Die Bedeutung der UN-Weltkonferenz gegen Rassismus für Indien

Helmut Reifeld, Länderberichte, Sankt Augustin, 12. Okt. 2001
Hrsg.: Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.

Bereits seit Anfang dieses Jahres wird in Indien eine erbitterte und äußerst kontroverse öffentliche Debatte darüber geführt, ob das Land aufgrund seines Kastensystems von den Vereinten Nationen auf die Anklagebank gesetzt werden darf. Während es vordergründig um die akademische Frage ging, was Kasten und Rassen voneinander unterscheide, konzentrierte sich die Diskussion mehr und mehr auf Fragen des indischen Selbstwertgefühls, seiner Autonomie und seiner kulturellen Identität.

Vom 31. August bis zum 7. September fand in Durban (Südafrika) die "World Conference against Rascism, Racial Discrimination, Xenophobia and related Intolerances" (WCAR) statt. Es handelte sich - nach 1978 und 1983 in Genf - um die dritte Weltkonferenz der Vereinten Nationen zu diesem Themenbereich. Doch ebenso wie bei ähnlichen Anlässen gab es auch bei der Vorbereitung der Konferenz in Durban Streit darüber, was auf die Tagesordnung kommen soll und was nicht. Die beiden umstrittensten Fälle waren der Versuch einiger arabischer Staaten, Israel wegen seines "Zionismus" anzuklagen und das Bemühen einer breiten Bewegung indischer Intellektueller und Menschenrechtsgruppen, das indische Kastensystem gewissermaßen noch als eine Steigerung des Rassismus zu brandmarken. Spätestens mit dem Beginn der Konferenz stand jedoch nur noch Israel im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit, während das indische Kastenproblem lediglich außerhalb des Konferenzsaals diskutiert wurde. Obwohl Nepal und Sri Lanka ihre Bereitschaft signalisiert hatten, die Unterdrückung von Kasten, die auch im 21. Jahrhundert noch fortbesteht, in Durban zu thematisieren, insistierte die Regierung in New Delhi darauf, dass es sich hierbei um eine rein "interne Angelegenheit" handelt, die nicht Gegenstand internationaler Tagungen sein könne.

Dabei hätte es auch von Seiten der Vereinten Nationen durchaus einen berechtigten Anspruch gegeben, die Praxis des Kastensystems in Südasien zu thematisieren. Bereits seit Jahren wurde in zahlreichen Komitees, Arbeitsgruppen und Ausschüssen der UN die Forderung erhoben, die Kastendiskriminierung in Südasien eingehend zu untersuchen. Da nämlich auch der "Human Development Report" der UNDP sich bisher dieses Themas nicht angenommen hat, gibt es auf dieser Ebene keine verbindliche Gesamtdarstellung der tatsächlichen Sachlage. In seiner Begrüßungsansprache zählte deshalb der südafrikanische Präsident, Thabo Mbeki, das Kastenwesen zu den Entscheidungsformen von Intoleranz, die in die Diskussion einbezogen werden müssen.

Die indische Regierung erreichte jedoch Einvernehmen mit den Veranstaltern der Konferenz in Durban darüber, dass es keinen dringenden Bedarf für eine internationale Problematisierung des Kastenphänomens gebe. Nach intensiven Auseinandersetzungen im Vorfeld wurde das Thema nicht auf die Haupttagesordnung gesetzt, sondern auf eine vorgeschobene Begleitveranstaltung, dem sogenannten "NGO Forum", abgeleitet. Auf dieser halboffiziellen Ebene wurde das Kastenwesen dann allerdings als "systematischer Genozid" verurteilt. Im offiziellen Abschlussdokument hingegen blieb es - trotz der wochenlangen Agitation durch die Vertreter der Kastenlosen, von den 150 nach Durban gereist waren - unerwähnt.

Die Agitation in Indien

In Indien ist demgegenüber die Zahl derjenigen, die sich in dieser Frage seit langem mehr internationale Aufmerksamkeit wünschen, immens. Vor zwei Jahren zum Beispiel hatten Hunderte von Menschenrechtsgruppen in Indien 2,5 Millionen Unterschriften gesammelt und Premierminister Vajpayee eine Petition übergeben, in der Maßnahmen gegen die Unterdrückung der Unterkasten gefordert wurden. Unterstützt von Amnesty International, wurde diese Petition seinerzeit als ein "Fall verdeckter Apartheid" auch an die Vereinten Nationen weitergeleitet (The Hindu, 27.7.01).

