehnung oder sozialer Distanz sind erkennbar, bleiben bislang jedoch punktuell. Ökonomisch sind viele Migranten im informellen Sektor oder in niedrig qualifizierten Tätigkeiten beschäftigt, wodurch kurzfristig nur begrenzte Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt entsteht. Die Integration erfolgt damit überwiegend unter prekären Bedingungen. Migranten finden zwar Beschäftigung, verfügen allerdings kaum über soziale Absicherung oder langfristige Perspektiven. Eine direkte Konkurrenz zur einheimischen Bevölkerung bleibt begrenzt, gleichzeitig steigt der Druck im unteren Arbeitsmarktsegment. Für viele verbessert sich die Situation gegenüber den Herkunftsländern kurzfristig, bleibt jedoch insgesamt instabil. Langfristig verstärken diese prekären Beschäftigungsverhältnisse aber bestehende soziale Ungleichheiten.19
Für den mexikanischen Staat besteht die zentrale Herausforderung daher weniger in gesellschaftlicher Ablehnung als in der Steuerung dieser komplexen und überlagerten Migrationsdynamiken. Mexiko sieht sich gleichzeitig mit internationaler Zuwanderung, Transitmigration, Rückkehrmigration und Binnenvertreibung konfrontiert. Institutionell liegt die Verantwortung beim Instituto Nacional de Migración (Nationales Migrationsinstitut), faktisch sind jedoch vor allem Sicherheitskräfte und die Nationalgarde maßgeblich eingebunden.
In der Praxis zeigt sich eine deutliche „Versicherheitlichung“20 der Migrationspolitik. Migration wird von der mexikanischen Politik traditionell und über Parteigrenzen hinweg primär als Frage von Kontrolle und Regulierung behandelt, während sozial- und integrationspolitische Ansätze eine untergeordnete Rolle spielen.21 Dies ist eng mit der außenpolitischen Einbettung Mexikos verknüpft. Mexiko wird seit Jahrzehnten von den USA unter Druck gesetzt, die Migrationsströme in Richtung Norden zu unterbinden. Aufgrund insbesondere der wirtschaftlichen Abhängigkeit Mexikos von den USA ist die mexikanische Migrationspolitik daher in vielen Teilen darauf ausgelegt, Migration in die USA zu reduzieren und damit Washington entgegenzukommen.22 Konkret zeigt sich diese Politik unter anderem im 2014 eingeführten Plan Frontera Sur, mit dem die mexikanische Regierung die Kontrolle ihrer Südgrenze erheblich verstärkte. Migranten werden seitdem vermehrt bereits beim Eintritt aus Guatemala oder entlang zentraler Transitkorridore aufgegriffen und an einer Weiterreise gehindert. Diese Strategie wurde in den Folgejahren weiter ausgebaut. Seit 2019 setzt Mexiko verstärkt die Nationalgarde zur Kontrolle von Migrationsbewegungen ein und erhöht damit die physische Präsenz entlang zentraler Routen. Ergänzt wird dies durch Maßnahmen wie verstärkte Abschiebungen und restriktivere Aufenthaltsregelungen, die darauf abzielen, Migration möglichst frühzeitig zu unterbinden. Insgesamt verfolgt Mexiko damit eine Politik, die darauf ausgerichtet ist, Migranten erst gar nicht an die US-Grenze gelangen zu lassen.
Zwar existieren Ansätze eines pragmatischen Umgangs, etwa durch temporäre Regularisierungsprogramme, lokale Integrationsinitiativen oder Kooperationen mit internationalen Organisationen, diese Maßnahmen bleiben jedoch fragmentiert und reichen bislang nicht aus, um den strukturellen Herausforderungen umfassend zu begegnen.
Insgesamt zeigt sich daher, dass Mexiko kein klassisches Herkunfts-, Transit- oder Zielland mehr ist, sondern ein Raum, in dem sich unterschiedliche Migrationsformen überlagern und gegenseitig verstärken. Die zentrale Herausforderung besteht darin, diese komplexen Dynamiken nicht nur zu kontrollieren, sondern institutionell zu bewältigen und sozial zu integrieren.
