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Nachruf

Rita Süssmuth – eine unbeugsame „Demokratin mit Haut und Haaren“

Die langjährige frühere Bundestagspräsidentin starb im Alter von 88 Jahren.

Sie selbst hat es schon lange geahnt und sprach von der „begrenzten Reichweite“, die ein Menschenleben habe. Es gibt diese seltenen Persönlichkeiten, bei denen der nahende Tod nach einer schweren intensiven Krankheit beinahe zu erwarten ist – und der Schock und die Bestürzung allenthalben dennoch sehr ausgeprägt sind, weil man sich kaum vorstellen kann, wie es ohne ihre klare Stimme in Zukunft weitergehen soll. Das ist bei Rita Süssmuth ganz gewiss der Fall.

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Die Trauer über ihren Tod ist parteiübergreifend und reicht tief, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie bis zuletzt so außerordentlich präsent war. Die Würdigungen, die nun nach ihrem Tod zu lesen sind, zeigen diese „Gegenwärtigkeit“ von Rita Süssmuth ganz augenscheinlich. Eine Eigenschaft, die mehr als zwei Jahrzehnte nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag alles andere als vorhersehbar ist. Eine Präsenz, die nicht nur damit zu tun hat, dass ihr bis zuletzt ein unverändert wacher und klarer Geist geschenkt war, und sie – obgleich schon schwer von der Krankheit gezeichnet – auch in der Gedenkstunde des Bundestages zum Holocaust-Gedenken nur wenige Tage vor ihrem Tod anwesend war. Sondern es ist diese Präsenz, die mitten in den Kern des außerordentlichen Phänomens „Rita Süssmuth“ führt: Dass es ihr immer gelungen ist, Haltung zu zeigen, quer zu denken, unbequem zu sein, den Finger in gesellschaftliche Wunden zu legen, nicht zuletzt in Fragen der Gleichberechtigung von Frau und Mann, sich nicht alleine Parteilinien zu beugen, ihre liberale Betrachtung der Weltläufe auch bei schärfstem Gegenwind aus den eigenen Reihen beizubehalten – vom Kampf gegen die Aufhebung des kassenärztlichen Schutzes bei der Abtreibung  bis zur Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften – und dennoch seit ihrem Beitritt immer und bis zu ihrem Tod im Kern ihrer Partei, der CDU, verankert zu bleiben, das ist selbst in einer Volkspartei wie der CDU, die es schafft scheinbar gegensätzliches zu vereinbaren, denkbar weit davon entfernt selbstverständlich zu sein. So sehr sie innerhalb und außerhalb ihrer Partei gelegentlich bis an Schmerzgrenzen polarisiert hat, so sehr haben ihr nicht einmal die erbitterten politischen Gegenspieler ihre Zugehörigkeit zur christlichen Demokratie abgesprochen, der sie mit 44 Jahren als klassische Seiteneinsteigerin erst vergleichsweise spät, bereits auf dem Höhepunkt ihrer akademischen Karriere als Professorin für Erziehungswissenschaften, im Jahr 1981 beigetreten ist.

 

Störfaktor und Brückenbauerin zugleich

Was sie so außergewöhnlich macht, ist die Tatsache, dass es ihr gleichermaßen gelungen ist, Störfaktor zu sein, da wo es ihr wichtig war, wie sie immer Brückenbauerin geblieben ist, dass sie überaus selbstbewusst und ihrer Sache sicher war, ohne auftrumpfend oder arrogant aufzutreten, dass sie sich überall Gehör verschafft hat, ohne die „Lautstärke aufzudrehen“.  Dass sie immer nahbar und zugänglich geblieben ist. Es gibt einen Grund dafür, warum ihr das wie wenigen anderen Politikerinnen und Politikern so außerordentlich gut gelungen ist – und der ist ganz gewiss in ihrem Glauben, ihrem Gottvertrauen, ihrem aufgeschlossenen und liberalen Katholizismus zu sehen, der den Menschen in seiner Freiheit, aber auch seinem Streben nach Gerechtigkeit und Menschlichkeit in den Mittelpunkt stellt.  

