Ausgabe: 2/2026
- Historisches Momentum in Bolivien: Mit der neuen Regierung unter Präsident Rodrigo Paz öffnet sich das Land für internationale Kooperationen und vollzieht einen Bruch mit der ideologisierten Rohstoffpolitik der vergangenen Jahrzehnte.
- Strategische Bedeutung für Europa: Bolivien verfügt über die weltweit größten bekannten Lithiumreserven und ist damit für die EU – angesichts hoher Importabhängigkeit und des Critical Raw Materials Act – ein potenzieller Schlüsselpartner zur Stärkung der Versorgungssicherheit.
- Technologischer Wendepunkt: Moderne Technologien zur direkten Lithiumextraktion ermöglichen erstmals eine wirtschaftlich und ökologisch tragfähige Nutzung der magnesiumreichen bolivianischen Sole und eröffnen neue Industrieperspektiven sowie Chancen für europäisch-bolivianische Kooperationen.
- Politische und soziale Voraussetzung: Die Einbindung lokaler Gemeinschaften, Transparenz und klare Umweltstandards sind zentral, da frühere Projekte an fehlender Beteiligung und regionalem Widerstand scheiterten. Eine EU-Partnerschaft könnte hier legitimitätsstiftend wirken.
Europas Lithiumdilemma – Boliviens Sonderrolle
Bolivien befindet sich seit dem Amtsantritt von Präsident Rodrigo Paz Pereira im November 2025 in einer Phase tiefgreifender politischer und wirtschaftlicher Transformation. Es handelt sich nicht bloß um einen Regierungswechsel, sondern um einen Systemwechsel: einen klaren Bruch mit der ideologisierten Wirtschafts- und Rohstoffpolitik der vergangenen Jahrzehnte. Die neue Regierung öffnet das Land für internationale Kooperationen, stärkt staatliche Institutionen und setzt auf wirtschaftliche Modernisierung statt politischer Abschottung.1
Dieses Momentum markiert mehr als eine programmatische Neuausrichtung – es schafft ein historisch seltenes Fenster für einen echten Neustart im Lithiumsektor. Erstmals fallen politische Reformbereitschaft, gesellschaftliche Öffnung und technologische Machbarkeit zusammen. Dadurch wird möglich, was zuvor undenkbar schien: die Entwicklung eines modernen, transparenten und international eingebetteten Lithiummodells, das Bolivien und seinen Partnern eine völlig neue Rolle in globalen Wertschöpfungsketten eröffnet.2
Dieser politische Umbruch bildet den Rahmen, in dem Boliviens herausragende Lithiumvorkommen neu bewertet werden müssen: Das Land verfügt über die größten bekannten Reserven der Welt, die auf etwa 21 bis 23 Millionen Tonnen geschätzt werden. Diese außergewöhnliche Konzentration eines zentralen Rohstoffs für die Energiewende macht das Land zu einem geopolitischen Schlüsselstaat. Die bedeutendsten Lagerstätten liegen im Salar de Uyuni, dem größten Salzsee der Welt, sowie in den angrenzenden Salzpfannen von Salar de Coipasa und Pastos Grandes. Diese geologischen Ressourcen sind beachtlich, doch sie wurden bislang nur unzureichend erschlossen – ein paradoxer Zustand angesichts des steigenden globalen Bedarfs an Lithium für Batterien, Elektrofahrzeuge, Energiespeicher und digitale Geräte.3
Die EU erkennt Lithium offiziell als strategischen Rohstoff an, der in der Liste des Critical Raw Materials Act (CRMA) als besonders sicherheitsrelevant eingestuft ist.4 Diese Einordnung ist nicht nur technischer Natur, sondern spiegelt auch die geopolitische Realität wider: Die EU ist derzeit in hohem Maße von Importen abhängig, insbesondere aus China, das große Teile der globalen Lithiumverarbeitung kontrolliert. Die EU-Kommission weiß um dieses strategische Risiko und hat mit der RESourceEU-Initiative5 sowie dem CRMA begonnen, konkrete Schritte einzuleiten, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen, Lieferketten zu diversifizieren und die Abhängigkeit von geopolitischen Rivalen zu reduzieren.6
Europas neue Rohstoffstrategie: geopolitische Verwundbarkeit verringern
Die EU richtet ihre Rohstoffpolitik derzeit grundlegend neu aus – ein Schritt, der angesichts geopolitischer Spannungen, wachsender industrieller Nachfrage und globaler Abhängigkeiten längst überfällig scheint. Mit der Initiative RESourceEU verfolgt die EU das Ziel, ihre Versorgung mit kritischen Rohstoffen resilienter, nachhaltiger und strategisch unabhängiger zu gestalten. Dabei setzt Brüssel auf eine Kombination aus heimischer Wertschöpfung, globalen Partnerschaften und einer engen Verzahnung mit der internationalen Investitionsoffensive Global Gateway.7
