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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Veranstaltungsberichte

Vortrag auf der Veranstaltung "Individualismus = Egoismus? Die neue Moral der Netzwerkkinder" am 23.10.2003 in Berlin

Vater Müller beglückt Frau und Sohn mit einem neuen Fernseher. Der bisherige ist zwar erst wenige Jahre alt und läuft eigentlich noch recht gut. Aber man gönnt sich ja sonst nichts. Und weil der Händler für das gebrauchte Gerät nur wenig zahlen will, landet es beim 13-Jährigen Max im Kinderzimmer. Das hat den Vorteil, dass es mit ihm abends nun keinen Stress mehr über das Programm gibt. Und Max freut sich. Endlich kann er das schauen, was er will.

Diese kleine Geschichte scheint sich in deutschen Familien oft zu ereignen. Jedenfalls verfügt nach den Feststellungen des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest inzwischen etwa die Hälfte der 13- bis 15-Jährigen über einen eigenen Fernseher in ihrem Zimmer. Von den 16-/17-Jährigen sind es knapp 70 Prozent. Und selbst von den 6-Jährigen unseres Landes ist schon fast jeder Vierte dabei. Beachtung verdient hier der Ost-West-Vergleich. In den neuen Bundesländern sind von den 6- bis 13-Jährigen 55 Prozent bereits stolze Besitzer eines eigenen Fernsehers in ihren Zimmern gegenüber 28 Prozent in Westdeutschland.

Ja, und? fragen da die fernsehfreudigen Eltern. Was ist daran falsch? Eine erste Antwort kann man den zahlreichen Repräsentativbefragungen entnehmen, die es inzwischen zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen gibt. Sie zeigen, dass sich durch die Verfügbarkeit über den eigenen Fernseher zunächst einmal die tägliche Fernsehdauer um etwa eine Stunde erhöht – werktags von zweieinhalb auf etwa dreieinhalb Stunden und an Wochenenden auf vier bis fünf Stunden. Diese Kinder verbringen damit bei uns pro Jahr mehr Zeit vor dem Fernseher als im Schulunterricht. Zu beachten ist: an 135 Tagen des Jahres haben sie schulfrei und außerdem gehen die meisten nur halbtags zur Schule.

Die 135 Tage, an denen man früh morgens ausschlafen kann, haben im Übrigen eine weitere Konsequenz. Vor allem die Jungen nutzen die Abende vorher dazu, bis weit in die Nacht hinein ohne Überwachung der Eltern das anzuschauen, auf was sie scharf sind – auf Filme nämlich, die von Experten des Jugendschutzes als jugendgefährdend eingestuft wurden und deswegen erst nach elf Uhr gesendet werden dürfen. Aktuelle Befragungen haben erbracht, dass inzwischen 56 Prozent der 12- bis 17-Jährigen Jungen häufig solche Filme anschauen. Von den Mädchen sind es nur 25 Prozent. Und das ist noch nicht alles. Die Jungen dominieren auch bei den Vielsehern. Bereits 1998 gaben im Rahmen einer Repräsentativbefragung 18 Prozent der männlichen Neuntklässler gegenüber 13 Prozent der weiblichen an, dass sie pro Tag mehr als vier Stunden vor dem Fernseher sitzen. Hinzu kommt, dass zwei Drittel der Jungen regelmäßig Computerspiele nutzt, die wegen ihres jugendgefährdenden Inhalts für unter 18-Jährige verboten sind. Auch hier sind die Mädchen nur mit 14 Prozent dabei.

Nimmt man alle drei Aspekte zusammen, so scheint es gerechtfertigt, davon zu sprechen, dass mindestens ein Fünftel der männlichen 12- bis 17-Jährigen in einen Zustand der „Medienverwahrlosung“ geraten ist. In ihrer Freizeitbeschäftigung dominiert das Anschauen von Gewalt- und Actionfilmen sowie die Nutzung von PC-Spielen mit jugendgefährdendem Inhalt.

Und welche Auswirkungen hat das alles auf die Betroffenen? Zunächst einmal verarmt ihre soziale Existenz. Wer pro Tag in seiner Freizeit mehr als vier Stunden vor dem Fernseher oder dem PC verbringt, der versäumt das Leben. Ihm verbleibt weder genug Zeit dafür, regelmäßig in einer Fußballmannschaft zu trainieren und dann am Sonntag vielleicht zu lernen, wie man anständig verliert. Noch hat er genug Zeit, um wochenlang in einer Band oder einem Orchester zu üben und dann die Freude des gelungenen Auftritts zu erleben. Und er versäumt den erbitterten Streit mit seinen Spielkameraden und die tolle Erfahrung, dass man danach Wege findet, sich wieder zu versöhnen. Zwischenbilanz: Seine soziale Kompetenz wird nicht voll entwickelt. Und das gilt selbst dann, wenn er nur Astrid Lindgren-Filme schauen würde. Übung macht nur dann den Meister, wenn sie im realen Leben stattfindet und nicht nur in der Phantasie.

