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Veranstaltungsberichte

Islamismus in Deutschland: Präventions- und Deradikalisierungsstrategien

Die Mehrzahl der Islamisten in Deutschland sind legalistische Islamisten

Von Thomas Volk25. Mai 2016


Am 27. April 2016 führte das Team Religions-, Integrations- und Familienpolitik der Hauptabteilung Politik und Beratung in Berlin ein Expertengespräch zum Thema „Islamismus in Deutschland: Präventions- und Deradikalisierungsstrategien“ durch. Zu Gast war auch ein ehemaliger Islamist, der über seine eigene Radikalisierung und Deradikalisierung sprach.

Laut Angaben des letzten Berichts des Bundesamtes für Verfassungsschutz leben in Deutschland 43.890 Personen, die zum islamistischen Personenpotential zählen. Mehr als 31.000 Personen davon zählen zur Gruppe der legalistischen Islamisten. Diese folgen zwar einer islamistischen Ideologie, halten sich allerdings weitgehend an Gesetz und Ordnung. Legalistische Islamisten lehnen jedoch eine Scharia-konforme Gesetzgebung nicht prinzipiell ab. Die Anhänger der „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş“ (IGMG), die in Deutschland etwa 350 Gebetsstätten betreiben, zählen zu dieser Gruppe. Auf Bundesebene wird die IGMG nach wie vor vom Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet.

In Deutschland leben nahezu 9000 Salafisten

Besorgniserregend ist der rapide Zuwachs des salafistischen Personenpotentials in Deutschland. Während 2011 noch etwa 3800 Salafisten in Deutschland lebten, waren es zu Beginn dieses Jahres bereits annähernd 9000 Salafisten. Der Salafismus ist die am dynamischsten anwachsende Form des Islamismus und stellt die Kernideologie der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) dar. Salafistische Strömungen erleben auch in Deutschland einen erheblichen Zustrom, wobei die Motivationsgründe vielfältig sein können.

Irfan Peci berichtet als ehemaliger Islamist über sein Buch „Der Dschihadist: Terror made in Germany“

Zu Beginn des Fachgesprächs schilderte der ehemalige Islamist Irfan Peci seinen persönlichen Lebensweg, um an seinem Beispiel den Verlauf von Radikalisierung und Deradikalisierung darzustellen. Peci wurde 1989 in Serbien geboren und kam 1991 mit seinen Eltern nach Deutschland. Bereits im Alter von 18 Jahren wurde er Deutschlandchef der Globalen Islamischen Medienfront, kurz GIMF, einer Propagandaplattform der islamistischen Organisation Al-Kaida. Ab 2007 war Peci ein wesentlicher Protagonist der islamistischen Szene in Deutschland und hatte u. a. auch Kontakt zu Mohamed Mahmoud, dem aus Österreich stammenden und bis zu seinem Tod in Syrien für die Terrormiliz „IS“ kämpfenden Dschihadisten. Ab September 2008 saß Peci wegen Beteiligung an einer Gewalttat und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung in Untersuchungshaft und wurde in der Justizvollzugsanstalt in Nürnberg als V-Mann für den Verfassungsschutz geworben. 2015 erschien sein Buch „Der Dschihadist: Terror made in Germany – Bericht aus einer dunklen Welt“.

Irfan Peci machte Propaganda für Al-Qaida. Dann stieg er aus. Im Interview spricht er über seine Radikalisierung, seinen Weg zurück in die Gesellschaft - und was ihm dabei geholfen hat.

Peci: „Ideologie ist Grundlage für islamistische Radikalisierung“

Peci machte in seinen Ausführungen deutlich, dass die Ideologie als Grundlage jeder islamistischen Radikalisierung anzusehen sei. Die ideologische Betonung einer Höherwertigkeit von Muslimen gegenüber Nicht- oder Andersgläubigen sei ein wesentlicher Bezugspunkt für eine islamistische Radikalität. Gerade durch die islamistische Ideologie würde es vielen ermöglicht, aus „dem Fremdsein einen Vorteil zu kreieren“. Islamisten würden suggerieren, dass eine Fremdheit bzw. Abgrenzung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft Bestandteil einer muslimischen Prophezeiung und somit notwendig sei, so Peci.

Es muss gründlich und eindeutig zwischen Islam und Islamismus unterschieden werden

Peci machte deutlich, dass „das Böse anziehend“ wirken könne und viele junge Menschen ein Zusammengehörigkeits- und Geborgenheitsgefühl bei islamistischen Gruppierungen erhielten; oftmals seien diese Gruppen auch eine Art Familienersatz. Es gehe dabei um nicht mehr und nicht weniger, als um den „Kampf um die Herzen und Köpfe der Menschen“, so Peci weiter. Aufgrund Pecis eigener Biographie unterstrich er die Wichtigkeit, vor allem gegen die Ideologie des Islamismus anzugehen und Gegennarrativen zu schaffen. Hierfür sei es vor allem vonnöten, gründlich und eindeutig zwischen Islam und Islamismus zu entscheiden. Während die überwiegende Mehrzahl aller Muslime friedlich ihrer Religion nachgehe, folge nur eine Minderheit islamistischen Strömungen. Während der Islam als monotheistische Religion anzusehen ist, handelt es sich beim Islamismus um eine politische Ideologie.