Der viel zitierte Satz des Jesuiten Claudius Aquaviva, „fortiter in re, suaviter in modo“ – Klar und unmissverständlich, ja bisweilen kompromisslos in der Sache und zugleich verbindlich, freundlich und einladend im Ton und in der Form – war uneingeschränkt auf sie anzuwenden. Wer – wie auch der Autor dieses Nachrufes – das Glück hatte, sie persönlich kennen lernen zu dürfen, war vor allem von ihren menschlichen Fähigkeiten sofort fasziniert: Ihrer ausgeprägten Liebenswürdigkeit, ihrer wachen, ernsten und ehrlichen Neugierde auf ihr jeweiliges Gegenüber, ihrer Fähigkeit zuzuhören, ihre Bodenständigkeit, die aus ihrer Kinder- und Jugendzeit erwuchs, in der sie mit ihren Schwestern früh Verantwortung bei der Pflege ihrer kranken Mutter übernehmen musste. Jene, die ihr mehr als Spott und weniger aus Bewunderung den Titel „Lovely Rita“ entgegenschleuderten, trafen damit „unfreiwillig“ einen Kern ihres Erfolges und ihrer Anerkennung. 

 

Kein politischer Erfolg ohne Machtbewusstsein und Krisenfestigkeit

Letzteres bedeutet gleichwohl nicht, dass es ihr an Durchsetzungskraft, an Machtbewusstsein, auch an der Fähigkeit gefehlt hätte, auch rücksichtslos aufzutreten, wo sie das für notwendig hielt. Sie tat das mit Helmut Kohl auch dem Mann gegenüber, mit dem ihre politische Karriere mit der Berufung zur Nachfolgerin von Heiner Geißler in das Amt der Ministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit 1985 startete und mit dessen Abwahl 1998 später auch ihr eigener politischer Stern sank. Sie war dem Generalsekretär in den ersten 1980er Jahren an der Spitze des Bundesfachausschusses Familienpolitik der CDU und als Mitstreiterin bei der Vorbereitung des legendären „Frauenparteitages“ in Essen 1985 aufgefallen und stach auch dem Bundeskanzler, der durchaus um die wachsende Bedeutung dieses Politikfeldes wusste und die Frauen als Wählerinnen und Wähler an die CDU binden wollte, zunehmend als interessante personelle Option ins Auge. Das hielt sie weder davon ab, ihre eigenen politischen Wege zu gehen und insbesondere beim Abtreibungsthema Teile der CDU und der katholischen Kirche gegen sich aufzubringen, noch fühlte sie sich daran gebunden, ihren anfänglichen Förderer Helmut Kohl zu schonen. Sie gehört zu jenen, die auf dem Bremer Parteitag die Abwahl von Kohls als Parteivorsitzendem betrieb.

Zuvor bereits hatte Helmut Kohl, der die Alleingänge der haltungsstarken Politikerin zunehmend als problematisch empfand, nach dem Rücktritt des damaligen Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger nach seiner missverständlich vorgetragenen Rede zum 50. Jahrestag der Reichspogromnacht, die Nominierung Süssmuths als zweite Frau an der Spitze des Parlamentes eigentlich als „Verschiebebahnhof“ gedacht, um sie damit ein Stück weit ruhig zu stellen. Das ging insoweit schief, weil sie beim „Bremer Putschversuch“ – anders als Heiner Geißler und Lothar Späth, die in der Folge ihre Ämter verloren – nun mit der Überparteilichkeit des Amtes über einen Rettungsanker verfügen konnte, der ihr auch über diese Krise hinweg ihren politischen Einfluss sicherte.