Im Mittelpunkt der neuen europäischen Rohstoffstrategie steht der Anspruch, die knappen und geopolitisch sensiblen Ressourcen – etwa Seltene Erden, Lithium oder Kobalt – künftig stärker innerhalb Europas zu verwerten und zu sichern. Dafür sollen Recyclingquoten massiv erhöht, Batteriematerialien effizienter zurückgewonnen sowie neue Verarbeitungs- und Förderkapazitäten aufgebaut werden. Ebenso soll die neue Rohstoffstrategie die Abhängigkeit von Importen, insbesondere aus China, reduzieren und die europäische Industrie widerstandsfähiger machen.8
Neben dem Ausbau europäischer Kapazitäten setzt die EU stark auf internationale Kooperationen. Abkommen mit rohstoffreichen Ländern wie Australien, Kanada, Chile, Kasachstan oder der Ukraine sollen vertieft werden, um die Gewinnung und Verarbeitung kritischer Rohstoffe auf eine breitere und verlässlichere Basis zu stellen. Diese Partnerschaften sollen nicht nur Rohstoffsicherheit gewährleisten, sondern auch auf faire Handelsbedingungen, nachhaltige Förderung und langfristige industriewirtschaftliche Kooperationen abzielen.
Eine Schlüsselfunktion übernimmt dabei die europäische Globalentwicklungsoffensive Global Gateway. Als globale Investitionsstrategie bündelt sie europäische Außen- und Infrastrukturpolitik und mobilisiert öffentliche sowie private Mittel, um weltweit Infrastrukturprojekte in Verkehr, Energie, Digitalisierung, Gesundheit, Bildung und Forschung zu fördern. Für die europäische Rohstoffstrategie ist diese Verknüpfung entscheidend: Durch Global Gateway kann die EU gezielt in rohstoffnahe Infrastruktur investieren – etwa in den Ausbau von Häfen, Transportkorridoren, Energieanlagen oder lokalen Weiterverarbeitungsbetrieben in Partnerländern. So lassen sich Lieferketten diversifizieren und es lässt sich zugleich nachhaltige Wertschöpfung vor Ort fördern. Gleichzeitig betont das RESourceEU-Programm, dass Europa internationale Rohstoffpartnerschaften benötigt, um die Abhängigkeit von geopolitisch riskanten Lieferketten zu verringern und stabile Beziehungen zu Ländern aufzubauen, die für die Versorgungssicherheit entscheidend sind. Die EU hat daher angekündigt, drei Milliarden Euro für gezielte Rohstoffinvestitionen bereitzustellen, darunter auch für Projekte mit hoher Relevanz für Bolivien.
Globaler Wettlauf um Lithium
Lithium gilt als strategischer Rohstoff, weil es eine Schlüsselrolle in der globalen Energiewende und der Digitalisierung spielt. Als zentraler Bestandteil moderner Lithium-Ionen-Batterien ist es unverzichtbar für Elektrofahrzeuge, stationäre Energiespeicher und eine Vielzahl mobiler Geräte – Bereiche, die weltweit massiv wachsen. Gleichzeitig ist die Versorgungslage angespannt: Die wirtschaftlich abbaubaren Vorkommen sind geografisch konzentriert, insbesondere in Australien, Chile, Argentinien und Bolivien, was geopolitische Abhängigkeiten schafft. In einer Zeit, in der viele Länder ihre Energie- und Industriepolitik neu ausrichten, entscheidet der Zugang zu Lithium über technologische Souveränität, Innovationsfähigkeit und die Wettbewerbsposition ganzer Volkswirtschaften – und macht den Rohstoff damit zu einem strategischen Machtfaktor.9
Weil die Kontrolle über kritische Rohstoffe entscheidend dafür ist, wer in Zukunft die Standards und Technologien der Energie- und Verkehrswende bestimmt, ist Lithium nicht nur eine industrielle Ressource, sondern auch ein strategischer Faktor im großen Wettbewerb zwischen China, den USA, Europa und aufstrebenden Mächten wie Indien und Südkorea.10
Da die EU bereits heute mehr als 80 Prozent ihrer Lithium-Vorprodukte aus China bezieht und einen Großteil der Batteriewertschöpfung dort verortet, wird Lithium zu einem geopolitischen Risikofaktor für Europa. Die EU hat diese Gefahr erkannt und arbeitet unter Hochdruck daran, neue, verlässliche Partnerschaften aufzubauen, um ihre Versorgungsketten zu diversifizieren und resilienter zu gestalten. Dabei spielt Bolivien eine entscheidende Rolle, denn trotz aller Herausforderungen bietet kein anderes Land ein vergleichbares Rohstoffpotenzial.
