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"Man muss positive Beispiele schaffen"

Simone Stein-Lücke im Interview über die Erfolgsfaktoren bei der Flüchtlingsaufnahme

20. Apr. 2015


Simone Stein-Lücke, Bezirksbürgermeisterin in Bad Godesberg, hat gute Erfahrungen mit der Flüchtlingsaufnahme in ihrer Gemeinde. Die Aufnahme von Flüchtlingen müsse für die Anwohner so transparent wie möglich umgesetzt werden. Manche könnten sich außerdem noch an die eigene Flüchtlingsvergangenheit nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern. Wichtig sei es, nicht abzuwarten, sondern Gleichgesinnte zu suchen und Begegnungen zu organisieren. So hat die Bürgermeisterin aus Bad Godesberg zum Beispiel in Handwerkern und Gastronomen aus ihrer Gemeinde starke Partner gefunden.

Frau Stein-Lücke, wann stand fest, dass sich in Ihrem Bezirk etwas verändern wird? Und wie haben die Menschen darauf reagiert?

Als im Herbst 2014 die Flüchtlingszahlen noch einmal rasant anstiegen und die Pufferkapazitäten des Landes NRW nicht mehr ausreichten, war klar, dass Notunterkünfte vorübergehend für Entlastung sorgen müssen. Das zur Verfügung stehende Gebäude in Bad Godesberg liegt in einer gehobenen Wohngegend und da es nun mal keine wirkliche Unterkunft ist, waren die Bürger in der Umgebung besorgt darüber, inwiefern sich das bekannte Umfeld nun ändern wird. Teilweise wurden falsche Meldungen weitergegeben, z.B. dass jetzt am Straßenrand „Dixi-Toiletten“ aufgestellt werden.

Die meisten dieser Sorgen konnten wir beseitigen, in dem wir von Anfang an darauf gesetzt haben die Anwohner bestmöglich zu informieren. Mehrere Veranstaltungen im Vorfeld sowie die Einladung zum Besuch der Unterkunft, bevor die ersten Flüchtlinge untergebracht wurden, sind sehr gut angekommen und positiv aufgenommen worden. Die lokalen Medien und ortsansässigen Bürger haben einen Überblick erhalten, was auf dem Gelände passiert und wie es dort aussehen wird. Somit konnte ihnen ein Großteil der Ängste und Befürchtungen genommen werden.

Die Godesberger Maßnahmen zur Flüchtlingsunterbringung gehen aber über die einfache Zurverfügungstellung von Wohnraum hinaus. Können Sie uns darüber etwas mehr erzählen?

Natürlich wollen wir nicht, dass die Menschen nur in ihrer Unterkunft sitzen. Wir haben alle ein Interesse daran uns anzunähern und gemeinsam miteinander auszukommen. Die einheimischen Bräuche und Lebenskultur kennenzulernen ist dabei enorm wichtig. Deshalb habe ich zusammen mit dem Festausschusspräsidenten und dem Godesberger Prinzenpaar die Erstaufnahmeeinrichtung besucht und alle dazu eigeladen den rheinischen Karneval mitzuerleben. Die Menschen waren sehr offen und fröhlich, haben sich über die Verkleidung, die regionale Unternehmen größtenteils gespendet haben, gefreut und in den Festtagen tatsächlich mitgefeiert.

Ein weiterer Schritt, der das Kennenlernen fördern soll ist die Kampagne „Good Godesberg“. Hier haben sich einheimische Restaurants und Hotels bereiterklärt, den Flüchtlingen unsere Esskultur vorzustellen. Einmal im Monat lädt dann eine der Locations das Flüchtlingsheim zum Essen ein. Im Gegenzug erhalten die teilnehmenden Unternehmer ein Gütesiegel, welches darauf aufmerksam machen soll, dass in diesen Orten gelebte Willkommenskultur erwartet werden kann und dass Internationalität gewünscht und willkommen ist.

Wie kommen diese Maßnahmen bei den Flüchtlingen und den Einheimischen an?