Ein wichtiger Maßstab für die Qualität politischer Karrieren ist immer auch die Krisenfestigkeit der Amtsinhaber, und die hat Rita Süssmuth nicht nur als Bundestagspräsidentin, sondern auch Jahre zuvor in ihrem Ministeramt an den Tag gelegt. Eine auffällige, aber selten gesehene Parallele verbindet sie mit der ersten Bundesministerin Elisabeth Schwarzhaupt. Die hat damals nicht nur ebenso mit Vorbehalten gegen ihre Person und ihren persönlichen Einsatz für die Gleichberechtigung zu kämpfen, sondern wird mit dem Contergan-Skandal als Gesundheitsministerin auch gleich in das vorstellbar kälteste politische Wasser geworfen, in dem sie sich bewähren konnte. Bei Rita Süssmuth ist das ähnlich: Wenige Monate nach ihrem Amtsantritt als Ministerin wird der Ressortanteil „Gesundheit“ dominierend – und zwar mit dem Reaktorunfall im damals sowjetischen Tschernobyl. Der lastet ihr von jetzt auf gleich eine Schlüsselrolle auf. Diese Rolle bringt einen weiteren Bestandteil des Phänomens Süssmuth zutage: Die ebenfalls in der politischen Sphäre nicht immer im Übermaß vorhandene Fähigkeit, wissenschaftliche Denkweisen mit der praktischen Politik in Einklang zu bringen. Sie ruft augenblicklich die Strahlenschutzkommission der Bundesregierung zusammen, lässt sich en Detail informieren und sorgt in der Folge dafür, dass alle Haushalte umgehend über die Gefahren aufgeklärt werden, die durch erhöhte Strahlenwerte drohen. Auch im Fall der Immunschwächekrankheit AIDS, die als neue Krankheit Angst verbreitet, verfährt sie nach dem gleichen Muster: Sie lässt sich intensiv informieren, erhöht die Mittel für die Forschung und startet eine Aufklärungskampagne. Vorschlägen, die auch aus dem eigenen christlich-demokratischen Lager, nicht zuletzt von Peter Gauweiler kommen, eine Meldepflicht für AIDS-Kranke einzuführen, erteilt sie aus tiefster Überzeugung eine brüske Absage. „Wir bekämpfen die Krankheit, nicht die Infizierten“, so sagte sie kategorisch.  

 

Der Bundestag als „Werkstatt der Demokratie“ und seine Werkstattleiterin

Auch als Bundestagspräsidentin greift sie in der „Werkstatt der Demokratie“, wie sie das Parlament nennt, heiße Eisen auf und versteht ihr Amt keinesfalls nur als repräsentative Aufgabe, sondern doch als hochpolitische Plattform. In kaum einem Nachruf fehlt der Hinweis darauf, dass die Wahl zur Bundestagspräsidentin nicht gerade ihrem innigsten Wunsch entsprach und dass sie gerne weiter in ihrem Ministerium Politik gemacht hätte – und nicht selten wird ihre Amtszeit reduziert auf die Debatte über die Verhüllung des Reichstages, die ihr Herzensanliegen war, oder im negativen Sinne auf die Dienstwagenaffäre, die ihre anhaltend hohe Popularität nicht schmälern konnte.

Doch reichen ihre Leistungen deutlich tiefer. Früher als andere erkennt sie, sehr zum Missfallen der Vertriebenenverbände, dass eine rasche Anerkennung der Oder-Neiße-Linie in der Transformationszeit des Überganges auf ein freies Ostmitteleuropa eine schiere Notwendigkeit ist. Aber nicht nur die Verständigung mit Polen liegt ihr am Herzen, auch das Verhältnis Deutschlands zu Israel tut es. Durchaus aufsehenerregend ist, dass sie im Juni 1990 gemeinsam mit der Präsidentin der frei gewählten letzten Volkskammer der DDR, Sabine Bergmann-Pohl, nach Israel reist, um dort angesichts der sich abzeichnenden Wiedervereinigung Ängste vor einem übermächtigen Deutschland zu nehmen.

Ohne jedes Zögern folgte sie 1991 der Einladung des israelischen Ministerpräsidenten Itzchak Schamir und des Präsidenten Chaim Herzog nach Israel zu reisen, just in jener gefährlichen Zeit, in der irakische Raketen, bei denen man nicht wusste, was in ihren Sprengköpfen verborgen ist, israelische Städte trafen. Sie setzte damit ein starkes Zeichen der Solidarität, das in Israel bis heute nicht vergessen worden ist.