Wer täglich stundenlang fernsieht hat zudem kaum noch Zeit, die schulischen Hausarbeiten konsequent zu erledigen. Außerdem bewegt er sich zu wenig. Das schädigt nicht nur den Körper sondern auch den Geist. Neurobiologen haben herausgefunden, dass die Entwicklung des Hirns leidet, wenn sich Kinder zu wenig körperlich austoben. Beachtung verdient ferner, was uns Hirnforscher zu den Auswirkungen exzessiven Fernsehkonsums auf die Lernprozesse von Kindern und Jugendlichen berichten. Sie erklären uns, dass das, was die Kinder in der Schule hören oder sich nachmittags zuhause an Schulwissen aneignen, zunächst im Kurzzeitgedächtnis landet. Der Prozess der Überführung in das Langzeitgedächtnis, also in das gesicherte Wissen, dauert danach mindestens zwölf Stunden und wird entscheidend davon beeinflusst, was das Kind in den Stunden nach dem Erlernen des Schulwissens emotional erlebt. Das Hirn reagiert sehr sensibel auf starke Gefühle. Es konzentriert seine Gedächtnisarbeit auf solche Eindrücke, die es emotional erheblich bewegen.

Wer nun am Nachmittag aufwühlende, schockierende Filmszenen betrachtet, die ihn völlig in den Bann ziehen, bei dem wird das gewissermaßen verdrängt, was vorher im Kurzzeitgedächtnis gespeichert wurde. Die schulischen Lerninhalte verblassen angesichts der emotionalen Wucht der filmischen Bilder. Und wer zudem den Fehler begeht, sich so einen Horror- oder Actionfilm kurz vor dem Einschlafen anzuschauen, der beeinträchtigt massiv den für den Aufbau des Langzeitgedächtnisses notwendige „Schlafarbeit“. Die Hirnforscher betonen, dass sowohl der traumintensive REM-Schlaf als auch der Tiefschlaf eine wichtige Funktion bei der Konsolidierung von Gedächtnisinhalten haben. Wir lernen tatsächlich im Schlaf – aber eben nur dann, wenn wir die aufwühlenden Bilder vor dem Einschlafen vermeiden.

Angesichts dieser Erkenntnisse und der oben dargestellten Daten zum Medienkonsum der Jungen kann es nicht verwundern, was sich aus den Schulstatistiken der letzten zehn Jahre ablesen lässt: Die Schulleistungen der Jungen werden immer schlechter. So dominierten vor zehn Jahren bei den Schulabbrechern noch die Mädchen mit 52 zu 48. 2002 lagen dagegen die Jungen mit 64 zu 36 vorn. Im Osten ist das Verhältnis sogar 66 Jungen zu 33 Mädchen. Dabei fällt auf, dass der Anteil der Schulabbrecher an allen Schulabgängern hier mit 12 Prozent deutlich über der Vergleichsquote von 8 Prozent im Westen liegt, während bei den Abiturienten die ostdeutschen Mädchen noch klarer dominieren als im Westen (57 bzw. 52 Prozent). Auch beim Sitzenbleiben bilden neuerdings die Jungen mit 60 zu 40 klar die Mehrheit. Zudem liegen heute bundesweit die Schulnoten der männlichen Gymnasiasten um fast 0,4 Notenpunkte hinter denen der Mädchen zurück.

Bei der Entstehung dieses wachsenden Leistungsunterschiedes spielen sicher auch andere Faktoren eine Rolle. Ein Beispiel ist die in den neunziger Jahren starke Zuwanderung von ethnischen Gruppen, in denen Jungen tendenziell verwöhnt und Mädchen dagegen zur strikten Disziplin angehalten werden. Die geschlechtsbezogenen Divergenzen schulischer Leistungen sind deshalb z. B. bei türkischen Jugendlichen noch ausgeprägter als bei deutschen. Die Befunde der Hirnforschung lassen aber wenig Zweifel daran, dass dem unterschiedlichen Medienkonsum von Mädchen und Jungen hier entscheidende Bedeutung zukommt.