Das ist eine Bereicherung für alle Beteiligten. Die Menschen, die zu uns kommen, können etwas aufatmen und nach den langen Strapazen und dem Erlebten wieder lachen. Ihnen das Gefühl geben, dass sie willkommen sind, ist das Beste, was wir machen können. Es ist aber auch sehr schön zu beobachten, wie ursprüngliche Skeptiker nun gelassener mit der Situation umgehen.

Man muss den Menschen nun mal positive Beispiele zeigen und die möglichen Gewinne eines gelungenen Miteinanders offenbaren.

Wer unterstützt Sie bei diesen Maßnahmen?

Hilfe kommt von ganz unterschiedlicher Seite. Zu nennen wären da natürlich die mitmachenden Restaurants und Hotels, aber auch Unternehmer aus dem handwerklich-technischen Bereich, die die Kostüme für das Flüchtlingsheim gespendet haben. Natürlich beteiligen sich auch Bürger und die Presse ist auch nicht abgeneigt, positive Nachrichten und Ereignisse publik zu machen - in der ohnehin schon aufgeheizten Diskussion um dieses Thema.

Von alleine passiert aber auch nichts. Man muss schon die Initiative ergreifen, Gleichgesinnte suchen und organisieren.

Wie wird es weitergehen? Sind noch mehr Projekte geplant?

Wir wollen zunächst einmal die Kampagne „Good Godesberg“ institutionalisieren. Zurzeit wird ein Logo erstellt und eine Homepage ist in Planung. Man soll einen guten Überblick erhalten über das, was geschieht, wie es organisiert ist und welche Früchte es tragen kann. Schließlich soll das Projekt auch dazu dienen andere zum Nachahmen zu bewegen. Durch solche Projekte wird Raum geboten sich kennenzulernen und näherzukommen. Weitere Maßnahmen werden sicherlich folgen.

Was sind die Erfolgsfaktoren ihrer Arbeit oder anders gesagt, was würden sie anderen Gemeinden empfehlen, die vor den gleichen Herausforderungen stehen?

Zu allererst sollte versucht werden die Menschen aus der Umgebung „mitzunehmen“. Alles was neu ist und was passieren wird, sollte transparent und nachvollziehbar sein. Auch ein Tag der offenen Tür, bevor Flüchtlinge eine Notunterkunft beziehen, ist ganz sinnvoll. Hier können Anwohner sehen, was die Ankommenden erwartet und manch ein Vorurteil kann abgebaut werden. Damit ist es möglich viele Ängste und Sorgen zu beseitigen und man kann schließlich auf den positiven Willen der Menschen setzen. In unserem Fall hat es geholfen, an die eigene Flüchtlingsvergangenheit nach dem Zweiten Weltkrieg zu erinnern und wie froh man war, einen guten Gastgeber zu haben. Jetzt können Bürger die Chance nutzen und sich selbst als positiven Gastgeber positionieren. Das sollte man ihnen mitteilen.

Enthusiasmus ist ebenfalls ganz wichtig. Auch wenn es manchmal schwer wird, darf man sich von seiner Idee nicht abbringen lassen. Sich organisieren und Partner suchen ist dabei unabdingbar.

Positive Nachrichten helfen dabei die allgemeine Stimmung zu verbessern. Einerseits sind diese für Leser eine Abwechslung und ermuntern in einer schweren und undurchsichtigen Diskussion. Andererseits sind sie die Belohnung für die Beteiligten. Die Ergebnisse seiner Arbeit öffentlich zu sehen, macht unheimlich stolz und motiviert weiterzumachen.

Zum Schluss sollte das Krisenmanagement nicht zu kurz kommen. Vieles kann schief gehen und darauf sollte man bestmöglich vorbereitet sein. Es wäre schade, wenn vereinzelte Rückschläge das große Ganze vergessen machen.

Das Interview führte Radoslav Ganev für die Konrad-Adenauer-Stiftung.

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AbbildungBenedict Göbel ›
Koordinator für Integrationspolitik
Tel. +49 30 26 996 3457
benedict.goebel(akas.de


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