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Länderberichte

Panama und Zentralamerika

von Winfried Weck, Simone Strehl

Panama und Zentralamerika: Die Migrationskrise spitzt sich zu

Noch nie zuvor haben so viele Menschen die zentralamerikanische Region durchquert, um sich auf die Suche nach einem besseren Leben zu machen. Der langwierige Weg, den sie auf sich nehmen, um die USA oder Kanada zu erreichen, ist gefährlich, Transitländer stehen unter enormen Druck, Kapazitätsgrenzen sind teilweise bereits überschritten. Die Region muss zusammenarbeiten, um diese ausufernde Migrationskrise in den Griff zu bekommen.

Ein Ende der Migrationskrise in Zentralamerika ist nicht in Sicht
Es ist mittlerweile keine neue Erkenntnis mehr, dass Zentralamerika und das nördliche Südamerika einer der größten Hotspots von Flucht und irregulärer Migration weltweit sind. Bereits in den vergangenen Jahren berichteten Behörden von steigenden Zahlen und die Situation spitzt sich weiter zu. Die rasante Entwicklung, die das Migrationsgeschehen zwischen Kolumbien und Panama im August 2021 genommen hatte, war nicht der von vielen angenommene Höhepunkt, sondern nur der sprunghafte Anstieg auf ein neues Migrationsniveau. Panama dokumentierte bis Ende August 2022 102.067 irreguläre Migranten, die im laufenden Jahr den Urwald in der südlichen und an Kolumbien angrenzenden Provinz Darién durchquert haben, davon 31.055 (also etwa 1.000 pro Tag) allein im August.1 Die Migrationsroute durch den Dschungel von Darién gilt aufgrund von Flussüberquerungen, tagelangen Fußmärschen, wilden Tieren, Krankheiten, Verletzungen und krimineller Aktivitäten organisierter Banden, die die Vulnerabilität der Migrantentrupps ausnutzen, als sehr gefährlich. Und trotzdem hat sich die Zahl der irregulären Migranten in der Region Darién im Jahr 2022 im Vergleich zum selben Zeitraum im Vorjahr bereits deutlich erhöht (Januar bis August 2021: 70.3612). Der Großteil der Migranten in Zentralamerika kam in den ersten Monaten 2022 aus Venezuela, Haiti, Senegal und Kuba, weiter nördlich stoßen dann noch Honduraner, Guatemalteken und El Salvadorianer hinzu.3 Mittlerweile stellen die Venezolaner mit 67 Prozent den mit Abstand größten Teil aller Migranten, gefolgt von 6,2 Prozent Haitianern und – neu auf der Liste – vier Prozent Ekuadorianern. Aber auch Menschen aus China, Nepal, Kamerun, Nigeria und der Demokratischen Republik Kongo finden sich in nennenswerter Zahl (im Vergleich 2021: Haitianer 62 Prozent, Kubaner 14 Prozent, Chilenen sieben Prozent und Brasilianer sechs Prozent)4. Anvisierte Zielländer für nahezu alle Migranten sind meist die USA oder Kanada, aber mittlerweile auch Mexiko. Dafür nehmen die Migranten einen langen, anstrengenden und gefährlichen Weg auf sich und durchqueren zum Teil bis zu
acht Länder auf ihrem Weg in den Norden. Die Gründe, weshalb so viele Menschen jährlich diese Herausforderung annehmen, sind vielfältig, aberdurchgehend gravierend. Die meisten ihrer Länder leiden an wirtschaftlicher Instabilität und damit auch an einem Mangel an Chancen für die Bevölkerung. Vor allem die Auswirkungen der Pandemie haben diese Probleme noch verschärft und viele Menschen sind auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen für sich und ihre Familien. Andere Migranten fliehen vor politischer Instabilität, Korruption oder Gewalt, zum Beispiel aus Honduras und Guatemala. Aber auch Diskriminierung ist ein Motiv zur Flucht, so im Fall von María José Gómez und Roselys Gutiérrez: Das venezolanische Paar verließ sein Heimatland aufgrund von Homophobie und wurde auf seinem Weg durch Kolumbien aufgrund seiner