| Faktor | Details |
|---|---|
| Größe der Reserven | Bolivien besitzt die größten bekannten Lithiumvorkommen der Welt, geschätzt auf 21 bis 23 Mio. Tonnen. |
| Wichtigste Fundorte | Salar de Uyuni, Salar de Coipasa, Pastos Grandes |
| Zentrale Herausforderungen | hoher Magnesiumgehalt der Sole, fehlende Infrastruktur, soziale Konflikte |
| Politische Lage | Öffnung unter Präsident Rodrigo Paz Pereira seit 2025 |
| Relevanz für Europa | Lithium ist strategischer Rohstoff im EU Critical Raw Materials Act. |
Warum Boliviens Potenzial bislang ungenutzt blieb
In dieser globalen Wettbewerbsdynamik könnte Bolivien eine wichtige Rolle spielen. Das Land verfügt über die weltweit größten Lithiumvorkommen, doch es hat über Jahrzehnte hinweg kaum von diesem Potenzial profitiert. Eine nennenswerte Produktion des Rohstoffs konnte bislang nicht aufgebaut werden. Die Gründe dafür sind vielfältig.
So hatte Bolivien bislang etwa große Schwierigkeiten, sein Lithium wirtschaftlich rentabel zu machen. Ein Hauptgrund ist die geochemische Besonderheit der bolivianischen Sole: Sie weist einen hohen Magnesiumanteil auf, was konventionelle Verdunstungsverfahren im Vergleich zu chilenischen oder argentinischen Lagerstätten ineffizient und kostenintensiv macht. Neben der schwierigen geochemischen Struktur der Sole spielte auch die unzureichende Infrastruktur in den abgelegenen Regionen des bolivianischen Altiplano eine Rolle dabei, dass der Lithiumschatz bisher nicht gehoben werden konnte.11
Schwerwiegender als die technisch-logistischen Hürden wiegen jedoch politische Faktoren, die bisher verhinderten, dass Bolivien eine vergleichbare Lithiumproduktion wie seine Nachbarstaaten Chile und Argentinien aufbauen konnte. So erschwerten eine ideologisierte staatliche Lithiumpolitik, politische Instabilität, regionale Konflikte, institutionelle Schwächen und soziale Protestbewegungen seit Jahrzehnten die Entwicklung des Lithiumsektors und bewirkten, dass Bolivien trotz seiner bedeutenden Ressourcen bislang kaum eine Rolle im globalen Lithiummarkt spielt.12
Hauptgrund für den bisherigen Misserfolg der bolivianischen Lithiumstrategie ist die jahrzehntelange Ideologisierung der Rohstoffpolitik durch die sozialistische Regierungspartei Movimiento al Socialismo (MAS). Entsprechend der staatszentrierten Logik der Regierung von Evo Morales (2008–2019) sollte der Staat die gesamte Wertschöpfung kontrollieren – von der Sole bis zur Batterie. Gesetzliche Regelungen wie die Ley de Minería y Metalurgia (2014) und die Ley de YLB (2017) schufen ein vollständiges Staatsmonopol, das private oder ausländische Investoren nicht etwa einband, sondern kategorisch ausschloss. Doch diese Konstruktion erwies sich bald als strukturelle Falle. Sie schuf ein System, das zugleich finanziell überlastet sowie organisatorisch-technologisch überfordert war.13
Besonders deutlich wird die technologische Selbstüberschätzung der MAS-Regierungen im ambitionierten Versprechen, nicht nur Lithium zu fördern, sondern auch selbst Batterien zu bauen. Die Vorstellung war bestechend: Ein Land, das jahrhundertelang Rohstoffe exportierte, würde nun erstmals ein Hightech-Produkt in globalen Wertschöpfungsketten platzieren. Doch diese Vision kollidierte schnell mit der industriellen Realität. Die staatlichen Fabriken, die teils mit weit über zwei Milliarden US-Dollar aus Devisenreserven finanziert wurden, erwiesen sich später als technisch unzureichend. Mehrere Anlagen seien „inviables“, also gar nicht betriebsfähig – eine bittere Diagnose nach jahrelangen Investitionen. Auch die staatliche Kaliumchlorid-Anlage läuft nur mit etwa einem Viertel der geplanten Kapazität; die Lithiumkarbonatfabrik erreichte beim Start kaum 20 Prozent. Analysten beschreiben das bolivianische Modell der Lithiumförderung unter den MAS-Regierungen daher als ein gescheitertes politisches Experiment, das nicht über die Pilotphase hinausgekommen sei.14
Auch die MAS-Regierung von Luis Arce (2020–2025) trieb die Ideologisierung der bolivianischen Lithiumpolitik weiter voran. In Anerkennung der limitierten technologischen Möglichkeiten, eine eigene Lithiumproduktion bis zur Herstellung von Batterien in Bolivien aufzubauen, suchte er zwar nach internationalen Partnern – doch dies nur im eigenen ideologischen Spektrum.
