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Rapports pays

Führt eine ‚Weltordnung im Umbruch‘ Kanada in eine neue Führungsrolle?

par Dr. Bernd Althusmann, Marie Yamada

Warum geopolitische Umbrüche Kanadas Rolle in der internationalen Weltordnung und im transatlantischen Bündnis neu bestimmen werden

Der andauernde Handelskrieg mit den USA bleibt eine der größten Herausforderungen. Kanada will deshalb seine Partnerschaft mit Europa und dem Indopazifik-Raum weiter ausbauen. Carney sprach bereits im November 2025 vom Epochenbruch und einer Entwicklung hin in eine neue Weltordnung, die von ernsthaften Konflikten und einem Zusammenrücken der Mittelmächte geprägt sein könnte. Der befürchtete Rückzug der USA läutet womöglich tiefgreifende Veränderungen der ‚alten NATO‘ ein und erfordert eine neue Sicherheitsarchitektur. Kanada wird seine Bereitschaft, als Mittelmacht mehr Verantwortung und Führung zu übernehmen, jetzt beweisen müssen. Aber vor allem auch innenpolitisch bleiben die Herausforderungen für die amtierende Regierung Carney weiterhin enorm. Hohe Arbeitslosigkeit gerade unter der jungen Generation, fehlender Wohnraum und hohe Verteidigungsinvestitionen erfordern klare Antworten und einen klaren Kurs. Der kanadische Premierminister Carney und seine Minderheitsregierung müssen liefern.

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Kanada startet turbulent ins Jahr 2026 

Der Start ins neue Jahr ist geprägt von innenpolitischen Paukenschlägen und außenpolitischen Umbrüchen. Nach der offiziellen Übergabe des Vorsitzes der G7-Länder durch Kanada an Frankreich zum 01.01.2026 blieb den Abgeordneten des Parlaments und ebenso der Regierung nur wenig Zeit zum Durchatmen. Die parlamentarische Winterpause endete mit der Rückkehr des kanadischen Parlaments am 26. Januar 2026. Nach zahlreichen Gesetzesinitiativen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit Kanadas, zur allgemeinen Senkung der Steuerbelastungen (Middle-class-tax-cut), und zur steuerlichen Entlastung des ersten Eigenheim-Erwerbs, zum schnelleren Ausbau der Infrastruktur (C-5) und zum Abbau von Handelshemmnissen zwischen den Provinzen noch in 2025, werden die Abgeordneten nun zum Teil die Beratungen fortsetzen oder erneut Maßnahmen zur Abwehr von Handelssanktionen durch die USA beraten müssen. Die ‚Buy-Canadian-Initiative‘ ist eine erste dieser Maßnahmen für den Jahresbeginn 2026 und zielt auf die Bevorzugung der kanadischen Stahl- und Metall-Betriebe. Ebenso werden die Neuverhandlung des CUSMA-Abkommens mit Mexiko und den USA sowie die im Dezember 2025 verkündete neue Sicherheitsstrategie der USA für Kanada eine Herausforderung. Insofern beginnt das politische Jahr 2026 so turbulent, wie das Jahr 2025 endete.

 

Innenpolitische Paukenschläge zum Jahresende 2025:

Im November 2025 sorgte eine denkbar knappe Mehrheit bei der Abstimmung über den Bundeshaushalt Kanadas im House of Commons für einige Verunsicherung sowohl unter den Liberalen als auch unter den Konservativen. Der Haushalt 2025 wurde aufgrund der Parlaments-wahlen im April 2025 und dem Regierungsantritt im Mai recht spät Anfang November von Finanzminister Champagne (Liberale) vorgelegt und anschließend vom Parlament beraten. 

Der Bundeshaushalt Kanadas umfasst ein Ausgabevolumen von rund 450 Milliarden CAD mit einem auf 78 Milliarden CAD (48 Milliarden Euro)  ansteigenden Defizit und geplanten rund 1 Billion CAD an Investitionsvolumen in den kommenden 5 Jahren (Canada Strong Budget, 2025)[1].