sexuellen Orientierung sogar körperlich angegriffen.5 Ein weiteres Beispiel, das die unmenschlichen Umstände und Herausforderungen widerspiegelt, die Migranten auf ihrem Weg bewältigen müssen, ist Gilberto Rodriguez, der von seinem Weg von Venezuela bis Mexiko erzählt. Auf seine Reise durch acht Länder musste er Kriminellen entkommen, Bestechungsgelder an korrupte Polizeibeamte zahlen, auf den Straßen schlafen, einen Fluss auf einem Floß aus Reifenschläuchen und Brettern überqueren, zu Fuß durch den gefährlichen Darién-Urwald marschieren und vieles mehr. Er erzählt von der äußerst kritischen wirtschaftlichen Situation in Venezuela, die die Menschen nahezu dazu zwingt, aus ihrem Heimatland zu fliehen.6 Dass sich die Migrationskrise in Zentralamerika zunehmend verstärkt, beschreiben auch die Zahlen aus Mexiko und den USA. Die US-Regierung erfasste im März 2022 über 210.000 irreguläre Migranten an der mexikanischen Grenze. Dabei handelt es sich um die höchste dokumentierte monatlche Zahl seit dem Jahr 2000, die zugleich um 24 Prozent höher ist als im Vorjahr.7 Mexiko berichtet von über 130.000 Asylanträgen im Jahr 2021 – das Dreifache des Jahres 2020. Und die Zahlen steigen weiter: bis Juni 2022 überstiegen sie mit knapp 50.000 schon um 20 Prozent die Anzahl der Asylanträge des Vorjahres im selben Zeitraum. 8 Der enorme Anstieg der Anzahl an Migranten in der Region lässt sich zu großen Teilen auch auf die Pandemie zurückführen.9 Durch die Einschränkungen der Mobilität, vor allem im Jahr 2020, wurden viele Migranten ausgebremst. Die meisten Migrationswilligen nutzen die wiedergewonnenen Möglichkeiten, um sich umgehend auf den Weg zu machen. Darüber hinaus haben die Auswirkungen der COVID-19-Maßnahmen die Situationen in den Ländern noch verschärft. Die Pandemie hat vor allem vulnerable Wirtschaften – darunter die Länder in Zentral- und Südamerika – stark getroffen. Die Region erlebte im Jahr 2020 mit -7,7 Prozent Wachstum einen ihrer größten Wirtschaftseinbrüche ihrer Geschichte.10 Und diese kritische Lage war überall spürbar. Obwohl die Bevölkerung bereits zuvor unzufrieden und die Situation angespannt war, ist durch die Verschlechterung der Wirtschaftslage die Bereitschaft zu migrieren gestiegen. Das zeigte sich auch Anfang Juni 2022 in Mexiko. Circa 5.000 Migranten – darunter mindestens 100 Schwangere und bis zu 20 Prozent Kinder und Heranwachsende – marschierten entlang der Huehuetán-Autobahn im Bundesstaat Chiapas nahe der Grenze zu Guatemala.11 Ihr Ziel: die 1.600 Kilometer weit entfernte Grenze zu den Vereinigten Staaten von Amerika.12 Gemeinsame Krisenbewältigung: Politische Herausforderungen und Maßnahmen Laut dem UN-Flüchtlingskommissariat suchen knapp 600.000 Menschen aus den Ländern El Salvador, Honduras und Guatemala weltweit Asyl 13. Dazu kommen 6,8 Millionen Migranten aus Venezuela, 970.000 von ihnen haben politisches Asyl beantragt.14 Und obwohl die Empfängerländer, darunter Mexiko, Costa Rica, Panama und andere, ihr Bestes geben und bereits Tausenden den Start in ein neues Leben ermöglichen konnten, sind sie mit den enorm steigenden Zahlen an Schutzsuchenden überfordert. Hinsichtlich der rapide zunehmenden irregulären Migration starten verschiedene Länder der Region eigene Versuche, die Situation der Migranten auf ihren Gebieten zu verbessern. Panamas Nationale Migrationsbehörde vergrößert und verbessert die Haupt- Empfangsstation für Migranten in San Vicente, um in Zukunft mehr Migranten pro Tag beherbergen zu können und die bestmögliche Versorgung zu bieten.15 Zugleich definiert sich Panama standhaft als Transitland und unterlässt keine Anstrengung, um die aus Kolumbien ankommenden Migration möglichst schnell an die Grenze zu Costa Rica zu befördern. Die mexikanischen Behörden stellen den Migranten Hilfe und Busse zur Verfügung und bieten Ihnen außerdem die Möglichkeit der Legalisierung ihres Status in anderen Regionen Mexikos, um den Süden des Landes zu entlasten.16 