So orientierte sich Bolivien unter Präsident Arce in der Lithiumpolitik klar an geostrategischen Partnern wie China und Russland. Die Verträge mit dem chinesischen Konzern CATL und dem russischen Staatsunternehmen Uranium One entstanden in einer Phase, in der die MAS-Regierungen ihre traditionelle Distanz zu den USA vertieften und sich verstärkt autoritären Verbündeten zuwandten. Arce setzte dabei auf neue Direktextraktionstechnologien aus China und Russland, eingebettet in ein außenpolitisches Umfeld, das jahrelang von antiimperialistischer Rhetorik und dem Bestreben, wirtschaftliche Großprojekte außerhalb „westlicher Einflusszonen“ zu realisieren, bestimmt war. Kritiker bemängelten, die Vereinbarungen seien hinter dem Rücken regionaler Akteure entstanden15 und Ausdruck einer geopolitisch motivierten Bevorzugung zweier Staaten, die weltweit versuchen, durch Investitionen in kritische Rohstoffe ihren Einfluss auszuweiten.
Zentrale Rolle der lokalen Bevölkerung
Die MAS-Regierungen in Bolivien haben beim Abschluss ihrer Lithiumverträge wiederholt zentrale lokale Akteure ausgeschlossen und damit erheblichen Unmut in den betroffenen Regionen ausgelöst. Bereits 2019 scheiterte ein deutsch-bolivianisches Joint Venture zur Lithiumgewinnung, nachdem Präsident Morales seine zuvor erteilte Unterstützung aufgrund massiven Widerstands aus der lokalen Bevölkerung zurückzog; diese fühlte sich übergangen und misstraute dem Vorgehen im Wahlkampfkontext.16 Der Protest gegen das deutsch-bolivianische Joint Venture sollte jedoch nicht als grundsätzliche Ablehnung Europas missverstanden werden. Er richtete sich primär gegen fehlende Transparenz und unzureichende Einbindung der lokalen Bevölkerung – ein strukturelles Problem, das später auch Projekte mit China und Russland betraf. Der Konflikt verläuft damit weniger entlang konkreter Partner als entlang der Frage, wie inklusiv und nachvollziehbar die Projekte gestaltet sind.
Auch in den folgenden Jahren missachteten die Regierung und die staatliche Lithiumgesellschaft YLB zunehmend die gesetzlich vorgeschriebenen Konsultationen mit indigenen Gemeinden und ließen Umweltverträglichkeitsprüfungen unvollständig – die Folge: Proteste insbesondere rund um den Salar de Uyuni, wo indigene Organisationen wie CUPCONL den Unternehmen den Zutritt zu ihren Territorien untersagten und der Regierung vorwarfen, ihre Interessen systematisch zu ignorieren.
Der wachsende Widerstand führte schließlich zu einem politischen und juristischen Stillstand sämtlicher neuer Lithiumabkommen. 2024 und 2025 hatten MAS-Regierungen milliardenschwere Verträge mit russischen und chinesischen Konzernen ausgehandelt, doch landesweite Proteste, Tumulte im Parlament und Interventionen der Justiz stoppten deren Umsetzung. Gerichte ordneten Vorsichtsmaßnahmen an und blockierten die parlamentarische Behandlung der Verträge, da weder die betroffenen indigenen Gemeinden konsultiert worden waren noch ausreichende Umweltstudien vorlagen. Parallel verhinderten Demonstrationen, lokale Volksversammlungen und der Druck aus der Stadt Potosí im südlichen Zentralbolivien eine Fortführung der Projekte.17 Damit reihten sich die jüngsten Verträge in das Muster ein, das schon 2019 das deutsch-bolivianische Joint Venture zum Scheitern gebracht hatte: fehlende Transparenz, übergangene Lokalbevölkerung und die daraus resultierende gesellschaftliche Mobilisierung, die letztlich sämtliche bisherige Lithiumabkommen stoppte.
Forderungen indigener Gemeinschaften
Inhaltlich formulieren indigene und bäuerliche Gemeinschaften drei nicht verhandelbare Anliegen18:
- Wasser als Lebensader: In der ariden Hochlandregion ist der Zugriff auf nicht erneuerbare fossile Aquifere das heikelste Thema. Gefordert sind Wasser-Baselines, offene Daten, Community-Monitoring (Bioindikatoren) und belastbare Regeln zur Reinjektion von Restlaugen. Jede Technologie – ob Verdunstung oder Direktextraktion – wird an ihrem Wasser-/Chemikalien-/Energieprofil gemessen werden.