Islamunterricht an Schulen als „Impfung gegen Extremismus“

Es sei daher wichtig, im Internet verstärkt alternative Angebote und Botschaften über den Islam zu vermitteln und das Netzt nicht ausschließlich islamistischen Gruppierungen zu überlassen. Ferner sei ein bekenntnisorientierter islamischer Religionsunterricht an Schulen zu fördern, da dieser als eine „Art Impfung gegen Extremismus“ anzusehen sei. Auch in der Gefängnisseelsorge gelte es verstärkt mit muslimischen Seelsorgern zusammen zu arbeiten, da in Justizvollzugsanstalten oftmals ein idealer Nährboden zur Radikalisierung vorherrsche. Dabei sei zu berücksichtigen, welche Ansprechpartner in der Gefängnisseelsorge ausgewählt würden. Viele Seelsorger und Imame könnten nach wie vor kein Deutsch und seien abhängig von der türkischen Lehrmeinung des Islams. Gerade junge Menschen – die besonders anfällig für eine Radikalisierung seien – fühlten sich häufig nicht mehr von den ethnisch-kulturell geformten Islamverbänden angesprochen.

Qasem (ufuq): Radikalisierung kann zahlreiche Ursachen haben – Religion nicht ausschlaggebend

Im Anschluss an die Ausführungen von Irfan Peci kamen mit Sindyan Qasem als Vertreter des Vereins ufuq.de und Jan Buschbom als Gründungs- und Vorstandsmitglied des „Violence Prevention Network“ (VPN) zwei ausgewiesene Experten der Präventions- und Deradikalisierungsarbeit zu Wort. Der Sprach- und Kulturwissenschaftler Qasem machte in seinen Ausführungen deutlich, dass nicht immerzu Religiosität als Ausgangspunkt für eine Radikalisierung angesehen werden solle. Er sei daher skeptisch, ob ein Islamunterricht an Schulen tatsächlich hilfreich sei, um eine Resilienz gegen eine islamistische Radikalisierung zu erreichen. Der Islam als vielseitige Religion, müsse auch vielseitig gelebt und gedacht werden.

Buschbom (Violence Prevention Network): Religion kann als „Türöffner“ einer Radikalisierung dienen

Jan Buschbom vom Verein „Violence Prevention Network“ betonte in seinen Ausführungen die Ähnlichkeiten unterschiedlicher Extremismusformen. Da VPN in der Vergangenheit stark im Bereich der Deradikalisierungsarbeit im Themengebiet Rechtsextremismus aktiv war, dienen Erfahrungen aus diesem Bereich nun auch bei der Arbeit mit Islamisten. Dabei betonte Buschbom, dass Religion durchaus eine Rolle bei der Radikalisierung spiele, auch da sie oftmals als „Türöffner“ verwendet würde. Da gerade junge Menschen in der Erwachsenen- und Mehrheitsgesellschaft häufig keine Antworten auf ihre Fragen bekämen, seien islamistische Gruppierungen für zahlreiche junge Menschen attraktiv geworden – auch die sie auf komplexe Fragestellungen stets einfache Antworten parat hätten.

Informationen über Organisationen, Hintergründe und Ziele islamistischer Bewegungen sind abrufbar unter kas.de/islamismus

Im Anschluss an die drei Impulsvorträge wurde deutlich, wie schwierig eindeutige Antworten auf Fragen gelingender Präventions- und Deradikalisierungsstrategien zu geben sind. Während Peci aufgrund seiner eigenen Erfahrung der Radikalisierung und Deradikalisierung wiederholt unterstrich, wie entscheidend die Religion bzw. deren falsche Interpretation für eine islamistische Radikalisierung sein könne, legte der Experte von ufuq Wert auf die Feststellung, dass der Islam keine Rolle bei der Radikalisierung einnehme. Der Vertreter des VPN hingegen vertrat einen abgewogenen Mittelweg und machte deutlich, dass bei der Beantwortung der Frage nach geeigneten Ansätzen der Prävention und Deradikalisierung keine absoluten Wahrheiten vorhanden seien und eine gründliche Differenzierung stets notwendig sei. Dies trifft für das gesamte Phänomen Islamismus ebenso zu.

Weitere Informationen zum Thema Islamismus sind auch auf der Themenseite Islamismus des Extremismusportals der Konrad-Adenauer-Stiftung abrufbar.

Kontakt

AbbildungDr. Karlies Abmeier ›
Leiterin des Teams Religions-, Integrations- u. Familienpolitik
Tel. +49 30 26996-3374
Karlies.Abmeier(akas.de


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