Im Vorfeld der Konferenz in Durban erinnerten diese Gruppen jetzt daran, dass in der Zwischenzeit von Seiten der indischen Regierung nichts in dieser Richtung getan worden sei. Unterstützt von einer breiten Pressekampagne, zahlreichen Akademikern und "social activists", wiederholten sie ihre Forderungen und betonten, dass das Kastensystem in Südasien schlimmer sei als Rassismus. Eine seit diesem Sommer häufig verwendete Formulierung lautet: "caste is race plus". Gleichzeitig hat sich eine große und über ganz Indien verbreitete Protestbewegung gebildet, die fordert, dass das Problem der "Dalits" offensiver angegangen werden müsse als je zuvor und dass die internationale Öffentlichkeit den nötigen Druck hierfür verstärken müsse.

"Dalit" ist die Selbstbezeichnung der Kastenlosen oder auch der "Unberührbaren" - wie sie früher genannt wurden. Diese Bezeichnung ist von dem Sanskrit-Wort "dal" abgeleitet, was "zerbrochen" oder "unterdrückt" bedeutet. Die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe ist durch die Geburt vorgegeben. Die Zahl der Dalits wird allein für Indien auf mindestens 150 Millionen, für ganz Südasien vermutlich auf 250 Millionen geschätzt. Drei Viertel von ihnen leben unterhalb der Armutsgrenze. Über Südasien hinaus findet sich das Phänomen der Unberührbarkeit in der gesamten indischen Diaspora sowie in Süd Korea und in Gestalt der "Burakumin" in Japan. Wichtig ist auch, dass Dalits keineswegs nur unter Hindus zu finden sind; es gibt sie auch unter Muslimen, unter Christen und unter Kommunisten. Und schließlich darf nicht übersehen werden, dass das Kastenwesen auch innerhalb der Dalits selber praktiziert wird.

Die Dalits werfen speziell der derzeitigen indischen Regierung vor, durch ihre hindunationalistische "Hindutva"-Politik ein "faschistisches" Klima zu verbreiten und die Überlegenheit der "arischen Rasse" zu propagieren. Unterstützt werden sie dabei teilweise sogar auch aus den Reihen des religiösen Hinduismus, dem es wichtig ist zu betonen, dass die Diskriminierung von Unberührbaren ein soziales Phänomen darstellt und nicht aus den heiligen Texten des Hinduismus begründet werden kann (The Hindu, 24.7.01). Swami Agnivesh zum Beispiel, einer der führenden und international anerkannten Intellektuellen der "Arya Samaj", hat gefordert, dass der Anlass der UN-Konferenz in Durban aufgegriffen werden müsse, nicht um die indische Kultur schlecht zu machen, sondern um voranzukommen im Kampf gegen eines der größten sozialen Übel in Südasien (The Hindu, 28.05. und 3.06.01).

Zu einem heftigen Streit unter Akademikern führten im Frühjahr d. J. die Hinweise des berühmten Soziologen André Béteille, dass der Rassenbegriff ebenso klar definiert sei wie der Kastenbegriff und beide analytisch nicht miteinander vermischt werden dürften. Vor allem von Seiten seiner linken Kolleginnen und Kollegen, die versuchen, "Kasten als eine Art von Rasse" (The Hindu, 27.3. und 18.07.01) darzustellen, wurde er daraufhin teilweise als senil, teilweise als "Faschist" beschimpft. Andere betonten, dass zwar sowohl historisch als auch etymologisch der Rassen- und der Kastenbegriff nahe beieinander lägen, deutlich zu unterscheiden sei jedoch im 20. Jahrhundert zwischen genuinen Rassen und Rassismus. Diejenigen, die versuchten zu vermitteln, hoben vor allem auf die politische Ebene ab. Auch wenn es zwischen Kasten und Rassen deutliche Unterschiede gebe, betont zum Beispiel Rajeev Dhavan, bekannter Richter am Supreme Court, sollten angesichts des "horror of India's apartheid" beide in Durban gleich behandelt werden (The Hindu, 24.8.01).

