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Italien hat sich innerhalb der letzten Jahre zu einem Vorreiter für Umweltschutz und Nachhaltigkeit entwickelt. Fast 50 Prozent der Unternehmen haben sich bereits der umweltfreundlichen Produktion verschrieben und das 2015 verabschiedete Umweltschutzgesetz stellt einen konkreten Ansatz für die Finanzierung von Entwicklungsmaßnahmen dar. Einzig die geringe Größe italienischer Finanzakteure könnte sich als problematisch erweisen und künftige Investitionen für nachhaltige Entwicklung somit zu einer großen Herausforderung werden.

Die Verglasung des Bahnhofs Torino Porta Susa ist mit mono-kristallinen Photovoltaikzellen ausgestattet. Neben der Stromproduktion dienen sie dienen auch als Sonnenblende.© Dario Egidi, iStockPhoto

Die Bedeutung der Privatsektor-Klimafinanzierung in Italien

Eine der Länderstudien, die im Rahmen der Initiative der UNEP, Untersuchung der Gestaltung eines nachhaltigen Finanzsystems, durchgeführt wurden, war die Studie des “Nationalen Dialogs für nachhaltige Finanzgeschäfte Italiens”, die im Februar 2016 begann und ein Jahr danach abgeschlossen war. Der Abschlussbericht „Unsere Zukunft finanzieren” wurde vom italienischen Ministerium für Umwelt, Landschafts- und Meeresschutz (MATTM) und UN Environment (UNEP) mit Unterstützung von über 100 Experten aus den Bereichen Bankenwesen, Versicherung, Kapitalmärkte und Finanzmarktaufsicht, Akademikern und Vertretern der Zivilgesellschaft herausgegeben. Gemäß dem Bericht „hat Italien die strategische Gelegenheit, sein Finanzsystem auf eine nachhaltige Entwicklung auszurichten. (…) Dies kann eine umfassendere finanzielle Stabilität und langfristig eine wirtschaftliche Erholung bewirken“ (UNEP 2016).

Bei den Stakeholdern aus dem Privatsektor, die an der umweltfreundlichen Finanzreform in Italien beteiligt sind, handelt es sich um Banken, institutionelle Anleger, private Eigenkapital- und Kapitalmärkte, wobei der Unternehmenssektor eine sehr wichtige Rolle spielt. Dieser zeichnet sich in Italien durch eine überwältigende Dominanz kleiner und mittelständischer Unternehmen aus; dabei ist die Zahl kleiner Unternehmen überproportional hoch (99,9 % aller Unternehmen; davon haben 95 % weniger als zehn Beschäftigte). Die meisten italienischen Unternehmen (laut OECD-Daten 42 %) haben sich der umweltfreundlichen Produktion bzw. umweltfreundlichen Dienstleistungen verschrieben oder fortschrittliche Umweltstandards für ihre Produktionsprozesse oder Produktgestaltung übernommen. Umweltfreundliche Investitionen der italienischen Unternehmen werden hauptsächlich von Faktoren im Zusammenhang mit ihrem Ruf und durch wirtschaftliche Aspekte vorangetrieben. Der Bedarf, die Wettbewerbsfähigkeit auf inländischen und ausländischen Märkten zu verbessern, indem die Qualität von Produkten und Produktionsmodellen gesteigert wird, beruhte auf der Kenntnis der Auswirkungen durch Umweltzerstörung und durch den Klimawandel, die von einem herkömmlichen Wirtschaftssystem verursacht werden. Trotz der Finanzkrise ist die Zahl der italienischen Unternehmen, die zwischen 2007 und 2014 im EMAS (Environmental Management System) registriert wurden, um 74 % gestiegen. Andererseits beruhte der Wechsel zu einem nachhaltigen Energiesystem hauptsächlich auf dem Effekt von Richtlinien und Investitionen, die auf die Eindämmung des Klimawandels abzielen. Zum Beispiel wurde das italienische Einspeisetarifsystem, das über einen Zeitraum von 20 Jahren Anreize für Stromenergie gewährt, die durch an das Netz angeschlossene solare PV-Anlagen erzeugt wird, unter der Bezeichnung „Conto Energia“ bekannt, erstmals im Jahre 2005 eingeführt und seither fünfmal geändert. Außerdem werden Einspeisetarife auch für Elektrizität gewährt, die durch Windkraft erzeugt wird oder aus anderen Quellen stammt.

