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Sinn und Nutzen der Geisteswissenschaften

Serie: "Warum die Geisteswissenschaften Zukunft haben!" (1)

Von Jörg-Dieter Gauger, Günther Rüther4. Okt. 2007


ISBN: 978-3-451-29822-6
Hrsg.: Prof. Günther Rüther und Prof. Jörg-Dieter Gauger
Herder Verlag GmbH


Das ,Jahr der Geisteswissenschaften" ist ein Jahr der Krisen: "Legitimationskrise", ,Bedeutungskrise", ”Sinnkrise" sind nur einige der Schlagworte, hinter denen sich die Frage nach Sinn und Nutzen der Geisteswissenschaften verbirgt. Welchem Zweck dienen sie? Wem helfen sie? Welche Stellung nehmen sie ein innerhalb der Universität, was bewirken sie in der Gesellschaft, wie stehen sie gegenüber der Politik da?

Diese Debatte ist, natürlich, nicht neu. Ihre Wurzeln reichen zurück in das 19. Jahrhundert, in die Zeit der Entstehung der Geisteswissenschaften im Zuge der Humboldtschen Bildungsreform. Joachim A. Ritter und Helmut Schelsky nahmen die Diskussion in den 1960er-Jahren neu auf und machten sie zu einer öffentlichen Angelegenheit. Sie fragten nach den Aufgaben der Philologien in der modernen Gesellschaft und nach den Grundlagen für eine Reform der deutschen Universität im Zeichen der Einheit der Wissenschaften. Danach verbindet sich die Diskussion darüber mit Namen wie Odo Marquard, Wolfgang Frühwald und Jürgen Mittelstraß; dennoch blieb sie allzu lange ein Gespräch unter Insidern.

Das ist heute anders. Die gegenwärtige Debatte spielt sich In den Feullietons ab und erreicht eine große wissenschaftlich interessierte Öffentlichkeit. Damit fordert sie auch die Politik zu Stellungnahmen heraus. Geisteswissenschaften haben Konjunktur, jedenfalls wenn man von ihrer öffentlichen Wahrnehmung ausgeht. Doch auch das mediale Interesse kann die Ursachen der Probleme der Geisteswissenschaften nicht beheben. Die größten Schwierigkeiten bereitet nach wie vor der Stellenabbau an den Universitäten. Betroffen sind davon vor allem die Geisteswissenschaften. Der Präsident des Hochschulverbandes, Bernhard Kempen, rechnete kürzlich vor, dass die geisteswissenschaftlichen Fakultäten zwischen 1995 und 2005 663 Professuren bei gleichzeitig ansteigenden Studentenzahlen verloren haben. Am stärksten betroffen von diesem Stellenabbau ist die klassische Philologie, die 35 Prozent ihrer Professuren abgeben musste. Aber auch die Erziehungswissenschaften und die Theologie haben erhebliche Einbrüche zu verzeichnen. Diese Entwicklung steht einer notwendigen Qualitätsverbesserung der Lehre an den Universitäten und Technischen Hochschulen dort entgegen, wo dies zu einer weiteren Verschlechterung der Betreuungsrelation zwischen immer mehr Studierenden und immer weniger Hochschullehrern führt.

Die mangelnde Berücksichtigung der Geisteswissenschaften bei der Exzellenzinitiative, die politisch erhobene Forderung nach ihrem "Relevanznachweis", die jedenfalls so empfundene geringere Berücksichtigung bei öffentlichen Drittmitteln schwächen die Selbstbehauptungskräfte der Geisteswissenschaften. Die unsere Gesellschaft immer stärker prägenden technischen Disziplinen und Naturwissenschaften erhöhen, weil sie "Produkte" verheißen, die unserer Wirtschaftskraft zugute kommen, den Druck auf die Geisteswissenschaften.

Dazu tragen auch der drohende Abbau der traditionellen Universitätsidee und die Imitation angloamerikanischer Studienorganisation bei. In beiden Fällen werden Auswirkungen auf die fachwissenschaftliche Qualität geisteswissenschaftlicher Bildung befürchtet. Die Liste der echten oder zumindest gefühlten Lasten ließe sich weiter verlängern. Wie kommt es zu diesem Bedeutungsverlust der Geisteswissenschaften in der politischen und gesellschaftlichen Debatte? Hat er etwas zu tun mit dem Verschwinden oder Verdrängen der traditionellen deutschen, im Wesentlichen geisteswissenschaftlich orientierten Bildungsidee und damit eines "bildungsbürgerlichen Resonanzbodens" für ihre Themen? Liegt darin auch die tiefere Ursache für die wachsende Ökonomisierung von Bildung und Kultur, das Denken in "Markt" und ”Kunden", in Quantität statt in Qualität, das schon in der Schulpolitik einsetzt? Retten sie Legitimationsformen wie Odo Marquards "Kompensationsthese", nach der die Geisteswissenschaften Modernisierungsverluste ausgleichen sollen, oder der vielbeschworene "Dialog" mit den Naturwissenschaften? Welche Bedeutung haben sie für das Selbstverständnis und den kulturellen Standard unserer Gesellschaft?