- Teilhabe und Wertschöpfung: Die Steuereinnahmen sollen vor Ort spürbar sein: Einnahmen aus Rohstoffabgaben für Regionen, Gemeinden und indigene Territorien (TIOC); außerdem lokale Beschaffung, Ausbildung, Beschäftigung sowie Investitionen in Gesundheit, Wasserinfrastruktur und nachhaltigen Tourismus.
- Kulturelle und ökologische Integrität: Der Salar de Uyuni ist nicht nur Rohstofflager, sondern auch Tourismusmagnet und Lebensraum (etwa für Flamingos). Projekte ohne ökologische Tragfähigkeit gefährden Identität und Einkünfte der Region.
Ein politischer Wendepunkt in La Paz und ein geostrategisches Fenster
Der Regierungswechsel zu Präsident Rodrigo Paz Pereira im Jahr 2025 hat die politische Atmosphäre grundlegend verändert. Neue Offenheit, internationale Kooperationsbereitschaft und ein pragmatischer Reformkurs prägen Boliviens neue Positionierung. Paz gilt als moderater Kopf, der die jahrzehntelange Polarisierung in der bolivianischen Politik überwinden möchte und die wirtschaftliche Modernisierung des Landes zur Priorität erklärt hat. Sein Kurs ist deutlich wirtschaftsfreundlicher und internationaler als jener seiner Vorgänger.
Die Regierung Paz sieht im Lithiumsektor ein zentrales Instrument zur Stabilisierung der seit Jahren kriselnden Wirtschaft.19 Sie weiß gleichzeitig, dass nachhaltige Entwicklung nur dann möglich ist, wenn das Land nicht in neue Abhängigkeiten gerät. Dies führt zu einer seltenen Interessenkonvergenz zwischen Europa und Bolivien: Boliviens Regierung sucht nach diversifizierten Partnerschaften, um die wirtschaftliche Krise zu bewältigen und sich nicht einseitig von China oder Russland abhängig zu machen. Die EU wiederum verfolgt das Ziel, ihre Rohstoffsicherheit zu stärken und sich gleichzeitig in geopolitischen Konflikten unabhängiger zu positionieren.
Die Chancen für Europa sind umso größer, da sich Bolivien in einer Situation befindet, in der es wirtschaftlich und politisch auf verlässliche Partnerschaften angewiesen ist. Europa bietet eine Kombination aus Technologie, finanzieller Unterstützung, Governance-Expertise und langfristiger Partnerschaft, die Bolivien als attraktiv und stabil wahrnimmt.20
Hinzu kommt, dass China und Russland in Bolivien zunehmend unter Druck geraten. Mehrere Lithiumverträge, die ihre Unternehmen in den vergangenen Jahren unterzeichneten, führten zu innenpolitischen Kontroversen. Insbesondere in Potosí gab es Proteste gegen Verträge mit chinesischen und russischen Firmen, denen mangelnde Transparenz und zu geringe Vorteile für die lokale Bevölkerung vorgeworfen wurden. Diese Situation hat zu einer nachhaltigen Vertrauenskrise gegenüber China und Russland geführt.21
Für Europa eröffnet genau diese Entwicklung ein strategisches Chancenfenster: Europäische Investoren genießen in Bolivien im Vergleich zu chinesischen und russischen Akteuren einen besseren Ruf, da sie als regelgebundener, transparenter und nachhaltiger wahrgenommen werden. Die EU und ihre Mitgliedstaaten gelten als Partner, die auf langfristige Entwicklung statt kurzfristiger Extraktion setzen – eine Haltung, die besonders mit europäischer Entwicklungszusammenarbeit, Rechtsstaatlichkeit und Governance-Standards verbunden wird. Die EU-Delegation in Bolivien hebt in ihren Partnerschaftsdokumenten ausdrücklich hervor, dass sich europäische Unterstützung auf demokratische Institutionen, nachhaltige Ressourcenverwaltung und grüne Transformation konzentriert und damit komplementär zu Boliviens Entwicklungsbedürfnissen steht.22
Warum Europa der richtige Partner ist
Die Partnerschaft mit Bolivien birgt nicht nur Chancen, sondern auch Risiken, denn der politische und der soziale Kontext Boliviens bleiben volatil. Diese innenpolitische Instabilität stellt eine Herausforderung für ausländische Investoren und Partnerstaaten dar. Sie zeigt aber zugleich, wie notwendig es ist, dass ein Partner wie die EU, der hohen Wert auf Rechtsstaatlichkeit, transparente Verfahren und partizipative Prozesse legt, eine aktive Rolle in Bolivien einnimmt.
