„Kohl hätte Friedensnobelpreis verdient"

Interview mit dem KAS-Ehrenvorsitzenden Bernhard Vogel

Berlin, 25. Sept. 2012
Herausgeber: Passauer Neue Presse

Der Ehrenvorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, Professor Bernhard Vogel, sieht den vor 30 Jahren zum Bundeskanzler gewählten Helmut Kohl als eine der prägenden Politiker-Persönlichkeiten der Bundesrepublik. Das sagte er in einem Interview mit Rasmus Buchsteiner.

Lichtgestalt oder auch tragische Figur - wie wird Helmut Kohl in die Geschichtsbücher eingehen?

Bernhard Vogel: Er wird als zweiter großer Staatsmann der Bundesrepublik Deutschland nach Konrad Adenauer in Erinnerung bleiben. Er hat viel bewegt. Helmut Kohl hat frühzeitig die historische Chance der Deutschen Einheit erkannt und alles dafür getan, dass sie genutzt wurde. Menschen machen gelegentlich aber auch Fehler. Auch Helmut Kohl hat Fehler gemacht. Aber er bleibt eine der wenigen wirklich herausragenden Politikerpersönlichkeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Vor genau 30 fahren wurde Kohl Bundeskanzler. Ging es ihm damals allein um die Macht oder hatte er eine politische Vision?

Vogel: Helmut Kohl wurde vor allem deshalb Bundeskanzler, weil Helmut Schmidt gescheitert war. Er hatte es nicht vermocht, seinen Kurs in der SPD durchzusetzen. Helmut Kohl ist auch in CDU und CSU von nicht wenigen unterschätzt worden. Als er vor 30 Jahren antrat, wurde ihm nur eine kurze Amtszeit vorhergesagt. Da haben sich viele getäuscht. Herbert Wehner hat jedenfalls Recht behalten mit seiner Einschätzung, dass Kohl eine lange Amtszeit beschert sein würde.


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Kohl kündigte die „geistig-moralische" Wende an. War das nicht nur ein politisches Schlagwort?

Vogel: Helmut Kohl hatte eine Vision. Er trat als Erneuerer der Christlich-Demokratischen Union an. Kohl verstand unter der geistig-moralischen Wende die Rückgewinnung der Glaubwürdigkeit der Bundesrepublik. Es gab im westlichen Bündnis erhebliche Irritationen über den außenpolitischen Kurs der Bonner Regierung. Und die Bundesrepublik befand sich zudem auch noch in einer tiefen wirtschaftlichen Krise. Kohl, Hans-Dietrich Genscher und der Koalition aus CDU, CSU und FDP gelang es, nach der politischen Wende von 1982 eine wirkliche Aufbruchstimmung zu erzeugen.

Kohl regierte 16 Jahre, war erster Kanzler des wiedervereinigten Deutschlands. Und doch bleibt sein Umgang mit der CDU-Spendenaffäre hoch

umstritten. Wäre es nicht unbedingt notwendig gewesen, die Spendernamen zu nennen?

Vogel: Ich kenne die Spendernamen nicht und kann die Frage daher nicht beantworten. Natürlich war die Spendenaffäre ein Ärgernis. Sie belastet das öffentliche Bild von Helmut Kohl. In der Gesamtrückschau auf sein politisches Lebenswerk aber wird die Spendenaffäre zu recht in den Hintergrund rücken. Persönlich bereichert hat er sich nicht, nicht mit einem einzigen Pfennig.

Seit der Affäre ruht der CDU-Ehrenvorsitz - wäre es Zeit, Helmut Kohl das Amt wieder anzutragen?

Vogel: Ich halte nichts von solchen Debatten. Helmut Kohl sind im Herbst seines Lebens gesundheitliche Beschwerden leider nicht erspart geblieben. Die Frage nach dem Ehrenvorsitz stellt sich nicht mehr.

Werden die Verdienste Helmut Kohls zu wenig gewürdigt?

Vogel: Er verfügt über hohes Ansehen, auf allen Ebenen der Partei. Wo auch immer ich unterwegs bin und CDU-Veranstaltungen besuche, ist das zu spüren. Er ist nicht nur der Kanzler der deutschen Einheit, sondern auch der Europäischen Einigung. Die europäischen Verträge mögen vielleicht gewisse Konstruktionsfehler enthalten, auch mit Blick auf die gemeinsame Währung. Aber das Projekt der Vertieften europäischen Integration ist ohne Alternative. Ich würde mir wünschen, dass Helmut Kohls Verdienst als Europäer stärker zur Kenntnis genommen wird. Es wäre längst an der Zeit gewesen, Helmut Kohl für seine historischen Leistungen mit dem Friedensnobelpreis zu würdigen.

Angela Merkel war schon unter Helmut Kohl Ministerin. Was unterscheidet den

Regierungsstil der beiden?

Vogel: Frau Merkel ist eine erfolgreiche Schülerin von Helmut Kohl. Sie hat wie er die Gelassenheit, abzuwarten und nicht immer sofort zu entscheiden. Wenn sie sich einmal festgelegt hat, agiert sie als Bundeskanzlerin genau so entschlossen wie Helmut Kohl.

Kritiker sprechen davon, Kohl werde von seiner jetzigen Frau streng abgeschottet und er habe sich selbst von engen Weggefährten distanziert. Wie erleben Sie die Situation?

Vogel: Frau Kohl-Richter ist dafür zu danken, dass sie Helmut Kohl in aufopferungsvoller Weise pflegt und begleitet. Das ist für mich das Wichtigste. Alles andere steht dahinter zurück. Die Öffentlichkeit sollte sich mit dem politischen Wirken und der Lebensleistung Helmut Kohls auseinandersetzen und nicht auf Veröffentlichungen über sein Familienleben ausweichen.

Mit freundlicher Genehmigung der Passauer Neuen Presse.