Mit nur zwei Stimmen Vorsprung (170:168 Stimmen) wurde der Haushalt letztlich nach einem heftigen Schlagabtausch im Parlament verabschiedet. Mehrere Oppositions-abgeordnete, darunter die Vorsitzende der Grünen, Elizabeth May, votierten für den Haushalt der Liberalen-Carney-Regierung. Sie ist die einzige Abgeordnete der Grünen im Parlament Kanadas und erklärte im Parlament, dass sie diesen Haushaltsplan nur deshalb  unterstütze, weil ihr vom Premierminister zugesichert worden sei, dass Kanada die internationalen Klimaverpflichtungen des Pariser Abkommens einhalten werde.

 

Premierminister Carney verteidigte in der Haushaltsdebatte den Haushalt unter dem Leitmotiv ‚Canada Strong‘ als "generationenübergreifende Investition", die darauf abziele, die langfristige Wettbewerbs-fähigkeit und Widerstandsfähigkeit des Landes zu stärken. “Budget 2025 is our plan to build Canada Strong – with major infrastructure projects, millions more homes, new defence industries, and thousands of new high-quality careers all across our country. As we build big and bold, we will build Canadian and buy Canadian. We will be our own best customer, creating new orders, more business, and new careers in our industries across the country.”[2]     

Oppositionsführer Pierre Poilievere von den Konservativen betonte, dass dieser Haushalt den Kanadiern, die mit steigenden Lebenshaltungs-kosten zu kämpfen haben, keine nennenswerte Entlastung verschaffen könne. Poilievre beschrieb wenige Tage später vor der Chamber of Commerce in Kelowna, British Columbia, den von der Liberalen-Regierung Carneys vorgelegten Bundeshaushalt als eine Art "Kreditkarten-budget", das die Schulden erhöhe, aber wenig zur Erschwinglichkeit beitrage. Letztlich stimmten neben der deutlich geschrumpften Fraktion des Bloc Québécois die Konservativen um Oppositionsführer Pierre Poilievre geschlossen gegen den Haushalt.

Die für die Regierung Carney dann doch überraschend knappe Mehrheit im Parlament war am Ende der Tatsache geschuldet, dass sich weitere Abgeordnete der Stimme enthielten, so unter anderem auch der Präsident des Parlaments, der in diesem Fall den Liberalen angehört. Dies sei zwar üblich, aber der Verlust einer eigenen Mehrheit für den ersten Haushalt der Carney- Regierung hätte unweigerlich bereits im Januar 2026 zu Neuwahlen geführt. Einmal mehr zeigte sich, dass unabhängig von außenpolitischen Aktivitäten oder Erfolgen des Premierministers bei der Suche nach neuen strategischen Verbündeten in Europa oder im Indo-Pazifik-Raum die Sicherung von Mehrheiten im Parlament eine innenpolitisch bedeutsame Herausforderung und Daueraufgabe für die Liberalen im Jahr 2026 bleiben wird.

 

Die Ungeduld der Kanadier mit dem bisherigen Kurs von Premierministers Mark Carney scheint langsam zu steigen, denn auch ihm ist es bisher nicht gelungen, die USA davon zu überzeugen, beispielsweise die Tarife von 50 Prozent auf Stahl und Aluminium innerhalb des Freihandelsabkommens CUSMA mit Mexiko und Kanada zu senken. Im Gegenteil: ein im November veröffentlichtes Video durch den Premier von Ontario, Doug Ford, mit einem Zusammenschnitt von Zitaten aus der Zeit von US-Präsident Ronald Reagan über die volkswirtschaftlichen Schäden von Zolltarifen, hatte zum Jahresende 2025 die Verhandlungen zwischen den USA und Kanada wieder zurückgeworfen und erneut Drohungen von Strafzöllen von 10 Prozent gegen kanadische Handelswaren ausgelöst. Umgesetzt wurden diese nicht.

Die kanadische Regierung von Premierminister Mark Carney steht erkennbar sowohl innen- als auch außenpolitisch nach nicht einmal einem Jahr im Amt unter Druck und es vergeht keine Woche, in der nicht von der Opposition daran erinnert würde, den Worten und Ankündigungen auch messbare Taten folgen zu lassen. Bereits für dieses Frühjahr rechnen manche Politbeobachter mit der Ansetzung von Neuwahlen. Einerseits könnte die Carney-Minderheits-Regierung im Parlament scheitern oder aber der amtierende Premierminister setzt in einer für ihn noch passablen Ausgangsituation Neuwahlen an, weil er sich damit klare Mehrheitsverhältnisse erhofft. Das kann gut gehen, aber ebenso schief.