Die Haltung der Regierung

Der Widerstand der indischen Regierung hiergegen ist freilich beachtlich. Ihre beiden Hauptargumente sind zum einen, dass Kasten und Rassen zwei völlig verschiedene Kategorien seien; und zum anderen, dass das Kastenproblem eine rein innerstaatliche und zum Teil auch kulturelle Angelegenheit sei. Während zum Beispiel das Apartheid-Regime in Südafrika eindeutig kolonialen Ursprungs sei, reichten die Wurzeln des Kastensystems drei tausend Jahre weit zurück. Und auch die Kastenlosen bildeten einen immanenten Bestandteil der indischen Gesellschaft (The Hindu, 27.8.01).

Aus der Sicht der derzeitigen hindunationalistischen Regierung besteht die Voraussetzung für Rassismus darin, dass eine von außen kommende und deshalb von ihrem Ursprung her "physiologisch andere" Bevölkerungsgruppe diskriminiert werde. Dies sei bei den Unterkasten keineswegs der Fall. Auch Höherkastige würden niemals behaupten, dass Dalits nicht Teil der hinduistischen Kultur seien. Im Gegenteil: Für sehr viele Vertreter der hinduistischen Basisorganisationen ist Unberührbarkeit nach wie vor ein genuiner Bestandteil ihres Selbstverständnisses. Giriraj Kishore zum Beispiel, der Generalsekretär der rechtsradikalen "Vishwa Hindu Parishad" (des "Weltrats der Hindus"), geht soweit zu behaupten, dass "Rassismus" im Grunde nur das Verhalten der Weißen gegenüber den Farbigen sei. Demgegenüber sei das Kastensystem ein uraltes Ordnungsmodell, um das Zusammenleben in der Gesellschaft zu regeln. Dies könne von keinem Gericht der Welt abgeschafft werden, und der Versuch es abzuschaffen sei eine Verletzung der kulturellen Rechte Indiens (Deccan Chronicle, 13.05.01).

Darüber hinaus ist es für die indische Regierung völlig inakzeptabel, sich von einem Tribunal der Vereinten Nationen öffentlich anklagen zu lassen, während das Land gleichzeitig einen Sitz im UN-Sicherheitsrat beansprucht. Hinzu kommt die Gefahr der Ausuferung. Wenn Indien es heute akzeptiere, die Situation der Dalits vor einem internationalen Forum diskutieren zu lassen - so formulierte es ein Sprecher der Regierung in einem Fernsehinterview-, dann geschehe das gleiche morgen mit den Muslims oder den Christen und übermorgen mit den fragen. Was die Zurückweisung jeglicher "Einmischung in innere Angelegenheiten" betrifft, ziehen China und Indien durchaus an einem Strang. Im Unterschied zu China kann Indien jedoch zugleich auf seine rechtsstaatlichen Grundlagen verweisen, die sich in 50 Jahren demokratischer Regierungen bewährt haben.

Die rechtliche Ebene

In der indischen Verfassung steht die Kastenzugehörigkeit auf einer Stufe mit der Religion, der Rasse sowie dem Geschlecht und darf nicht als Unterscheidungskriterium benutzt werden (Artikel 15). Artikel 16 verbietet es, bestimmte Zugangsrechte über die Kastenzugehörigkeit zu bestimmen, was freilich umgekehrt den Zugang über Quotierungen nicht ausschließt. Und Artikel 17 erklärt schließlich sogar die "Unberührbarkeit" für abgeschafft. Dennoch gibt es faktisch viele öffentliche Bereiche, in denen Dalits so gut wie gar nicht auftauchen, wie vor allem in der Armee und bezeichnenderweise auch im Fernsehen.

Obwohl Indien bereits 1969 die "Convention on the Elimination of all forms of Racial Discrimination" (CERD) unterzeichnet hat, wurde erstmals 1996 in dem entsprechenden Komitee die Kastenfrage thematisiert. In einer Regierungserklärung hieß es daraufhin, dass die Kastenstrukturen nicht Sache von CERD seien, da es sich bei Kasten eben nicht um Rassen handle.