Im Übrigen gibt es nicht nur im Hinblick auf die schulischen Leistungen eine steigende Diskrepanz von Jungen und Mädchen. Sie zeigt sich auch in polizeilichen und kriminologischen Statistiken. Der Unterschied in der Kriminalitätsbelastung von Jungen und Mädchen ist seit Mitte der achtziger Jahre beständig angewachsen. Zwar haben auch die Mädchen deutlich zugelegt. Beispielsweise hat der Anteil der 16-/17-Jährigen, die von der Polizei als Tatverdächtige registriert wurden, von 2,1 Prozent auf 3,7 Prozent zugenommen. Aber bei den Jungen ist dieser Anstieg weit stärker ausgeprägt (von 7,0 Prozent auf 12,5 Prozent). Noch krasser sind diese Unterschiede, wenn man sich auf die Entwicklung der Gewaltkriminalität konzentriert. Hier hat sich die Differenz der Tatverdächtigenquoten seit Mitte der achtziger Jahre um fast das Dreifache erhöht. Das kann nicht überraschen, weil schlechte Noten nun einmal das Risiko erhöhen, in die Jugendkriminalität abzurutschen. Wer in der Schule keine Erfolgserlebnisse hat, sucht sie sich eben woanders.

Zwischen dem exzessiven Konsum von Gewaltfilmen und der Jugenddelinquenz gibt es offenbar noch einen anderen Zusammenhang. Die Befunde aus neueren Untersuchungen sprechen dafür, dass sich bei einer kleinen Risikogruppe von fünf bis zehn Prozent der männlichen Jugendlichen solche Filme unmittelbar auf ihre persönliche Gewaltbereitschaft auswirken. Bei diesen Jugendlichen, die aufgrund von familiären und sozialen Belastungsfaktoren (also zum Beispiel innerfamiliärer Gewalt, emotionale Vernachlässigung oder Schulversagen) als besonders gefährdet einzustufen sind, können exzessive Gewaltszenen direkt als Identifikations- und Handlungsmuster fungieren. Extrembeispiel ist hier der 19-Jährige Schüler Robert Steinhäuser aus Erfurt. Nach schulischem Misserfolg lief der Fan von Action-Filmen, Ego-Shooter Spielen und aggressiven Musiktiteln Amok in seiner Schule und tötete sechzehn Menschen.

Und was ist dagegen zu tun? Amerikanische Wissenschaftler der Stanford-University haben versucht, auf diese Frage eine Antwort zu entwickeln. An zwei Schulen läuft dort zur Zeit ein interessantes Feldexperiment. In einer Koppelung von schriftlichen Informationen für die Eltern und sorgfältig vorbereiteten Unterrichtseinheiten in der Schule, werden dort 9-Jährige Schüler selber dazu angehalten, freiwillig ihren Fernsehkonsum einzuschränken. Daneben gibt es eine gleich große Kontrollgruppe von 9-Jährigen an anderen Schulen, die in keiner Weise an dem medienpädagogischen Experiment beteiligt sind. Bereits nach einem halben Jahr konnte bei der erstgenannten Gruppe eine deutliche Reduzierung des Fernsehkonsums sowie eine signifikant geringere Aggressivität der Schüler festgestellt werden. In der Kontrollgruppe war dagegen alles beim Alten geblieben. Zu der Frage, ob auch die Schulleistungen der 9-Jährigen in der Experimentalschule besser geworden sind, sind erste Ergebnisse Ende dieses Jahres zu erwarten.

Das Experiment der Stanford-Wissenschaftler hat eine Gruppe von Neurobiologen, Medienwissenschaftlern und Kriminologen aus Delmenhorst, Magdeburg und Hannover dazu angeregt, in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt einen noch größer angelegten Modellversuch zu planen. Wir wollen neben den 9-Jährigen auch 12-Jährige und 15-Jährige einbeziehen und auf diese Weise systematisch klären, welche Chancen dafür bestehen, Kinder, Jugendliche und ihre Eltern zu einem vernünftigen Umgang mit den Medien zu motivieren. Die Hoffnung, dass wir mit diesem Projekt positive Wirkung erzielen, ist freilich nicht nur in den Mut machenden Befunden des Stanford-Experiments begründet. Sie beruht auch darauf, dass sich neuerdings in Deutschland an der Basis Bürgerinitiativen von Eltern und Lehrern gebildet haben, die gemeinsam die beschriebene Medienverwahrlosung von Kindern und Jugendlichen bekämpfen wollen. In Osnabrück beispielsweise ist eine solche Initiative unter dem Dach der Katholischen Frauengemeinschaft entstanden, im Landkreis Elsterwerda im Süden Brandenburgs haben sich Elterngruppen von mehreren Schulen zusammengetan. Den Eltern ist dabei eines wohl bewusst: es reicht nicht aus, die Fernseher aus den Kinderzimmern zu entfernen und die PC-Nutzung der Sprösslinge besser zu kontrollieren. Wir müssen es schaffen, den Kindern und Jugendlichen Lust auf Leben zu vermitteln, die sie dagegen schützt, ihre Freizeit vornehmlich mit problematischem Medienverhalten auszufüllen.