Entscheidend wird sein, wie schnell die Konservativen sich von den nicht ganz leichten politischen Wochen bis zum Jahresende 2025 erholen. Nachdem bereits vor der endgültigen Verabschiedung des Haushalts im House of Commons der Abgeordnete der Konservativen, Chris d’Entremont (Nova Scotia), zu den Liberalen wechselte und ein weiterer Abgeordneter der Konservativen, Matt Jeneroux (Alberta), statt des vermuteten Wechsels zu den Liberalen „nur“ seinen Rückzug aus dem Parlament für das kommende Frühjahr ankündigte, wechselte kurz vor der letzten Sitzung des Parlaments in 2025 ein weiterer Abgeordneter der Konservativen, Michael Ma (Toronto),  die Seiten hin zu den Liberalen. Es gehe ihm um das Wohl des Landes und es müssten jetzt mit breiter Mehrheit wichtige Entscheidungen für Kanada getroffen werden, sagte er laut Medienberichten (u.a. Catherine Tunney in CBC News vom 12.12.2025, Politico Canada, The Hill Times). Damit ist die Minderheitsregierung des erst Ende April 2025 in vorgezogenen Neuwahlen gewählten Premierministers Mark Carney (Liberale) mit 171 Sitzen im Parlament nur noch zwei Stimmen entfernt von einer eigenen Mehrheit.

Der überraschende Übertritt von zwei Abgeordneten sorgte im Dezember bis ins neue Jahr 2026 hinein für reichlich Spekulationen im Politikbetrieb Kanadas.

 

Parteitag der Konservativen Kanadas in Calgary

Der Parteitag der Konservativen Ende Januar 2026 in Calgary stand deshalb mit der Bestätigung des Parteivorsitzenden und Oppositionsführers der Konservativen, Pierre Poilievere, im Fokus des Interesses der eigenen Partei. An seiner erneuten Wahl bestanden wenig Zweifel. Ein gutes Ergebnis sei entscheidend. Umso unerklärlicher waren im Vorfeld des Parteitages Ende Januar 2026 zur Bestätigung des ‚official leader of the opposition‘ die Übertritte von Abgeordneten und manche Unstimmigkeiten unter den Konservativen. Kurzum: die große Mehrheit der Konservativen hoffte auf ein wichtiges Zeichen der Geschlossenheit beim Parteitag in Calgary vom 29. -31. Januar 2026.  Und so kam es.

In einer leidenschaftlichen, patriotisch-emotionalen Rede stellte Pierre Poilievre mehrfach die hart arbeitende Bevölkerung in den Mittelpunkt seiner Vision für ein besseres Kanada. Sie gelte es zu entlasten und zu würdigen. Er bezog die Schwachen, die Drogenabhängigen, diejenigen, die sich selbst nicht mehr helfen könnten, jedoch ebenso umfassend in seine Rede ein und kündigte eine vollständige Kehrtwende in der bisherigen Drogenpolitik Kanadas an. In den zehn Jahren Liberalen-Regierung in Kanada seien die Lebenshaltungskosten, die Kriminalität und die Unsicherheit der Menschen über den weiteren Kurs des Landes gestiegen. Die Überregulierung in allen Bereichen Kanadas nach rund zehn Jahren Trudeau-Regierung sei trotz Ankündigung auch nach fast einem Jahr Carney-Regierung nicht im Ansatz gesunken, der Infrastrukturausbau komme nur schleppend voran. Es werde viel angekündigt und zu wenig umgesetzt. Die Konservativen seien nach Ansicht Poilievres jederzeit bereit und willens, die Regierung zu übernehmen.