Andere wesentliche Akteure der Privatwirtschaft in Italien sind Banken und Versicherungsgesellschaften. Das italienische Finanzsystem beruht auf Banken: Weniger als 16 % der Finanzvermittler waren im Jahr 2010 von Bankkonzernen unabhängig. Die italienischen Banken sind im weltweiten Vergleich relativ klein: Die größte italienische Bank steht weltweit auf Platz 28 (UniCredit), während das größte Versicherungsunternehmen Platz 8 belegt (Generali). Durch die relativ geringe Größe der Finanzakteure werden die für eine nachhaltige Entwicklung benötigten Investitionen zu einer Herausforderung. Die italienischen Banken haben zwischen dem Jahr 2007 und 2014 Kredite in Höhe von 27 Mrd. € für erneuerbare Energien gewährt und mehr als 22 % des italienischen Versicherungsmarkts besteht aus Unternehmen, die die UN Principles for Sustainable Insurance unterzeichnet haben.

Konkrete Initiativen

Eine der wichtigsten von Italien ergriffenen Initiativen ist das Umweltschutzgesetz, das im Januar 2015 eingeführt wurde und Ende 2017 in Kraft treten soll und dessen Geltungsbereiche nach wie vor diskutiert werden. Das Umweltschutzgesetz regelt die effiziente Nutzung von Quellen, den Schutz von natürlichen Ökosystemen und die Finanzierung von Entwicklungsmaßnahmen, mit denen eine nationale nachhaltige Finanzstrategie strukturiert werden soll. Abgesehen vom Umweltschutzgesetz ist noch die EU-Richtlinie zur nichtfinanziellen Berichterstattung, 2014/95/EU, und ihre Umsetzung in Italien durch die Gesetzesverordnung 254/2016 erwähnenswert. Unternehmen, die auf regulierten Märkten verzeichnet sind, Banken sowie große Versicherer und Rückversicherer sind verpflichtet, jährlich einen nichtfinanziellen Bericht zu erstellen, der Informationen in Bezug auf die Nutzung von Energieressourcen (erneuerbare Energien vs. nicht erneuerbare Energien), den Wasserverbrauch, Treibhausgasemissionen und die Luftverschmutzung sowie über die Auswirkung der Hauptrisiken auf die Umwelt, die mit den Aktivitäten der Unternehmen zusammenhängen, enthält.

Eine weitere wichtige Initiative ist jene, die im Jahr 2015 vom italienischen Parlament ergriffen wurde, mit der die Regierung aufgefordert wurde, mittels Gesetz 221/2015 eine tiefgreifende Erneuerung der nationalen Strategie für nachhaltige Entwicklung aus dem Jahr 2002 vorzunehmen. Artikel 68 sieht einen nationalen Katalog von umweltschädlichen Subventionen vor. Das italienische Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung hat in Bezug auf Subventionen einen Untersuchungsausschuss geschaffen, der einige umweltfreundliche Reformen der Fiskalpolitik vornehmen soll. Dies könnte kleine und mittelständische Unternehmen dazu bewegen, in nachhaltigere Geschäftsmodelle und Managementsysteme zu investieren und schrittweise umweltschädliche Subventionen einzustellen (geschätzt 3 Billionen €).

In Italien gibt es ein starkes Engagement der Zivilgesellschaft für nachhaltige Entwicklung. Die italienische Allianz für nachhaltige Entwicklung (ASviS), die im Jahr 2016 gegründet wurde, über 160 Einrichtungen der italienischen Zivilgesellschaft vereinigt und darauf abzielt, die italienische Gesellschaft für die SDGs zu mobilisieren, verdient besondere Erwähnung. Der im Jahr 2016 von der ASviS veröffentlichte Bericht zur Situation in Italien in Bezug auf das breite Spektrum an wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, umweltbezogenen und institutionellen Zielen, die in der Agenda 2030 aufgeführt sind, enthält mehrere Vorschläge, um diese Verpflichtung in den Mittelpunkt der Debatte für das gesamte Land zu rücken und zur neuen italienischen Strategie für nachhaltige Entwicklung beizutragen, die aktuell auf Regierungsebene untersucht wird.

