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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Veranstaltungsberichte

Am Montag, dem 14. März 2016, widmete sich ein Fachgespräch zum Thema „Angekommen – Willkommen? Christliche Flüchtlinge in Deutschland“ der Frage, wie es christlichen Flüchtlingen in Erstaufnahme- und Asylunterkünften in Deutschland geht. In den vergangenen Monaten mehren sich Berichte, wonach vor allem christliche Flüchtlinge aufgrund ihres Glaubens schikaniert, diskriminiert und teilweise sogar körperlich attackiert worden seien.

Im Rahmen des Fachgesprächs kamen Betroffene und Experten aus Politik, Wissenschaft, Kirchen und Wohlfahrtsverbänden zusammen, um eine Einschätzung der gegenwärtigen Situation vorzunehmen und über praktische Verbesserungsmöglichkeiten zu beraten.

Religionsfreiheit ist in Deutschland nicht gefährdet

Die Leiterin der Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung, Dr. Petra Bahr, machte in ihrer Begrüßung deutlich, dass sich die KAS seit Jahren mit Fragen der Religionsfreiheit und dem Schicksal von Christen weltweit befasst. Sie betonte, dass Berichte über Einschränkungen der Religionsfreiheit von christlichen Flüchtlingen in Deutschland ernst genommen werden müssten, die Situation der Christen in Deutschland allerdings nicht mit der Lage von bedrängten und verfolgten Christen in anderen Weltregionen gleichgesetzt werden dürfe. In Deutschland gelte die Religionsfreiheit für alle Religionsgemeinschaften und müsse daher auch in Erstaufnahme- und Flüchtlingsunterkünften eingefordert werden.

Schikanen gegen christliche Flüchtlinge

Zu Beginn des Fachgesprächs, das vom Koordinator für Islam und Religionsdialog der Stiftung, Thomas Volk, moderiert wurde, kamen christliche Flüchtlinge selbst zu Wort. Georgos, ein 2015 aus Syrien geflohener Christ, kam über die Balkanroute nach Deutschland und lebt jetzt in einer Asylunterkunft in Baden-Württemberg. Er berichtete von seiner 25-tägigen Reise von der Türkei nach Deutschland und den Einschränkungen schon auf der Fluchtroute. In Deutschland erlebte er herablassende Bemerkungen einiger muslimischer Flüchtlinge gegenüber den „ungläubigen“ Christen. Außerdem würden in zahlreichen Erstaufnahmeeinrichtungen die ethnischen und religiösen Konflikte, die er aus Syrien kenne, oftmals sogar verstärkt.

Probleme bei muslimischem Wachpersonal und Dolmetschern

Eine Anfang 2016 aus dem Iran geflohene Christin berichtete über ihr Leben als christliche Minderheit in der Islamischen Republik Iran und über die lebensbedrohliche Gefahr, dort offen zum christlichen Glauben zu stehen. Sie sei aus dem Iran geflohen, um in Deutschland ihre Religion frei leben zu können. Doch hier werde sie in ihrer Erstaufnahmeeinrichtung in Brandenburg als Ungläubige bezeichnet. Aus Furcht traue sie sich nicht mehr, ihr Zimmer zu verlassen; auch, da sie in der Küche als „unrein“ bezeichnet werde und man Christen generell diffamiere. Sie schilderte, dass zahlreiche Dolmetscher nicht wahrheitsgemäß übersetzen und muslimische Dolmetscher und Sicherheitsdienste gerade bei christlichen oder zum Christentum konvertierten Flüchtlingen Probleme relativieren und bei Auseinandersetzungen die Unwahrheit behaupten würden.

Nach Religionen getrennte Unterbringung wird gefordert

Anschließend bestätigte Pfarrer Dr. Gottfried Martens von der Evangelisch-Lutherischen Dreieinigkeits-Gemeinde in Berlin-Steglitz, wie sehr gerade zum Christentum konvertierte Flüchtlinge in zahlreichen Erstaufnahme- und Asylunterkünften bedrängt würden. Allein in den letzten Wochen könne er von mehr als 170 ihm bekannten Fällen berichten. Er habe mehr als 1200 christliche Flüchtlinge, die er in seiner Gemeinde betreue, und erfahre hautnah, wie sehr Christen in ihrem Menschenrecht auf Religionsfreiheit eingeschränkt würden. Neben Schikanen und Diskriminierungen durch das Wachpersonal in Einrichtungen käme es verstärkt auch zu körperlichen Attacken. Martens spricht sich daher für eine getrennte Unterbringung von muslimischen und nicht-muslimischen Flüchtlingen aus. Dabei solle es nicht nur gesonderte Einrichtungen für christliche Flüchtlinge geben, sondern für alle Flüchtlinge, die nicht muslimischen Glaubens seien, so Pfarrer Martens.