Die Autoren bedanken sich bei Niklas Flüeck, Praktikant im Auslandsbüro Mexiko, für die Unterstützung bei der Erstellung des Artikels.
Johannes Hügel ist Leiter des Auslandsbüros Mexiko der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Nikolaus Rischbieter ist Trainee im Auslandsbüro Mexiko der Konrad-Adenauer-Stiftung.
- Moslimani, Mohamad et al. 2023: Facts on Hispanics of Mexican origin in the United States, 2021, Pew Research Center, 16.08.2023, in: https://ogy.de/sy3k [05.03.2026]. ↩︎
- Hernández, Juan et al. 2023: México: La Gran Nación Transnacional, S. 21–26, in: https://ogy.de/lsak [08.04.2026]. ↩︎
- Serrano Herrera, Carlos / López Vega, Rafael (Hrsg.) 2025: Anuario de migración y remesas México, BBVA Foundation Mexico, 06.08.2025, in: https://ogy.de/k5d4 [20.03.2026]. ↩︎
- Hernández et al. 2023, N. 2, S. 33–38. ↩︎
- Serrano Herrera / López Vega (Hrsg.) 2025, N. 3. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Morales, Yolanda 2026: Habrían llegado remesas por 62,000 millones de dólares: S&P Global Market Intelligence, El Economista, 22.01.2026, in: https://ogy.de/jda7 [11.03.2026]. ↩︎
- Schiavon, Jorge A. 2022: Introducción. Migración en el sistema mesonorteamericano, Norteamérica 17: 2, 06.06.2022, in: https://ogy.de/gdx7 [17.03.2026]. ↩︎
- Serrano Herrera / López Vega (Hrsg.) 2025, N. 3. ↩︎
- Castillo, Oscar B. 2023: ‚Tú puedes hacerlo, mi amor’: un trayecto peligroso en busca de una vida mejor, The New York Times, 06.03.2023, in: https://ogy.de/d3g0 [14.03.2026]. ↩︎
- Cornelius, Wayne 2018: Mexico: From Country of Mass Emigration to Transit State, Discussion Paper No IDB-DP-00630, Inter-American Development Bank, 11/2018, in: https://ogy.de/w2zw [28.03.2026]. ↩︎
- Roy, Diana / Lee, Brianna 2025: U.S.-Mexico Relations, Council on Foreign Relations, 24.01.2025, in: https://ogy.de/wea6 [10.03.2026]. ↩︎
- Serrano Herrera / López Vega (Hrsg.) 2025, N. 3. ↩︎
- Hernández et al. 2023, N. 2, S. 61–73. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Lewin Fischer, Pedro et al. 2024: Mérida Ciudad Refugio, Konrad-Adenauer-Stiftung, 03/2024, in: https://ogy.de/d9qv [20.03.2026]. ↩︎
- Juárez Díaz, Diego / García Amador, Cecilia 2025: Evolución y causas de la migración interna en México: un análisis de los periodos 1995-2000 y 2015-2020, Revista Pueblos y fronteras digital 20, 12.08.2025, in: https://ogy.de/ezzs [17.03.2026]. ↩︎
- Danish Refugee Council 2023: Protection Needs Overview. Mexico, 31.12.2023, in: https://ogy.de/1m11 [17.03.2026]. ↩︎
- Versicherheitlichung bezeichnet den Prozess, durch den politische Akteure ein Thema als Sicherheitsbedrohung darstellen und als dieses fast ausschließlich wahrnehmen, wodurch alternative Perspektiven, im Fall Migration etwa soziale oder integrationspolitische Dimensionen, in den Hintergrund treten. ↩︎
- Hernández et al. 2023, N. 2, S. 77–96. ↩︎
- Roy / Lee 2025, N. 12. ↩︎