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Es gibt keine pauschale Gewaltneigung bei Nordafrikanern

Werden Nordafrikaner häufiger straffällig?

Von Andreas Jacobs


Berlin, 26. Jan. 2017


Junge Nordafrikaner stehen immer wieder wegen Gewaltdelikten in den Schlagzeilen. Reicht das, um von einer statistischen Gewaltauffälligkeit junger Marokkaner, Algerier und Tunesier zu sprechen?

Junge Männer aus Nordafrika stehen momentan im Fokus der Diskussion um Terrorismus und innere Sicherheit. Der Anschlag auf dem Berliner Breitscheitplatz und die Terrorakte in Frankreich und Belgien wurden von Nordafrikanern oder Personen mit nordafrikanischem Hintergrund durchgeführt. Zwei Drittel der Tatverdächtigen im Zusammenhang mit der Kölner Silvesternacht 2015 kamen aus den Maghrebstaaten Marokko, Algerien oder Tunesien. Bei den Diebstählen und Rauschgiftdelikten in Nordrhein-Westfalen ist dieser Personenkreis seit Jahren im Visier von Polizei und Justiz. Überproportional viele Nordafrikaner finden sich in den Reihen der Terrormiliz „Islamischer Staat“. Wie erklärt sich diese vermeintlich besondere Gewalt- und Terrorneigung dieses insgesamt kleinen Personenkreises?

Jenseits von Pauschalisierungen und Vereinfachungen hat Rainer Hermann in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 7. Januar hierzu einen Erklärungsansatz geliefert. Im Gegensatz zu ihren syrischen und irakischen Altersgenossen, so Hermann, seien junge Maghrebiner mit einer anderen Einstellung zur Gewalt aufgewachsen. Die lange und äußerst blutige Kolonialzeit, vor allem in Algerien, wirke hier bis heute nach und habe mit den jüngsten Ereignissen Europa erreicht. Dieser Verweis auf die Verbrechen der Kolonialherrschaft ist wichtig und wird häufig übersehen. Aber er erklärt nicht, warum Gewalt und Terrorismus in den Herkunftsländern Marokko, Tunesien und Algerien nicht präsenter ist als etwa in Ägypten, Syrien, Jordanien oder Jemen? Und er liefert auch keine Antwort auf die Frage, warum sich gerade kriminelle und terroristische Nordafrikaner derart frei über Landesgrenzen bewegen und dabei dem polizeilichen Zugriff entziehen können.

Junge Nordafrikaner kommen nicht nur aus Staaten, in denen das gewaltsame Erbe der Kolonialzeit nachhallt. Sie wuchsen auch in vordergründig verwestlichten Diktaturen auf, die nach dem Ende der Kolonialzeit mit nie eingehaltenen Versprechen von Modernität, Freiheit und Wohlstand antraten. In die von Unterdrückung, Korruption und einem von oben verordneten „Säkularismus“ geprägten Gesellschaften fielen die Heilsversprechen der algerischen Heilsfront ab Anfang der neunziger Jahre und die Programmatik der islamistischen Ennahda in Tunesien ab 2011 schnell auf fruchtbaren Boden. Während etwa in Ägypten die Muslimbruderschaft seit Jahrzehnten Gesellschaft und (bis 2013) Staat durchdringt und der islamistische Diskurs hier Teil der Alltagskultur ist, war er in Algerien und Tunesien weitgehend neu und daher für viele umso attraktiver.

Staatsversagen und die Agitation islamistische Gruppen gibt es auch in anderen arabischen Staaten. Im Maghreb aber treffen diese eine Bevölkerung, die mit der Nähe zu Europa groß wurde und oft über Bildung und gewisse finanzielle Ressourcen verfügt. Fast jeder Nordafrikaner hat Verwandtschaft in Europa und kennt aus unmittelbarer Anschauung die Diskrepanz zwischen europäischem Wohlstand und der eigenen Perspektivlosigkeit. Fast alle Nordafrikaner sprechen Französisch, viele Tunesier auch Italienisch. Spanisch ist in Marokko noch weit verbreitet. Einmal in Schengen-Europa angekommen eröffnen Sprachkenntnisse enorme Bewegungsfreiheiten und damit Handlungsspielräume für illegale Aktivitäten. Das reicht vom Terroranschlag bis zum Asylbetrug. Ein Tunesier kann mit etwas Übung den aus TV-Serien bekannten ägyptischen Dialekt nachahmen und sich unterschiedliche arabische Identitäten zulegen. Ein Ägypter wäre hierzu umgekehrt kaum in der Lage.

Wissen, Sprachen, Geld und Kontakte verschaffen Möglichkeiten transnationaler Vernetzung, die junge Ägypter, Iraker oder Jemeniten in der Regel nicht haben. Ein Tunesier aus Kairouan oder Bizerte kann visafrei in die Türkei fliegen um sich von dort in Syrien dem „Islamischen Staat“ anschließen. Einem Ägypter aus Imbaba oder Assiut fehlen hierzu in den allermeisten Fällen das Geld, das Wissen, die Kontakte und nicht zuletzt das Visum. Beweglichkeit und Beziehungen bewirken aber auch, dass sich gerade junge Nordafrikaner in Europa den traditionellen Kontrollinstanzen und Autoritäten von Eltern oder Familie entziehen können. Angesichts überforderter und als schwach empfundener staatlicher Vollzugsbehörden ist für manche der Schritt zur Kriminalität dann nicht mehr weit – vor allem wenn ohnehin keine Aussicht auf legalen Aufenthalt oder Asyl besteht.

Die Berücksichtigung dieser spezifischen Mischung aus historischen, politischen und gesellschaftlichen Gewalt- und Krisenerfahrungen kann in Verbindung mit den Aspekten Bildung, Vernetzung und Sprachkenntnissen zur Erklärung der Auffälligkeit junger Nordafrikaner in den Kriminalitäts-, Gewalt- und Terrorstatistiken beitragen. Gleichzeitig kann es dabei helfen, die in der öffentlichen Diskussion kursierenden Mutmaßungen über eine vermeintliche Gewaltneigung „der Nordafrikaner“ als pauschalisierend zu entkräften. Es bleibt allerdings der beunruhigende Befund, dass es in manchen Fällen die große Nähe zu Europa ist, die zu großer Abneigung führt.

 

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