Oder drehen wir die Frage einmal um: Was wäre, wenn die Geisteswissenschaften fehlen würden und dadurch die kommunikativ-symbolische Reproduktion der Gesellschaft kollabierte? Es fällt auf, dass die deutschen Geisteswissenschaften weltweit höchste Anerkennung genießen. Wie der Wissenschaftsrat 2006 bescheinigte, bringen sie international anerkannte Spitzenleistungen hervor. Sie tragen entscheidend zum Ansehen deutscher Universitäten bei!

Vor allem aber: Sie erbringen Orientierungsleistungen für Gegenwart und Zukunft, indem sie Fragen stellen und vermeintliche Gewissheiten in Zweifel ziehen. "Der menschliche Intellekt wird nicht ablassen, Fragen zu stellen, welche die Naturwissenschaft für illegitim oder unbeantwortbar erklärt hat ... Naturwissenschaftliches und technologisches Denken ist kumulativ ... Was stellt im Gegensatz hierzu einen Fortschritt gegenüber Platon oder Dante dar? .. Die Fragen, die Platon oder Kant behandelt haben, sind heute ebenso relevant, wie sie es am Anfang waren. Nur die Gewissheit altert", schreibt der Philosoph George Steiner.

Für die Stabilität und die Zukunft unserer Gesellschaft ist es sicher entscheidend, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen und "Wohlstand für alle" garantieren. Nur so ist langfristig eine breite Zustimmung für unsere demokratische Gesellschaftsordnung zu sichern. Nicht minder entscheidend bleibt aber der Hinweis darauf, dass eine Gesellschaft ihre geistige Stabilität und ihr kulturelles Selbstverständnis nicht "vom Brot allein" bezieht. Der 11. September 2001 hat eindrücklich ins Gedächtnis gerufen, wie fragil die modernen, komplexen Gesellschaften der westlichen Welt geworden sind.

Die aktuelle Debatte um eine deutsche "Leitkultur" verweist darauf, wie wichtig auch oder gerade in der säkularisierten Gesellschaft die Selbstverständigung über ihre Grundlagen und gemeinsamen Orientierungen ist, wie Norbert Lammert betont hat: "Dabei spielen Geschichte, historische Erfahrungen, Sprache, Traditionen, religiöse und weltanschauliche Überzeugungen eine unverzichtbare Rolle."

Unbestreitbar ist, dass eine Gesellschaft auf geistige Ressourcen angewiesen ist, die ihre innere Stabilität auch dann stützen, wenn wirtschaftliche Erfolge einmal einbrechen sollten. Die freie Entfaltung der Marktkräfte gehört zu den wesentlichen Rahmenbedingungen wirtschaftlichen Erfolgs. Dennoch sind Kultur und Wissenschaft nicht über den Markt allein zu regeln. Vielmehr verdankt sich ihre Existenz auch der Tatsache, dass sie gesamtgesellschaftlich notwendige Ressourcen darstellen. Denn die Frage, was unsere Gesellschaft zusammenhält oder zusammenhalten soll, setzt jenes "Bildungswissen" voraus, das als kulturelles Gedächtnis und Traditionsbezug sowohl Kommunikation und damit Gemeinsamkeit wie auch individuelle Entfaltung erst ermöglicht.

Als elementares soziales Bindemittel eröffnet dieses Wissen einen Fundus gemeinsamer Wertüberzeugungen und ethischer Optionen. So bedürfen etwa die Prinzipien von Menschenbildern immer wieder der Vermittlung zur Realität, die nur aus der Universalität des Wissens heraus gelingen kann. Die geschichtlich gewachsenen politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Architektur-Prinzipien unseres Gemeinwesens, nämlich die Prinzipien der politischen Freiheit, der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit und der Sozialen Marktwirtschaft, hätten sich ohne Geisteswissenschaften nicht entwickeln können und müssten ohne sie verloren gehen.

Demokratiewissenschaften können deshalb nur die Geisteswissenschaften sein! Denn nur sie können diese Prinzipien begründen und so vermitteln, dass sie zum Maßstab des gesellschaftlichen Urteilens und Handelns werden. Das gilt auch für die moralische Beurteilung der beiden diktatorischen Unrechtssysteme in Deutschland nach 1933, den Nationalsozialismus und die SED-Diktatur.

Nicht minder groß sind die Herausforderungen der Zukunft. Geisteswissenschaftler werden gebraucht für Diskussionen über Bürgergesellschaft und Demokratie, über Freiheit und Gerechtigkeit, über die Integration und das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen, über Geschichtspolitik und Kritik an Geschichtsbildern, über Erinnerungskultur und über die Bedeutung der Bildung für die Zukunft unserer Gesellschaft. Fragen wie "Was ist der Westen?", ”Warum ist Europa eine Kulturgemeinschaft?", "Was ist nationale, was europäische Identität?" und "Wie können wir gemeinsam aus unserer Geschichte lernen und die Zukunft meistern?" markieren Problemstellungen, die ohne den geisteswissenschaftlichen Diskurs und den Pluralismus der Antworten, die damit verbunden sind, nicht sinnvoll behandelt werden können. Die Geisteswissenschaften sind ganz offensichtlich ein unverzichtbarer und daher selbstverständlicher Teil unserer modernen Kultur, die ohne sie nicht auskommen kann.

Der ganze Aufsatz erscheint in dem von Prof. Jörg-Dieter Gauger und Prof. Günther Rüther herausgegebenen Band "Warum die Geisteswissenschaften Zukunft haben! Ein Beitrag zum Wissenschaftsjahr 2007" welcher ab November im Handel ist.

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