 

Nach dieser visionären, weit weniger aggressiven und eher vermittelnden Rede schenkten ihm letztlich 87,4 Prozent der Delegierten ihr Vertrauen, was als starkes Mandat bewertet wird. Pierre Poilievre ist damit nach wie vor der herausragende Kandidat der Konservativen für das Amt des Premierministers und eine vorzeitige Neuwahl ist bei den mittlerweile knappen Mehrheitsverhältnissen stets denkbar. In den aktuellen Umfragen liegen beide Parteien etwa bei 40 Prozent und Pierre Poilievre dürfte es mit dem amtierenden Premierminister Mark Carney aufnehmen können. An seinem festen Willen hat er beim Parteitag in Calgary jedenfalls keine Zweifel aufkommen lassen.

 

Außenpolitische Paukenschläge - die Weltordnung im Umbruch

Noch im Dezember 2025 veröffentlichte die USA ihre neue Nationale Sicherheitsstrategie. Der Fokus richtet sich darin überwiegend unilateral und nahezu ausschließlich auf die eigenen sicherheits- und wirtschaftspolitischen Interessen der USA. Die USA unter Donald Trump teilen darin die Welt in Einflusssphären auf und lassen wenig Zweifel daran aufkommen, dass sie sich im Wesentlichen auf ihre Interessen in der westlichen Hemisphäre und den Wettstreit mit China und die Region des Indopazifik-Raumes konzentrieren werden. Auf wenigen Seiten am Schluss der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie richten die USA ihr Augenmerk auf Europa und das transatlantische Bündnis sowie andere Kontinente der Welt und fordern gerade von Europa eigene verstärkte Anstrengungen zur Sicherung oder Wiederherstellung von Sicherheit und Frieden. Schon in früheren Jahren formulierten die USA in diesen Strategiepapieren sehr klar ihre eigenen Interessen. Deutlicher als vermutlich jemals zuvor, wird in der Sicherheitsstrategie der zweiten Trump-Administration die multilaterale Weltordnung und die bisherige geopolitische Sicherheitsarchitektur in Frage gestellt. 

 

Ein jüngstes Beispiel dafür ist die Festsetzung des Präsidenten Venezuelas durch die USA am 3. Januar 2026 und die in diesem Zusammenhang vom US-Präsidenten getätigte Aussage, er brauche kein Völkerrecht, wolle aber niemandem schaden, und seine eigene Moral sei entscheidend, hatte bereits vor dessen Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos am 20. Januar 2026 aufhorchen lassen.[3] 

Die teilweise schon wieder abgeflauten Provokationen im Rahmen der Beanspruchung Grönlands für die nationale Sicherheit der USA waren womöglich bisher nur der Auftakt für eine Fortsetzung einer protektionistischen Außenpolitik der USA, die eine starke und schnelle Antwort Europas und auch Kanadas an der Seite Europas erforderten. Zunächst war es die Geschlossenheit der Europäer, die offenbar den US-Präsidenten zumindest vorläufig von seinem Vorhaben abbrachte. Die Drohung des Verkaufs von US-Staatsanleihen durch andere Länder war dabei ein nicht zu unterschätzendes Gegenmittel gegen die willkürliche Strafzollpolitik der USA. Gleiches gilt für die Erhebung neuer Abgaben für die US-amerikanischen Gateway-Keeper. Die digitale, plattformgestützte Ökonomie der USA ist für die USA inzwischen von so hoher Relevanz, dass Einschränkungen über die bisher ergriffenen Maßnahmen hinaus erkennbar Wirksamkeit entfalten. Eines aber dürften die ersten Wochen des neuen Jahres 2026 gezeigt haben: jede Relativierung der Ansprüche der USA mit Blick auf den NATO-Verbündeten Dänemark und das selbstverwaltete Grönland spielt dabei nicht nur den USA in die Hände, sondern ebenso den autokratischen Staaten China, Russland, Iran oder Nordkorea (CRINK) und manchen Ländern des sogenannten ‚Globalen Südens‘.

 

Die Rolle Kanadas rückt deshalb nicht erst seit der Rede des Premierministers Mark Carney beim Weltwirtschaftsforum in Davos in den Blickpunkt. Bereits im Zuge der G7-Präsidentschaft des Jahres 2025 ist es Kanada gelungen, seinen Anspruch als Mittelmacht und Mittler in Zeiten der Verschiebung des Koordinaten-Systems einer neuen Weltordnung zu formulieren. Umso wichtiger ist die Einordnung der aktuellen außenpolitischen Entwicklungen mit Blick auf ihre Bedeutung für Kanada selbst.