Europa verfügt über langjährige Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Ländern in Transformationsprozessen und bringt Instrumente mit, die institutionelle Kapazitäten stärken, lokale Gemeinschaften einbeziehen und Konflikte entschärfen können. Mit der in Bolivien viel beachteten Lithium-Roadmap23 hat die EU bereits einen konkreten Beitrag zur Konsultation der lokalen Bevölkerung geleistet; laufende Programme ergänzen dies in den Bereichen Umweltschutz, soziale Inklusion und Governance.
Europa bietet zudem etwas, das Bolivien dringend benötigt: industrielle Wertschöpfung. Anders als viele Rohstoffmächte verfolgt die EU nicht das Ziel kurzfristiger Rohstoffausbeutung, sondern unterstützt langfristig angelegte Kooperationen, die auch Investitionen in lokale Produktion und Weiterverarbeitung einschließen. Die Global-Gateway-Strategie unterstreicht diesen Ansatz, da sie explizit auf nachhaltige Infrastruktur, institutionelle Stärkung und Wertschöpfung im Partnerland setzt. Dieser Unterschied ist nicht rein ökonomisch, sondern hat auch geopolitische Relevanz: Für Bolivien bedeutet eine Partnerschaft mit Europa ein höheres Maß an politischer Unabhängigkeit und technologischer Modernisierung. Für Europa wiederum resultiert daraus die Möglichkeit, eine stabile, zuverlässige Rohstoffquelle zu erschließen und gleichzeitig ein nachhaltiges, langfristiges Industrialisierungsmodell zu fördern. Europa unterscheidet sich mit diesem Ansatz deutlich von China, das zwar hohe Investitionen tätigt, jedoch den Großteil der Wertschöpfung in die eigene Industrie zurückverlagert.
Der technologische Faktor: direkte Lithiumextraktion als geopolitischer Hebel
Die politische Neuausrichtung Boliviens fällt mit einem technologischen Fortschritt zusammen, der die wirtschaftliche Erschließung der dortigen Lagerstätten erstmals möglich macht. Moderne Direct-Lithium-Extraction-Technologien (DLE) erlauben es, Lithium auch aus magnesiumreicher Sole – wie in Bolivien – nachhaltig und effizient zu extrahieren. Während herkömmliche Verdunstungsmethoden jahrelange Prozesse erfordern und durch den hohen Magnesiumanteil der bolivianischen Sole stark beeinträchtigt werden, ermöglicht die DLE-Technologie eine direkte Extraktion, die sowohl ökologisch schonender als auch ökonomisch tragfähiger ist.24
Europäische Unternehmen wie Vulcan Energy Resources haben in Zusammenarbeit mit EAU Lithium und der staatlichen YLB erfolgreich entsprechende Pilotversuche durchgeführt, die die technische Machbarkeit bestätigten.25 Diese technologische Entwicklung ist nicht nur ein wissenschaftlicher Durchbruch, sondern hat auch geopolitische Tragweite: Sie reduziert den technologischen Vorsprung Chinas in der Lithiumverarbeitung und eröffnet Bolivien und Europa eine gemeinsame Chance, ein nachhaltiges Lithiummodell zu entwickeln. Die EU unterstützt diese Projekte aktiv diplomatisch, wie die Anwesenheit europäischer Botschafter bei Vertragsunterzeichnungen zeigt.
Diese technologische Grundlage ist insofern entscheidend, als sie Bolivien erstmals echte industrielle Perspektiven eröffnet. DLE könnte dem Land ermöglichen, sowohl im Bereich der Rohstoffextraktion als auch in dem der Weiterverarbeitung eine Rolle zu spielen, die weit über die bisherige Praxis des reinen Rohstoffexports hinausgeht. Für Bolivien wird dadurch die Chance eröffnet, Wertschöpfungsketten im eigenen Land aufzubauen – eine Vision, die viele bolivianische Regierungen seit Jahrzehnten hatten, die aber an fehlender Technologie und unzureichenden internationalen Partnerschaften scheiterte.
Wasser in den Wein: Chancenfenster mit Risiken
So vielversprechend das aktuelle Momentum ist – der Erfolg einer europäischen Lithiumpartnerschaft mit Bolivien ist keineswegs sicher. Zu fragil sind die politischen, sozialen und geopolitischen Rahmenbedingungen. Im Inneren bleibt Bolivien politisch volatil. Präsident Paz steht für Öffnung und Reform, doch seine Agenda ist keineswegs unumkehrbar. Die weiterhin einflussreiche MAS verfügt über eine stabile gesellschaftliche Basis und könnte bei einem Machtwechsel versuchen, zur stärker staatszentrierten Rohstoffpolitik früherer Jahre zurückzukehren. In einem solchen Szenario stünden bestehende Verträge zur Disposition – von Neuverhandlungen bis hin zu politischen Blockaden. Für Europa würden dadurch die ohnehin hohen Investitionsrisiken erheblich verstärkt.