Doch individuelle Ansätze sind längst nicht ausreichend. Bei der Migrationskrise in Zentralamerika handelt es sich um ein soziales Phänomen des 21. Jahrhunderts, dessen Auswirkungen auf kontinentaler Ebene behandelt werden müssen, so Erica Mouynes, Panamas Außenministerin.17 Ihr Präsident Laurentino Cortizo erinnerte während des Amerika-Gipfels in Los Angeles im Juni 2022 an die starken Auswirkungen der Pandemie und des Ukraine-Konflikts auf die wirtschaftliche Lage Zentralamerikas und damit auf die Verschärfung der Migrationskrise und fordert die Regierungen der betroffenen Länder auf, gemeinsame Lösungen zu finden, um die steigende Flut an Migranten in den Griff zu bekommen und die Krise zu bewältigen.18 Zugleich stellte Cortizo klar, dass die Bewältigung der nationalen Probleme der Länder in der Region im Fokus stehen müsse. Erst wenn dieWirtschaft sich erhole, Armut und Ungleichheiten abgebaut würden und vor allem jungeMenschen Chancen für eine berufliche Zukunft in ihren Ländern erhielten, würde sich dasProblem der irregulären Migration deutlich reduzieren.19Kinder und Jugendliche auf der Flucht. Eine der erschreckendsten Entwicklungen im Rahmen der Migrationskrise in Zentralamerikaist die immens steigende Zahl der Kinder und Jugendlichen, die sich unter den irregulären Migranten befinden. Im Vergleich zum Vorjahr verdoppelte sich die Zahl der Kinder, die den Darién bis Mitte Juni durchquert hatten, und erreichte laut UNICEF eine Zahl von über 5.000.20 Allein im Mai 2022 befanden sich unter den Migranten viermal so viele Kinder wie im Vorjahr, ein Anstieg von etwa 500 auf über 2000.21 Problematisch ist zudem, dass panamaische Grenzbehörden im selben Zeitraum knapp 170 Kinder als unbegleitet oder von ihren Familien getrennt identifizierten – einige davon ohne Identitätsausweise oder Geburtsurkunden, was das Risiko der Staatenlosigkeit für diese Kinder mit sich bringt.​​​​​22 Immer mehr Kinder sehen die Flucht von ihrem Zuhause gen Norden als einzige Chance, um zu überleben.23 Sie fliehen vor extremer Gewalt, Kriminalität, Armut und Perspektivlosigkeit24 und erhoffen sich bessere Lebensverhältnisse und mehr Chancen für Ihre Zukunft. „Viele der Kinder kommen in prekären Verhältnissen in Panama an, mit physischen sowie psychischen Leiden. Sie benötigen medizinische Betreuung aufgrund von starken Dehydrierungen, Verletzungen, Hautinfektionen oder Tramata durch sexuelle Übergriffe, Erpressungen oder anderenErlebnissen“, so Jean Gough, Direktor von UNICEF in der Region Lateinamerika und der
Karibik.25 Und obwohl Panama sich bereits darin engagiert, den Schutz der Kinder zugewährleisten, sind die Bemühungen noch längst nicht genug. Denn mit dem Fortschreitender Regenzeit werden auch die Bedingungen schwieriger, den Darién-Dschungel zu durchqueren. Die Migration krise ist nicht nur eine humanitäre Krise. Sie zeigt auch den beteiligten Ländern ihre Grenzen auf. Die Aufnahmekapazitäten sind ausgereizt. Und Staaten wie Panama und Costa Rica, die bisher standhaft ihren Status als Transitländer der Richtung Norden strebenden Migrantenströme definieren, können schnell wie in Teilen Nordafrikas zum Endziel von Migration werden. Es müsste daher im Interesse aller beteiligten Länder sein, die Ursachen und damit die Attraktivität von irregulärer Migration zu verringern, indem Menschen dazu motiviert werden, zuhause zu bleiben. Viele Menschen verlassen ihre Heimat aufgrund mangelnder Zukunftsperspektiven und fehlender ökonomischer Ressourcen. Hier
gilt es anzusetzen und die Attraktivität der Herkunftsländer von Migranten so zu steigern, dass das Bedürfnis, die eigene Heimat zu verlassen, gar nicht erst aufkommt. Für die Hauptherkunftsländer der Region, nämlich Haiti, Venezuela und Kuba stehen hierfür die Zeichen allerdings schlecht.



