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Dichterin des Dennoch

Zum zehnten Todestag von Hilde Domin

Von Michael Braun


Berlin, 22. Feb. 2016

 
 

Ihre Gedichte hat sie stets zweimal gelesen: einmal für die Mitwelt, einmal für die Nachwelt. Es sind lyrische Hinterlassenschaften, die es wert sind, behalten und auswendig gelernt zu werden. Was Hilde Domin ihren Zeitgenossen zu sagen hatte, gilt auch heute: Es ist nicht umsonst, sich souverän einzumischen, notfalls mit Humor, anzuschreiben gegen den Vorauskonformismus („wenn man heute so gebettet sein möchte, wie man morgen liegen möchte“) und sich ins Zeug zu legen für mehr Brüderlichkeit – trotz, oder gerade wegen der Inhumanitäten in aller Welt.

 

Unbequem zu sein, war Hilde Domins Problem nie. Gerne saß sie zwischen den Stühlen. Dort war Platz für ihren „Mut zum Dennoch“ (Ulla Hahn). „Der Baum blüht trotzdem“, so hieß ihr letzter Lyrikband (1999). Am 22. Februar 2006 ist die große Kölner Dichterin, 96jährig, verstorben.

An dem Geburtshaus in der Riehler Straße erinnert heute eine Plakette an Hilde Domin. Schon in der Schule fiel die Frühbegabte auf. Sie verfasste Aufsätze in Reimen und hielt im Talar des Vaters, eines jüdischen Rechtsanwalts, eine so kritische Abiturrede und schrieb so kecke Witzgedichte, dass die Schulleitung ihr das Abschlusszeugnis wieder aberkennen wollte. Als sie im März 1929 am Merlo-Mevissen-Gymnasium unter dem Vorsitz des damaligen Oberbürgermeisters Konrad Adenauer ihr mündliches Abitur ablegte und vom Schulrat für ihr Paneuropa-Engagement eine Note herabgestuft wurde, zerriss sie zuhause aus Zorn ihr taubenblaues Samtkleid. Den ersten Bundeskanzler hat sie 1995, bei der Verleihung des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung in Weimar, als Versöhner der Völker und Freiheitsdenker gewürdigt.

Hilde Domins Lebenslauf ist untrennbar von ihrem Exil. 1932 verließ die Studentin der Rechtswissenschaften und Nationalökonomie, die bei Karl Jaspers hörte, mit ihrem späteren Mann, dem Hispanisten Erwin Walter Palm, das nationalsozialistische Deutschland. Ihr Vater war von den Nazis öffentlich gedemütigt worden. Über Rom und Südengland gelangte Hilde Löwenstein in die Dominikanische Republik, ein zweischneidiges Paradies. Der Diktator Trujillo hoffte dort mit den Emigranten aus Europa sein Land „aufzuweißen“, verfolgte aber unbarmherzig alle Andersdenkenden.

Im Exil wurde Hilde Domin zur Dichterin – und gab sich mit dem Ort des Exils einen neuen Namen. In den postum edierten Briefen mit ihrem Mann kann man lesen, wie schwer diese dichterische Selbstgeburt war. Nicht nur in fremden Sprachmilieus, auch gegen die Ignoranz ihres Mannes, der selbst gerne ein weltberühmter Poet geworden wäre, setzte sich Hilde Domin durch.

1961 kehrte Hilde Domin nach Deutschland zurück. Sie kam mit einer „Rose als Stütze“ (so der Titel des vielgelobten Debütbandes, 1959). Die „Rose“, das war die deutsche Sprache, in der Hilde Domin eine zerstörte, aber aufbauens- und lebenswerte Heimat, ein „zweites Paradies“ (so der Titel ihres einzigen, allerdings nicht sonderlich erfolgreichen Romans) fand. Einfache Wortgewichte mit starken Bildern aus der europäischen Literatur: Mit Hilde Domin gelang der deutschen Nachkriegslyrik der Wiederanschluss an die Moderne.

Kein Zufall war es, dass ihre erste Dichterlesung 1961 in Köln stattfand. Der Festsaal des Stadtmuseums war gut gefüllt. Als Hilde Domin auf den Appellhofplatz und das „Gericht mit den großen neuen Glastüren“ sah, kam ihr die Idee zu dem Gedicht „Köln“. Sie hat es Böll gewidmet. Es ist ein poetisches Dokument von Flucht und Vertreibung, ein Migrationsgedicht. „Ich schwimme in diesen Straßen“, heißt es über die für sie „versunkene Stadt“: „Andere gehen.“ Die „Anderen“: Das sind die, die über die Erzählungen der Flüchtigen und Heimatsuchenden hinweggehen. Hilde Domin schrieb lyrische Depeschen aus der Agentur der kritischen Vernunft. Sie sprechen den politisch wachen, den brüderlich denkenden Menschen im Leser an. Sie erinnern an Flucht und Vertreibung, mit dem Mut zum Dennoch und zur zweiten Chance. Und das immer, wie Domin im berühmten F.A.Z.-Fragebogen sagte, „auf der Kippe zwischen Furcht und Zuversicht. Balancierstange die ratio“.

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