Hinzu kommt ein zweiter, nicht minder entscheidender Faktor: die Rolle der lokalen Bevölkerung. Die Vergangenheit hat mehrfach gezeigt, dass Lithiumprojekte weniger an technischen als an gesellschaftlichen Widerständen scheitern. Ohne glaubwürdige Beteiligung, transparente Verfahren und sichtbare Vorteile für die betroffenen Regionen drohen Proteste, juristische Interventionen und Projektstopps.
Geopolitisch findet die Partnerschaft ebenfalls nicht im luftleeren Raum statt. Neben China könnten auch die USA versuchen, ihren Einfluss in Lateinamerika auszubauen, um sich Zugang zu kritischen Rohstoffen zu sichern. Es ist daher offen, ob Europa Bolivien dauerhaft als exklusiven Partner gewinnen kann oder sich ein neuer Wettbewerb entwickelt, in dem politische und wirtschaftliche Einflusszonen neu ausgehandelt werden.
Schließlich liegen zentrale Herausforderungen auch auf europäischer Seite. Ambitionierte Strategien wie der Critical Raw Materials Act oder Global Gateway stehen häufig langsamen Entscheidungsprozessen, regulatorischen Hürden und begrenzter Risikobereitschaft gegenüber. Europa erkennt zwar den strategischen Handlungsdruck – doch ob es schnell und entschlossen genug agieren kann, ist offen. Der Erfolg hängt folglich weniger von der Verfügbarkeit von Lithium als von politischer Kontinuität, gesellschaftlicher Akzeptanz und geopolitischer Durchsetzungsfähigkeit ab.
Strategische Konvergenz – warum beide Seiten einander brauchen
Europa sucht systematisch nach neuen Lieferquellen, während Bolivien seine Partnerlandschaft gezielt diversifiziert. So entsteht eine ungewöhnlich günstige Ausgangslage für Kooperation. Bolivien benötigt Technologie, Kapital und internationale Legitimität, um seine Rolle im globalen Lithiummarkt auszubauen. Europa braucht Lithium – und zwar viel davon, um seine Energiesysteme zu dekarbonisieren, seine Industrie konkurrenzfähig zu halten und seine Abhängigkeit von China zu reduzieren.
Im Fazit zeigt sich ein differenziertes Bild: Bolivien und Europa stehen an einem historischen Punkt – jedoch nicht auf festem, sondern auf beweglichem Grund. Die politische Öffnung in Bolivien, die Kritik an bestehenden Partnerschaften mit China und Russland, die technologische Reife der europäischen DLE-Technologien und der geopolitische Druck auf Europa schaffen ein seltenes Zeitfenster für Kooperation. Gleichzeitig hängt der Erfolg dieser Partnerschaft entscheidend davon ab, ob es gelingt, politische Stabilität zu sichern, gesellschaftliche Akzeptanz herzustellen und im internationalen Wettbewerb handlungsfähig zu bleiben.
Wenn Europa entschlossen und zugleich politisch sensibel handelt, kann es nicht nur seine Versorgung sichern, sondern auch einen Beitrag zu einer nachhaltigeren und gerechteren Rohstoffordnung leisten. Die Voraussetzungen sind vorhanden – doch der Erfolg ist kein Selbstläufer. Die entscheidende Frage ist weniger, ob eine Partnerschaft möglich ist, sondern mehr, ob es gelingt, sie unter schwierigen Bedingungen dauerhaft tragfähig zu machen.
Dr. Christina Stolte ist Leiterin des Auslandsbüros Bolivien der Konrad-Adenauer-Stiftung.