Orientalische Christen sind im Einsatz für Glaubensgeschwister

Der Politologe und ehemalige Diözesanratsvorsitzende der Syrisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland, Dr. Raid Gharib, schilderte anschließend, wie orientalische Christen in Deutschland auf christliche Flüchtlinge eingingen. Er unterschied zwischen Hilfsaktionen auf individueller-, Gemeinde-, und Bundesebene. Die Arbeit zahlreicher orientalischer Gemeinden sei vorbildlich, da Familienzusammenführungen auf privater Ebene organisiert würden und viele orientalische Christen, die bereits in Deutschland seien, ihren Glaubensgeschwistern auch bei bürokratischen Angelegenheiten und seelisch zur Seite stünden.

Berichtlage ist diffus – Eintreten für Religionsfreiheit wichtig

Abschließend nahm der Vorsitzende des Stephanuskreises der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Professor Heribert Hirte MdB, eine politische Einschätzung vor und betonte, dass eine Differenzierung und nüchterne Betrachtung der Umstände angebracht sei. Es sei schwierig, sich einen seriösen Überblick über die Situation von Christen in Erstaufnahme- und Flüchtlingsunterkünften zu verschaffen, da die Berichtlage oft diffus sei. Hirte betonte, dass die Religionsfreiheit in Deutschland nicht zur Disposition stehe und auch nicht gefährdet sei. Vergleiche der Situation von Christen in Deutschland mit der Lage in anderen Ländern seien unangebracht und nicht zielführend. Man nehme Berichte über Einschüchterungen gegenüber christlichen Flüchtlingen sehr ernst, allerdings lägen oft auch andere als religiös motivierte Gründe für Konflikte vor, so Hirte. Entscheidend sei, nicht mit Vorverurteilungen zu operieren und genau zu analysieren, weshalb es zu Konfliktlagen komme.

Getrennte Unterbringung nach Religionen nicht sinnvoll

Hirte, der sich als Vorsitzender des Stephanuskreises seit Jahren mit Fragen der Religionsfreiheit und dem Schicksal von Christen befasst, schlug zahlreiche Handlungsmöglichkeiten vor: Es sei sinnvoll, größere Gruppen von Christen gemeinsam in Einrichtungen unterzubringen. Damit könnte besser gewährleistet werden, dass Christen nicht Opfern von muslimischen Flüchtlingen würden und sie sich gemeinschaftlich besser in Konfliktlagen bewähren könnten. Eine nach Religionsgemeinschaften getrennte Unterbringung sah er kritisch. Vielmehr sei es wichtig, eine höhere Sensibilität der Problemlage beim Personal in Erstaufnahme- und Asylunterkünften zu schaffen, verstärkt Menschen mit kultureller und sprachlicher Kompetenz zu beschäftigten und zu betonen, dass der Betreiber und nicht das Wachpersonal das Hausrecht einer Einrichtung habe.

Neue KAS-Publikation: Christen unter Druck?

In der anschließenden Diskussion mit dem anwesenden Fachpublikum zeigte sich die Komplexität der Thematik eindringlich. Der Vorsitzende des Arbeitskreises Flüchtlinge des Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland (ZOCD), Paulus Kurt, machte deutlich, dass Europa für zahlreiche orientalische Christen die letzte Hoffnung sei und sie sich eine größere Unterstützung für ihre Belange wünschten. Andere Teilnehmer betonten, dass sie ein stärkeres Engagement der Kirchen erwarteten. Ein Betreiber einer Flüchtlingsunterkunft sprach sich für eine gesonderte Unterbringung von Eritreern aus, da diese besonders stark von Anfeindungen betroffen seien. Alle Anwesenden waren sich einig, dass eine vertiefte Befassung mit dem Thema notwendig sei. Die Konrad-Adenauer-Stiftung veröffentlichte daher im Anschluss an das Fachgespräch eine Publikation zum Thema „Christen unter Druck? Das Menschenrecht auf Religionsfreiheit ist nicht verhandelbar“.

Kontakt

AbbildungDr. Karlies Abmeier ›
Leiterin des Teams Religions-, Integrations- u. Familienpolitik
Tel. +49 30 26996-3374
Karlies.Abmeier(akas.de


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