zur Navigation springen
Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Veranstaltungsberichte

Veranstaltungsberichte

1. OWL-Tag der Hochschulgruppen Bielefeld und Paderborn

Kirche im Wechsel der gesellschaftlichen Veränderung: Wie populär muss/darf Kirche sein?

22. Aug. 2017


Ein überregionales Stipendiatentreffen, welches nach langer Abstinenz neuaufgelegt werden sollte, fand auf Anregung vom Bielefelder KAS-Hochschulgruppensprecher Matthias Sandmann breite Zustimmung bei der Gruppensprecherin aus Paderborn Vanessa Hilleringmann und ihrem Vertreter Ludger Knollmann. Der Ursprungsgedanke des 1. OWL-Tages entstand im Frühjahr 2017 – und war bereits am 06. Juli umgesetzt worden. Im Rahmen des Semesterprogramms planten Matthias Sandmann und Konstipendiat Tim Gärtner mit der Bielefelder und Paderborner Gruppe eine gemeinsame Exkursion ins beschauliche Herford.

Thematisch sind die Hochschulgruppen bei dieser Exkursion der Frage nachgegangen, inwieweit sich Kirche bis heute verändert hat und wie populär musikalische Elemente eigentlich sein dürfen bzw. müssen, damit sie ihre Zielgruppe, die Kirchenmitglieder, erreichen. Als Anhaltspunkte dienten die kirchenmusikalische Ausbildung der Gegenwart an der Herforder Hochschule und die Umstrukturierung einer Ev.-reformierten Gemeinde, welche dank ihres elementaren Umbruchs neue Mitglieder für sich gewinnen konnte.

Die Exkursion begann in Herford an der Hochschule für Kirchenmusik der Evangelischen Kirche von Westfalen. Nach einer freundlichen Begrüßung durch den Rektor der Hochschule Herrn Helmut Fleinghaus, wurden zunächst die Schwerpunkte der dortigen Ausbildungsmöglichkeiten genannt und die Entwicklung der Kirchenmusik und deren Stellenwert in der Vergangenheit und Gegenwart ausführlich beschrieben. Musikalische Untermalungen an der Orgel gab es von Tim Gärtner mit dem 1. Satz der Triosonate c-Moll von J.S. Bach. Kurioserweise zieht sich durch die Geschichte der Kirchenmusik allzu häufig der Vorwurf an die Komponisten der Gegenwart zu modern, zu populär zu komponieren, so auch stellenweise bei Bach.

Um die instrumentellen und musikalischen Veränderungen über die Jahrhunderte hinweg sichtbar zu machen, erhielten die Stipendiaten von Tim Gärtner und zwei weiteren Kommilitonen eine Führung durch das Hochschulgebäude. Sie lernten ein breites Spektrum an Instrumenten kennen; angefangen von einer kompakt gebauten Übeorgel über die Cembali hin zu zeitgenössischem Schlagwerk und Drumset, welche seit geraumer Zeit das Spektrum der Kirchenmusik erweitern.

Bei einem gemeinsamen Abendessen in einer gemütlichen Pizzeria lernten sich die Stipendiaten beider Hochschulgruppen besser kennen und planten bereits für das nächste überregionale Hochschulgruppentreffen im Wintersemester 2017/18. Auf dem Weg zur letzten Station wurde vor dem geschichtsträchtigen Rathaus zu Herford, an dem Konrad Adenauer im Januar 1946 zum Vorsitzenden der CDU in der britischen Besatzungszone wurde, haltgemacht. In Gedenken an den 50. Todestag vom Namenspatron unserer Stiftung ließen sich die Stipendiaten vor dem Gebäude fotografieren.

Als Abschluss der Exkursion wurde die Evangelisch-reformierte Petrikirche besichtigt. Ihre Geschichte und ihren Wandel stellte der Presbyter der Gemeinde Karl Fordemann vor. Er machte deutlich, wie die Kirche vor rund zehn Jahren sowohl optisch als auch inhaltlich an die Moderne angepasst wurde. Interessanterweise ist die Petrigemeinde die einzige in Herford, welche seit über einem Jahrzehnt Jahr für Jahr einen Zuwachs der Mitglieder verzeichnen kann, wie uns Herr Fordemann berichtete. Das rührt daher, dass die Petrigemeinde aus der Not eine Tugend gemacht hat. Um den steigenden Mitgliederschwund entgegenzuwirken, entschied man sich aufgrund der daraus fehlenden Kirchensteuereinnahmen zu Kostensparmaßnahmen. Dieses Vorhaben wurde in den Jahren 2007 und 2008 radikal umgesetzt, und zwar wurde das Gemeindehaus veräußert und das Kirchengebäude zu einem integrierten Gemeindezentrum umgebaut. Aufgrund dieser Beschaffenheit ist die Kirche – im Gegensatz zu den anderen Gemeinden in Herford – einzigartig. Denn äußerlich blieb die Kirche nahezu unverändert; der Innenraum jedoch wurde stark renoviert. Von nun an sollte das liturgische Geschehen nicht länger frontal geschehen, sondern in der Mitte der Gemeinde als Ausdruck des gemeinschaftlich vollzogenen. Da der Abendmahlstisch seit dem Umbau in der Mitte des kreuzförmigen Zentralbaus seinen Platz gefunden hat, kann die Gemeinde besser in den Gottesdienstablauf einbezogen werden. Die Bestuhlung der Kirche erfolgt um die zentrale Mitte herum, sodass es eine Einteilung in einen vorderen und hinteren Bereich nicht mehr gibt und sich die Gemeinde selber wahrnimmt.

In einer von manchen als postreligiös bezeichneten Zeit sind die Kirchen auf der Suche nach der eigenen Relevanz für ihre Mitglieder und die Gesellschaft. Die Mitgliederzahlen sinken beharrlich und nicht selten werden kirchliche Angebote als überholt und an den Menschen vorbei bezeichnet. In der Hochschule für Kirchenmusik werden heute die Weichen gestellt, wie zukünftige kirchliche Mitarbeiter, wie hier im Bereich Kirchenmusik, ausgebildet und vorbereitet werden auf die spätere hauptamtliche Arbeit. Das Studienangebot wurde in den letzten Jahren deutlich angepasst und reformiert, aber es liegt in den Studierenden, was sie mit ihrer gewonnenen Kompetenz später in ihrem Amt erreichen können. Dass es heute schon funktionieren kann, zeigt die Petrigemeinde. Für die Hochschulgruppen war es ein spannender Einblick in eine Form des Studiums, die sich ganz erheblich vom Studium an einer Universität unterscheidet. Außerdem ist die Arbeit im kirchlichen Bereich von deutlich anderen Faktoren und Herausforderungen geprägt, als es in der freien Wirtschaft oder der Wissenschaft der Fall ist. So war dieser 1. OWL-Tag ein vielfarbiger Baustein in dem fach- und hochschulgruppenübergreifenden Austausch ganz verschiedener biografischer und akademischer Prägungen.

Matthias Sandmann

Über diese Reihe

Die Konrad-Adenauer-Stiftung, ihre Bildungsforen und Auslandsbüros bieten jährlich mehrere tausend Veranstaltungen zu wechselnden Themen an. Über ausgewählte Konferenzen, Events, Symposien etc. berichten wir aktuell und exklusiv für Sie unter www.kas.de. Hier finden Sie neben einer inhaltlichen Zusammenfassung auch Zusatzmaterialien wie Bilder, Redemanuskripte, Videos oder Audiomitschnitte.

Herausgeber
Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.


zum Anfang springen