- Stolte, Christina 2025: Wahlsieg von Rodrigo Paz läutet neue Ära ein, Länderberichte, Konrad-Adenauer-Stiftung, 20.10.2025, in: https://ogy.de/j794 [27.03.2026]. ↩︎
- Blair, Alex 2026: New president, new policy: Bolivia’s shift against lithium protectionism, Mining Technology, 30.01.2026, in: https://ogy.de/gi8l [27.03.2026]; de Vicente, Agustín 2025: Bolivia’s new president rekindles cautious hope for long-stalled lithium dreams, Mining Reporters, 23.10.2025, in: https://ogy.de/y1c0 [27.03.2026]. ↩︎
- Europäische Kommission 2025: Strategic Raw Materials. Lithium – battery grade, in: https://ogy.de/9z1k [31.03.2026]. ↩︎
- Europäische Union 2024: Regulation (EU) 2024/1252 of the European Parliament and of the Council of 11 April 2024 establishing a framework for ensuring a secure and sustainable supply of critical raw materials and amending Regulations (EU) No 168/2013, (EU) 2018/858, (EU) 2018/1724 and (EU) 2019/1020, EUR-Lex, 03.05.2024, in: https://ogy.de/hbdo [31.03.2026]. ↩︎
- Generaldirektion Kommunikation 2025: New measures to secure raw materials and strengthen the EU’s economic security, Europäische Kommission, 03.12.2025, in: https://ogy.de/4c21 [31.03.2026]. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Europäische Kommission / Hoher Vertreter der Union für Außen- und Sicherheitspolitik 2021: Gemeinsame Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss, den Ausschuss der Regionen und die Europäische Investitionsbank, Global Gateway, 01.12.2021, in: https://ogy.de/fymi [31.03.2026]. ↩︎
- Bille, Bryan 2024: Increasing Lithium Supply Security for Europe’s Growing Battery Industry: Recommendations for a Resilient Supply Chain, The Hague Centre for Strategic Studies, 22.01.2024, in: https://ogy.de/43vz [31.03.2026]. ↩︎
- von Vacano, Diego 2025: The Geopolitics of Lithium in 2025, The National Interest, 10.02.2025, in: https://ogy.de/d74n [31.03.2026]. ↩︎
- Licata, Olivia 2024: Securing Critical Minerals Amid U.S.-China Rivalry: Leveraging Latin American Lithium to Mitigate Supply Risks, Center for Global Security Research, 08/2024, in: https://ogy.de/3gdy [31.03.2026]. ↩︎
- Käufer, Tobias 2025: Kampf um größten Lithium-Schatz der Welt, ZDFheute, 25.07.2025, in: https://ogy.de/tnam [31.03.2026]. ↩︎
- Ruvenal, Caio 2025: El accidentado camino del litio en Bolivia: 17 años de promesas de un desarrollo económico que no despega, América Futura, El País, 03.06.2025, in: https://ogy.de/rro5 [31.03.2026]. ↩︎
- Fundación Jubileo 2024: Consultoría: Situación y perspectivas de la explotación del litio en Bolivia, 08.10.2024, in: https://ogy.de/6ezj [27.03.2026]. ↩︎
- Fundación Milenio 2025: El litio en la Economía de Bolivia: paradigma de un gigante dormido y la fiebre del „oro blanco“, 03.10.2025, in: https://ogy.de/dolf [27.03.2026]. ↩︎
- Belmonte, Marco Antonio 2025: Jubileo y 36 organizaciones de la sociedad civil cuestionan contratos de litio y sostienen al menos 6 observaciones, Visión 360, 13.02.2025, in: https://ogy.de/v9mb [27.03.2026]. ↩︎
- Fernández, Freddy Lacio 2025: Litio en disputa: Defensoría frena contratos y Arce advierte un bloqueo político, El Deber, 21.08.2025, in: https://ogy.de/zpl9 [27.03.2026]. ↩︎
- Belmonte 2025, N. 15. ↩︎
- El Potosí 2026: Comcipo convoca a pre-cumbre del litio para unificar ley sectorial, 27.02.2026, in: https://ogy.de/mfde [31.03.2026]. ↩︎
- Blair 2026, N. 2. ↩︎
- Mamani Cayo, Yolanda 2026: El litio de Bolivia aún anima a Europa; Alemania pone condiciones sociales, El Deber, 06.02.2026, in: https://ogy.de/baas [31.03.2026]. ↩︎
- Fernández 2025, N. 16. ↩︎
- Europäische Kommission: Bolivia, International Partnerships, in: https://ogy.de/4azh [27.03.2026]. ↩︎
- Europäische Union 2026: Roadmap for cooperation on critical raw materials and lithium, in: https://www.distillednews.eu/article/external_260206_eu_cooperation_bolivia_11m [27.03.2026]. ↩︎
- IDTechEx: Direkte Lithiumgewinnung 2025–2035: Technologien, Akteure, Märkte und Prognosen, in: https://ogy.de/396j [31.03.2026]; Fraunhofer-Institut für physikalische Messtechnik IPM 2025: Effiziente Lithiumgewinnung durch innovative Messtechnik, Presseinformationen, 26.05.2025, in: https://ogy.de/mqc8 [31.03.2026]. ↩︎
- Estremadoiro Flores, Ernesto 2026: Empresa australiana EAU Lithium firma acuerdo de negociación con YLB para avanzar en proyectos de litio, El Deber, 18.02.2026, in: https://ogy.de/xyz3 [31.03.2026]. ↩︎