1Arcia Jaramillo, Ohigginis, Tráfico de personas agrava crisis migratoria em Darién, La Prensa, 10.09.2022, 2ª (La Prensa 10.09.2022)
2Ebd.
3Oquendo, Catalina (2022). https://elpais.com/internacional/2022-03-01/la-ruta-del-darien-ahora-tiene-mas-migrantes-venezolanos-que-haitianos.html

4Arcia Jaramillo, Ohigginis, Tráfico de personas agrava crisis migratoria em Darién, La Prensa,
10.09.2022, 2ª (La Prensa 10.09.2022)
5 Clemente, Edgar; Pesce, Fernanda (2022). https://www.latimes.com/espanol/mexico/articulo/2022-06-
07/caravana-de-migrantes-avanza-por-el-sur-de-mexico
6 AFP (2022) https://www.prensa.com/mundo/a-pie-en-balsa-y-con-un-perro-una-travesia-por-ochopaises-
para-llegar-a-estados-unidos/
7 Voz de America (2022). https://www.vozdeamerica.com/a/inmigracion-cifra-recordmarzo/
6532390.html
8 Clemente, Edgar; Pesce, Fernanda (2022). https://www.latimes.com/espanol/mexico/articulo/2022-06-
07/caravana-de-migrantes-avanza-por-el-sur-de-mexico
9 Walter, Jan (2022). https://www.dw.com/de/lateinamerika-rekord-migration-richtung-usa-zeichnetsich-
ab/a-58848002
10 Konrad-Adenauer-Stiftung (2022). https://www.kas.de/es/einzeltitel/-/content/lateinamerika-in-dercorona-
krise

11 Instituto Nacional de Migración de Mexico (2022). https://www.inm.gob.mx/gobmx/word/wpcontent/
uploads/2022/06/Tarjeta-Migratoria-080622.pdf
12 Clemente, Edgar; Pesce, Fernanda (2022) https://www.latimes.com/espanol/mexico/articulo/2022-06-
07/caravana-de-migrantes-avanza-por-el-sur-de-mexico
13 UN Refugee Agency (2022). https://www.unhcr.org/displacement-in-central-america.html
14 UN Refugee Agency (2022). UNHCR - Venezuela situation
15 Servicio Nacional de Migración del Gobierno nacional de Panamá (2022).
https://www.migracion.gob.pa/inicio/noticias
16 Clemente, Edgar; Pesce, Fernanda (2022). https://www.latimes.com/espanol/mexico/articulo/2022-06-
07/caravana-de-migrantes-avanza-por-el-sur-de-mexico
17 Redacción Eco (2022). https://www.ecotvpanama.com/nacionales/panama-inauguran-reunionministerial-
migracion-n5695515
18 Vega Loo, Manuel (2022). https://www.prensa.com/politica/cortizo-el-compromiso-es-concretar-loque-
se-hable-en-la-cumbre-en-los-angeles/

19 Ebd.
20 UNICEF Latin America and the Caribbean (2022). https://www.unicef.org/lac/en/press-releases/twicemore-
children-migrating-through-the-panama-darien-gap-this-year
21 Ebd.
22 Ebd.
23 DW América Latina (2022). https://www.dw.com/es/aumenta-migraci%C3%B3n-de-ni%C3%B1os-porselva-
de-panam%C3%A1-seg%C3%BAn-unicef/a-62175759
24 UNICEF (2018). https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/presse/2018/bericht-migrationzentralamerika-
mexiko/172484
25 Ebd.

Kontakt

Winfried Weck

Winfried Weck (2020)

Leiter des Regionalprogramms "Allianzen für Demokratie und Entwicklung mit Lateinamerika" ADELA und des Auslandsbüros Panama

winfried.weck@kas.de +507 387 4470

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