Selbst wenn das Projekt seine Ziele voll erreichen und bundesweite Nachahmung finden sollte, wären damit freilich die oben dargestellten Probleme nur partiell gelöst. Um den dargestellten Zusammenhang zwischen der wachsenden Medienverwahrlosung von Kindern und Jugendlichen und den daraus erwachsenden Folgen zu unterbrechen, benötigen wir sowohl eine offene Debatte der angeschnittenen Themen wie auch konsequente Reformansätze. So kann das für unser Land typische Missverhältnis, dass Kinder und Jugendliche mehr Zeit vor ihren Fernsehern und PC-Bildschirmen verbringen als im Schulunterricht, durch eine deutliche Erhöhung der Zahl von Ganztagsschulen nachhaltig verändert werden. Vor allem die Kinder und Jugendlichen aus Familien, die aus finanziellen oder sonstigen Gründen nicht in der Lage sind, nachmittags ein attraktives Alternativangebot zur Medienverwahrlosung auf die Beine zu stellen, wäre die Ganztagsschule eine große Hilfe. Zur Medienerziehung von Kindern und Jugendlichen gibt es zudem die Schau-Hin-Initiative, zu der sich das Bundesfamilienministerium und das ZDF zusammengeschlossen haben. Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Vielleicht ließe er sich zu einer Sendereihe mit dem Titel „Der 8. Sinn“ ausweiten. Der „7. Sinn“ bringt den Bürgerinnen und Bürgern die Verkehrserziehung nahe. Und der „8. Sinn“ könnte mit kurzen, informativen Filmbeiträgen verdeutlichen, was Eltern im Umgang mit Kindern und Jugendlichen falsch und richtig machen können – und dies nicht nur im Hinblick auf Fernsehen und PC sondern generell.

Als ich noch Justizminister Niedersachsens war, hatte ich zur Verbesserung des Jugendmedienschutzes einen anderen Weg erprobt. Die sechzig führenden Werbepartner der privaten Fernsehsender hatten von mir einen Brief erhalten, indem ich zunächst die oben dargestellten Zusammenhänge erläuterte. Gestützt auf diese Argumente hatte ich dann angefragt, ob die Unternehmen in Zukunft nicht darauf verzichten wollen, in den nächtlich ausgestrahlten jugendgefährdenden Gewalt- und Horrorfilmen zu werben. Zu meiner Freude waren Volkswagen, Toyota, Microsoft, Hansa Saturn und zwölf weitere Firmen durchaus bereit, sich einer solchen Initiative anzuschließen. Die große Mehrheit der Unternehmen lehnte das aber ab oder antwortete überhaupt nicht. Daneben empfehle ich zur Unterstützung dieser verschiedenen Ansätze einen radikalen Weg: das Verbot der Fernsehausstrahlung von Filmen, die von der Freiwilligen Selbstkontrolle wegen ihres jugendgefährdenden Inhalts erst ab 18 freigegeben sind. Erwachsene, die solche Gewaltexzesse und scharfe Pornostreifen unbedingt sehen wollen, können ja ins Kino gehen oder sich den Film als Video beschaffen. Angesichts der Fernseher in den Kinderzimmern bleibt meines Erachtens kein anderer Weg als dieser, wenn wir unsere Kinder und Jugendlichen vor der destruktiven Wucht solcher Bilder schützen wollen. Im Grunde müssen wir doch nur die Botschaft ernst nehmen, die Johann Wolfgang von Goethe uns vor mehr als 200 Jahren in den „Zahmen Xenien“ auf den Weg gegeben hat:

Dummes Zeug kann man viel reden
Kann es auch schreiben.
Wird weder Leib noch Seele töten.
Es wird alles beim Alten bleiben.

Dummes aber vors Auge gestellt
Hat ein magisches Recht.
Weil es die Sinne gefesselt hält,
bleibt der Geist ein Knecht.


(Dieser Text ist als Essay in leicht abgewandelter Form in der ZEIT Nr. 39 vom 18.09.2003 erschienen.)

Kontakt

AbbildungChristine Henry-Huthmacher ›
Koordinatorin für Familien- und Frauenpolitik
Tel. +49 2241 246-2293
Christine.Henry-Huthmacher(akas.de


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