Alle indischen Regierungen seit der Unabhängigkeit haben bisher auf das Dalit-Problem nur mit Quotenregelungen reagiert. Während die Verfassungsväter ursprünglich annahmen, dass diese Form der garantierten Zugangsrechte zu öffentlichen Ämtern, zu Studienplätzen oder öffentlich finanzierten Berufen allenfalls für etwa drei Jahrzehnte nötig sein würde, haben sie inzwischen solche Ausmaße angenommen, dass das oberste Verfassungsgericht sich schon vor Jahren gezwungen sah, die jeweilige Summe von eingeräumten Quoten auf 50 Prozent zu begrenzen. Gleichzeitig wird kritisiert, dass Quotenregelungen dazu beitragen, das Problem zu perpetuieren. Als zum Beispiel die Landesregierung von Uttar Pradesh im August dieses Jahres ankündigte, weitere Berufsmöglichkeiten für Unterkastige zu reservieren, haben alle möglichen "mittleren" Kasten beantragt, als "unterkastig" bzw. "most backward" eingestuft zu werden.

Alltägliche Diskriminierung:

Seit seiner Unabhängigkeit wird Indien bereits über ein halbes Jahrhundert lang auf der Grundlage einer alles in allem bewährten Verfassung demokratisch regiert. Obwohl diese Verfassung von Anfang an versprach, die bestehenden Kastenunterschiede zu überwinden, prägen diese bis heute das öffentliche Zusammenleben, verursachen Gewalt und diskriminieren große Teile der Bevölkerung. Trotz der ungezählten Versprechungen aller bisherigen Regierungen hat sich die Lage der meisten Dalits auch am Beginn des 21. Jahrhunderts kaum verbessert.

Wahrscheinlich muss das Kastensystem als eines der größten sozialen Hindernisse für die Ausbildung einer Zivilgesellschaft in Indien angesehen werden. Denn unter den meisten Beobachtern besteht Konsens darüber, dass die Alltäglichkeit, ja geradezu die "Normalität" der Gewalt gegen Dalits erschütternd ist. Täglich und fast überall in Südasien werden Dalits verprügelt, verkrüppelt und zu unbezahlter Arbeit gezwungen. Viele von ihnen finden nur Arbeit als Straßenfeger oder Latrinenreiniger. Im Durchschnitt werden in Indien in jeder Stunde zwei Dalits Opfer von Gewalt; an jedem Tag werden drei Dalit Frauen vergewaltigt und zwei Dalits getötet (Lokmat Times, 13.08.01). Dies sind jedoch nur die offiziellen, polizeilich erfassten Zahlen, von denen wiederum nur 1,14 Prozent mit einem rechtskräftigen Urteil enden. Die Dunkelziffer der Verbrechen gegen Dalits dürfte etwa drei bis fünf mal so hoch liegen.

Was nicht von der Polizei, sondern allenfalls von den Menschenrechtsgruppen erfasst wird, sind die "normalen", alltäglichen Demütigungen. An vielen Orten in Indien, vor allem in ländlichen Gebieten, wird Dalits an der Straße kein Tee verkauft, bekommen sie beim Frisör keinen Haarschnitt und werden auch in anderen Geschäften nicht bedient. Viele Hotels haben zwei Sorten von Gläsern: eine für Dalits und eine für Nicht-Dalits. Regelmäßig werden in der regionalen Presse für die Gewalt gegen oder gar die Ermordung von Dalits Höherkastige verantwortlich gemacht - in der Regel ohne weitere Folgen. In Rajasthan zum Beispiel, dem attraktivsten Urlaubsziel aller Touristen, werden in vielen ländlichen Gegenden Unberührbare strikt separiert: Sie haben eigene Brunnen, eigene Geschäfte und eigene Tempel. Anfang Juni dieses Jahres wurde in der Nähe von Bhilwara ein Dalit zu Tode geprügelt, weil er an einem Schrein gebetet hatte, der für Höherkastige reserviert war (Indian Express, 11.06.01). Damit hatte er nicht so sehr religiöse Schranken überschritten, sondern primär soziale.

Im Bundesstaat Uttar Pradesh berichtet die Polizei zur Zeit von zunehmenden Ausschreitungen gegen Dalits, seit dort im Juni der Wahlkampf für die Landtagswahlen begonnen hat. Mitte Juni wurden in den beiden Dörfern Jehrana (nahe Aligarh) und Hasanpur (nahe Fatehpur) ganze Dalit Familien von höherkastigen Thakurs getötet, weil sie aufgrund ihres wirtschaftlichen Aufstiegs gleichrangige Rechte beanspruchten. Diese Vorfälle fanden ein breites Presseecho, weil nur ein kleiner Teil der Tatverdächtigen verhaftet worden war, und vor allem, weil die verantwortliche BJP-Regierung von Uttar Pradesh nicht bereit war, sich zu diesen Vorfällen zu äußern (Frontline, 20.07.01).

