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Bücher als „gute Bekannte und Begleiter“

Aktuelle Neuerscheinungen zur Frankfurter Buchmesse

Von Michael Braun


Berlin, 21. Sept. 2016


Burkhard Spinnen (Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 1999) besitzt ein noch eingeschweißtes Buch von Alfred Polgar aus dem Jahr 1909. Immer wieder hatte der Autor ein Büchermesser in der Hand, scheute aber davor zurück, den Einband aufzuschneiden. Das Buch bewahrt seine Aura, es ist ein „Freund und Begleiter“, selbst wenn es ungelesen ist. Viele Neuerscheinungen 2016 haben auch eine Aura, wenn sie auf der Frankfurter Herbstmesse (vom 19. bis zum 23. Oktober) ausgestellt werden. Aber sie wollen vor allem aufgeschlagen werden. Welche lohnt es diesmal zu lesen?

Für neugierige Leser: Die Entdeckung des Fragezeichens

Es ist schon komisch mit der Neugierde: einerseits hat sie einen schlechten Ruf. Wer zu viel wissen will, riskiert die Vertreibung aus dem Paradies. Andererseits erschließt sie uns immer wieder neue Welten. Alberto Manguel, Direktor der argentinischen Nationalbibliothek und ehemals Vorleser von Borges, ist der Neugierde auf die Spur gegangen. Herausgekommen ist die faszinierende Selbstbetrachtung einer Philosophie, die sich selbst Fragen stellt, ohne sich aber radikal in Frage zu stellen. Was wir wissen wollen und können, wo wir hingehören, was Wahrheit und was Sprache ist – Manguel geht diesen Menschheitsgedanken auf den Grund, erzählend, eher wildernd als ordnend. Den Unterbau liefern jeweils ein Vorkapitel mit einer persönlichen Erfahrung, die ihn zu der entsprechenden Frage geführt hat, und das fiktive Gespräch, das er, nicht immer ganz treffsicher allerdings, mit Dante auf seinem Weg durch die Unterwelt führt. Dante, der seinen Führer Vergil mit Fragen löcherte, ist neben Petrarca ja einer der ersten Neugierigen der Neuzeit. Der erste systematische schriftliche Beleg des Fragezeichens, so erklärt Manguel, datiert übrigens auf das 16. Jahrhundert (Aldus Manutius d.J., 1566). Mit den Fragen beginnt das Denken.

Für Humorvolle: Arnold Stadlers schalkhafter Roman „Rauschzeit“

„Rauschzeit“, so heißt im Jägerlatein die Paarungszeit des Schwarzwilds. Arnold Stadler ist als Autor gewieft (und als Theologe studiert) genug, um die Zeit nach den Paarungen zu betrachten. Herausgekommen ist ein brillanter Roman, sein bester vielleicht, der den Stadlerschen Themenkreis ausschreitet, die Sehnsucht nach einem Glück, das immer schon hinter uns liegt, den Niedergang der Schönheit und das Bedürfnis nach Offenbarungen. Seine Helden sind schon als Freiburger Studenten 1983 nach Arcachon in Aquitanien gefahren und waren mit der Welt „per du“. Nun, 20 Jahre später, kommt es in Köln und Berlin zu einem tragikomischen Wiedersehen. Die Handlung, in der auch ein Jean Paul-Kongress eine Rolle spielt, ist gewürzt mit Anekdoten, szenischen Zauberstücken und nachdenkenswerten Einsichten. Mit dem Pasolini-Blick auf die Welt erzählt Arnold Stadler auf faszinierende Weise von Liebesvegetariern und menschlich-allzumenschlichen Himmelfahrtskommandos.

Für Italien-Liebhaber: Liebesgeschichte mit Flüchtlingen

Bodo Kirchhoff vereint einen rustikalen Erzählstil mit recht bodenständiger Fabulierlust. In seiner Novelle „Widerfahrnis“ (Deutscher Buchpreis 2016) schickt er den Helden, einen nicht mehr ganz so jungen Verleger namens Reither, in den Süden. Das geht aber nicht ohne Musenkuss. Eine ebenfalls nicht mehr so junge Hutmacherin macht dem Stubenhocker Beine. Es geht nach Sizilien! Auf der Autofahrt widerfahren den beiden seltsame Ereignisse. In Catania taucht ein Mädchen auf, verwildert, sprachlos, „erschlagen“, eine Schwester Mignons aus Goethes Meister-Roman; es begleitet sie. Dann nimmt Reither eine nigerianische Flüchtlingsfamilie mit auf die Rückfahrt, aber seine Begleiterin reist alleine zurück. Ein charmantes Kunststück über Selbsterkenntnis und Selbstbescheidung, Bildungsreise und Flüchtlingskrise.

