zur Navigation springen
Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Veranstaltungsberichte

Veranstaltungsberichte

Welche Zukunft für die Jesiden?

Hintergrundgespräch mit Bestseller-Autorin und Filmemacherin Düzen Tekkal

24. Feb. 2017


Der Genozid an den Jesiden, den der sogenannte "Islamische Staat" (IS) im August 2014 im Nordirak verübte, hat das Schicksal dieser Glaubensgemeinschaft in den Mittelpunkt der weltweiten Aufmerksamkeit gerückt. Unvorstellbare Gräueltaten wurden verübt, tausende Frauen versklavt und mehrere hunderttausend Jesiden vertrieben. Mit der Befreiung der Stadt Sindschar im November 2015 keimte Hoffnung auf eine baldige Rückkehr auf.

Die deutsche Journalistin Düzen Tekkal, Bestseller-Autorin und Filmemacherin jesidischen Glaubens, hat sich u.a. im Rahmen ihres Dokumentarfilms "HÀWAR - Meine Reise in den Genozid" mit dem Schicksal der Jesiden im Irak auseinandergesetzt. In ihrem jüngst erschienenen Buch "Deutschland ist bedroht. Warum wir unsere Werte jetzt verteidigen müssen" diskutiert sie nicht nur die Situation der Jesiden in Deutschland, sondern auch die hiesigen Herausforderungen durch Antisemitismus und Salafismus. Im Gespräch mit Christoph Lanz schilderte sie ihre Perspektive auf die skizzierten Themen und gab einen fundierten Einblick zur aktuellen Lage der Jesiden im Irak und in der Diaspora.

Das Martyrium der hauptsächlich nördlich von Mosul siedelnden Jesiden begann, als sich der IS im Sommer 2014 nach der Eroberung Mosuls gezielt gegen diese kleine Glaubensgemeinschaft wandte. Seither hat es sich Düzen Tekkal zur Aufgabe gemacht, die Aufmerksamkeit der deutschen und internationalen Öffentlichkeit auf den noch immer stattfindenden Genozid zu lenken. In ihrem Gespräch mit Christoph Lanz schilderte sie eindrücklich die physischen und psychischen Zerstörungen, die der Vernichtungskrieg des IS anrichtete. Sie berichtete von Frauen, die sich das Leben nahmen, obwohl sie dem IS entkommen waren; von jesidischen Kindern, die nach intensiver Gehirnwäsche als Selbstmordattentäter gegen ihre eigene Religionsgruppe eingesetzt wurden. Eine baldige Rückkehr der aus dem Irak geflüchteten Jesiden, so wünschenswert und notwendig sie auch sei, erklärte Tekkal daher für derzeit kaum denkbar: Zu tief sitze die Angst und zu groß sei das Misstrauen gegenüber den ehemaligen arabischen Nachbarn; zu groß seien aber auch die physischen Zerstörungen und noch immer seien weite Teile der Region vermint. Eine langfristige Rückkehr der Jesiden in ihre historischen Siedlungsgebiete mit ihren wichtigsten religiösen Stätten müsse aber das unbedingte Ziel bleiben, denn nur so sei das kulturell-religiöse Überleben dieser Glaubensgemeinschaft gesichert.

Im Laufe des Abends gelang es Tekkal durch vielfältige Beispiele deutlich zu machen, dass eine schlichte Schwarz-Weiß-/Opfer-Täter-Dichotomie der komplexen Problematik nicht gerecht werde. Ein Beispiel hierfür bot die Rolle der kurdischen Peschmerga: Diese eigentlich viel gelobten kurdischen Selbstverteidigungskräfte hatten im Sommer 2014 eine unrühmliche Rolle gespielt, als sie vor dem IS flohen und die Jesiden ihrem Schicksal überließen. Doch Düzen Tekkal erläuterte gut nachvollziehbar die vielfältigen, z.T. verständlichen und z.T. weniger verständlichen Gründe für dieses Verhalten und machte so deutlich, dass es keine einfachen Aussagen zu hochkomplexen Sachverhalten geben kann. Zu den Jesiden in der deutschen Diaspora fand Tekkal auch kritische Worte. Wo diese archaische, patriarchalische Vorstellungen pflegten und das Grundgesetz nicht achteten, dürfe es keinen „Kulturrabatt“ geben, mahnte sie in Richtung des deutschen Staates – für niemanden. Ehrenmorde, Zwangsheiraten und Abschottung, die es auch unter Jesiden gebe, dürften nicht toleriert werden.