 

Neue Strafzölle der USA gegen Kanada- droht der Handelskrieg zu eskalieren?

Die ohnehin angespannten Beziehungen zu den USA haben mit den im Januar angedrohten Strafzöllen von 100 Prozent durch US-Präsident Trump eine neue Stufe willkürlicher Eskalation erreicht. Die Folgen für die kanadische Wirtschaft würden den Arbeitsmarkt schwerwiegend treffen und manche Infrastrukturprojekte wie den umstrittenen Pipeline-Ausbau, bspw. zwischen Alberta und British-Columbia, verzögern, oder aber die angekündigten rund 30 Milliarden CAD pro Jahr an Investitionen in den Verteidigungshaushalt gefährden oder relativieren.

Die USA wollen aktuell mit erneut starkem politischem Druck Kanada vom Kurs einer vertieften wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit China abbringen. Mitte Januar 2026 kündigte Premierminister Mark Carney im Rahmen eines Besuches in China und Gesprächen mit der Staatsführung eine neue strategische Partnerschaft mit China an. Die USA wollen verhindern, dass Kanada damit bis zu 49.000 chinesische Elektrofahrzeuge mit einem geringen Tarifzoll von 6,1 Prozent importiert und die Hälfte der Fahrzeuge aus China weniger als 35.000 Dollar pro Fahrzeug kosten werden. [4] 

 

Ziel Chinas könnte es darüber hinaus sein, eine eigene Industriestruktur in Kanada aufzubauen, was den USA ein Dorn im Auge ist. Es droht also erneut ein Handelskrieg mit dem südlichen Nachbarn Kanadas. Das in diesem Jahr neu zu verhandelnde CUSMA-Abkommen wird voraussichtlich genau diese Interessenskonflikte bzgl. der Automobilindustrie - wie schon in Zeiten der ersten Trump-Administration im Jahr 2018 – adressieren. Zudem ist nach wie vor der Handel Kanadas aufs Engste mit den USA stark integriert und vernetzt. Eine weitere Verschärfung der Zollpolitik durch die USA im Zuge des CUSMA-Freihandelsabkommens würde die kanadische Wirtschaft hart treffen.

Dies dürfte der maßgebliche Grund für Kanada sein, seit einigen Monaten durch eine ambitionierte Besuchs-Diplomatie neue oder vertiefte Partnerschaften, u.a. mit der EU und Deutschland, aber ebenso mit Indien, China, Südkorea, Japan, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Australien, zu stärken und neue Märkte zu öffnen. Denn die Abhängigkeit von den USA bleibt mit rund 70 Prozent des Handelsvolumens Kanadas, das direkt in die USA geht, hoch und wird es absehbar auch bleiben. Gleichwohl sind umgekehrt die Abhängigkeiten der USA von Energielieferungen und Rohstoffen Kanadas von hoher Bedeutung für die USA.

 

Je schneller Kanada sich außen-, sicherheits- und wirtschaftspolitisch unabhängiger von den USA aufstellt, desto härter dürften die Attacken der USA gegen den ehemals engsten Verbündeten ausfallen. Einen Vorgeschmack mögen die direkten Drohungen des Botschafters der USA in Kanada, Pete Hoekstra, im Falle möglicher Kürzungen Kanadas bisheriger Bestellungen von US-amerikanischen F-35-Kampfflugzeugen bereits bieten.[5] Diese Provokationen insgesamt  sollten Kanada jedoch nicht davon abhalten, als freies und souveränes Land sich weder den USA anzupassen noch unterzuordnen.

 

Mark Carneys vielbeachtete Rede in Davos- eine Einordnung

Aber es gibt einen weiteren Grund für die  Attacken des US-Präsidenten gegen Kanada. Es dürfte die vielbeachtete Rede des kanadischen Premierministers Carney am 20. Januar 2026 in Davos sein.