Häufige Benachteiligungen werden in der letzten Zeit im Falle der Kandidatur von Dalits bei Panchayati Raj-Wahlen gemeldet. Diese Wahlen zu den lokalen Selbstverwaltungskörperschaften sind erst im Zuge der erweiterten Gesetzgebung von 1993 maßgeblich demokratisiert worden. Dabei bekommen Kandidaten aus den Reihen der Dalits zwar leicht die erforderliche Zahl an Stimmen, aber sie werden massiv bei Verfahrensfragen schikaniert. Ihnen werden fünffach überhöhte Einschreibegebühren auferlegt, Fristen nicht mitgeteilt oder sie erhalten schlichtweg nicht das Wort. Doppelt betroffen sind hiervon die weiblichen Vertreter, die ihre Kandidatur der Quotenregelung verdanken, aber sowohl von den Höherkastigen als auch aus den eigenen Reihen unter Druck gesetzt werden. Da für sie Kandidaturen sehr schnell zu einer finanziellen Überbürdung werden, ziehen sie diese in der Regel sehr rasch wieder zurück.

Bleiben die Kasten Indiens Schicksal?

Analysen des Kastensystems und die entsprechende Theoriebildung haben in Indien eine große Tradition und bilden einen der best erforschten Bereiche des öffentlichen Lebens. Die Leichtigkeit, mit der sich das negative Erscheinungsbild des Kastenwesens beschreiben lässt, sollte die internationale Öffentlichkeit aber nicht dazu verführen, seine Stabilität und Veränderungsresistenz zu unterschätzen. Ältere Darstellungen aus der Kolonialzeit beschreiben das Kastenwesen zusammen mit der Großfamilie und der Dorfgemeinschaft als die seit Jahrhunderten, wenn nicht seit Jahrtausenden bestehenden drei Säulen, auf denen die Kohärenz der indischen Gesellschaft basiert. Obwohl neuere Forschungen die große Fluidität und Variationsbreite des Kastensystems betonen, wagen sie es nicht, Prognosen zu formulieren, ob innerhalb einer überschaubaren Zeit Gleichheitsvorstellungen, die von außen (aus dem Westen) herangetragen werden, an seine Stelle treten könnten.

Mit dem Kastensystem verfügt Indien weltweit über das am stärksten ausdifferenzierteste System sozialer Schichtungen in der Gesellschaft. Allein unter den Dalits geht die Zahl der Teil- oder Subkasten in die Hunderte. Obwohl es inhaltlich sehr schwer fassbar ist, bildet es wahrscheinlich eines der größten Hindernisse auf dem Weg des Landes zu einer "Zivilgesellschaft" westlicher Prägung. Es wirft sowohl in der Vielfalt seiner sozialen Erscheinungsformen als auch in seiner erstaunlichen Kraft, sich zu regenerieren, immer neue Fragen auf und verschließt sich deshalb für viele einer Gesamtbewertung. Ältere Beschreibungen des Kastenwesens, wie zum Beispiel das klassische Werk von Louis Dumont, "Homo Hierarchicus" von 1966, kranken daran, daß sie ihm erstens eine Ideologie unterlegen, die es ursprünglich nicht gegeben hat, es zweitens viel zu statisch beschreiben und drittens aus einer brahmanisch geprägten Perspektive von oben. Unter den jüngsten Analysen, die sich bemühen, dieses Bild zu korrigieren, verdienen vor allem Susan Bayly und Dipankar Gupta hervorgehoben zu werden.