Aus Forschungsperspektive hat die Fondazione Eni Enrico Mattei (FEEM) das Projekt Offenlegung, Messung, Management und Abschwächung klimabezogener Risiken für Unternehmen (De Risk-CO) durchgeführt, das eine auf Forschung basierte öffentliche Debatte zu klimabedingten Risiken für italienische Unternehmen anregen soll. Die Forschungsergebnisse werden das Thema eines abschließenden Workshops sein, bei dem besprochen wird, wie wissenschaftliche Erkenntnisse dabei unterstützen können, die Fähigkeit von Firmen zur Steuerung klimaverwandter Risiken zu verbessern; außerdem wird die FEEM-Publikation „Rischi climatici: mitigazione e disclosure nelle imprese italiane” thematisiert.

Das Potenzial länderübergreifender Foren

Im Rahmen der chinesischen G20-Präsidentschaft im Jahr 2016 wurde eine Green Finance Study Group (GFSG) gegründet, die von China und dem Vereinigten Königreich geleitet wird, um Optionen zur „Verbesserung des Finanzsystems zur Mobilisierung privaten Kapitals für umweltfreundliche Investitionen” (G20 2016) auszuarbeiten. Die Tatsache, dass Deutschland angekündigt hat, die Arbeit der GFSG während seiner G20-Präsidentschaft im Jahr 2017 fortzuführen, wurde von der italienischen Finanzgemeinschaft sehr positiv aufgefasst. In Italien ist das Thema umweltfreundlicher Finanzen jedoch nicht nur im Rahmen der G20 relevant, sondern auch insbesondere in Bezug auf die aktuelle Präsidentschaft Italiens der G7, wo die Rolle von Finanzinstituten für Nachhaltigkeit und die Rolle von kleinen und mittelständischen Unternehmen für die Umsetzung der Agenda 2030 untersucht werden wird.

Im Jahr 2014 hat eine Versammlung der G7-Energieminister, die in Rom stattgefunden hat, mit einer gemeinsamen Erklärung geendet, bei der vereinbart wurde, mit Einrichtungen wie IEA, IRENA und internationalen Finanzinstituten zusammenzuarbeiten, um Gelder des Privatsektors miteinzubeziehen, damit erneuerbare Energien entwickelt werden und die Energieeffizienz verbessert wird. Die Bedeutung multilateraler Entwicklungsbanken (MDBs) für die Verbesserung von qualitativen Energieinvestitionen wurde bei der G7-Energiekonferenz, die in Kitakyushu (Japan) im Jahr 2016 stattfand und von italienischen Finanzakteuren bekräftigt wird, erneut thematisiert.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Debatte über umweltfreundliche Finanzen und die Rolle des Privatsektors in Italien sehr lebhaft ist, sowohl auf staatlicher Ebene als auch unter Finanzakteuren, in der Zivilgesellschaft und in Forschungszentren. Angesichts des beschränkten öffentlichen Finanzbudgets ist die Mobilisierung von Privatkapital enorm wichtig. Ein eindeutiger aufsichtsrechtlicher Kontext, optimierte Verwaltungsprozesse und eine stabile langfristige politische Strategie würden Investoren ein positives Signal zur Zukunft ihrer Kapitalrendite geben und Risiken im Zusammenhang mit Politik und Regelungen begrenzen. Öffentlich-private Partnerschaften (PPPs) sollten stark gefördert werden, da sie wichtige Investitionen von Privatkapital, die erforderlichen öffentlichen Bürgschaften sowie die Expertise des Privatsektors in Bezug auf technische Innovationen und Management der Finanzierung von Projekte beitragen würden. Schließlich könnte das Umweltschutzgesetz eine neue Chance bieten, die Steuerbelastung von Unternehmen und Mitarbeitern hin zu Verschmutzung und Ressourcenerschöpfung zu verlagern.

Dr. Isabella Alloisio ist leitende Wissenschaftlerin bei der Fondazione Eni Enrico Mattei.

Weiterführende Literatur:


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