Dort mahnte er an, dass die alte Weltordnung vom Großmachtstreben und der Rivalität einzelner Staaten unwiederbringlich mit Gewalt oder Androhung von Gewalt zerstört werde. Eine Verletzung der Integrität Grönlands und der Souveränität des NATO-Partners Dänemark werde den Beistandsartikel 5 des NATO-Vertrages unmittelbar auslösen. Die geopolitischen Realitäten anerkennend, dürfe die Antwort auf den Bruch der regelbasierten Weltordnung aber nicht Anpassung oder gar Unterordnung sein, sondern aus Sicht Kanadas als Mittelmacht brauche es neue Stärke durch den Zusammenschluss der schwächeren Staaten. Die freien Staaten der Welt müssten zusammenstehen, um Freiheitsrechte und Rechtsstaatlichkeit gemeinsam zu wahren, die allgemeinen Menschenrechte zu achten, die Souveränität und territoriale Integrität anderer Staaten zu achten. Nicht durch nostalgische Erinnerung an frühere Zeiten einer international regelbasierten Ordnung, die nicht mehr zurückkehre, sondern durch neue Bündnisse der Mittelmächte könnte gleichsam neue Stärke und eine neue Ordnung entstehen. Nostalgie -so Carney- sei keine Strategie. [6]

 

Bemerkenswert war die Rede auch deshalb, weil Premierminister Mark Carney  die USA und ihren Präsidenten schlicht nicht namentlich erwähnte, sondern stattdessen gleichgesinnte Staaten aufforderte, die Realitäten gemeinsam mit Kanada anzuerkennen. Diese Rede des kanadischen Premierminister beim Weltwirtschaftsforums in Davos könnte der Auftakt für eine neue (Führungs-)Rolle Kanadas im nordatlantischen Bündnis mit Europa und darüber hinaus gewesen sein. Zumindest wird spätestens nach dieser Rede Carneys deutlich, dass sich hier eine neue, integrierte wirtschafts- und sicherheitspolitische Ordnung unter Einbeziehung  Kanadas zusammen mit Europa ankündigt.

Gleichwohl fehlt es derzeit an einer Konzeption, die diesen von Carney angemahnten Willen der Mittelmächte in eine umsetzbare institutionelle, neue Strategie einfließen lässt, die gar die Gefahr der sprunghaften Beliebigkeit und wechselnden Partnern je nach Lage in sich trägt. Das wäre eine ziemlich fragile neue Weltordnung.

 

Ausblick auf eine Ordnung!?

Es mag fast 76 Jahre nach Gründung der NATO abwegig erscheinen, aber die geopolitischen Entwicklungen lassen ein Nachdenken über bisherige Doppel-Strukturen unvermeidlich erscheinen. Eine neue nordische Sicherheits- und Handels-Allianz (quasi eine New-Nordic-Security and Trade-Alliance) von Kanada bis zu den skandinavischen und baltischen Staaten Europas müsste bei einer völligen Neujustierung der transatlantischen Beziehungen  die NATO unter bisheriger US-amerikanischer Führung ergänzen oder zumindest einen Anteil der bisherigen US-Stärke ausgleichen.

Dazu bräuchte es eine verbindliche Erweiterung der wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Kanada und der EU über bestehende Vereinbarungen und das Abkommen CETA sowie die bestehenden Sicherheits-Partnerschafts-Abkommen hinaus. Dieses neue Konstrukt der Mittelmächte wäre sicher deutlich mehr als ein sicherheitspolitisch ergänztes, aufgeladenes Freihandelsabkommen und womöglich mehr als ein Gegengewicht des ‚Globale Nordens‘ zum ‚Globalen Süden‘.

Aber es gilt realistisch zu bleiben: weder sicherheitspolitisch noch wirtschaftlich könnte eine solche Ordnung bisher die USA -selbst unter ihrer gegenwärtigen Führung- quasi ersetzen. 

 

Sicherheitspolitisch haben sowohl Europa als auch Kanada die strategische Bedeutung der Arktis und Grönlands als potenziellen Konfliktfeldern mit Russland und China an Nordflanke der bisherigen NATO sehr wohl erkannt. Es mag sogar ernster genommen werden, als dies in den vergangenen Jahren der Fall war. Der Wettlauf um neue See-Transport- und Handelsrouten und Rohstoffe entlang oder in der Arktis lässt weitere (Handels-)Konflikte wahrscheinlich erscheinen, die ohne die USA derzeit kaum lösbar erscheinen.