 

Die Gleichberechtigung als Herzensanliegen und Lebensaufgabe

Das Parlament selbst will sie reformieren und setzt sich für eine Verkleinerung ein. In der CDU bleibt sie ebenso unbequem wie unbeugsam und folgt ihren eigenen Überzeugungen, besonders augenscheinlich bei der aufgeheizten Debatte um die Änderung des Asylgesetzes 1991, bei der sie sich gegen die geplanten Änderungen ausspricht. Beim Thema Gleichberechtigung, bei der Wahlfreiheit für die Frauen zwischen Familie und Beruf, bei dem Thema, das ihren gesamten Werdegang, nicht zuletzt auch ihre lange Amtszeit als Chefin der Frauenunion als Herzensangelegenheit durchzieht, bleibt sie ebenfalls entschlossen. Mit ihrem entschiedenen Eintreten für eine Frauenquote in Führungsämtern der CDU schlägt sie in Hannover beim Bundesparteitag das Kapitel auf, das erst 2024 mit dem Einstieg in eine verbindliche Quote – wenigstens probehalber – am gleichen Ort geschlossen wird.

2023 kritisiert sie, dass der Gesetzesentwurf zur Wahlrechtsreform keine Regelung zur paritätischen Vertretung von Männern und Frauen im Bundestag beinhalte und konstatiert, dass eine demokratische Gesellschaft nicht vollständig sein könne, wenn die Stimmen der Frauen nicht gehört würden. Den Frauenanteil von unter 35 Prozent im Deutschen Bundestag empfand sie als hochproblematisch. Das trage dem „Engagement und den Erwartungen der Frauen in keiner Weise Rechnung – sie werden schlichtweg ignoriert.“ Anerkennend schreibt Wolfram Neidhard und schiebt Rita Süssmuth damit an die Spitze der Bewegung: „Obwohl Angela Merkel als erste Frau Bundeskanzlerin und auch Parteivorsitzende wurde, war nicht sie die Vorreiterin feministischer Politik in der CDU. Nein, es war Rita Süssmuth, die sich standhaft für Frauenrechte einsetzte.“

Ihr Einsatz für die Frauenrechte stand aber niemals für sich allein, sondern war immer eingebettet in ein größeres Bild: Rita Süssmuth war mit Haut und Haaren Demokratin, die immer wusste, wie fragil liberale, freiheitliche Staatswesen sind und wie wenig man ihre Existenz als gegeben hinnehmen kann: Wie sehr jede Demokratie vor allem Menschen einfordert, die auch einmal gegen den zu offensichtlichen Strich bürsten, die sich gegen erbitterte Widerstände, wo nötig auch gegen den gesellschaftlichen oder politischen Mainstream standhaft zeigen, die Gerechtigkeit und ein Umdenken einfordern, ohne deshalb in krampfhafte Ideologie zu verfallen. Im sehenswerten Film „Die Unbeugsamen“ über die Frauen der „Bonner Republik“, an dessen Premiere sie selbst teilgenommen hatte, war sie eine der geachteten Hauptfiguren. Beugen musste sie sich am Ende nicht der Politik, sondern der Krankheit und dem Tod. Erst 2020 im Falle ihres Ehemannes Hans, den sie seit dem Abitur kannte – und nun so unmittelbar vor ihrem 89. Geburtstag in ihrem eigenen Fall.

 

Ihre Bedeutung für die Konrad-Adenauer-Stiftung

Vielleicht noch ein letztes Wort pro domo: In der Adenauer-Stiftung war sie selbst zwar weder als Mitglied noch im Vorstand tätig, aber immer wieder hat sie sich bis zuletzt sehr bereitwillig als kraftvolle Referentin oder als Podiumsmitglied einspannen lassen – für die Inlandsarbeit gleichermaßen wie für die Auslandsarbeit. Einen besonderen Vertrauensbeweis für die Arbeit der Stiftung hat sie, die Geschichtsbewusste, die wusste, dass Archive gegen jede Form von vergessen kämpfen, erbracht, indem sie uns einen sehr großen Teil ihrer persönlichen Dokumente für die Aufbewahrung und Bearbeitung überlassen hat, wofür wir sehr dankbar sind. Wir werden uns dieses Geschenkes würdig erweisen und sie als außergewöhnliche Persönlichkeit der CDU in unserer Forschungs- und Archivarbeit weiterleben lassen. Unser Mitgefühl als Konrad-Adenauer-Stiftung gilt ihrer Familie.

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