Zwar ist die Vielfalt bestehender Kastenunterschiede heute wahrscheinlich größer als je zuvor, aber ihre Geltung und Akzeptanz kann von Kaste zu Kaste sehr unterschiedlich sein, so dass allgemeine Differenzierungen und Ordnungskategorien kaum noch möglich sind. Insgesamt gibt es heute in Indien mindestens so viele gesellschaftliche Hierarchien wie es Kasten gibt, und die Bewertung von Zugehörigkeiten ist nicht nur eine soziale, sondern eine äußerst politische Maßnahme. Kein Wissenschaftler in Indien würde heute noch den Versuch unternehmen, eine allgemein gültige Kastenhierarchie entwerfen zu wollen. Es gibt keinerlei Konsens darüber, wer hierarchisch welche Position in der Gesellschaft einnehmen darf, und jede Form von Differenzierung schafft neue Hierarchien.

Im Vorfeld der Konferenz von Durban ist vielfach der Eindruck erzeugt worden, als ob es sich bei den Dalits um eine homogene Bevölkerungsgruppe handle, die "rassistisch" ausgegrenzt würde. Dieser Eindruck ist simplistisch und beschreibt nur die halbe Wahrheit, denn sowohl die Grenze zu den Dalits als auch die Unterschiede zwischen ihnen sind zumindest politisch und ökonomisch äußerst fließend. Einige Sub-Kasten (Sub-Rassen?) waren in den vergangenen Jahren sehr viel geschickter darin, politische Optionen zu nutzen, als andere. Auch gibt es unter den Dalits vor allem in den Großstädten ausgeprägte Machtstrukturen und ökonomisch wohlhabende Mittelschichten, die sich gerne die Schuhe der Interessenvertretung anziehen. Darüber hinaus werden viele Bewertungen von politischen Vorgaben bestimmt, und viele politische Entscheidungen in Indien orientieren sich stärker an den Gruppenzugehörigkeiten der betroffenen Bevölkerungsgruppen als zum Beispiel an der Würde des Individuums. Gleichzeitig gibt es aber keinen zwingenden Zusammenhang zwischen der Kastenzugehörigkeit und dem Wahlverhalten und insbesondere die vermeintliche Dominanz der Brahmanen ist heute mehr umstritten denn je.

Vor diesem Hintergrund sind Zweifel daran berechtigt, ob Durban der richtige Ort ist, um einer Überwindung des Kastensystems näherzukommen. Insbesondere unter den moderaten Intellektuellen mehren sich die Stimmen, die zu bedenken geben, daß tatsächliche Veränderungen letztlich nur in Delhi bewirkt werden können. Es gebe zwar in der Tat eine Menge schmutziger Wäsche zu waschen, schreibt der P. V. Indiresan, der frühere Direktor des IIT in Chennai, aber dies könne wesentlich effektiver in Delhi geschehen als vor dem Weltforum in Durban. Er befürchtet, dass internationaler Druck in dieser Sache eher das Gegenteil bewirkt (The Hindu, 31.8.01). Nur in Delhi könne ein Prozeß in Gang gesetzt werden, der zum Beispiel als erstes die Eigentumsrechte für Dalits reformiert, dann spezielle Einkommen schaffende Maßnahmen fördert und schließlich gezielt Vorurteile bekämpft. Was aber letztlich von den Dalits selber kommen müsse, betont Dipankar Gupta, Autor mehrerer Bücher über das Kastensystem, sei geistige und politische Führung. Insbesondere die Menschenrechtsgruppen in Indien sollten aufhören, diese immer nur aus dem Westen zu erwarten (Times of India, 18.8.01).

Seit dem Freiheitskampf sind die führenden Intellektuellen in Indien stolz auf ihr Engagement gegen Unterdrückung und Diskriminierung. Darüber hinaus reagiert die staatstragende Elite zunehmend sensibel, wenn sich Kritik aus dem Westen allzu massiv gegen das eigene Land richtet (The Hindu, 10.06.01). Und im Falle der WCAR in Durban kommt hinzu, dass diese Konferenz Indien mit einer doppelten Ironie seiner eigenen Geschichte konfrontiert: Zum einen gehörte Indien 1950 zu ersten Staaten, die ihren Protest gegen die Apartheid in Südafrika vor die Vereinten Nationen brachten und das Land zählte in den folgenden Jahrzehnten zu den entschlossensten Gegnern dieses Rassismus. Zum anderen ist Durban der Ort, an dem Mahatma Gandhi 1894 seinen Freiheitskampf begann. Es ist verständlich, wenn es für viele Inder nicht zusammen passt, dass ihr Land dort auf die Anklagebank gesetzt werden sollte.

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