Düzen Tekkal tritt aktiv für Reformen innerhalb der jesidischen Glaubensgemeinschaft ein und erkennt bei allen Schrecken der Gegenwart einen Hoffnungsschimmer: Jahrtausendealte und z.T. rückständige Traditionen der Jesiden würden zunehmend hinterfragt. Bildung und Emanzipation hätten für die jesidische Gemeinschaft enorm an Bedeutung gewonnen. Ohne zynisch klingen zu wollen, könne man sagen, der fortwährende Völkermord durch den IS habe dazu geführt, dass sich das jesidische Volk stärker seiner selbst bewusst geworden sei und darüber hinaus ein neues Bewusstsein für die Notwendigkeit eines inneren Wandels entwickelt habe. Das immerhin stimme sie optimistisch für die Zukunft.

Angesprochen auf ihre politischen Zielvorstellungen hinsichtlich der Integration von Jesiden, aber auch von Muslimen und anderen Religionsgruppen in Deutschland, betonte Tekkal die immense Bedeutung von Bildung und einer selbstbewussten Werte-Aufklärung: „Es ist mir egal, woher jemand kommt; wichtig ist, wo jemand steht.“, so Tekkal. In diesem Satz liege die „Gretchenfrage der Integration“: „Wie hältst Du es mit dem Grundgesetz?“. Die bisherige linksliberale „Multikulti“-Utopie, die ein klares Bekenntnis zum Grundgesetz nie eingefordert habe, trage in diesem Kontext eine Mitschuld an Missständen der Integrationspolitik in Deutschland.

Mit Blick auf die deutsche Flüchtlingspolitik betonte sie, dass die Entscheidung von Kanzlerin Merkel im August 2015 für sie persönlich – als Tochter von Flüchtlingen – die immens wichtige Botschaft gesendet habe, dass sie hier willkommen sei. Zugleich sei die anfängliche Aufnahme von Flüchtlingen ohne systematische Kontrolle ihrer Identitäten und Herkunft kritisch zu bewerten; die mittlerweile eingeleitete Korrektur der Verfahren und die verstärkte Kontrolle sei deshalb zwingend notwendig gewesen. Nur so könne u.a. verhindert werden, dass geflohene Jesiden in Deutschland auf ihre früheren Peiniger vom IS treffen. Insgesamt, so Tekkal, müsse verstärktes Augenmerk darauf gelegt werden zu verhindern, dass Konflikte, die zwischen Bevölkerungs- und Religionsgruppen in ihren Heimatländern bestünden, durch deren Zuzug nach Deutschland hierher transferiert würden. Das Narrativ der „Willkommenskultur“ dürfe solche und andere zu erwartenden Konflikte nicht überlagern, sondern offensichtliche Fehlentwicklungen müssten offen angesprochen und berechtigte Kritik deutlich geäußert werden.

Der Kampfgeist und Optimismus, der notwendig ist, um die angesprochenen Herausforderungen tatkräftig anzugehen, waren der energisch und zugleich emphatisch auftretenden Düzen Tekkal den gesamten Abend über anzumerken. Und für den nächsten Morgen war direkt der nächste Einsatz geplant: ihre Teilnahme an der Münchener Sicherheitskonferenz, um dort weiter für die jesidische Sache zu werben.

Kontakt

AbbildungDr. Kristina Eichhorst ›
Koordinatorin für Terrorismusabwehr und Konfliktmanagement
Tel. +49 30 26996 3398
kristina.eichhorst(akas.de


zum Anfang springen