Eine dritte Dimension für Konflikte unabhängig von territorialen Aspekten kommt hinzu: Die hybride Kriegführung und Cyberangriffe durch AI-gestützte Systeme. Der technologische Vorsprung der USA kann unter Umständen unabhängig mit von einer abgestimmten Strategie der von Carney erwähnten Mittelmächte erfolgreich aufgeholt werden, wenn dies als eine gemeinsame Aufgabe einer umfassenden Wirtschafts- und Sicherheitspolitik in einer neuen Weltordnung  betrachtet wird. Der Wettlauf aber auch hier um die Vorteile eines AI-basierten Wettbewerbs findet bisher jedoch im Wesentlichen zwischen den Großmächten USA und China statt. Und dennoch ergäben sich jenseits aller Bedenken aus dieser neuen Allianz wirtschaftliche, technologische und sicherheitspolitische Optionen für eine wieder neue Stabilität vermittelnde transatlantische Partnerschaft, die immer noch von besonderem Wert sein sollte.

 

Und die Rolle Kanadas?

Premierminister Carney hatte in seiner Haushaltsrede im November 2025 ähnlich wie später in Davos argumentiert, dass Kanada zwar ‚nur‘ eine geopolitische Mittelmacht sei, aber im Bereich der Energie- und Rohstoffe so etwas wie eine Supermacht. Bei der gemeinsamen Sicherung der industriepolitischen Basis für eine solche neue Ordnung gedenke sich Kanada sehr wohl einzubringen.

Insofern dürfte sich nach der kanadischen G7-Präsidentschaft im Jahr 2025, den weitreichenden Zusagen Kanadas zur Erreichung des 5-Prozentziels der NATO bis 2035 und dem Beitritt zum europäischen Programm „Security Action For Europe“ (SAFE)  im Juni 2025 sowie einer weiteren Vertiefung des erfolgreichen CETA- Freihandelsabkommens zwischen Kanada und Europa das außenpolitische neue Jahr 2026 für Kanada als ein wegweisendes  und herausforderndes gleichermaßen herausstellen.

Ob die Kanadier diese erweiterte Rolle gesamtgesellschaftlich betrachtet, annehmen wollen, bleibt abzuwarten.

 

[1] Canada Strong Budget. (2025, November). Retrieved from https://budget.canada.ca/2025/report-rapport/pdf/budget-2025.pdf.

[2] Premierminister Mark Carney am 10.11.2025, in: https://www.pm.gc.ca/en/news/news-releases/2025/11/10/prime-minister-carney-outlines-budget-2025-measures-buy#our%20strength%20at,move%20from%20reliance%20to%20resilience.%E2%80%9D&text=%E2%80%9CBudget%202025%20makes%20a%20clear,strengthen%20our%20economy%20at%20home.%E2%80%9D , [24.01.2026]).  

[3] Deutschlandfunk, 09.01.2026, in: https://www.deutschlandfunk.de/trump-brauche-kein-voelkerrecht-100.html.[24.01.2026].

[4] Ifill, Erica: Do Conservatives want the best for the West, or not?, in: The Hill Times, 21. 01. 2026, in: https://www.hilltimes.com/story/2026/01/21/do-conservatives-want-the-best-for-the-west-or-not/488506/?utm_source=The+Hill+Times&utm_campaign=3bb21e76f7-Sunday-Point-of-View-Subscribers&utm_medium=email&utm_term=0_251d35861a-3bb21e76f7-483996697&mc_cid=3bb21e76f7&mc_eid=ff22d4f20d. [23.01.2026].

[5] CBC- News vom 30.01.2026,  https://www.cbc.ca/news/politics/norad-canada-us-f35-9.7059800.  [30.01.2026].

[6] Anmerkung d. Verf.: Passagen zusammengefasst aus der Rede Mark Carney auf dem World Economic Forum am 20. Januar 2026, in: https://www.weforum.org/stories/2026/01/davos-2026-special-address-by-mark-carney-prime-minister-of-canada/. [23.01.2026].

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Dr. Bernd Althusmann
Directeur bureau Konrad Adenauer Fondation Canada
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