Für Buchliebhaber: Burkhard Spinnen schreibt über „Das Buch“

Burkhard Spinnen, der Ende Dezember seinen 60. Geburtstag feiert, hat seinen Lesern ein schönes Geschenk gemacht. Er schreibt über das, was er selbst macht: über das Buch in seinen vielfältigen Gestalten. Über gestohlene, verschenkte, verliehene, beschädigte und vollgeschriebene Bücher, über Erst-, Lese- und Vorzugsausgaben, über Bibliotheken, gut sortierte Buchhandlungen, staubtrockene Antiquariate. Dass man mit einer zu großen Privatbibliothek das Familienleben gefährden, wie man mit einem guten Buch eine Gesellschaft aufheitern kann, welche Missverständnisse Widmungen in Büchern auslösen können (Peter Bichsel entschuldigte sich einmal bei dem Autor): Exkurse mit originellen Abstechern!

Für Leser der Literaturgeschichte: Günter de Bruyn über einen entlaufenen Romantiker

Günter de Bruyn (der vierte Literaturpreisträger der Konrad-Adenauer-Stiftung) hat sich in seinem siebten Lebensjahrzehnt von Romanen verabschiedet und sich der Geschichte der preußischen Kultur verschrieben, die er kennt wie kein anderer. Diesmal gilt sein Augenmerk einem vergessenen Bühnenautor der Romantik. Zacharias Werner, Jahrgang 1768, war ein mäßig erfolgreicher Autor und ein Europareisender. Er war früh vaterlos, dreimal verheiratet, trat aus einem pietistisch-protestantischen „Gefühlschristentum“ zum Katholizismus über und wurde spät in Aschaffenburg zum Priester geweiht. Einfühlsam, aber auch mit milder Ironie – und mit enormer Quellenkenntnis – kommentiert Günter de Bruyn, der am 1.11.2016 neunzig Jahre alt wird, eine ungewöhnliche Lebensgeschichte aus den Jahrzehnten um 1800.

Postskripta für Lyrik- und Kalenderliebhaber:

Der Heidelberger Kritiker Michael Braun, mit dem der Verfasser dieser Zeilen außer den Namen immerhin die Liebe zu Gedichten teilt, legt abermals einen Lyrik-Taschenkalender vor (bei Wunderhorn). 52 Gedichte von Goethe bis Nora Gomringer treten in den „Kreis / der Fragen“ (Wolfgang Weyrauch) und werden von 17 Autoren kundig kommentiert. Der Arche Literaturkalender 2017 (Arche Kalender Verlag) ist dem Thema Reisen gewidmet, es geht um Nähe und Ferne, Heimat und Migration. Im Juli wird Kafka zitiert, ein sesshafter Nomade in aller Widersprüchlichkeit, der „sich ein Heimatgefühl nur erwerben“ konnte, indem er reiste (an eine Freundin seiner letzten Geliebten, 3.8.1923).

***

Digitale Medien, meint Burkhard Spinnen, soll man nicht überfrachten. Deshalb mehr über andere Bücher der Literaturpreisträger der Stiftung (Marica Bodrožić u.a.) in adventlicher Zeit. Müssen sie ja auch noch aufgeschnitten und gelesen sein…

Buchtipps:

Günter de Bruyn: Sünder und Heiliger. Das ungewöhnliche Leben des Dichters Zacharias Werner. Frankfurt a.M.: S. Fischer, 2016.

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. Novelle. Frankfurt a.M.: Frankfurter Verlagsanstalt, 2016.

Alberto Manguel: Eine Geschichte der Neugierde. Aus dem Englischen von Achim Stanislawski. Frankfurt a.M. S. Fischer Verlag, 2016.

Burkhard Spinnen: Hauptgewinn. Die Erzählungen. Frankfurt a.M.: Schöffling, 2016.

Burkhard Spinnen: Das Buch. Frankfurt a.M.: Schöffling, 2016.

Arnold Stadler: Rauschzeit. Roman. Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag, 2016.

 

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